Die in den Soziologie gebräuchlichen Begriffe Handlungs- und Aktionsforschung sind synonyme Übersetzungen des von Kurt Lewin geprägten Begriffs action research.Kurt Lewin: Tat-Forschung und Minderheitenprobleme. In: Gertrud Weiß Lewin (Hrsg.): Die Lösung sozialer Konflikte. Ausgewählte Abhandlungen über Gruppendynamik von Kurt Lewin. Christian-Verlag, Bad-Neuheim 1948, S. 278–298.Kurt Lewin: Group Decision and Social Change. In: Eleanor E. Maccoby, Theodore M. Newcomb, Eugene E. Hartley (Hrsg.): Readings in Social Psychology. Holt, New York 1952, S. 459–473 (englisch). Er wollte als Kritik an einer rein experimentellen Sozialpsychologie eine Wissenschaft begründen, deren Hypothesen praxisnah sind und deren Implikationen zu Veränderungen im Sinne einer Problemlösung führen. Mit ihrem expliziten Handlungsgebot sollte die Aktionsforschung ein Gegenentwurf zur auftrags- und verantwortungsfreien Wissenschaft sein, der nach Auffassung Lewins die Entfremdung von Theorie und Praxis aufheben würde.
Entstehung und Verbreitung Die Aktionsforschung hat sich, obwohl ursprünglich ausschließlich in der Sozialpsychologie angesiedelt, über mehrere Generationen von Forschern in eine Vielzahl von Bereichen (Managementlehre, Pädagogik, Sozialforschung, Entwicklungszusammenarbeit, Psychosoziale Arbeit usw.) aufgefächert. Sie inspirierte Konzepte wie die Organisationsentwicklung, die angewandte Anthropologie, den Action-Learning-Ansatz oder die Arbeit des Tavistock-Instituts. Noch bevor es den Begriff als solches gab, wurden bereits wissenschaftliche Projekte durchgeführt, die Elemente der Aktionsforschung beinhalteten. Ein Beispiel hierfür ist die bekannte Marienthalstudie.
Sie taucht insbesondere innerhalb interdisziplinärer Projekte in den Sozialwissenschaften und der Arbeitssoziologie auf. Innerhalb der Psychologie selbst findet sie kaum noch Anwendung.
Die erste Generation der Aktionsforschung Der Begriff action research geht vermutlich auf den Beauftragten der US-amerikanischen Regierung für Indianerfragen, John Collier, zurück. Er arbeitete von 1933 bis 1945 an der Verbesserung der Beziehungen mit den Ureinwohnern und versuchte, dieses Ziel durch eine enge Kooperation mit den betroffenen indigenen Stämmen mittels einer Strategie der gemeinsamen Problemfeststellung, -analyse und -bearbeitung zu erreichen, die er als „action research“ bezeichnete.Wendell L. French, Cecil H. Bell: Organisationsentwicklung, Sozialwissenschaftliche Strategien zur Organisationsveränderung. Paul Haupt, Bern / Stuttgart 1973/1994, ISBN 978-3-258-04984-7.
Kurt Lewin, der einen Lehrstuhl am Massachusetts Institute of Technology innehatte, griff diesen Ansatz auf und gab ihm als action research im Jahr 1944 eine programmatische Fassung. In der Literatur taucht sein Konzept erstmals in einem Artikel aus dem Jahr 1946 mit dem Titel Action Research and Minority Problems auf. Darin beschreibt er action research als vergleichende Forschung, die sich mit den Effekten zahlreicher Formen von sozialer Intervention sowie der Erforschung sozialer Veränderung widmet. Dabei beschrieb er die Methodik als eine sich wiederholende Spirale von drei Schritten: (1) Planung, (2) soziale Intervention im Feld und (3) Reflexion über die Resultate der Intervention.
Zwischen 1948 und 1950 führte das Tavistock Institute in der Glacier Metal Company ein Aktionsforschungsprojekt durch, dessen Ziel die Verbesserung der Mitarbeitermotivation und der Zusammenarbeit war. Dies führte unter anderem zu mehr Mitsprache der Mitarbeiter im Betriebsrat.
Die zweite Generation der Aktionsforschung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre verlieh eine zweite Generation von Aktionsforschenden in Großbritannien und schließlich Australien der Aktionsforschung einen gesellschaftskritischen Impetus, der in Europa zunehmend Befürworter fand. Aktionsforschende stellten dabei in den Vordergrund, dass sozialwissenschaftliche Forschung immer schon normativ sei und die Forschenden im Bewusstsein ihrer sozialen Bedingtheiten ihre Arbeit als emanzipatorisch und politisch begreifen müssen.Werner Stangl: Handlungsforschung. 1997, abgerufen am 28. Juni 2017. In Deutschland griffen vor allem Pädagogen, Soziologen und Psychologen die Ansätze auf, um eine Alternative zu Forschungsstandards wie Objektivität und Neutralität innerhalb der Sozialwissenschaften zu generieren,Ulrike Schneider: Sozialwissenschaftliche Methodenkrise und Handlungsforschung. Campus, Frankfurt/Main 1980, ISBN 3-593-32657-4. waren diese doch länderübergreifend immer stärker in die Kritik geraten. Einerseits wurde eine zunehmende Loslösung und Abkopplung der Sozialwissenschaften von der sozialen Realität des Forschungsfeldes bemängelt.Davydd Greenwood, Morten Levin: The reformed social sciences to reform the university: mission impossible? In: Learning and Teaching. Band 1, Nr. 1, 2008, S. 89–121 (englisch). Aktionsforscher beobachteten also, dass sich die Sozialwissenschaften paradoxerweise von ihrem eigenen Gegenstand distanzierten. Andererseits beobachteten sie, dass die Sozialwissenschaften durch den Anspruch auf Neutralität ein implizites Bündnis mit den sozialen Mächten und Definitionshoheiten eingingen, das gesellschaftliche Strukturen nicht verändere, sondern affirmiere und reproduziere.Stephen Kemmis, Robin McTaggart: Participatory action research: Communicative action and the public sphere. In: Norman K. Denzin, Yvonna S. Lincoln (Hrsg.): The Sage handbook of qualitative research. 3. Auflage. Thousand Oaks, CA 2005, S. 559–603 (englisch).
Die dritte Generation der Aktionsforschung Eine dritte Generation der Aktionsforschung prägten schließlich Sozialarbeiter, Theologen und Pädagogen im Geiste sozialer Bewegungen in Lateinamerika und Afrika, die im englischsprachigen Ausland sowie besonders in Skandinavien immer stärker an Bedeutung gewann: participatory action research. Der durch Praktiker wie Paulo Freire, Orlando Fals Borda, Rajesh Tandon, Anisur Rahman und Marja-Liisa Swantz entwickelte Ansatz setzt auf eine Verbindung von Wissenschaft und sozialem Engagement. Die Partizipation der Forschenden an sozialen Projekten war dementsprechend namensgebend für den Ansatz der participatory action research. Diese sollte ein Bewusstsein sozialer Veränderbarkeit entwickeln, das Paulo Freire „conscientizacao“ nannte.Paulo Freire: Creating alternative research methods: Learning to do it by doing it. In: Budd Hall, Arthur Gillette, Rajesh Tandon (Hrsg.): Creating knowledge: A monopoly? New Delhi: Society for Participatory Research in Asia, New Delhi 1982, S. 29–37 (englisch). Indem die Menschen verstehen, inwiefern ihre sozialen Praktiken durch materielle, soziale und historische Umstände begründet sind, so die Hoffnung, bekommen sie eine neue Perspektive auf mögliche Wege der Transformation der jeweiligen Umstände, die sie durch ihr tägliches Handeln produzieren und reproduzieren.
Diese Ausrichtung sozialwissenschaftlicher Forschung hat zur Folge, dass aus dem Verhältnis von Forschenden und Beforschten eine auf gemeinsame Aktion und Reflexion ausgerichtete Beziehung in der Zusammenarbeit von Forschern und zu Co-Forschern ausgebildeten Subjekten entsteht. Eine Arbeitsbeziehung, die dem bereits von Lewin konzipierten zyklischen Forschungsverlauf folgt: Die Projektplanung geht in konkrete Handlung über, die gemeinsam beobachtet und ausgewertet wird und schließlich zu einer erneuten Planung führt, die weitere Aktionen anstößt. Ziel des Forschungsprozesses ist Realitätshaltigkeit und Transparenz, Praxisrelevanz und Interaktion; eher sekundär, falls überhaupt, wird die Generalisierbarkeit von Ergebnissen angestrebt.William Foote Whyte, Davydd Greenwood, Peter Lazes: Participatory action research: Through practice to science in social research. In: ders. (Hrsg.): Participatory action research. Sage, Newbury Park, CA 1991, S. 19–55 (englisch).
Ziele und Verfahren Ziel der Aktionsforschung ist es, an konkreten Problemen aus der Praxis anzusetzen und direktes soziales Handeln zu ermöglichen, um diese zu beheben. Die Beziehung zwischen Forscher und Betroffenen zeichnet sich durch symmetrische Kommunikationsstrukturen aus. Denn eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringe, nütze dem Individuum nicht.Kurt Lewin: Tat-Forschung und Minderheitenprobleme. In: Gertrud Weiß Lewin (Hrsg.): Die Lösung sozialer Konflikte. Ausgewählte Abhandlungen über Gruppendynamik von Kurt Lewin. Christian-Verlag, Bad-Neuheim 1948, S. 278–298., hier S. 280.
Die Aktionsforscher Stephen Kemmis und Mervyn Wilkinson haben insgesamt sechs Hauptaspekte identifiziert, die Aktionsforschung ausmachen. Diese überlappen sich in großen Teilen mit den Ausführungen anderer Forscher.Björn Gustavsen: Dialogue and Development. Social Science for Social Action. Toward Organizational Renewal. van Gorcum, Maastricht 1992, S. 3 f. Aktionsforschung ist prozessorientiert. Der Forschungsprozess ist selbst eine Einübung demokratischer Beteiligung und daher unter Umständen wichtiger als seine Ergebnisse. Von Interesse sind hierbei allerdings auch die Prozesse, in denen alle Beteiligten ihre eigene Individualität ausbilden. Aktionsforschung ist ein Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praxisakteuren. Sie lässt insbesondere jene zu Wort kommen, die bisher sprachlos sind. Daher soll sie auch auf die aktive Partizipation aller Beteiligten ausgerichtet sein. Aktionsforschung ist emanzipativ. Die beteiligten Praxisakteure sollen in die Lage versetzt werden, eine als problematisch wahrgenommene Situation eigenständig zu verändern. Aktionsforschung ist praxisorientiert. Akteure sollen ein tieferes Verständnis dafür entwickeln, wie zwischenmenschliche Kommunikation und Organisation in einem bestimmten Feld ablaufen. Aktionsforschung ist kritisch gegenüber dem Bestehenden und praktiziert daher die Einheit von Erkennen und Verändern. Sie hat das Ziel, ungleiche Machtverhältnisse aufzuzeigen und aufzuheben. Aktionsforschung bedeutet kollektive Selbstreflexion – nicht nur der Wissenschaftler, sondern auch der Praxisakteure untereinander und mit den Wissenschaftlern.
Aktionsforschung in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Pädagogik und Didaktik Besonders geeignet für Aktionsforschung erscheint die Pädagogik und die Didaktik und hier hauptsächlich die Methodik: durch die intensive Zuwendung zum Forschungsgegenstand „Unterricht“ wird die Praxisrelevanz der Ergebnisse im Vergleich zu hermeneutischen Verfahren stark erhöht. Die meisten Forschungsprojekte, die sich der Aktionsforschung verschrieben und einen erziehungswissenschaftlichen Hintergrund hatten, fanden während der Bildungsreform der 1960er- und 1970er-Jahre statt. Sie hatten oft das Ziel, die Zusammenarbeit von Lehrenden und Lernenden in schulischen Kontext zu verbessern. Obwohl eine ganze Anzahl von empirischen Untersuchungen zu durchaus ermutigenden Ergebnissen gelangt, stehen Meta-Studien zu den Wirkungen von Aktionsforschung im schulpädagogischen bzw. didaktischen Feld derzeit noch aus. Einzelne Projekte können durchaus Erfolge aufweisen, während andere gewissermaßen im Reflexionsprozess „steckenblieben“.Balz Wolfensberger, Jolanda Piniel, Claudia Canella, Regula Kyburz-Graber: The challenge of involvement in reflective teaching. Three case studies from a teacher education project on conducting classroom discussions on socio-scientific issues. In: Teaching and Teacher Education. Band 26, Nr. 3, 2010, , S. 714–721 (englisch).
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