mini|hochkant=1.2|Die Ruine des Forumstempels in Évora. Offensichtlichstes Zeugnis der römischen Vergangenheit der Stadt. Ebora Liberalitas Julia war ein römisches Municipium, aus dem die heutige portugiesische Distrikthauptstadt Évora in der Region Alentejo hervorging. Während der Namensbestandteil „Ebora“ auf eine keltiberische Höhenbefestigung im Bereich des späteren Municipiums oder in dessen Nähe deutet, stammen erste archäologische Zeugnisse für eine Besiedlung auf dem Gebiet des Municipiums erst vom Beginn der römischen Kaiserzeit. Évora lag in der römischen Provinz Lusitania. Von der römischen Geschichte Évoras zeugen noch heute die Ruinen des Forumstempels und Reste der spätantiken Stadtmauer. Zudem erbrachten in den letzten Jahrzehnten zahlreiche archäologische Untersuchungen weitere Erkenntnisse über das antike Évora. Nach der Einwanderung germanischer Gruppen am Ende der römischen Herrschaft auf der iberischen Halbinsel und der Errichtung einer westgotischen Vorherrschaft, sowie der Eroberung durch die Mauren scheint Évora durchgehend genutzt worden zu sein. Im Hoch- und Spätmittelalter erlangte Évora Bedeutung als Bischofssitz und Wahlstätte der portugiesischen Könige. Das historische Zentrum Évoras wurde 1986 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen.
mini|hochkant=2.6|Plan des römischen Municipiums Ebora Liberalitas Iulia im 4. Jahrhundert n. Chr. im heutigen Évora. Lage Das heutige Évora liegt in der Region Alentejo in Zentralportugal, im Distrikt Évora, ungefähr 110 km östlich von Lissabon. Das römische Municipium lag im Bereich der heutigen Altstadt auf einer Erhebung, die sich etwa 60 m über die umgebende Ebene des Alentejo und etwa 300 m über dem Meeresspiegel erhebt. Die Stadt wird im Osten von einem Zufluss des Flusses Sado umflossen. Das Forum und der römische Podiumstempel befinden sich im höchsten Bereich des Stadtberges in der Nähe der heutigen Kathedrale und auf dem Vorplatz des Palácio da Inquisição.Theodor Hauschild: Évora. Vorbericht über die Ausgrabungen am Römischen Tempel 1989–1992. Die Konstruktionen. In: Madrider Mitteilungen Bd. 35, 1994, S. 314–315. Während der römischen Herrschaft bildete Évora einen Knotenpunkt im Straßennetz zwischen den wichtigen römischen Städten Augusta Emerita (Mérida), Felicitas Iulia Olisipo (Lissabon) und Pax Iulia.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 3.
Forschungsgeschichte Anfänge Von besonderer Bedeutung für die Erforschung der Geschichte Évoras ist die Untersuchung des Umfeldes der Tempelruine. Anfänge der Wahrnehmung der römischen Baureste als geschichtliche Zeugnisse liegen bereits im beginnenden 18. Jahrhundert. Ein Text von Padre M. Fialho aus dem Jahre 1702 ordnet den Tempel der Göttin Diana zu. Er stützt sich dabei offenbar auf ältere Quellen, die jedoch keine weitere Erwähnung finden. Als Grund für diese Annahme führte er eine von ihm vermutete Verbindung mit dem römischen Feldherrn Sertorius und dessen legendärer Verbundenheit zu Diana an.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 16.
In einem Reisebericht des englischen Architekten James Murphy aus dem Jahre 1789 wurde das erste Mal der Baubestand des Tempels genauer erwähnt. Murphy erkannte das Bauwerk schon damals als peripteralen Tempelbau. Auf diesen Zeichnungen fehlt allerdings das große Podium, auf dem der Tempel steht. 30 Jahre später wird dieses auf Zeichnungen von Carlos van Zellen sichtbar.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 19–21.
Frühe Archäologie 1845 wurden unter der Leitung von Cunha Rivára, seinerzeit Direktor der Stadtbibliothek und Historiker, Ausgrabungen im sogenannten Atrium des Tempels durchgeführt. Dabei wurden Statuenfragmente und Bruchstücke einer Inschriftenbasis gefunden. Der Bericht dieser Ausgrabungen wurde allerdings erst 1990 von C. Fabião wiederentdeckt und 1994 in Auszügen vorgelegt. Ebenso wurden Inschriftenreste von einem Statuensockel vor dem Tempel durch Géza Alföldy ausgewertet. Weitere Grabung waren zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht möglich.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 16–21.
Von besonderer Bedeutung sind fotografische Aufnahmen aus den 1870er Jahren, die den Tempel in seinem Zustand kurz nach der langjährigen Nutzung als Schlachthaus zeigen.Theodor Hauschild: Der römische Tempel von Evora (Alto Alentejo) und die Villa von Milreu, Estoi (Algarve). In: Hermanfrid Schubard u. a. (Hrsg.), Funde in Portugal. Muster-Schmidt Verlag, Göttingen, Zürich 1993, S. 160. Da auf diesen Bildern noch gut die aufgemauerten Wände zwischen den Säulen erkennbar sind, lassen sich daraus Schlüsse zur Baugeschichte ziehen.
Moderne Archäologie Im Jahre 1982 wurde durch die Lissabonner Außenstelle des Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts eine vollständige Bauaufnahme des Tempels begonnen. Dies geschah im Rahmen eines Programmes zur Erforschung antiker Städte und wurde im Rahmen jährlicher Kampagnen durchgeführt. Im selben Jahr erfolgte auch eine erste typologische Bestimmung des Tempels, basierend auf Untersuchungen von Antonio García y Bellido. Ziel dieser Untersuchungen war es, die Besonderheit des Bautyps von Tempeln auf der iberischen Halbinsel zu erforschen und den Zusammenhang zum römischen Stadtgebiet herzustellen.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 24–25.
mini|hochkant=1.4|Grabungen vor der Tempelruine 1990. Nach Beendigung der Bauaufnahme wurden insgesamt sieben Grabungen zwischen 1987 und 1995 vom Deutschen Archäologischen Institut, der Facultad de Arquitectura da Universidade Tecnica de Lisboa und dem Serviço Regional de Arqueologia Zona Sul unter der Leitung von Theodor Hauschild veranlasst.Felix Teichner: Evora. Vorbericht über die Ausgrabungen am römischen Tempel (1986–1992). Stratigraphische Untersuchungen und Aspekte der Stadtgeschichte. In: Madrider Mitteilungen Bd. 35, 1994, S. 337. Anfangs deckte man große Flächen auf, allerdings wurde schnell ersichtlich, dass wegen rezenter Eingriffe (zum Beispiel elektrischer Kabel) ein Vorgehen in kleineren Grabungsabschnitten sinnvoller war. So war es möglich, Mauerverläufen in kleinen Abschnitten zu folgen und einen gesamten Grabungsplan zu erstellen.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 139.
1987 wurden Mauerreste quer vor dem Tempel gefunden. Bei systematischen Nachgrabungen zwischen 1990 und 1992 konnten so die ungefähren Ausmaße des Forumsplatzes erahnt werden. Bei Umbauten im Museum im Jahr 1993 gab es die Möglichkeit, einige Sondagen als Voruntersuchungen durchzuführen, die dann 1995 unter der Leitung von Ana Gonçalves bei weiteren Bauarbeiten im Museum ergänzt wurden. Die maßgebliche Aufarbeitung der Stratigraphie für Forum und Tempel sowie der zugehörigen Funde erfolgte durch Felix Teichner.Felix Teichner: Evora. Vorbericht über die Ausgrabungen am römischen Tempel (1986–1992). Stratigraphische Untersuchungen und Aspekte der Stadtgeschichte. In: Madrider Mitteilungen Bd. 35, 1994, S. 336–358; Felix Teichner: Die mittelalterliche und neuzeitliche Fundkeramik aus den Grabungen des Deutschen Archäologischen Institutes in Évora (Alentejo, Portugal). In: Madrider Mitteilungen Bd. 47, 2006, S. 295–409; Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017.
Bei früheren, kleiner angelegten archäologischen Untersuchungen im Zuge von Baumaßnahmen konnten südwestlich des früheren Forums Reste der öffentlichen Thermenanlagen aufgedeckt werden. Bei Untersuchungen im Südwesten der spätantiken Stadtmauer wurden zudem Reste der römischen Wohnbebauung entdeckt.
In den Jahren 2007 und 2009 fanden weitere baubegleitende Untersuchungen im weiteren Umfeld des ehemaligen Forums statt, deren Ergebnisse bislang unveröffentlicht blieben.
Geschichte Vorgeschichte Zahlreiche Menhire und Großsteingräber im Umland von Évora weisen auf eine Besiedlung des Gebietes bereits in der Jungsteinzeit hin, so etwa die Megalithgräber des Vale de Rodrigo.Philine Kalb und Martin Höck: Untersuchungen im Megalithgebiet von Vale de Rodrigo, Concelho Évora, Portugal. In: Madrider Mitteilungen Bd. 38, 1997, S. 1–20. Der keltisch geprägte Name „Ebora“, der sich auch an anderen Stellen der iberischen Halbinsel findet, deutet auf eine vorrömische Höhensiedlung im Bereich des späteren Municipiums. Archäologische Beweise für eine vorrömische Besiedlung des Stadtberges konnten aber bislang nicht erbracht werden.
Römische Republik und Kaiserzeit mini|hochkant=1|„Ebora“ in einer Rekonstruktion der Tabula Peutingeriana. Die frühen römischen Aktivitäten auf der iberischen Halbinsel beschränkten sich auf die zuvor teilweise von Griechen und Puniern besiedelten Gebiete entlang der Süd- und Ostküste. Das Gebiet des heutigen Alentejo geriet wohl erst um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. unter römische Kontrolle.A. R. Disney: A History of Portugal and the Portuguese Empire. From Beginnings to 1807 I. Portugal, Cambridge u. a., Cambridge University Press 2009, S. 20 f.
Der Namenszusatz „Iulia“ im römischen Namen Évoras wurde als Anlass genommen, die Entstehung des Municipiums mit den Juliern, ihrem Vertreter Gaius Iulius Caesar und dessen Sieg im Jahre 45 v. Chr. über seinen Widersacher Gnaeus Pompeius Magnus in Verbindung zu bringen. Da deutliche Spuren von umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen aus dieser Zeit aber auch im Umland fehlen, gilt es als wahrscheinlicher, dass Évora erst nach der endgültigen Befriedung der iberischen Halbinsel unter Octavian 36 v. Chr. zum Municipium erhoben wurde. Der Namenszusatz „Liberalitas Iulia“ ist in diesem Zusammenhang als ein Hinweis auf den Frieden zu interpretieren.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 1–3. Eine erste Erwähnung des Namens des Municipiums findet sich in einer Städteliste der Hispania in der Historia Naturalis Plinius des Älteren (entstanden um 77 n. Chr.).Plinius der Ältere, Naturalis historia 4, 117.
Die ursprüngliche Stadtanlage war vermutlich rasterartig angelegt. Von den stadttypischen, öffentlichen Bauten aus dieser Zeit konnten bislang nur das Forum und der zugehörige Tempel sowie eine Thermenanlage eindeutig nachgewiesen werden. Andere anzunehmende Bauten, wie zum Beispiel ein Amphitheater, Aquädukt oder eine erste Stadtmauer, wurden bislang nicht gefunden. Zudem verfügte Évora wohl schon früh über eine Münzstätte. Für die Folgezeit sind in Evora und Umgebung verschiedene bedeutende Familien der römischen Aristokratie nachweisbar, so zum Beispiel die Iulii, Calpurnii, Canidia und die Catinia.Theodor Hauschild, Felix Teichner: Der römische Tempel in Évora (Portugal). Bauaufnahme, Ausgrabung, Wertung. Wiesbaden 2017, S. 3–5.
Spätantike mini|Das heutige Stadtwappen Évoras.