Die Geschichte der Stadt Ingelheim umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Ingelheim von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Im Mittelalter hatte Ingelheim als Kaiserpfalz besondere Bedeutung.

Vorgeschichte mini|200px|links|Steinzeitliche Funde aus dem Ingelheimer Raum Faustkeilfunde lassen darauf schließen, dass bereits vor etwa 50.000 Jahren das Gebiet um Ingelheim von Menschen durchzogen wurde. Seit der Jungsteinzeit lassen sich kontinuierlich Siedlungsspuren an den fruchtbaren Hängen des Selztales und am Rhein nachweisen.

Beispielsweise wurden in einem heutigen Stadtteil von Ingelheim, Heidesheim, im Jahr 1913 Hockergräber entdeckt, die auf um 2400 v. Chr. datiert werden.

Vor der römischen Eroberung wurde das Gebiet wahrscheinlich von keltischen Treverern bewohnt.

Einen Hinweis auf die Kelten geben Gräber aus der Zeit um 450–200 v. Chr., als das nördliche Rheinhessen Teil des keltischen Siedlungsgebietes war.

Antike mini|Gallorömische Grabfiguren aus Ingelheim Nach der Einbeziehung in das römische Reich diente die Gegend um Ingelheim mit vielen ländlichen Höfen, den sog. villae rusticae, in erster Linie der Versorgung von Truppen und Zivilisten im Stationierungsort Mogontiacum, dem heutigen Mainz. Durch das Gebiet zogen sich römische Straßen, die wichtigen Verbindungen zwischen Mogontiacum und Trier beziehungsweise Koblenz/Köln. Grab- und Münzschatzfunde lassen auf einen erheblichen Wohlstand der romanisierten Bewohner schließen, vor allem im 2. Jahrhundert n. Chr. Es scheint an den Straßen auch einen Vicus, d. h. ein Gewerbegebiet gegeben zu haben, dessen Name sich aber nicht erhalten hat. Als Durchzugsgebiet und aufgrund der Nähe zu Mainz war das Ingelheimer Gebiet auch vielen Kriegshandlungen und Plünderungszügen ausgesetzt, die im dritten und vierten Jahrhundert zu massiven Zerstörungen geführt haben, d. h. zum Ende des Vicus und wohl auch aller Villae.

Mittelalter Aufstieg zum politischen Zentrum Spätestens ab dem 5. Jahrhundert wurde das Gebiet durch Franken bäuerlich besiedelt. Wahrscheinlich nach einem von ihnen („Ingilo“?) wurde – wie im seit dem 19. Jahrhundert so genannten Rheinhessen üblich – einer dieser fränkischen Gutshöfe Ingilen-heim genannt, woraus der heutige Namen entstanden ist. Es war wahrscheinlich der große Königshof, der mindestens seit merowingischer Zeit, also ab dem 6. Jahrhundert, in Ingelheim existierte.

Das ganze Gebiet um Ingelheim war als „Ingelheimer Reich“, ab dem 14. Jahrhundert auch „Ingelheimer Grund“, bereits seit fränkischen Zeiten Krongut.

Die im Jahre 741 erstmals urkundlich erwähnte Remigiuskirche gehört ab 750 mitsamt ihren feudalen Einkünften zum Bistum Würzburg. Wegen des durch den Würzburger Bischof Burkard ins Leben gerufenen Kilians­kults erhielt sie ein zusätzliches Kilianspatrozinium.

Überregionale Bedeutung erlangte das Gebiet durch den Beschluss Karls des Großen, neben dem Königshof mit dem Bau einer Kaiserpfalz. Der erste urkundlich belegte Aufenthalt Karls datiert aus dem Jahr 774. Fertig gestellt wurde diese Pfalz möglicherweise erst unter seinem Sohn Ludwig dem Frommen, der sich viel öfter (mindestens zehnmal) als sein Vater (drei- oder viermal) in Ingelheim aufhielt.

Seit Karl diente die später mehrfach umgebaute Pfalz für fast vier Jahrhunderte als wichtiger Stützpunkt der mittelalterlichen deutschen Könige und Kaiser, der von zahlreichen Besuchen der Herrscher, von Synoden und Hoftagen gekennzeichnet ist: 787/88 feierte Karl der Große Weihnachten und Ostern in Ingelheim. Während dieses Aufenthaltes wurde auf einem Hoftag der Bayernherzog Tassilo III. abgesetzt und in ein Kloster verbannt. Aus diesem Jahr stammt auch die erste urkundliche Erwähnung der Pfalz.

Nach seiner Kaiserkrönung weilte Karl erstmals 807 wieder in Ingelheim und hielt hier einen Hoftag ab. Sein Sohn Ludwig empfing 819 Gesandte des Kaisers Leo V. Im gleichen Jahr fand ein Reichstag statt, auf dem wahrscheinlich die Politik des Reiches in Pannonien und Dänemark behandelt wurde.

823 wurde die Gründungsurkunde des Klosters Corvey in Ingelheim ausgefertigt. Drei Jahre darauf hielt Ludwig erneut einen Hoftag und eine Synode in Ingelheim ab. Er empfing hier den Dänenkönig Harald Klak, der am 24. Juni 827 im Stift St. Alban vor Mainz die Taufe empfing und anschließend in Ingelheim ein glänzendes Fest feierte. In den nächsten zehn Jahren stand Ingelheim nicht mehr im Zentrum der Reichspolitik. Lediglich 828 fand eine Reichsversammlung in Anwesenheit einer päpstlichen Delegation, sowie 831 ein Hoftag statt. Belegt ist auch ein kurzer Besuch Ludwigs im Jahre 836.

Am 18. Mai 839 empfing Ludwig Abgesandte des byzantinischen Kaisers Theophilus und handelte mit ihnen einen Freundschaftspakt aus. Ebenfalls anwesend war eine Abordnung der Kiewer Rus, also des Normannenreiches um Kiew.

Ludwig der Fromme starb am 20. Juni 840 auf einer Rheininsel (Au) vor Ingelheim. Der Leichnam des Kaisers wurde aber nach Metz in die Begräbnisstätte seiner Familie im Kloster St. Arnulf überführt und dort beigesetzt. Kurz nach seinem Tode hielt sein Sohn Lothar in Ingelheim eine Versammlung ab, mit dem Ziel die Einheit des Reiches zu erhalten. Es blieb aber letzten Endes bei dem Versuch und im Vertrag von Verdun wurde die Reichsteilung festgeschrieben. Ingelheim gehörte dadurch zum östlichen Reichsteil, dem späteren Deutschland.

Vom ersten Aufenthalt Karls des Großen bis zum Tode Ludwigs sind dreizehn oder vierzehn Herrscheraufenthalte in Ingelheim aktenkundig. Nach seinem Tode verlor Ingelheim an Bedeutung. Bis 940 sind nur noch neun Aufenthalte der späteren Karolinger bekannt. mini|Herrscheraufenthalte in Ingelheim 774–1163 937 besuchte Otto der Große zum ersten Mal Ingelheim. Mit diesem Besuch begann eine zweite Hochphase der Pfalz. Bis 1040 besuchten Könige bzw. Kaiser 34-mal die Ingelheimer Pfalz.

Zu Ostern, aber nie zu Weihnachten, erfreute sie sich unter den sächsischen Herrschern großer Beliebtheit als Ort der Feierlichkeiten zu den üblichen Festkrönungen. Die Angaben schwanken zwischen 10 Besuchen, von denen man sicher weiß, und gehen bis zu vermuteten 17 Aufenthalten.

941 kerkerte König Otto der Große seinen Bruder Heinrich wegen Aufruhrs in Ingelheim ein.

Im Jahre 948 tagte (wahrscheinlich) im Vorgängerbau der heutigen Remigiuskirche unter Leitung des päpstlichen Legaten Bischof Marinus von Bomarzo die Universalsynode von Ingelheim, an der auch Otto der Große und der französische König Ludwig IV. teilnahmen. Ziel war es die Machtkämpfe im westlichen Frankreich, sowie die Besetzung des Bischofsstuhles von Reims zu klären. Eine weitere Synode berief Otto 972 nach Ingelheim ein.

953: Otto feierte das Osterfest in Ingelheim.

974: Herzog Heinrich von Bayern (Heinrich der Zänker) wurde von Kaiser Otto II. in Ingelheim festgesetzt.

Auch im 11. Jahrhundert wurde die Ingelheimer Pfalz unter mehreren Herrschern noch verschiedentlich aufgesucht. So beging Heinrich II. 1017 das Oster- und 1018 das Pfingstfest in Ingelheim. 1018 besetzte er hierbei den seit kurzem vakanten Bischofsstuhl von Konstanz mit seinem bisherigen Kaplan Rothard.

1030: Der erste salische Kaiser Konrad II. beging Ostern in Ingelheim. Herzog Ernst von Schwaben verlor endgültig sein Herzogtum.

1043 heiratete hier Heinrich III. Agnes, die Tochter des Herzogs von Aquitanien und Poitou. Sebastian Münster berichtet darüber in seiner Cosmographia:

Anno 1044. (sic!) hielt der Keyser Heinrich der dritt zu Ingelheim Hochzeit mit Fraw Agnesen/die Herzog Wilhelms von Aquitania oder Poytou Tochter war: Und da ein unzehliche grosse menge der Gauckler/Spielleuthen und Schalcksnarren dahin kamen/gab er keinem weder Schencke noch Liferung/sondern schickt sie also von ihm hinweg.

Bei einem Aufenthalt Heinrichs IV. kurz vor Weihnachten 1065 wurde einer seiner Begleiter beim Versuch, Lebensmittel zu konfiszieren, von der Bevölkerung erschlagen.

Unter dem Staufer Friedrich Barbarossa wurde im 12. Jahrhundert das engere Pfalzgebiet um einen südlichen Bereich (heute „Zuckerberg“) erweitert und durch einen hohen Mauerring umgeben, so dass ein kleiner burgähnlicher Festungsort entstand. Ländliche Pfalzen wurden nicht mehr gebraucht, dafür befestigte Städte. Deshalb verfielen einige Gebäude des Pfalzgebietes seit dem 13. Jahrhundert, es wurde seit 1402 von Bewohnern überbaut und als Steinbruch benutzt.

Im Jahre 1105 wurde Heinrich IV. in Ingelheim von seinem Sohn Heinrich V. zur Abdankung gezwungen (am 31. Dezember 1105) und bis zu seiner Flucht gefangen gehalten.

Ob Barbarossa sich wirklich hier mit Hildegard von Bingen getroffen hat, wie bisweilen angenommen wird, lässt sich nicht belegen. Die Echtheit eines (undatierten) angeblichen Briefes Barbarossas an die Äbtissin, in der ein Treffen in „Ingelheim“ erwähnt wird, ist weiterhin umstritten. Als Jahr des Treffens wird oft 1163 angenommen, weil Friedrich damals drei Wochen zum Strafgericht in Mainz weilte und währenddessen auch ein Schutzbrief für Hildegards Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen ausgestellt wurde. Als Raststation auf seinen Reisen am Rhein entlang kann Barbarossa auf jeden Fall verschiedentlich die (zum Andenken an Karl den Großen?) renovierte Ingelheimer Pfalz benutzt haben.

Im Zuge der Kämpfe um die Kaiserwürde wurde Nieder-Ingelheim 1249 durch Gegenkönig Wilhelm von Holland und Siegfried III. von Eppstein 40 Tage lang belagert und am 28. März übergeben.

Niedergang Seit dem 13. Jahrhundert ging die Bedeutung der Ingelheim Pfalz und damit Nieder-Ingelheims stetig zurück. In den folgenden 250 Jahren sind nur noch acht Aufenthalte von Herrschern bezeugt. Deutlich wird der geschwundene Wert in der Verpfändung des Ingelheimer Grundes durch Ludwig den Bayern an den Mainzer Erzbischof Peter von Aspelt am 16. Januar 1315. Unattraktiv war das Gelände um die Ingelheimer Pfalz aber trotzdem nicht; ob aber im Jahre 1337, wie Rüxner in seinem Turnierbuch berichtet (Nr. 18), von der „Ritterschaft am Rheinstrom“ ein Turnier in Ingelheim durchgeführt wurde, ist sehr fraglich. Rüxner könnte dieses Turnier genau so wie mit Sicherheit die ersten 14 seiner Turniere frei erfunden haben, dieses freilich im Angedenken an die ruhmvolle Bedeutung der Ingelheim Pfalz, die im 14. Jahrhundert aber keinen ausreichenden Rahmen mehr für die prunkvollen städtischen Turniere bieten konnte.

Gleichzeitig stieg das selzaufwärts gelegene Ober-Ingelheim im späteren Mittelalter zu größerer Bedeutung auf. Hier hatten die Ingelheimer Adelsfamilien, die ursprünglich zur Verwaltung der Pfalz gehörten, ihre großen Höfe, darunter die Herren und späteren „Grafen“ von Ingelheim. Auch Ober-Ingelheim wurde mit einer hohen Wehrmauer umgeben, deren stattliche Reste bei der Burgkirche zu besichtigen sind.

Der Ingelheimer Oberhof, ein Schöffengericht aus Ingelheimer Adligen und Bürgern, war über drei Jahrhunderte eine wichtige Berufungsinstanz für umliegende Schöffengerichte, die sich mit der Bitte um Rat nach Ingelheim wandten. Während die meisten dieser Oberhofurteile verloren gegangen bzw. 1944 in Darmstadt verbrannt sind, sind erhebliche Reste der Akten der örtlichen Niedergerichtes, die Haderbücher, Prozessnotizen zu Zivilprozessen, im Ingelheimer Stadtarchiv erhalten und werden zurzeit wissenschaftlich editiert.

Anfang des 13. Jahrhunderts wurde durch eine Stiftung des Ober-Ingelheimer Adels das Zisterzienserinnenkloster Engelthal am Ende der Edelgasse gegründet. Es diente wohl der Versorgung unverheirateter Töchter der Stifterfamilien. Das im Selztal und in Sporkenheim reich ausgestattete Kloster wurde von der Abtei Eberbach im Rheingau geistlich betreut und bestand bis zur Aufhebung nach der Reformation 1573.