Der Schlangenadler (Circaetus gallicus) ist ein eher großer, langflügeliger Vertreter der Gattung Schlangenadler (Circaetus) innerhalb der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Als einzige Art der sonst nur in Afrika südlich der Sahara vorkommenden Gattung brütet der Schlangenadler auch in Europa und in Zentralasien.

Unter den europäischen Greifvögeln ist er mit seiner fast ausschließlichen Reptiliennahrung ein Ernährungsspezialist und in seinem Vorkommen entsprechend eng an ein ausreichendes Angebot an Schlangen und Eidechsen gebunden. Die in der Paläarktis brütenden Schlangenadler sind Langstreckenzieher mit Überwinterungsgebieten in der Sahelzone südlich der Sahara. Trotz eines sehr großen und zum Teil stark fragmentierten Verbreitungsgebietes werden zurzeit keine Unterarten allgemein anerkannt. Nach starken Bestandsrückgängen im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheinen die verbliebenen Bestände zurzeit auf relativ niedrigem Niveau stabil zu sein.

Aussehen Der Schlangenadler ist mit einer Spannweite von bis zu 188 Zentimetern und einer Gesamtlänge von 62–70 Zentimetern ein recht großer Greifvogel. Er ähnelt im Flugbild etwas einem sehr hellen Mäusebussard, ist aber bedeutend größer als dieser. Auf Grund seiner Größe, seiner auf der Unterseite sehr hellen, oft fast zeichnungslosen Erscheinung, der langen, breiten Flügel und des durch Schweben und Rütteln gekennzeichneten Flugstiles ist die Art meist auch aus größeren Distanzen relativ leicht zu bestimmen.Forsman, 1999, S. 157. Schwieriger ist die Bestimmung allerdings im afrikanischen Winterquartier, wo mit dem Beaudouin-Schlangenadler (Circaetus beaudouini) eine sehr ähnliche Art verbreitet ist, die lange als Unterart von C. gallicus galt. Dieser ist jedoch insgesamt dunkler und auf der Unterseite deutlich braungrau gebändert. Die Unterflügeldecken sind zimtbraun geflockt.

mini|250px|Fliegender Schlangenadler in Südspanien mini|250px|Schlangenadler aus den westlichen Pyrenäen – Die nach vorne ausgerichteten Augen sind hier deutlich Auf der Oberseite sind Schlangenadler graubraun; Zeichnungsmerkmale wie die helleren Randungen der Oberflügeldecken sind nur aus unmittelbarer Nähe zu erkennen. Die Armschwingen sind dunkelbraun, die Handschwingen auf der Oberseite fast schwarz. Diese Färbungsunterschiede erzeugen beim fliegenden Vogel in der Obersicht einen deutlichen Farbkontrast zwischen den relativ hellen, mit Weiß gesprenkelten Oberflügeldecken und den dunkleren Arm- bzw. fast schwarzen Handschwingen. Der Kopf wirkt beim sitzenden Adler sehr groß; die stark nach vorne ausgerichteten, großen Augen mit gelber Iris erscheinen fast eulenartig. Im Flug ist dieses Merkmal nicht auffällig. Auf der Unterseite sind Schlangenadler meist sehr hell. Die Unterflügeldecken sind undeutlich bräunlich gefleckt und gezont, die Arm- und Handschwingen sind dunkelgrau gerandet; die Spitzen der Handschwingen sind grauschwarz. Oft sind Kehle und Brust deutlich zimtbraun gefärbt, was einen kapuzenartigen Eindruck bewirken kann, doch erscheint dieses Merkmal nicht bei allen Vögeln. Der mittellange, eher schmale Schwanz weist eine undeutliche, dreifache, dunkle Bänderung auf; aus größerer Entfernung wirkt er jedoch fast zeichnungslos. Bauch, Steiß und Hosen sind auf sehr hellem Grund in sehr unterschiedlicher Intensität hellbraun gefleckt. Die grünlichgrauen Beine sind ab dem Intertarsalgelenk nicht befiedert, die Krallen sind schwarz.

Die Geschlechter unterscheiden sich in der Färbung kaum. Auch der bei Greifvögeln häufige Größendimorphismus zugunsten der Weibchen ist nur ganz schwach ausgeprägt. Allerdings sind Weibchen mit bis zu 2,3 Kilogramm Körpergewicht im Durchschnitt um 20 Prozent schwerer als Männchen.Ferguson-Lees, Christie, 2001, S. 446. Auch das Jugendgefieder ist dem der ausgefärbten Schlangenadler sehr ähnlich. Als einziges gutes Unterscheidungsmerkmal kann eine helle, linienartige Zeichnung dienen, die die Großen Deckfedern von den Schwingen trennt; dieses, nur in der Obersicht erkennbare Merkmal, ist bei ausgefärbten Vögeln nicht mehr vorhanden. Schlangenadler fliegen mit flachen, sehr langsamen und kräftigen Flügelschlägen. Ihre Flugbewegungen wirken verzögert, fast wie in Zeitlupe.Forsman, 1999, S. 157. Sie stehen oft in waagrechter Flügellage im Wind, und rütteln auch häufig und ausdauernd. Im Gleiten sind die Flügel im Handgelenk stark abgewinkelt und vorgestreckt.

Stimme Die Rufe des Männchens sind überraschend melodiös; entfernt erinnern sie an das Flöten eines Pirols. Häufigster Ruf ist ein zweisilbiges Kiiii-jo bei dem die erste Silbe langgezogen und stark betont, die zweite Silbe volltönend und kurz abklingt (Hörbeispiel). Er ist vor allem beim Anflug an den Horst zu hören. Das Grundmuster dieses Rufes wird situationsbedingt vielfältig abgewandelt und kann an Rufe des Schwarzspechtes und des Fischadlers erinnern. Am Horst selbst ruft das Männchen in meist zweisilbigen Ruffolgen, die eine glockenartige oder xylophonartige Tonfärbung aufweisen. Besonders weiche i-joa-Laute werden in Partnernähe geäußert und drücken besondere Vertrautheit aus. Weibchen rufen weniger häufig und weniger wohltönend in sehr ähnlichen phonetischen Mustern; häufig hört man beide Partner minutenlang im Duett (Hörbeispiel).

Verbreitung und Lebensraum mini|400px|Verbreitung des Schlangenadlers

Die Brutgebiete des Schlangenadlers liegen vor allem in der südlichen West- und Zentralpaläarktis sowie auf dem Indischen Subkontinent. Nur in Nordosteuropa erreichen die Brutvorkommen der Art 60° nördliche Breite. Von diesem nirgendwo geschlossenen Verbreitungsgebiet isoliert ist der Schlangenadler in einigen Regionen der Arabischen Halbinsel, in der Inneren Mongolei, sowie auf einigen der Kleinen Sundainseln Brutvogel. Die Schlangenadler der Kleinen Sundainseln wurden lange Zeit für Überwinterer zentralasiatischer Populationen gehalten, es handelt sich tatsächlich aber um Brutvorkommen dort sesshafter Vögel.Ferguson-Lees, Christie, 2001, S. 446.

In der West- und Zentralpaläarktis kommt der Schlangenadler in den Maghrebstaaten, auf großen Teilen der Iberischen Halbinsel, Teilen Zentral- und Südfrankreichs, sowie ostwärts über die Apenninhalbinsel, die Balkanhalbinsel, Kleinasien und Teilen der Kaukasusregion bis ins Elburs- und Zagrosgebirge vor. Brutvorkommen bestehen in Israel und, soweit bekannt weitaus kleinere, in Libanon, in Syrien, Jordanien sowie im nördlichen Teil der Sinaihalbinsel.

In Ost- und Nordosteuropa liegen die Brutvorkommen vor allem in Belarus, der Ukraine und im europäischen Teil Russlands, von wo sich das Verbreitungsgebiet nach Zentralasien etwa bis zum Ostrand des Balchaschsees fortsetzt. Die am weitesten nach Norden vorgeschobenen Vorkommen liegen in den Baltischen Staaten sowie in Russland nördlich von Sankt Petersburg.

Mitteleuropa lag immer im Grenzbereich des Verbreitungsgebietes, allein in Norditalien, Slowenien, der Slowakei und Ungarn bestehen kleine Brutvorkommen.

In der Südschweiz werden in den letzten Jahren wieder vermehrt Schlangenadler beobachtet; 2012 brütete ein Schlangenadlerpaar erstmals im Wallis.Nachrichtenmeldung der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) vom 27. Dezember 2012 Von 2012 bis 2017 gab es in der Schweiz acht Brutnachweise, wobei in den Jahren 2015, 2016 und 2017 je zwei Paare brüteten.Claudia Müller: Seltene und bemerkenswerte Brutvögel 2017 in der Schweiz. Der Ornithologische Beobachter 2018/115, H. 4., S. 339–352.

Beobachtungen umherschweifender Schlangenadler kommen im zentralen und nördlichen Mitteleuropa zwar regelmäßig, jedoch selten vor; überraschend war 1999 die Sichtung eines Exemplars auf den Scilly-Inseln.Ferguson-Lees, Christie, 2001, S. 446.

mini|300px|links|Bruthabitat des Schlangenadlers im Nationalpark Gran Sasso Wesentlichste Voraussetzung für ein Brutvorkommen dieser Art ist ein ausreichendes Angebot an Reptilien, insbesondere an Schlangen, sowie an einzelnen Bäumen zur Horstanlage. So besiedelt die Art in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes trockene, wärmebegünstigte, nur spärlich bewachsene und felsige Gebiete, wie mediterrane Macchien, Garriguen und ähnliche Vegetationsformen, wie die im Osten der Mittelmeerküste häufige Phrygana. Sonnenbeschienene Berghänge sowie insgesamt stark reliefiertes Terrain sind besonders günstige Landschaftsstrukturen. Daneben erscheint er auch in lockeren Kiefern- und Laubmischwäldern, solange Freiflächen zum Jagen vorhanden sind, gelegentlich auch im extensiv genutzten Kulturland. Im Osten seines Verbreitungsgebietes besiedelt er hauptsächlich vereinzelt mit Bäumen bestandene Steppengebiete, im Norden auch dichtere Wälder und flussbegleitende Gehölze, vor allem, wenn sie an größere Heide- oder Moorflächen grenzen. Im Winterquartier erscheint die Art in semiariden Gebieten wie Trocken- und Dornenbuschsavannen.

Die Brutgebiete des Schlangenadlers reichen vom Meeresniveau bis in Höhen von etwa 2000 Metern,Mebs, Schmidt, 2006, S. 154. vereinzelt, wie in Marokko und in Indien, sogar noch etwas höher.Ferguson-Lees, Christie, 2001, S. 446.

Der Raumbedarf der Art ist meist groß. In einer spanischen Untersuchung wurden im Durchschnitt 36 Quadratkilometer große Aktionsräume festgestellt, eine ähnliche Größe ergab eine Studie in Italien.Mebs, Schmidt, 2006, S. 155. Innerhalb des Aktionsraumes wird ein unterschiedlich großes, meist aber mindestens 2 Kilometer im Umkreis umfassendes Areal gegenüber Artgenossen energisch verteidigt; auch der minimale Horstabstand liegt in diesem Distanzbereich, nur in äußerst dicht besiedelten Gebieten, wie etwa dem Dadia-Wald in Nordost-Griechenland wurden geringere Horstabstände gemessen.Mebs, Schmidt, 2006, S. 155.

Wanderungen Die Schlangenadler der Paläarktis sind mehrheitlich Zugvögel, jene des Indischen Subkontinents und der Kleinen Sundainseln Standvögel. Auch einige Adler Südspaniens und Nordwestafrikas verbleiben im Brutgebiet. Die Überwinterungsgebiete liegen in einem relativ schmalen Gürtel in der Sahelzone südlich der Sahara und nördlich des Äquators von Senegal ostwärts bis Äthiopien. Die Schlangenadler verlassen ab Ende August die Brutgebiete; ab Mitte September kommt es zu Zugkonzentrationen bei Gibraltar, am Bosporus und in Israel. Wo die Zugscheide zwischen Ost- und Westziehern liegt, ist nicht bekannt. Die norditalienischen Vögel ziehen zuerst nach Nordwesten und biegen erst an der französischen Mittelmeerküste nach Südwesten ab; die mittel- und süditalienischen überqueren das Mittelmeer an der Engstelle zwischen Sizilien und Cap Bon. Wo die Schlangenadler der Inneren Mongolei überwintern, ist nicht bekannt. Der Heimzug erfolgt auf den gleichen Routen, jedoch in breiterer Front, sodass es zu keinen besonderen Zugkonzentrationen an den bekannten Engstellen kommt. Die ersten Adler treffen bereits im März im Brutgebiet ein, Mitte April ist der Heimzug abgeschlossen.

Ein besenderter adulter Schlangenadler legte die 4700 Kilometer lange Strecke von seinem Brutgebiet in Frankreich ins Überwinterungsgebiet in Niger in 20 Tagen zurück; die größte Tagesstrecke betrug 467 Kilometer.Bernd-U. Meyburg, Christiane Meyburg, Jean-Claude Barbraud: Migration Strategies of an Adult Short-Toed Eagle Circaetus gallicus Trecked by Satellite. In: Alauda. Band 66, Nr. 1, 1998, S. 39–48.

Nahrung und Nahrungserwerb Die Nahrung des Schlangenadlers besteht fast ausschließlich aus Schlangen. Daneben spielen andere Reptilien, Säugetiere und Vögel nur eine untergeordnete Rolle. Gelegentlich werden auch Wirbellose wie Schnecken und Würmer, fallweise auch Käfer und andere große Insekten gefressen.

mini|links|Die Gelbgrüne Zornnatter gehört zu den häufigen Beutetieren des Schlangenadlers