Übergangsarbeitsmärkte sind Institutionen, welche risikoreiche Phasen bzw. Übergänge im Erwerbsleben einer Person, wie etwa den Wechsel von Vollzeit- in Teilzeitbeschäftigung, absichern. Das Konzept geht auf den Wirtschaftswissenschaftler Günther Schmid zurück, der den Begriff in den 1990er Jahren prägte. Übergangsarbeitsmärkte sind im Bereich der Sozialpolitik bzw. der aktiven Arbeitsmarktpolitik zu verorten. Hintergrund sind Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, welche zunehmend von Flexibilisierung, Unstetigkeit und Risikophasen für den Arbeitnehmer geprägt sind.
Das Konzept der Übergangsarbeitsmärkte Günther Schmid beschreibt die Folgen der Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt unter anderem mit den Phänomenen der zunehmenden Übergangsbeschäftigung und Übergangsarbeitslosigkeit. Ersteres meint die starke Abweichung von einer 30-Stunden-Arbeitswoche, etwa durch den Wechsel von Vollzeit- in Teilzeitarbeit, bedingt durch biografische Ereignisse eines Erwerbstätigen. Letzteres meint eine zeitlich begrenzte Phase der Erwerbslosigkeit, beispielsweise aufgrund einer Überbrückungszeit zwischen zwei Beschäftigungsverhältnissen.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 129. Bei solchen und weiteren Übergangsphasen setzt der Begriff der Übergangsarbeitsmärkte an.
Definition und Begriffserklärung Übergangsarbeitsmärkte lassen sich definieren als institutionelle Arrangements, die risikoreiche Übergangsphasen („Statuspassagen“) im gesamten Erwerbsleben einer Person regeln, begünstigen und absichern.Günther Schmid: Aktivierung der Arbeitsmarktpolitik: Flexibilität und Sicherheit durch Übergangsarbeitsmärkte. In: Jürgen Gabriel, Michael Neugart (Hrsg.): Ökonomie als Grundlage politischer Entscheidungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2001, S. 161–187, hier S. 178.
Laut Schmid sind Übergangsarbeitsmärkte idealtypisch durch die folgenden Eigenschaften gekennzeichnet: „Sie sind Brücken zwischen Erwerbsarbeit und anderen produktiven Tätigkeiten, sie sind durch Tarifverträge und Recht oder Gesetz abgesichert, sie kombinieren niedrige oder unstetige Lohneinkommen mit Transfers oder Vermögenseinkommen, und sie finanzieren Arbeit statt Arbeitslosigkeit.“Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 130. Die Idee hinter dem Begriff der Übergangsarbeitsmärkte ist an sich also nicht neu.Günther Schmid: Aktivierung der Arbeitsmarktpolitik: Flexibilität und Sicherheit durch Übergangsarbeitsmärkte. In: Jürgen Gabriel, Michael Neugart (Hrsg.): Ökonomie als Grundlage politischer Entscheidungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2001, S. 161–187, hier S. 183. Es geht darum, Sozialpolitik so zu gestalten, dass sie Menschen in verschiedenen kritischen Phasen ihres Erwerbslebens Sicherheit und Unterstützung bietet. Es wird allerdings auch erkennbar, dass die Übergangsarbeitsmärkte nicht lediglich die Sicherheit eines bestimmten Arbeitsplatzes gewährleisten sollen oder können, sondern gewissermaßen Unsicherheit absichern sollen. Dies erscheint zunächst paradox. Tatsächlich treten solch unsichere, risikoreiche Übergangsphasen derzeit aber immer häufiger auf und bedürfen einer sozialen Absicherung.Günther Schmid: Aktivierung der Arbeitsmarktpolitik: Flexibilität und Sicherheit durch Übergangsarbeitsmärkte. In: Jürgen Gabriel, Michael Neugart (Hrsg.): Ökonomie als Grundlage politischer Entscheidungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2001, S. 161–187, hier S. 177 f. Anders ausgedrückt sollen Übergangsarbeitsmärkte also nicht Arbeitsplatzsicherheit, sondern eine flexible Beschäftigungssicherheit herstellen.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 135. Das Konzept verwirklicht somit das Prinzip der Flexicurity, also einem Zusammenspiel von Flexibilität und Sicherheit.
Zentrale Übergangsphasen im Erwerbsleben Schmid trifft eine systematische Unterscheidung von fünf verschiedenen Arbeitsmarktübergängen, welche es durch Übergangsarbeitsmärkte abzusichern gilt. Solche Übergänge treten an den Schnittstellen zwischen dem Arbeitsmarkt, der Arbeitslosigkeit, dem Bildungssystem, den privaten Haushalten und der Rente auf. Es entstehen somit die folgenden Übergangsphasen: Übergänge zwischen Kurz- und Vollzeitbeschäftigung oder selbständiger und abhängiger Beschäftigung, Übergänge zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung, Übergänge zwischen Bildung (Ausbildung bzw. Weiterbildung) und Beschäftigung, Übergänge zwischen privater und beruflicher Tätigkeit, Flexible Übergänge zwischen Arbeit und Rente.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 139.
Beispiele für Übergangsarbeitsmärkte Für diese verschiedenen Übergangsphasen nennt Schmid exemplarisch bereits umgesetzte sowie denkbare weitere Maßnahmen im Sinne von Übergangsarbeitsmärkten:
Dazu gehören etwa für Übergänge zwischen verkürzter und vollzeitiger Beschäftigung das Kurzarbeitergeld oder auch Sabbaticals mit Rückkehrgarantie, welche in dieser Zeit Arbeitsplätze für andere Personen frei werden lassen. Außerdem sind hier Ansätze wie die Viertagewoche oder verstärkte Anreize zum Freizeitausgleich von Überstunden denkbar.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 142 f.
Beim Übergang von Arbeitslosigkeit in die Beschäftigung sind beispielsweise Existenzgründungen für Arbeitslose, Eingliederungshilfe für Langzeitarbeitslose, berufliche Rehabilitation und halbgeschützte Arbeitsplätze für Ältere oder Behinderte nennenswerte Brücken.
Bei Massenentlassungen können zur Abwehr drohender Arbeitslosigkeit und zur Qualifizierung Transfergesellschaften bzw. Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaften eingerichtet werden.
Beim Übergang zwischen (Weiter-)Bildung und Arbeit ist das Prinzip der Jobrotation interessant, bei dem Beschäftigte eine externe Weiterbildung erhalten und bislang Arbeitslose dafür an ihre Stelle treten.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 144. Die Maßnahme der Jobrotation tangiert also auch Übergänge zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung.
Übergangsphasen zwischen privaten Tätigkeiten und Beruf hängen meist mit der Familienplanung zusammen. Hier wären beispielsweise die Individualisierung von Elternurlaubsansprüchen, Lohnersatzraten, eine flexible Inanspruchnahme der Urlaubszeit über mehrere Jahre hinweg, ein Recht auf Teilzeitarbeit mit einem Recht auf Rückkehr zu Vollzeit oder auch das Recht auf ein Sabbatical im Lauf der Erwerbskarriere hilfreich.Günther Schmid: Übergangsarbeitsmärkte im kooperativen Sozialstaat: Entwicklungstendenzen der Arbeitsmarktpolitik in Europa. In: Winfried Schmähl, Herbert Rische (Hrsg.): Wandel der Arbeitswelt – Folgerungen für die Sozialpolitik. Nomos, Baden-Baden 1999, S. 125–148, hier S. 145. (Siehe hierzu auch: Lebensphasenorientierte Arbeitszeit.)
Für die Übergänge zwischen Arbeit und Rente ist die Förderung von Teilzeitarbeit für ältere Menschen maßgeblich.
Die hier aufgezeigten Maßnahmen stellen nur einen Teil der bereits umgesetzten sowie weiteren Möglichkeiten dar, durch die Übergangsphasen abgesichert werden können. Es wird erkennbar, dass das Konzept der Übergangsarbeitsmärkte bereits umgesetzt, wenn auch nicht voll ausgeschöpft wird. Ganz allgemein handelt es sich um solche Maßnahmen, die anstatt auf eine bisher dominierende Arbeitslosenversicherung (Fokus auf Einkommenserhalt für Arbeitslose) auf eine Beschäftigungsversicherung abzielen, also neben Arbeitslosigkeit auch andere Arten von Einkommensrisiken, nämlich auch selbst generierte Risiken, abdecken.Günther Schmid: Förderung der Gleichstellung der Geschlechter durch Übergangsarbeitsmärkte. In: Karin Gottschall, Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.): Zukunft der Arbeit und Geschlecht. Diskurse Entwicklungspfade und Reformutopien im internationalen Vergleich. Leske und Budrich, Opladen 2002, S. 281–307, hier S. 287.
Ziele von Übergangsarbeitsmärkten