mini|Pius IX. (1875) von Adolphe Braunrahmenlos|hochkant|zentriert|Unterschrift Pius’ IX.
Pius IX. (* 13. Mai 1792 in Senigallia (Kirchenstaat) als Giovanni Maria Mastai Ferretti; † 7. Februar 1878 in Rom, Königreich Italien) war von 1846 bis 1878 der 255. Papst. In sein Pontifikat – mit 31 Jahren und 8 Monaten das längste nachweisbare – fallen die Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis Mariens, das Erste Vatikanische Konzil mit der Propagierung des päpstlichen Jurisdiktionsprimats und der päpstlichen Unfehlbarkeit sowie der Verlust des Kirchenstaates an das Königreich Italien. Zum Zeitpunkt seiner Wahl noch ein progressiver, liberaler Reformer, wandelte er sich unter dem Eindruck des Revolutionsjahres 1848 radikal und war zum Schluss einer der konservativsten Päpste der Geschichte.
Im Jahr 2000 wurde Pius IX. von Johannes Paul II. selig gesprochen.
Herkunft und Ausbildung Kindheit mini|200px|Geburtshaus von Giovanni Maria Mastai Ferretti
Giovanni Maria Mastai Ferretti stammte aus einer als fromm geltenden Adelsfamilie.Hubert Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. C.H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75575-0. Er war das neunte und letzte Kind des Grafen Girolamo Mastai Ferretti und dessen Ehefrau Caterina Solazi di Fano. Seine Geschwister waren die Brüder Gabriele (* 1781), Giuseppe (* 1782) und Gaetano (* 1783) sowie die Schwestern Maria Virginia (* 1785), Maria Teresia (* 1786), Maria Isabella (* 1787), Maria Tecla (* 1788) und Virginia Margherita (* 1790); Maria Virginia starb im Kleinkindalter. Giovanni Ferretti wurde am Tag seiner Geburt von dem Kanoniker Andrea Mastai, einem Bruder des Vaters, getauft. Dass im Taufbucheintrag keine Taufpaten genannt sind, sondern lediglich seine Hebamme Girolama Moroni als Taufzeugin eingetragen ist, lässt eine Nottaufe vermuten. Ob dies in einer zu frühen Geburt oder in einem besorgniserregenden Zustand des Neugeborenen begründet liegt, ist nicht bekannt. Eine Folge der Begleitumstände der Geburt war jedenfalls, dass Mutter Caterina ihren Sohn aus Dankbarkeit der Jungfrau Maria weihte. Mastai Ferretti selbst entwickelte vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter hinein eine tiefe Verehrung für die Gottesmutter. Seine wichtigste Bezugsperson wurde seine Amme Marianna Chiarini.
Nach Einschätzung des Biografen Hubert Wolf reagierte Mastai Ferretti auf die in seinem Adelsstand übliche distanzierte Erziehung durch seine Mutter im Erwachsenenalter mit einem gesteigerten Liebesbedürfnis und einer großen Abhängigkeit von seinem direkten Umfeld. Mastai Ferretti hielt sich häufig mit seiner Amme auf dem familiären Landgut Roncitelli auf und scheint laut Wolf auch in seinen ersten Lebensjahren als Kind über eine schwächliche Konstitution verfügt zu haben. Im Oktober 1797 fiel er auf dem Landgut Roncitelli in einen Brunnen, wurde ohnmächtig und wäre beinahe ertrunken. Später schrieb er seine Rettung der Gottesmutter Maria zu. Wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit kam das erste Mal seine Epilepsie zum Ausbruch, die später sein ganzes Leben prägte.
mini|200px|Pius VII., Porträt von Jacques-Louis David, 1805
Ebenfalls im Jahr 1797 besetzten im Nachgang der Französischen Revolution französische Truppen Mastai Ferrettis Geburtsort Senigallia. Einerseits hatten die Franzosen auch bereits Rom besetzt und Papst Pius VI. entführt, andererseits fand er einige der anwesenden französischen Soldaten sympathisch und schloss Freundschaft mit dem Sohn eines Revolutionsanhängers der Stadt. Wolf zufolge begründete diese Freundschaft Mastai Ferrettis späteren Enthusiasmus für die französische Armee und speziell für Napoleon Bonaparte. In Senigallia änderte sich – im Gegensatz zu Frankreich – am religiösen Leben nichts. Am 2. Februar 1803 ging der junge Mastai Ferretti zur Ersten Heiligen Kommunion, wofür ihm seine Mutter ein Medaillon mit der Madonna della Speranza schenkte. Laut seinen Seligsprechungsakten soll er an diesem Tag das erste Mal den Berufswunsch verspürt haben, Priester zu werden. Ob dies historisch authentisch oder eine nachträgliche fromme Erfindung ist, ist zweifelhaft. Der junge Mastai Ferretti begegnete dem neu gewählten Papst Pius VII., als dieser am 21. und 22. Juni 1800 Senigallia besuchte und ihm die Familie Mastai Ferretti vorgestellt wurde.
Schulzeit Von Oktober 1803 bis Oktober 1809 besuchte der junge Mastai Ferretti auf Vorschlag seines Onkels Andrea Mastai Ferretti, der ihn auch getauft hatte, das Internat der Piaristen in Volterra. Die religiöse Formung der Schüler durch die Piaristen war von einer besonderen Marienverehrung geprägt. Der Journalist Carlo Falconi, der eine Jugendbiografie über den späteren Papst verfasste, nannte ihn zu dieser Zeit einen „glühenden Napoleonisten.“Falconi, 1981, S. 91–95
Epilepsie Während seiner Schulzeit in Volterra wurde Mastai Ferretti von immer häufigeren und schlimmeren epileptischen Anfällen heimgesucht. Wie sein Heimatbischof Fabrizio Sceberras Testaferrata am 4. November 1818 an die Sakramentenkongregation schrieb, ereigneten sich die „Anfälle[n] in hoher Frequenz“.zitiert nach Falconi, 1981, S. 105 Auch nach den Anfällen sei Mastai Ferretti von gesundheitlichen Problemen heimgesucht worden. Ein Jahr vor Ende der schulischen Ausbildung musste er nach Senigallia zurückkehren.
„Jahrfünft der Verwirrung“ Mastai Ferretti kam im Winter des Jahres 1809 über seinen an der Kurie tätigen Onkel Paolino nach Rom. Sein Romaufenthalt wurde unterschiedlich gedeutet. Was Mastai Ferretti in den folgenden Jahren genau tat, ist unbekannt. Versuche, in der französischen oder österreichischen Armee unterzukommen, scheiterten an Mastai Ferrettis Epilepsie.
In dieser Zeit war Mastai Ferretti in Giacinta Marcetti verliebt, die mit dem Grafen Francesco Milzetti verheiratet war. Die Verteidiger des späteren Papstes versuchten, die Liebesgeschichte herunterzuspielen. Yves Chiron räumte ein, dass sich der spätere Papst in den Jahren 1810 bis 1814 eher wie „ein weltlicher junger Mann aufführte als ein zukünftiger Priester.“Yves Chiron: Pie IX. Pape moderne. Bitche, 1995 Zudem berichtete er Giacinta Marcetti in einem seiner Briefe von dem Versuch einer Mutter, ihn mit ihrer Tochter zu verkuppeln. Mastai Ferretti wusste zu dieser Zeit selber nicht, was beruflich aus ihm werden sollte.
Rom Im Kampf um die Vorherrschaft zwischen weltlicher und kirchlicher Macht zwischen Napoleon Bonaparte und Papst Pius VII., in dessen Zusammenhang auch dieser entführt und verschleppt wurde, ging Pius VII. nach seiner Freilassung und Napoleons Abdankung 1814 als Sieger hervor. Dies brachte ihm als „Fels in der Brandung“ eine hohe moralische Autorität ein und lieferte nach Meinung von Hubert Wolf die Grundlage für das Jurisdiktionsprimat und die Unfehlbarkeit für das spätere Pontifikat von Pius IX. Mastai Ferrettis Biografie dieser Zeit war von den Wirrungen auch direkt betroffen, als Papst Pius VII. auf seiner Rückreise aus Frankreich im Mai 1814 Station in Senigallia machte. Am Abend des 12. Mai suchte er den Palazzo Mastai auf und begegnete dort dem jungen Mastai Ferretti. Dieser entschloss sich mit einigen anderen jungen Männern, den Papst bei seinem Einzug in Rom zu begleiten. Während die „papale Hagiografie“ die Umstände als ein Zeichen göttlicher Vorsehung ansieht, war Hubert Wolf zufolge mit dem Entschluss Mastai Ferrettis zur Romreise noch gar nichts entschieden. Demzufolge ging es Mastai Ferretti eher darum, sich aus der Enge seines Geburtsortes zu befreien, wie er auch am 13. Juni 1814 an Giacinta schreibt.
Jedoch verlief die Romreise für Mastai Ferretti enttäuschend. Zwar konnte er über seinen Onkel Paolino Kontakte zu weiteren Adelsfamilien wie den Orsini, Colonna, Doria oder Piancini knüpfen, fand jedoch kaum Gelegenheiten zu weltlichen Zerstreuungen. Jedoch scheint er sich, wie sogar aus den Seligsprechungsakten hervorgeht, mit einer Frau namens Todora Valle Tota oder Antonia Tota verlobt zu haben.
Am 26. Februar 1815 ging Mastai Ferretti in das Ordenshaus der Passionisten der heiligen Johannes und Paulus und unterzog sich bis zum 12. März Exerzitien. Bei Beendigung der Exerzitien wurde Rom im Rahmen von Napoleons Herrschaft der Hundert Tage von den französischen Truppen unter Joachim Murat bedroht, was Pius VII. erneut zur Flucht zwang. In den Truppen des Feindes kämpfte auch Mastai Ferrettis Bruder Giuseppe mit, was Mastai Ferrettis Karriere – ob nun weltlich oder kirchlich – zunächst zu verhindern schien. Doch schuf die Rückkehr von Pius VII. sowie der Erfolg von dessen Kardinalstaatssekretär Ercole Consalvi beim Wiener Kongress nach den Koalitionskriegen neue Karrieremöglichkeiten. Im weltlichen Bereich fasste Mastai Ferretti eine Karriere bei der Päpstlichen Nobelgarde ins Auge, was aber an seiner Epilepsie scheiterte. Papst Pius VII. soll ihm diese Entscheidung in einer Privataudienz persönlich mitgeteilt haben. Im November 1815 kehrte Mastai Ferretti nach Senigallia zurück.
Im Februar 1816 reiste Mastai Ferretti wieder nach Rom zurück. Die Chancen auf eine geistliche Karriere hatten sich inzwischen verbessert. Er war inzwischen über seinen Onkel Paolino mit seinem Heimatbischof Annibale Sermattei della Genga, dem späteren Papst Leo XII., bekannt, der ein wichtiger Förderer von Mastai Ferretti werden sollte. Gleichzeitig war er mit Kardinal Francesco Saverio Maria Felice Castiglioni, dem späteren Papst Pius VIII., bekannt, der sich als Anhänger Consalvis für Reformen in Kirchenstaat und Kurie einsetzte. Zu dieser Zeit scheint sich Mastai Ferretti nach Einschätzung von Hubert Wolf entschlossen zu haben, Priester werden zu wollen.Pietro Caprano, seit dem 8. März 1816 Titularerzbischof von Iconium und seit dem Vorjahr geistiger Mentor von Mastai Ferretti, scheint demnach bei diesem Entschluss eine wichtige Rolle gespielt zu haben. Am 30. März teilte er seinen Entschluss Giacinta brieflich mit und präzisierte am 20. April, dass er keine Laufbahn im „Prälatenkreis“ anstrebe, sondern einfacher Seelsorger werden wolle. Es ist allerdings umstritten, ob es sich bei diesem Entschluss um echte Berufung oder eine Notlösung handelte. Während die Apologeten im 26. Februar 1815, dem Start von Mastai Ferrettis Exerzitien und gleichzeitig von Napoleons Rückkehr aus Elba ein Zeichen der göttlichen Vorsehung sehen, vermisst Falconi in Mastai Ferrettis Briefen jeden religiösen Enthusiasmus für seinen Entschluss.Falconi, 1981, S. 211 f.
Studium Mastai Ferretti begann am Collegium Romanum und an der Universität Sapienza sein Studium der Theologie und des Kirchenrechts. Von der Teilnahme an einem Priesterseminar wurde er von Papst Pius VII. dispensiert. Die epileptischen Anfälle waren zwar schwächer geworden, beeinträchtigten aber immer noch seine Konzentrationsfähigkeit. Wichtiger als die akademischen Studien war ihm die karitative Tätigkeit im Ospizio Tata Giovanni, einer Einrichtung für verwahrloste Jugendliche, die von Cesare Storace geleitet wurde, der für Mastai Ferretti zum Seelenführer werden sollte. Durch die Fürsprache seiner Gönner, allen voran seines Heimatbischofs Della Genga, wurde Mastai Ferretti unter der Auflage, die Heilige Messe niemals alleine zu zelebrieren, vom Weihehindernis der Epilepsie dispensiert.
Am 24. Februar wurde er stellvertretender Leiter der Agentur, die Senigallia in Rom unterhielt, um die eigenen Interessen beim Papst zu vertreten.
Am 5. Januar 1818 erhielt Mastai Ferretti die vier niederen Weihen, am 19. Dezember 1819 den Subdiakonat, am 7. März 1820 die Diakonenweihe und am 10. April 1820 in der Kirche Santa Maria in Cappella die Priesterweihe. Am 11. April feierte er seine Primiz in der Kirche Sant’Anna dei Falegnami, die zum Ospizio Tata Giovanni gehörte.
Mission in Chile