Als Kölner Schule wird eine Theorieströmung in der Soziologie bezeichnet, die auf den deutschen Soziologen René König (1906–1992) zurückgeht. Neben der Frankfurter Schule und der Leipziger Schule zählt sie zu den drei wichtigsten Theorieschulen der westdeutschen Nachkriegssoziologie. Besondere Bekanntheit erlangte sie auf dem Gebiet der empirischen Sozialforschung. Aus ihr ging außerdem die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie hervor, die heute als wichtigste Fachzeitschrift der Soziologie im deutschen Sprachraum gilt.
Die Formierung der Kölner Schule mini|Siegel der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
Geschichte und Entstehung Die Geschichte der Soziologie in Köln begann mit dem Kölner Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften. Hier wurden die Grundsteine für die Entstehung einer Kölner Schule gelegt.
Das Kölner Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften (heute: Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS)) wurde 1918 gegründet und war somit das erste Forschungsinstitut in Deutschland, das sich nur den Sozialwissenschaften widmete. Die erste zentrale Figur der Kölner Soziologie war Leopold von Wiese. Er leitete zusammen mit Max Scheler von Beginn an die soziologische Abteilung des Instituts, hatte allerdings gleichzeitig seit 1914 eine Professur an der Handels-Hochschule in Köln inne und wurde 1919 zum ordentlichen Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften und für Soziologie an die wiedergegründete Universität zu Köln berufen. Auch bei dieser Professur handelte es sich um die erste ihrer Art in Deutschland.Heine von Alemann: Leopold von Wiese und das Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften in Köln 1919 bis 1934. In: Wolf Lepenies (Hrsg.): Geschichte der Soziologie. Band 2, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981, ISBN 3-518-07967-0, S. 349–389.
Das primäre Ziel der Arbeit von Wieses war „die Schaffung einer klar umrissenen Einzelwissenschaft und des entsprechenden Lehrfaches der Soziologie.“Leopold von Wiese: Erinnerungen. Westdeutscher Verlag, Köln/Opladen 1957, S. 53. Diesem Ziel ging er nach, indem er reine Grundlagenforschung betrieb. Das Resultat seiner Arbeit findet sich in seiner Beziehungs- und Gebildelehre, die eine kategorienreiche Systematik für soziale Prozesse und soziale Gebilde darstellt und die letztendlich eine Tafel der menschlichen Beziehungen zum Ergebnis hat, die auf Vollständigkeit abzielt.Karl Lenz: Handbuch persönliche Beziehungen. Juventa-Verlag, Weinheim/München 2009, ISBN 978-3-7799-0792-3, S. 36–38. Die Rezeption dieser Typologisierung hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Soziologie erfolgte sehr unterschiedlich; seit der Zeit des Nationalsozialismus spielte die Theorie jedoch keine erhebliche Rolle mehr für die Soziologie.Edward Shils fällt 1975 über von Wieses Soziologie ein hartes Urteil: „Zum Glück für die deutsche Soziologie jedoch waren von Wieses Ideen nicht entwicklingsfähig. Er befasste sich primär mit Nomenklatur und Klassifizierung […].“ (Edward Shils: Geschichte der Soziologie: Tradition, Ökologie und Institutionalisierung. In: Talcott Parsons u. a.: Soziologie autobiographisch – drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft. Enke, Stuttgart 1975, ISBN 3-423-04160-9, S. 69–146.) Erwin Scheuch kommt zur gleichen Zeit zu einem weitaus milderen Urteil. Für ihn handelt es sich dabei „um den bisher systematischsten Entwurf einer allgemeinen Soziologie, ungleich systematischer als der von Talcott Parsons“, wobei er weiterhin eingesteht „– allerdings auch ungleich inhaltsleerer.“ (Erwin Scheuch, Thomas Kutsch: Grundbegriffe der Soziologie. Band 1: Grundlegung und elementare Phänomene. Teubner, Stuttgart 1975, ISBN 3-519-10020-7, S. 279.) Dahingegen sind die Begründung der Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie im Jahr 1921 (heute: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie) sowie die Präsidentschaft der Deutschen Gesellschaft für Soziologie ab 1946, deren Schriftführer er bereits ab 1919 war, umso bedeutender für die heutige Soziologie.
Obwohl von Wiese in vielen Aspekten eine Vorreiterrolle in der deutschen Soziologie einnahm, spricht man heute nicht von einer Schulenbildung durch von Wiese. Weder von Wieses Soziologie noch seine Schüler erfahren in der aktuellen Soziologie eine besondere Prominenz oder Relevanz. Dass man von einer Kölner Schule spricht, begründete sich erst in der Person René Königs, der im Jahr 1949 von Wieses Lehrstuhlnachfolger wurde.
Die 1950er Jahre galten als Zeit der Neubegründung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg. Es entstanden Hauptfachstudiengänge und Forschungseinrichtungen, die sich ausschließlich der Soziologie widmeten. Zur Etablierung der Soziologie als eigenständige Einzelwissenschaft trug René König entscheidend bei, indem er eine Soziologie konzeptualisierte, die von vielen anderen Disziplinen, Denksystemen und Doktrinen sorgsam getrennt und dadurch „nichts als Soziologie ist“René König (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Soziologie. Fischer, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-596-40010-4. S. 8.. Die außerordentliche theoretische wie methodische Fundierung sowie die internationale Ausrichtung seiner Soziologie stach in der Nachkriegsgeneration hervor.Rainer Lepsius: 1. Teil: Zur Entwicklungs- und Ideengeschichte – Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1967. In: Deutsche Soziologie seit 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug. (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 21). Westdeutscher Verlag, Opladen 1979, ISBN 3-531-11479-4, S. 25–70. Dabei sind es besonders die empirischen Methoden der Sozialforschung, mit denen die Kölner Schule zu dieser Zeit, wie auch heute noch, assoziiert wird.
In den 1960ern war das öffentliche Interesse hauptsächlich auf die Frankfurter Schule und den berühmten Positivismusstreit gerichtet, während sich die empirischen Methoden im Hintergrund weiterentwickelten. Erst in den 1970er Jahren fiel das Augenmerk wieder auf die neuen Forschungsmethoden, auch dank fortschreitender Computertechnologie, die mitunter weiterhin aus Köln hervorgingen, z. B. in Form des erstmals 1962 von René König herausgegebenen Handbuchs der empirischen SozialforschungRené König (Hrsg.): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Band 1, Enke, Stuttgart 1962., das in den Folgejahren erweitert und mehrmals neu aufgelegt wurde.Rainer Lepsius: 1. Teil: Zur Entwicklungs- und Ideengeschichte – Die Entwicklung der Soziologie nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 bis 1967. Deutsche Soziologie seit 1945. Entwicklungsrichtungen und Praxisbezug. (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 21). Westdeutscher Verlag, Opladen 1979, ISBN 3-531-11479-4, S. 25–70, hier S. 51–52.
Lehre Hervorstechend an der Lehre René Königs und seiner Kölner Schule war die fachliche Breite und die Vielzahl der aufgegriffenen Themen in einer sich neu konstituierenden Soziologie der Nachkriegszeit. Verbunden werden kann René Königs Soziologie inhaltlich insbesondere mit der französischen Theorie und der Traditionslinie der Durkheim-Schule, amerikanischen Einflüssen aus der Chicagoer Schule sowie diversen Anknüpfpunkten der deutschen Soziologie der 1920er und Anfang der 1930er Jahre. Sein Schaffen war außerdem von der strukturfunktionalistischen Ethnologie in Anschluss an Richard Thurnwald begleitet, der zu den Lehrern Königs in Berlin zählte. Methodologisch stand König wie kein anderer Nachkriegssoziologe für die empirische Sozialforschung und dabei im Speziellen für quantitative Methoden.Stephan Möbius: René König und die „Kölner Schule“. Eine soziologiegeschichtliche Annäherung. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-08182-9, S. 55–60.
Stephan Moebius sieht den zentralen Punkt in Königs Lehre in der Kerntriade Person – Gesellschaft – Kultur, also in seiner (mitunter auch vergleichenden) Kultursoziologie. Diese war stark geprägt von den Einflüssen der französischen Theorie und den Kulturbegriffen Durkheims.Siehe dazu auch: René König (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Soziologie. Fischer, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-596-40010-4. Stichwort: Person (S. 241), Stichwort: Gesellschaft (S. 104), Stichwort: Kultur (S. 159). Zentral für sein Verständnis von Kultursoziologie war das sogenannte cultural lag. Für König bestand die Aufgabe des Soziologen darin, ein cultural lag zu erkennen und ihm weiterhin entgegenzuwirken, indem kulturelle Orientierungen, Denk- und Wahrnehmungsschemata den entsprechenden technologischen Prozessen angepasst werden. Damit gehörte er zu den Soziologen, die die Aufgabe der Soziologie weniger in bloßer Diagnose und Kulturkritik sehen, als vielmehr in der aktiven Verbesserung der Lebenswelt der Individuen.Stephan Möbius: René König und die „Kölner Schule“. Eine soziologiegeschichtliche Annäherung. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-08182-9, S. 60–65. Auch „die Entstehung eines gesamtgesellschaftlichen Selbstbewußtseins“ sah König „mehr und mehr von der sozialwissenschaftlichen Forschung abhängig.“René König (Hrsg.): Das Fischer Lexikon Soziologie. Fischer, Frankfurt a. M. 1980, ISBN 3-596-40010-4, S. 157 (Stichwort: Komplexe Gesellschaften).
Prägend war die Durkheim-Schule für die Kölner Schule auch in vielen weiteren Aspekten. So sah König die Soziologie in den 1970er Jahren weniger als Wissenschaft in der Krise denn als Krisenwissenschaft und sprach sogar von der Soziologie als Königsdisziplin in Krisenzeiten. Das zeigt sich auch in der Konzeption seiner Soziologie als kritische Soziologie, die verantwortlich für Kritik, Opposition und Reform gemacht wird – allerdings immer auf Basis rationaler Erkenntnisse, wie es auch für Durkheim selbstverständlich war. In seiner Autobiografie schreibt König: So „repräsentiert heute der Soziologe jenen StachelSokrates bezeichnet sich in der Apologie des Sokrates von Platon selbst als Stachel (auch: Sporn) im Fleisch der Athener. Platon: Des Sokrates Verteidigung (Apologie), 30e, abgerufen am 15. Juni 2017., von dem Sokrates sprach, und der nicht nur das Denken antreibt, sondern es zugleich auf den Weg der Wahrheit bringt.“René König: Leben im Widerspruch – Versuch einer intellektuellen Autobiographie. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1984, ISBN 3-548-35197-2, S. 195. Außerdem musste eine gute Soziologie für König den Regeln der soziologischen Methode folgen. Theorie, Methode und Praxis bilden eine untrennbare Einheit und müssen immer als ein Ganzes verstanden und betrachtet werden.Stephan Möbius: René König und die „Kölner Schule“. Eine soziologiegeschichtliche Annäherung. Springer VS, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-658-08182-9, S. 68–72.