Platform Capitalism (deutsch: Plattform-Kapitalismus) ist ein Sachbuch von Nick Srnicek aus dem Jahr 2016, erschienen im Polity-Verlag (deutsche Ausgabe 2018 bei der Hamburger Edition). Das Buch thematisiert aus US-amerikanischer Sicht die Digitale Transformation des Kapitalismus seit der globalen Finanzkrise in 2007/2008 und die durch monopolistische Unternehmen vorangetriebene Entwicklung von digitalen Plattformen als neues Geschäftsmodell.
Zusammenfassung Ausgangspunkt des Buches ist die Beobachtung, dass das 21. Jahrhundert ein Zeitalter massiver Veränderungen und Transformationen ist, welches neue Technologien und Wirtschaftsformen hervorbringt. Das Buch zielt darauf ab, bereits bestehende Perspektiven darüber durch eine Wirtschaftsgeschichte des Kapitalismus und der digitalen Technologie zu ergänzen. Der Digitalen Revolution, die auf Informationstechnologie, Daten und dem Internet basiert und Unternehmen, die zunehmend auf diesen Aspekten aufbauen, kommen dabei eine wachsende Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang diagnostiziert Srnicek die Entstehung von unternehmerischen Plattformen und die Durchsetzung eines Plattformkapitalismus. Mit Plattformen verweist Srnicek auf große monopolistische Unternehmen, welche ihr Augenmerk auf Daten richten, diese in Massen gewinnen, nutzen und kontrollieren und damit Dominanz in der Wirtschaft erlangen.
Die Kernthese des Buches lautet, dass der Kapitalismus infolge historischer Ereignisse seinen Erhalt nicht mehr auf traditionelle Weise sichern kann. Im Zuge der Entwicklungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat sich der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts zu einer Wirtschaftsform transformiert, die zunehmend auf Daten aufbaut und diese nutzt, um das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und damit einem trägen Produktionssektor entgegenzuwirken. Diese neue Logik des Kapitalismus mündet in der Entstehung von Plattformen als neues Geschäftsmodell.
Inhalt
The Long Downturn (S. 9–35) Im ersten Kapitel The Long Downturn (dt. = der lange Abschwung) beschreibt Srnicek die historische Entwicklung und wichtige Ereignisse des Kapitalismus seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Aus historischer Sicht sind gegenwärtige Tendenzen und Entwicklungen weniger radikal neu, als vielmehr einfache Kontinuitäten. Der heutige Kapitalismus ist nach wie vor eine von Konkurrenz und dem Streben nach Profit geprägte Wirtschaftsform. Er ist jedoch vor allem das Ergebnis seiner eigenen Geschichte und langfristiger Trends. Srnicek argumentiert, dass es im Wesentlichen drei Ereignisse in der jüngeren Geschichte des Kapitalismus gegeben hat, die für die aktuelle Konjunktur von Relevanz sind:
Die ökonomische Entwicklung nach Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die 1970er-Jahre führte zu einer Verschiebung hin zu flexiblen Arbeitsverhältnissen sowie schlanken Geschäftsmodellen: Der vorherrschende Fordismus und die Organisation von Arbeitsprozessen nach tayloristischen Prinzipien wurden durch den japanischen Toyotismus ersetzt und die globale Fertigung war geprägt durch einen anhaltenden internationalen Wettbewerb, Überproduktion sowie einem preislichen Abwärtsdruck. Weitere Entwicklungen waren Outsourcing als eine populäre Vorgehensweise und ein immenser und zunehmender Druck auf dem globalen Arbeitsmarkt. Daraus entstanden und seither beobachtbar ist ein säkularer Trend von Beschäftigungsformen, die zunehmend flexibel gestaltet sind und sich mit niedrigen Löhnen und einem erhöhten Druck durch das Management konfrontiert sehen. Ein weiteres Ereignis von besonderer Bedeutung war der Internet-Boom der 1990er-Jahre. Das Jahrzehnt war geprägt von hohen Aktienbewertungen, zahlreichen Unternehmensgründungen und finanziellen Spekulationen, die wiederum durch große Mengen an Risikokapital gefördert wurden. Zudem entwickelte sich der neue und riesige Telekommunikationssektor zum bevorzugten Finanzsektor. Das Streben nach einer Monopolstellung charakterisiert den Internetsektor damals wie heute. Die Reaktion auf einen erneuten Abschwung markierte den Beginn einer einfachen und anpassungsfähigen Geldpolitik, welche Srnicek als „asset-price Keynesianism“ bezeichnet. Dieses kapitalistische Wachstumsmodell kurbelt die Wirtschaft ohne defizitäre Staatsausgaben an. Vorläufig wirkte diese Niedrigzinspolitik und erleichterte weitere Investitionen in neue Dotcom-Unternehmen, letztlich mündete dieses spekulative Vorgehen jedoch in der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Das Vertrauen in eine anpassungsfähige Geldpolitik setzte sich jedoch auch nach dem Crash fort und begünstigte u. a. die Senkung von Hypothekenzinsen, welche die Bedingungen für eine erneute Blase im Immobiliensektor schuf. Die zentralen Errungenschaften dieser Zeit liegen in der Kommerzialisierung des Internets, der Einrichtung einer infrastrukturellen Basis für eine digitale Wirtschaft und in der Umstellung auf eine lockere und stark anpassungsfähige Geldpolitik als Reaktion auf wirtschaftliche Probleme, welche bis heute betrieben wird. Mit dem Platzen der Immobilienblase im September 2008 und dem Ausbruch einer globalen Finanzkrise kam es zu einer dritten wichtigen Entwicklung. Regierungen weltweit übernahmen die Last einer Erhöhung ihrer Defizite, um der Krise entgegenzuwirken. Daraus resultierte ein hohes Niveau an Staatsschulden nach der Krise, was viele Regierungen nach Jahrzehnten zunehmender Staatsdefizite in eine noch prekärere Lage versetzte. Infolgedessen etablierten sämtliche fortgeschrittenen kapitalistischen Nationen eine Sparpolitik zur Beseitigung und Reduktion von Defiziten. Die wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung der Finanzkrise war eine international koordinierte Leitzinssenkung durch sechs große Zentralbanken. Daraus etablierte sich eine niedrige Zinspolitik für die Weltwirtschaft, was eine der wichtigsten Bedingungen und Grundlagen für Teile der heutigen digitalen Wirtschaft darstellt. Seither ist Geldpolitik als Konjunkturmaßnahme für zahlreiche Regierungen der erste Weg einer Deflation entgegenzuwirken. Neben einer lockeren Geldpolitik lässt sich in den letzten Jahren eine Zunahme an Steueroasen, Unternehmenseinsparungen sowie ein wachsender und globaler Trend von Strategien der Steuervermeidung verzeichnen. Das Ergebnis sind weitere Einschränkungen der steuerlichen Konjunktur und ein größerer Bedarf an unorthodoxen Methoden der Geldpolitik. Steuerhinterziehung, Sparsamkeit von Unternehmen und der Politik sowie eine unkonventionelle Geldpolitik verstärken sich dabei gegenseitig.
Diese Entwicklung des Kapitalismus ging für Beschäftigte mit erschwerten Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt einher. Verstärkt durch die Krise ist die Beschäftigungssituation der derzeitigen Wirtschaftslage in weiten Teilen durch prekäre und informelle Arbeit sowie durch Langzeitarbeitslosigkeit geprägt. Auf die verbleibenden Beschäftigten baut sich hingegen ein immer stärkerer Druck auf, u. a. in Form von geringeren Löhnen, sinkenden Ersparnissen und wachsender Verschuldung. Aus der Notwendigkeit, ein gesichertes Einkommen zu erlangen, sind Arbeitnehmer in hohem Maße anfällig für ausbeuterische Arbeitsbedingungen geworden.
Platform Capitalism (S. 36–92) Das zweite Kapitel Platform Capitalism beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern der Kapitalismus in Folge der Finanzkrise einem Wandel unterliegt. Der fortschrittliche Kapitalismus des 21. Jahrhunderts – darin liegt laut Srnicek der Kern seiner Transformation – zentriert sich auf die Gewinnung und Verwendung eines speziellen Rohmaterials: Daten. Diese werden aus Aktivitäten von Benutzern gewonnen und können auf vielfältige Weise genutzt werden. Neu ist, dass datenbasierte Technologie und Kommunikation im 21. Jahrhundert sehr billig und einfach geworden ist. Zudem steht eine nie zuvor da gewesene Datenmasse zur Verfügung. Verwendung finden Daten zum Beispiel für die Optimierung von Produktionsprozessen oder um Präferenzen von Kunden einzusehen. Damit sind sie eine zentrale Ressource für Unternehmen und den Kapitalismus geworden. Relevanz gewannen sie primär durch die Ausbreitung des Internets und die zunehmende Abhängigkeit von Unternehmen von digitaler Kommunikation. Traditionelle Geschäftsmodelle sind jedoch wenig für die Extraktion und Nutzung von Daten geeignet. Deshalb ist schließlich ein neues und mächtiges Geschäftsmodell entstanden: die Plattform. Plattformen ermöglichen die Monopolisierung, Gewinnung, Analyse, Nutzung und den Verkauf von Daten und sind, so Srnicek, ein neuer Typ von Unternehmen und das ideale Geschäftsmodell für die Gewinnung und Kontrolle von Daten. Zahlreiche Unternehmen integrieren Plattformen bereits in ihr Geschäftsmodell, darunter Google, Facebook und Amazon.
Plattformen fungieren als digitale Infrastruktur, die die Interaktion von zwei oder mehr Gruppen ermöglicht. Sie positionieren sich als Vermittler, die verschiedene Benutzer zusammenbringen: Kunden, Werbetreibende, Dienstleister, Produzenten, Lieferanten und physische Objekte. Einzige Voraussetzung für Plattformen ist digitale Interaktion. Der entscheidende Vorteil gegenüber traditionellen Geschäftsmodellen liegt darin, dass sich eine Plattform zwischen den Nutzern positioniert. Dadurch agiert sie gleichzeitig als Betätigungsebene, auf welcher Benutzer aktiv sind und somit Daten generiert werden. Dies verschafft Plattformen einen privilegierten Zugang zu diesen Daten. Die Tendenz, dass immer mehr Industrien ihre Dienste und Interaktionen online stellen, fördert die Entwicklung von Plattformen.
Charakteristiken von Plattformen sind die Produktion von Netzwerkeffekten, ihre natürliche Tendenz zu Monopolisierung und die Anwendung von Quersubventionierung. Seinen Benutzern präsentiert sich eine Plattform zumeist als reine Interaktionsfläche. Dahinter stehen jedoch zahlreiche Regeln, die von den Plattformbesitzern festgelegt werden, die die Produkte, Dienste oder Interaktionsmöglichkeiten der Nutzer gemäß den Interessen der Plattformbesitzer formen und ausgestalten. Daher erhalten Plattformen nicht nur exklusiven Zugang zu Daten, sondern auch Kontroll- und Steuerungsmöglichkeiten über ihre Nutzer und deren Interaktionen. Besitz einer Plattform bedeutet im Wesentlichen Besitz von Software und Hardware. Für den Kapitalismus bedeutet diese Entwicklung vor allem die Konzentration von Eigentum. Dabei sind Plattformen nicht nur im bloßen Besitz von Daten oder Informationen, sondern werden zu Eigentümern der Infrastruktur der Gesellschaft. Diese Entwicklung verweist auf eine wichtige Verschiebung in der Art und Weise, wie kapitalistische Unternehmen sich betätigen. Die digitale Technologie ermöglichte es, dass Plattformen als Mittel zur Führung und Kontrolle der Industrie entstanden sind. Zudem haben sie eine Verschiebung von Produkten zu Dienstleistungen bewirkt.
Srnicek stellt unterschiedliche Plattformtypen vor und zeigt, wie vielfältig Daten von Unternehmen eingesetzt und genutzt werden, um Einnahmen zu generieren. Für alle ist das Sammeln von immensen Datenmengen jedoch zentral und die Plattform selbst bietet dafür das ideale Instrumentarium. Oftmals vereint ein Unternehmen mehrere Typen in sich, Unterscheidungen sind daher analytischer Natur.
Advertising Platforms Advertising Platforms (dt. = Werbeplattformen) konzentrieren sich auf Werbung als Einnahmequelle und sind derzeit die erfolgreichste Art von Plattform mit hohen Einnahmen und signifikanten Gewinnen. Zudem legten sie den Grundstein des neuen Geschäftsmodells Plattform. Zwar werden Daten genutzt, um Dienste für Kunden und Nutzer zu verbessern, allerdings werden dadurch keine Einnahmen generiert. Kostenpflichtige Dienstleistungen wiederum riskieren den Verlust der Nutzer, die die Basis jeden Erfolgs darstellen. Um Nutzern kostenfreie Dienste anbieten zu können, sie dadurch zu binden und Netzwerkeffekte hervorzurufen, verkaufen Werbeplattformen gezielt Werbeflächen an Werbetreibende und sichern sich auf diese Weise ihre Einnahmequelle.