Die Evangelischen Wochen in den Jahren 1935, 1936 und 1937 waren Höhepunkte des geistlichen Lebens der Bekennenden Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland. Sie entwickelten sich aus den Akademikertagungen der Deutschen Christlichen Studentenvereinigung (DCSV) und wurden 1938 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) unter Berufung auf den § 1 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 „im Interesse der öffentlichen Ruhe und Ordnung sowie des religiösen Friedens“ im Einverständnis mit dem Reichskirchenminister verboten.
Entstehung und Zielsetzung Im Zusammenwirken zwischen der vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche und der Leitung des Altfreunde-Verbandes der DCSV wurde 1935 eine Beratende Kammer für Akademiker-Arbeit gebildet, bei der die entscheidenden Anregungen von Eberhard Müller kamen. Als Mitglieder gehörten dieser Kammer an: Paul Humburg als Dezernent der Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK); Reinold von Thadden als Vorsitzender; Studentenpfarrer Otto Fricke, Frankfurt am Main; Hans Thimme, Bad Oeynhausen; Präses Franz Irmer, Berlin; Oberkirchenrat Wilhelm Pressel, Stuttgart; Landgerichtsrat Meyer, Berlin (Justizministerium); Emil Sörensen, Dresden; Eberhard Müller als Schriftführer; Rechtsanwalt Eberhard Fiedler, Berlin; Kurt Frör, NürnbergKurt Frör: Protest gegen Willkür. Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte München, abgerufen am 21. Juni 2018..
Daraus entwickelte sich der Reichsausschuß der Evangelischen Wochen, „um der Kirche durch volksmissionarische Arbeit unter den Gebildeten zu dienen. Durch die Pflege des zentralen missionarischen Anliegens wollen die Evangelischen Wochen vor allem das geistliche Leben der Bekennenden Gemeinden stärken ... Diesem Ziel dienen die möglichst jährlich stattfindende Deutsche Evangelische Woche, sowie kleinere, in den einzelnen Provinzen, Städten und Landkreisen stattfindende Veranstaltungen ähnlichen Charakters.“ Akten der Evang. Akademie Bad Boll (unnummeriert), Aus den Satzungen für den Reichsausschuß der Deutschen Evang. Wochen. Den Vorsitz übernahm der rheinische Präses Paul Humburg, sein Stellvertreter wurde Reinold von Thadden. Eberhard Müller, der Generalsekretär der DCSV, stellte sich als geschäftsführender Generalsekretär dem Reichsausschuss zur Verfügung. In einer Zeit, in der die antichristliche Propaganda des Nationalsozialismus immer stärker zu spüren war und Verwirrung und Unsicherheit sich ausbreiteten, sollte auf den Evangelischen Wochen das evangelische Zeugnis in „biblisch-reformatorischer Klarheit und erwecklicher Kraft dem Menschen der Gegenwart mit seinen konkreten Fragen“ angeboten werden.Jürgen Henkys: Bibelarbeit ..., 1966, S. 215.
Vielversprechend war von Anfang an die gegenseitige Durchdringung evangelistisch-biblizistischer und reformatorisch geprägter Frömmigkeit bei den Männern, die als Vortragende während der Evangelischen Wochen auftraten. Dabei konnten in der kirchlichen Öffentlichkeit die Anstöße der Luther-RenaissanceLuther-Renaissance. Zitiert nach: Karl Holl: Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte. Band 1: Luther. Tübingen 1921, S. 1–90, S. 1. Forschungsstelle für Kirchliche Zeitgeschichte, abgerufen am 21. Juni 2018. und der dialektischen Theologie fruchtbar werden, die einen theologischen Klimawandel hervorgerufen hatten, in Verbindung mit dem lebendigen Erbe eines neuen Biblizismus, wie er von Martin Kähler ausgegangen war. Man war von dem Bewusstsein durchdrungen, den durch den Kirchenkampf angefochtenen Menschen neue und verstehbare Antworten auf ihre Fragen zu geben, wie sie in dieser Klarheit und Ausführlichkeit innerhalb der normalen Sonntagsverkündigung nicht möglich waren.Theodor Brandt: Evangelische Wochen, in: Evangelisches Kirchenlexikon, 1958, Bd. I, Sp. 1209.
Dabei zielte man besonders auf die Gebildeten. So hieß es in einem Rundschreiben des Reichsausschusses vom 14. Januar 1936: „Diese Veranstaltungen sind keine Unternehmen mit kulturpolitischer Zielsetzung, sondern wollen die christliche Botschaft in Lehre und Verkündigung in die Welt der Gebildeten tragen, um in ihr das Verantwortungsbewußtsein für die Kirche wachzurufen.“ Akten Bad Boll: Rundschreiben des Reichsausschusses vom 14.1.1936.
Die Evangelischen Wochen 1935–1937 1935 Den Auftakt bildete die erste Deutsche Evangelische Woche in Hannover vom 26. bis 30. August 1935, die einen glänzenden Verlauf nahm und überraschend stark besucht war. Man war sich bewusst, dass man auf Widerspruch der „Deutschen Christen“ stoßen würde. Doch verlief die großangelegte Propaganda für die Woche durch Tagungsprogramme, die auch den kirchlichen Zeitschriften beigelegt wurden, ohne besondere Zwischenfälle. Auch stieß man nicht auf eine offizielle Missfallenskundgebung seitens der nationalsozialistischen Regierung. Die Stadthalle von Hannover wurde freilich nicht zur Verfügung gestellt, so dass die Tagung in der Marktkirche und in der Neustädter Kirche abgehalten wurde. Es fanden sich 4000 Teilnehmer aus ganz Deutschland ein.
Die fünf Themen Die Predigt des Wortes Gottes; Das Bekenntnis von der Kirche; Die Bezeugung Gottes in der Kirche; Die christliche Botschaft im Leben des Volkes; Der Mensch vor Gott wurden durch Theophil Wurm, Paul Humburg, Karl Koch, Otto Riethmüller, Simon Schöffel, Hanns Lilje, August Marahrens, Willem Adolf Visser ’t Hooft, Karl Immanuel Immer, Hans Dannenbaum, Ernst Verwiebe, Hans Asmussen, Martin Haug, Friedrich Meinzolt, Martin Niemöller, Walter Künneth, Heinrich Rendtorff und Reinold von Thadden abgehandelt. Vgl. Eberhard Müller (Hrsg.): Wahrheit und Wirklichkeit der Kirche ..., Berlin 1935.
1936 Die zweite Evangelische Woche fand vom 1.–5. Januar 1936 in der Hamburger St. Petri-Kirche statt. Mit den aktuellen Vortragsthemen wandte man sich auch hier vorwiegend an die gebildeten Glieder der Kirche. Man referierte u. a. über Die natürliche Gebundenheit des Menschen (Karl Stoevesandt, Bremen); über Vererbung, Krankheit und Schuld (Werner Villinger, Bethel), um sich gegen den rassisch bedingten primitiven Biologismus der nationalsozialistischen Weltanschauung deutlich abzugrenzen. Theologische Grundsatzreferate über brennende Probleme wie Die biblische Lehre von der Erbsünde (Paul Althaus, Erlangen); Die Bindung des einzelnen an Staat und Kirche (Franz Irmer, Berlin); Kirche und Volk in der Missionserfahrung der Gegenwart (Walter Freytag, Hamburg); Die Möglichkeit christlicher Erziehung (Hans Asmussen, Bad Oeynhausen); Christus und die junge Generation (Manfred Müller, Stuttgart); Der Anteil der Kirche an dem Werk der Erziehung (Friedrich Delekat, Dresden); Der Angriff der Christusbotschaft (Martin Niemöller, Berlin); Recht und Amt der Laien in der Kirche (Reinold von Thadden) kamen hinzu.
Fast gleichzeitig wurde in der Leipziger Thomaskirche eine Evangelische Woche für Sachsen mit einem ähnlichen Programm durchgeführt. Es folgten Evangelische Wochen in Essen, Breslau, Stettin, Königsberg und Danzig. Hier stellten sich auch noch Paul Humburg, Karl Heim, Helmuth Schreiner, Hanns Lilje u. a. als Referenten zur Verfügung. Vgl. Zeitschrift Junge Kirche, Jahrgänge 1936–1938, im Register unter „Evangelische Woche“.
In Leipzig wurden bis 2000 Teilnehmer gezählt. Der Eröffnungsgottesdienst, den Hans Meiser hielt, war überfüllt. In Breslau wuchs die Teilnehmerzahl von 1000 Dauergästen abends bis auf 3000. In Stettin betrug die feste Teilnehmerzahl 650, die Bibelarbeit wurde meist von 700 bis 800 Teilnehmern besucht, der Nachmittags- und Abendbesuch stieg bis zu 2000. Die Evangelische Woche fand in ganz Pommern ein unerwartetes Echo.
In Königsberg wurden bis 2000 Besucher gezählt. Hierbei wurden einige grundsätzliche Linien neu herausgestellt: Die Singearbeit soll gut vorbereitet werden. Gemeinsame lockere Veranstaltungen sind anzustreben in der Form eines Ausfluges, der Besichtigung einer Anstalt oder als geselliges Beisammensein. Dringlich ist ein einheitliches Gesamtthema für die Evangelische Woche, die Stoffauswahl muss eingeschränkt werden. „Der Dreiklang der Tagung (Verkündigung – Zeugnis – Lehre) muß gut herausgearbeitet und jeder Redner auf seinen Typus festgelegt werden. Der Gesamtcharakter der Vorträge muß sich darin zeigen, daß die Verkündigung auf Gegenwartsfragen bezogen ist, sie darf niemals ohne ein angriffiges Element sein, muß also eine höhere Einheit von Apologetik und Evangelisation darstellen.“ Aus einer Niederschrift über die Mitarbeiterbesprechung der Evangelischen Wochen am 25.4.1936 in Berlin, Akten Bad Boll.
In einem undatierten Bericht vom Herbst 1936 heißt es: „In zwei Bezirken arbeiten seit einigen Wochen hauptamtliche Sekretäre der Evangelischen Woche ... In mehreren Städten sind Evangelische Abendwochen in Vorbereitung, die vor allem ... berufstätige Menschen erfassen wollen ... Die finanziellen Zuschüsse fließen aus den Mitgliedsbeiträgen des Vereins zur Förderung der Deutschen Evangelischen Wochen. Wir haben im Laufe des ersten Jahres insgesamt 1,1 Mill. Programme verbreitet, davon wurden über 100 000 in adressierten Umschlägen versandt.“
Der Dienst der Evangelischen Wochen hatte auch weiterhin ein erstaunliches Echo und schien für einige Zeit ungefährdet. In Wien veranstaltete die Evangelisch-theologische Fakultät eine Evangelische Woche, der sich sogar der Rundfunk mit der Übertragung eines Vortrages zur Verfügung stellte.
Die große Reichsveranstaltung der Deutschen Evangelischen Woche vom 24.–29. Juli 1936 in Stuttgart bildete einen Höhepunkt.Deutsche Evangelische Woche Stuttgart, in: Werner Humburg, Arno Pagel (Hrsg.): Es geschah in Barmen und Stuttgart 1936 ..., 1985, S. 33 ff. Fast 3600 Teilnehmer aus ganz Deutschland hatten sich eingefunden. Gäste kamen aus Österreich, England und den nordischen Staaten. Grüße und Wünsche ausländischer Kirchenführer, z. B. von dem schwedischen Erzbischof Eidem, den englischen Erzbischöfen von Canterbury und York, dem Lordbischof von Chichester bewiesen eine ökumenische Verbundenheit mit der bedrängten evangelischen Christenheit in Deutschland. Die Stifts- und Hospitalkirche waren immer voll, oft übervoll, und manchmal wurde eine Übertragung nach der Leonhardskirche erforderlich.Junge Kirche 1936, S. 776.
Als Leitgedanke stand über der Tagung das Thema Der Gott der Wahrheit. Die Eröffnungsgottesdienste hielten Theophil Wurm und Karl Koch. Die tägliche Bibelarbeit hatten Friedrich von Bodelschwingh und Paul Humburg übernommen. Es sprachen u. a. Karl Hartenstein, Basel; Walter Freytag, Hamburg; die Professoren Helmuth Schreiner, Rostock; Julius Schniewind, Kiel; Otto Procksch, Erlangen; Adolf Köberle, Basel; Wilhelm Vischer, Basel; Jakob Kroeker, Wernigerode; Udo Smidt; Wilhelm Busch, Essen; Hanns Lilje, Berlin; Julius Schieder, Nürnberg u. a. Die Woche war so aufgebaut, dass morgens biblische und theologische Vorträge stattfanden, nachmittags Berichte aus den Gemeinden erfolgten und abends Gemeindevorträge in einer Art öffentlicher Kundgebung geboten wurden.