mini|hochkant=1.35|Milreu: Gebäudeeinheit A bis J, aktuell sichtbar Die Ruinen von Milreu in der portugiesischen Gemeinde Estoi stellen einen der bedeutendsten Belege römischer Wohn- und Wirtschaftskultur zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. außerhalb des Kernlandes Italien dar und sind damit ein repräsentatives Beispiel für eines im Verlauf der römischen Kaiserzeit anwachsenden und florierenden Landgutes, der villa rustica in Hispanien.

Im Hinblick auf eine lange Forschungsgeschichte befindet sich Milreu nicht nur im Fokus archäologischer Untersuchungen, sondern wartet ebenfalls als lohnendes Ausflugsziel in der Algarve in Südportugal auf.

Lage Gelegen in der Provinz Algarve Südportugals, befindet sich die Anlage ca. 7–9 km nördlich der Hafenstadt Faro, dem ehemalig römischen Ossonoba. Berichte antiker Autoren wie StrabonStrabon, Geographika 3,2,5. und Plinius der ÄlterePlinius der Ältere, Naturalis historia 4,116. beschreiben Ossonoba als eine der wichtigsten Hafenstädte der Region. Zu Füßen des Küstengebirges Serra de Monte Figo befindet Milreu sich in direkter Nähe zu dem Ort Estoi. Das Landschaftsbild ist durch Obstplantagen, Orangenhaine und fruchtbare Gärten geprägt, die durch ausreichend natürlich vorkommendes Wasser gespeist werden. Begünstigt durch ein besonders mildes Klima, bietet dieser Landstrich die ideale Grundlage für Landwirtschaft. Befunde aus römischer Zeit belegen diesen, bis in die Gegenwart andauernden, Zustand.F. Teichner: Zwischen Land und Meer – Entre tierra y mar. Studien zur Architektur und Wirtschaftsweise ländlicher Siedlungen im Süden der römischen Provinz Lusitanien. (= Studia Lusitana. Band 3). (MNAR) / Madrider Beitr. (DAI) 2008, S. 95.

Forschungsgeschichte mini|Estácio da Veiga mini|Plan Milreu 1877 André de Resende vermutete 1770 aufgrund von Marmorsäulen und anderen Funden aus römischer Zeit, dass Milreu das römische Ossonoba sei. Grundlage dieses Missverständnisses war ein Bericht des arabischen Geographen Al-Rassis aus dem 16. Jahrhundert. Al-Rassis beschrieb dort nachweislich die Ruinen von Ossonoba. De Resende glaubte nun ebendiese Ruinen vor sich zu haben, als er auf die Überreste Milreus stieß. Dieser Irrtum sollte bis in das 19. Jahrhundert hinein Bestand haben.

Erste archäologische Ausgrabungen fanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Jahre 1877 unter der Leitung von Sebastião Phillipes Martins Estácio da Veiga statt. Weiterhin, der Auffassung es handle sich dabei um Ossonoba, veranlasste Estácio da Veiga die bis heute umfassendste Freilegung der Anlage. So wurden alle heute bekannten Baueinheiten der Villa, ausgenommen dem Speicherbau H, schon damals ergraben und auf einem Lageplan verzeichnet, der lange Zeit einzige informative Bezugsquelle blieb. Denn bereits nach Abschluss der Grabungskampagne wurden weite Teile der freigelegten Villa wieder zugeschüttet. Anschließende Terrassierungen zur landwirtschaftlichen Nutzung zerstörten dabei einige Bereiche des antiken Baubestandes. Folge war die Fokussierung auf die sichtbar gebliebenen Baueinheiten wie im Besonderen der pars urbana A, der Badeanlage B und dem Heiligtum G. 1897 wurden unter der Leitung von J.M. Pereira Botto die archäologischen Geländearbeiten in Milreu fortgesetzt. Botto konzentrierte sich diesmal auf die Badeanlage B und den Kultbau G sowie dessen Anbauten. Die 1889 präsentierten Ergebnisse der Untersuchungen beinhalteten ebenfalls einen Gebäudeplan, der, anders als jener von Estácio da Veiga, weniger detailliert war. 1932 wird das Areal als historisches Monument von nationaler Bedeutung, Monumento Nacional, eingestuft und steht seitdem unter Denkmalschutz. Vier Jahrzehnte nach Abschluss der Ausgrabung Bottos wurden die Geländearbeiten 1941 unter M. Lyster Franco wiederaufgenommen. Hintergrund war die Notwendigkeit den Ruinenbestand zu reinigen und zu konservieren. Dies erfolgte auf Initiative der damaligen Denkmalschutzbehörde Direcção-Geral dos Edifícios e Monumentos Nacionais (DGEMN).

Im selben Jahrzehnt sollte nun endlich der Irrtum um die fälschliche Gleichsetzung von Ossonoba mit Milreu korrigiert werden. Abel Viana, Schulinspektor und Privatgelehrter, legte 1940 Reste eines römischen Forums im Bereich der Kathedrale in der Altstadt Faros frei. Hinzu kam der Verweis auf den fehlenden Meereszugang des vermeintlichen Ossonoba. Folglich, so Viana, musste es sich in Milreu um einen ländlichen Siedlungsplatz im Hinterland der Hafenstadt Ossonoba handeln. Bis Mitte der 1990er Jahre wurde es dann durch das Deutsche Archäologische Institut (DAI) untersucht. Dabei wurden primär die im 3. Jahrhundert errichteten Gebäude gefunden. 1971 begannen in diesem Zusammenhang neue systematische Ausgrabungen und Restaurierungen der Mosaikreste. 1997 widmete sich ein Gemeinschaftsprojekt, bestehend aus der Fritz-Thyssen-Stiftung in Köln, welche unterstützend Mittel zur Verfügung stellte, und der Goethe-Universität Frankfurt unter der Leitung von Felix Teichner, sowie in enger Zusammenarbeit mit dem Instituto Português do Património Arquitectónico in Faro und den Universitäten Jena, Galway in Irland und Budapest, einer archäologischen Studie zu Geschichte und Wirtschaftsformen römischer Villen in der Provinz Lusitania. Die Bruchsteinsockel und Lehmwände des 1. Jahrhunderts blieben dagegen zunächst unerforscht.F. Teichner 2008, S. 96–102.

Heute ist das Areal in Form eines Freilichtmuseums der Öffentlichkeit zugänglich und informiert Besucher über Wohn- und Wirtschaftskultur der Römer zur Kaiserzeit in der Algarve, Portugal.

Baugeschichte Geschichte Nicht erst zu römischer Zeit ist uns das Gebiet um die Fundstelle Milreu bekannt. Rund um die Anlage lassen sich vor- und frühgeschichtliche Siedlungsstellen lokalisieren. Grund hierfür dürfte die Handelsroute nach Norden gewesen sein, die sich bis in den Alentejo hinein nach verfolgen lässt. Ein weiteres Kriterium, das mit der dauerhaften Niederlassung an diesem exklusiven Standort in Verbindung steht, ist der enorme Wasserreichtum der Region. Wie zuvor einleitend erwähnt, bildet es die existenzielle Grundlage für erfolgreichen landwirtschaftlichen Ertrag und dem damit verbundenen gewinnbringenden wirtschaftlichen Nutzen.

Im historischen Siedlungsgebiet Guardians, nach Ptolomaios oder der Conii, nach Strabon, der heutigen Algarve, lässt sich bereits ab dem 2. Jahrhundert v. Chr. eine langsame aber stetige Wandlung im Bereich von Wohn- und Wirtschaftskultur erkennen. Trotz Unruhen im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. in dem nördlichen und mittleren Teil der Provinz Hispania citerior am westlichsten Rand der antiken Welt, blieb das südliche Gebiet weitestgehend verschont. Grund hierfür mögen mehrere Faktoren gewesen sein. Zum einen boten der nördlich verlaufende Gebirgszug und der Fluss Anas eine natürliche Barriere und zum anderen die lange felsige Küstenlinie Schutz vor Einfällen und Unruhen. Unter dieser günstigen Voraussetzung sollte der gesamte Landstrich bald von zentraler, wirtschaftlicher und politischer Bedeutung sein, nicht zuletzt durch die Errichtung der an der Küste gelegenen Städte Ossonoba und Balsa. Wie zuvor erwähnt, handelt es sich bei Ossonoba um eine Hafenstadt. Sie bildete das wirtschaftliche Handelszentrum der Region. Vertrieben wurden unter anderem Garum, Wein und Öl. Bezugsquelle waren Latifundien im Um- und Hinterland, so auch jenes von Milreu.F. Teichner 2008, S. 102–107.

Römische Villa mini|Wohnanlage von Milreu: Blickrichtung von Südwest nach Nordost Hintergrund: Gutshof

Eine römische villa umfasste die pars urbana, den Wohnteil, und die pars rustica, den Wirtschaftsteil. Der aus Baetica stammende Lucius Iunius Moderatus Columella führt zudem noch einen dritten Teil ein: die pars fructuaria. Das sich um den zentralen Peristylhof ausbreitende heutige Areal ist ein Bauentwurf des 2. Jahrhunderts, als man über der älteren Villa ein neues Gebäude mit großem Peristyl und Atrium errichtete. Diese Villa wurde bis Ende des 3. Jahrhunderts genutzt. Der folgende Umbau betraf primär die Wirtschaftseinheit. Es sind nun Unterkünfte für das Gesinde und eine Weinkelterei zu identifizieren. Zum Wirtschaftshof gehörten neben der Weinkelterei und einer gewaltigen Ölmühle mit fünf Presstennen auch drei Kellerräume zur Bevorratung von Öl. Das Peristyl umschloss einen Garten mit Wasserbecken. An einer Schmalseite gruppierten sich rund um ein kleines Atrium mit Springbrunnen die Privatgemächer mit einzelnen beheizten Räumen. An der gegenüberliegenden Seite diente ein großer, rechteckiger Raum mit Apsis als Triclinium. Daneben lag eine beachtenswerte Badeanlage, das Balneum.

pars urbana – wohnen (A) mini|Geometrisches Mosaik

In der Gestaltung des Wohnbereiches spiegelte sich durchaus der Reichtum und das gesellschaftliche Selbstverständnis des jeweiligen Besitzers wider. Durch die ländlich abgeschiedene Lage unterlag der Bauherr nicht unbedingt baulichen Beschränkungen, daher haben sich kaum modularisierte Bautypen herausgebildet, anders als beispielsweise im städtischen Wohnhausbau. Trotzdem gab es einige architektonische Elemente, die sich in der einen oder anderen Form in der pars urbana erkennen lassen. Bereits der prächtige Eingangsbereich, das Vestibül, dessen Wände bemalt, der Boden verziert mit Mosaiken und den sich gegenüberliegenden Wasserbecken, die einst von Halbkuppeln überdeckt wurden, lässt erahnen, welch imposanten Eindruck der Eintritt bei dem Besucher hinterlassen haben muss.

Vom Peristyl aus erreichte man bequem sämtliche Bereiche der Wohnanlage. Mit einem Ausmaß von 24,30 m auf 28 m und einer Säulenumgangsbreite von 3 m bot es ausreichend Komfort für Müßiggang oder Geschäfte. Auch hier ist der Boden mit Mosaiken ausgeschmückt. Die Darstellung reicht von einfachen geometrischen Mustern bis hin zur Abbildung figürlich maritimer Inhalte. Vom peristylum aus gelangte man zu den angrenzenden Räumen. Die offen gestaltete Portikus mit Durchblick durch die Säulenreihen erlaubte einen Blick zum Gartenteil und dem großen Wasserbecken. Ursprünglich befanden sich auf den jeweiligen Längsseiten 8 Säulen und auf den Schmalseiten 6 Säulen. Dieser markante Bautyp mit zentralem peristylum findet sich nicht nur vergleichbar im Kernland selbst wieder, sondern auch in Schriftquellen. So schreibt Plinius der Jüngere im 1. Jahrhundert n. Chr. über die architektonischen und künstlerischen Vorstellungen der führenden römischen Gesellschaftsschicht in Bezug auf die Gestaltung ländlichen Besitzes, welche unbedingt repräsentative Inszenierung erforderlich machte. Das Triclinium, gelegen an der Westseite des Peristyls, bestand aus einer insgesamt 11 m langen Raumflucht mit Vorraum und einem quadratischen Mittelraum und der nach Osten abschließenden Rundapsis von 6 m Breite. Nur ansatzweise lässt sich die reiche Verzierung dekorativer Mosaiken erahnen, da hier ausschließlich wenige Reste vorgefunden wurden. Allerdings haben sich im hinteren Teil des Saales kleine Mauern in U-Form erhalten. Hierbei handelt es sich um die clinae, Liegebänke zum Verweilen und Einnehmen von Speisen.F. Teichner 2008, S. 114–123.

mini|Apodyterium: Umkleidebereich mit Wandnischen zur Aufbewahrung von Kleidung Neben Speis und Trank war es durchaus Sitte, seine Gäste zu einem Bad in die Thermen (B) einzuladen. Diese erreichte man über das Vestibül. Neben der Badeanlage findet sich hier auch eine Umkleidemöglichkeit, das Apodyterium, welches für eine villa ungewöhnlich groß ausfällt. Zur Ausstattung gehörten kleine Nischen, in denen sich Platz für das Ablegen und Unterbringen der Kleidung fand, ebenso wie für die Bereitstellung von Salben und Ölen zur Hautpflege. Die Anlage in Milreu stammt aus dem 3. Jahrhundert. Um den gesamten Gebäudekomplex mit genügend Wasser versorgen zu können, hätte man entweder Regenwasser in Zisternen sammeln oder zum Beispiel einen Stausee anlegen können. Im Falle Milreus kam das Wasser vom Hanggelände. Hier befanden sich, dort wo heute Estoi liegt, mehrere Quellen.F. Teichner 2008, S. 181–206.