Unter finnischer Literatur wird im Folgenden die in der finnischen Sprache verfasste Literatur verstanden. Zur finnlandschwedischen Literatur siehe dort bzw. im Abschnitt Anderssprachige Literatur aus Finnland, wo auch die in Finnland entstandenen samischsprachigen Literaturen behandelt werden. Alle in Finnland entstandenen Literaturen werden als ein Teil der skandinavischen Literatur bzw. nordischen Literatur betrachtet. Verglichen mit vielen anderen europäischen Literaturtraditionen ist die finnische Literatur sehr jung.

Späte Entwicklung zur Kultur- und Literatursprache mini|hochkant|Übersetzung des Neuen Testamentes von Mikael Agricola (1548) In schriftlicher Form wird die finnische Sprache erst seit der Reformation und auch danach lange Zeit hauptsächlich zu kirchlichen Zwecken verwendet. Eine mittelalterliche oder Renaissanceliteratur gibt es also nicht.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 1.

Über viele Jahrhunderte war die Regierungs- und Kultursprache eine andere als die finnische Volkssprache, denn Finnland war fast siebenhundert Jahre ein integraler Teil Schwedens (siehe den Abschnitt Ein Teil Schwedens im Artikel Geschichte Finnlands). Auch in den darauffolgenden mehr als einhundert Jahren, als Finnland ein mit weitgehender innerer Autonomie ausgestattetes Großfürstentum innerhalb des Russischen Kaiserreichs war (siehe dazu Großfürstentum Finnland), blieb Schwedisch zunächst die dominierende Sprache. Zu einer gleichberechtigten Amtssprache wurde das Finnische erst im Jahr 1902 (siehe Finnische Sprachenpolitik).

Den größten Werken der finnischsprachigen Literatur liegt die Absicht der Schaffung und Erhaltung einer starken finnischen Identität zu Grunde.

Volksdichtung Die finnische Sprache wurde erst vor etwa 150 Jahren zu einer modernen Literatursprache entwickelt. Vor dem 19. Jahrhundert existierte keine finnischsprachige Belletristik im modernen Sinne; sie ist ein Produkt der Nationalromantik und entwickelte sich in engem Zusammenhang mit der Volksdichtung. Bis ins 20. Jahrhundert bildete diese das tragende Fundament der finnischen Literatur. Sie ist im Laufe von 1000 Jahren entstanden, doch wirken die 1,5 Millionen im Druck vorliegenden Liedverse sehr einheitlich. Oft ist ihnen die Entstehungszeit nicht anzumerken, was auf die durchgängige Verwendung von Alliteration und achtsilbig-trochäischem Versmaß zurückzuführen ist. Eine weitere stilistische Besonderheit der Volksliteratur ist der Parallelismus, d. h. die Wiederaufnahme eines Satzteils oder einer Phrase oder die Wiederholung des Inhalts mit ähnlichen Worten im Nachvers.Wolfgang Steinitz: Der parallelismus in der finnisch-karelischen Volksdichtung: Untersucht an den Liedern karelischen Sängers Arhippa Perttunen. Suomalainen tiedeakatemia, Academia scientiarum fennica, Nr. 115/116, 1934.

Diese finnische Volksdichtung existierte in zahlreichen Gattungen und Formen: als lyrische oder epische Dichtung, als didaktische, deutend-beschwörende oder schamanistische Zaubergesänge, als Jagdlieder oder Ursprungsgesänge (Historiola). Ihr Ursprung lag wohl meist an der Westküste; später verschob sich der Schwerpunkt ihrer Überlieferung in den Osten nach Karelien, wo sie im 19. Jahrhundert von Sängern in künstlerisch anspruchsvoller Form gepflegt wurden. Im Osten am Ladogasee lag ein weiterer Schwerpunkt der Liedertradition. Auch die Wikinger- und vorreformatorische Zeit haben diese Traditionen nicht auslöschen können, obwohl man in den Historiola christliche Einflüsse erkennen kann, die den schamanistischen Zaubergesang zurückdrängen. Die Eigentümlichkeiten der finnischen Sprache verhinderten, dass Volksdichtung aus anderen Kulturen ohne tiefgreifende Adaption einfach „importiert“ werden konnte. Zu der ältesten Schicht der epischen Lieder gehören die dem Zauberer Väinämöinen gewidmeten Gesänge.Fromm: Finnische Literatur, 1996, S. 352.

Vor dem 16. Jahrhundert Was in der finnischen Sprache geschrieben wurde, ist relativ neu, so dass sich aus dem Mittelalter oder davor keine wesentliche Literatur erhalten hat. Einige wichtige Bücher, wie die Bibel oder geschriebene Gesetze, standen bis ins 16. Jahrhundert nur auf Lateinisch, auf Schwedisch oder auf anderen europäischen Sprachen (Französisch oder Deutsch) zur Verfügung. Die finnische Sprache wurde von der katholischen Kirche nur in mündlicher Form verwendet. Als erste namentlich bekannte Figur der finnischen Literaturgeschichte gilt der Mönch Jöns Budde, der Ende des 15. Jahrhunderts lateinische Texte ins Schwedische übersetzte.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 2. Die Seiten sind im Original kapitelweise jeweils mit 1 beginnend nummeriert; hier werden die fortlaufenden Seitenzahlen der PDF angegeben.

Die wahrscheinlich älteste finnische Text ist eine Übersetzung des Gebetes Vaterunser in dem 1544 von Sebastian Münster in Basel veröffentlichten Buch Cosmographia (in deutsch-lateinischer Version).

Schaffung der Schriftsprache im 16. und 17. Jahrhundert Die finnische Schriftsprache begründete der lutheranischen Pastor Mikael Agricola (1510–1557), der Sohn eines Landwirts und spätere Bischof von Turku. Sein Hauptwerk ist das Neue Testament (Se Wsi Testamenti) in finnischer Übersetzung, das 1548 veröffentlicht wurde und das erste in finnischer Literatursprache geschriebene Werk wurde. Daneben verfasste Agricola acht weitere Werke – meist Übersetzungen – in finnischer Sprache, wobei er sich auf südwestfinnische Dialekte stützte. Von seinem Wortschatz sind heute noch etwa 60 Prozent in Gebrauch. In der Vorrede zu seiner Psalterübersetzung gibt er einen Überblick über die altfinnischen Götter und Halbgötter, eine immer noch wichtige Quelle zur alten finnischen Religion.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 3. Daneben entwickelte sich im späten 16. Jahrhundert eine finnische Kirchenlieddichtung, als deren Hauptvertreter Hemminki von Masku mit seinem lange in Benutzung befindlichen Kirchenliedbuch von 1605 gilt. Erst 1642 erschien die gesamte Bibel in finnischer Übersetzung, nun schon in stärker standardisierter Schreibweise. Juhana Cajanus (Johann Cajanus) verfasste 1683 das lange Poem Yxi hengellinen Weisu („Ein geistliches Lied“) zur Vergänglichkeit alles Irdischen im Geiste der Vanitas-Dichtung.Lassila 1996, S. 13 ff.

Seit dem späten 17. Jahrhundert verlangte die Kirche von jeder Person, die Grundtexte des lutherischen Glaubens lesen zu können. So wurde mit hohem Druck die Lesefähigkeit breiter Schichten erreicht.

Der Große Nordische Krieg 1700–1721, der auch Finnland verwüstete, förderte die Entstehung einer Flugblattliteratur. Über die schrecklichen Ereignisse berichtete auch Gabriel Calamnius (1695–1754) in seinen Sururunot suomalaiset („Finnische Trauergedichte“, 1734).Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 3–7. Viele Gelehrte waren vor dem Krieg nach Schweden geflüchtet; der Gebrauch der finnischen Sprache unter den Gebildeten ging stark zurück.

Die Aufklärung und die Fennophilen Das Finnische blieb so lange Zeit eine „Bauernsprache“, die in gebildeten Kreisen geächtet war. Finnland galt den schwedischen Verwaltungsbeamten oft als barbarisch. In akademischen Kreisen in Turku entwickelten jedoch einige Gelehrte, die Fennophilen, ein besonderes Interesse für die finnische Sprache und Kultur. Als erster Fennophiler wird oft Daniel Juslenius (1676–1752) erwähnt, Professor für Hebräisch, Griechisch und Theologie und Bischof von Skara in Schweden. Er schuf ein idealisiertes Bild über die finnische Kultur und ihre glorreiche Vergangenheit und suchte Spuren einer vermeintlichen alten finnischen Hochkultur überall in Europa. Der bedeutendste Fennophile war freilich der Universalgelehrte Henrik Gabriel Porthan (1739–1804), Bibliothekar und Professor an der Universität Turku, der in schwedischer und lateinischer Sprache schrieb. Sein Hauptwerk war eine umfangreiche Studie über die mittelalterlichen Chroniken der finnischen Bischöfe. Er gilt als Gründervater der finnischen Geschichtsschreibung. Mit gleichgesinnten Kollegen gründete Porthan die Aurora-Gesellschaft, eine gelehrte patriotische Geheimgesellschaft, die die Kultur in Finnland im Geiste der Aufklärung fördern wollte. Die Gesellschaft gab 1771 Finnlands erste Zeitung in Turku heraus, die in schwedischer Sprache erschien, aber so über das akademische Milieu hinaus wirkte, während die Herausgabe einer finnischsprachigen Zeitung 1775/76 durch Antti Lizelius noch an der geringen Leserschaft scheiterte. Ein Schüler Porthans, Christfried Ganander (1741–1790), Geistlicher aus Ostbottnien, verfasste eine umfassende Mythologia Fennica (1789), eine Sammlung des alten finnischen Volksglaubens, und ein großes Wörterbuch des Finnischen, das jedoch nie gedruckt wurde, sowie Bücher über Krankheiten und Tierkrankheiten.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 8 f.

Die Nationalbewegung und das Ende der schwedischen Dominanz mini|hochkant|Elias Lönnrot (1802–1884) Auf der Grundlage dieser Bewegung entstand unter der 1809 errichteten zaristischer Herrschaft, jedoch bei relativer Autonomie und gefördert durch das Sprachdekret Alexander II., eine finnische nationalromantische Bewegung. Diese Nationalbewegung richtete sich mit russischer Unterstützung gegen die Dominanz des Schwedischen, das nur von einem Siebtel der Finnen als Muttersprache gesprochen wurde, und führte zur Aufwertung der Volksdichtung. Finnland bekam zeitweise sogar eine Armee und eine neue Hauptstadt: 1812 ersetzte Helsinki das Zentrum Turku, womit auch der schwedische Einfluss zurückging.

Die schwedischsprachigen Autoren in Turku hatten eine romantische Schule in der Tradition Porthans und unter dem Einfluss der deutschen romantischen Philosophie gebildet. Ihre Vertreter gerieten jedoch teils in Konflikt mit der russischen Zensur und wanderten nach Schweden aus wie Frans Mikael Franzén. Einige Vertreter förderten aber auch die finnische Volkskultur und die finnische Nationalbewegung. Zu diesen Unterstützern zählten Johan Gabriel Linsén (1785–1848) und Carl Axel Gottlund (1796–1875), der selbst zwei Bände mit finnischer Volksdichtung herausgab. In der aufklärerischen Tradition Porthans stand Jaakko Juteini (eigentlich Jakob Judén, 1781–1855), ein Zeitgenosse der Turkuer Romantiker, der in Viipuri (Wiburg) lebte und die ersten finnischen Theaterstücke verfasste.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 14–16.

Um 1830 verschob sich der intellektuelle Schwerpunkt Finnlands nach Helsinki. Zu der sogenannten Helsinkier Romantik zählen der finnlandschwedische Schriftsteller Johan Ludvig Runeberg, der Naturphilosoph Johan Vilhelm Snellman und am Rande Elias Lönnroth (1802–1884), ein Arzt aus einer finnischstämmigen Familie. 1831 wurde hier die Finnische Literaturgesellschaft Suomalaisen Kirjallisuuden Seura gegründet, die heute noch existiert und wichtig für den Aufbau eines Literaturbetriebs und Verlagswesens wurde. Beide Gesellschaften kommunizierten jedoch noch auf Schwedisch.Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 17. Pietari Hannikainen (1813–1899), ein Vertreter der Fennomanie, gründete 1847 das (kurzlebige) finnisches Gegenstück Kanawa zur schwedischen Zeitschrift Snellmanns in Wiborg und schrieb in den 1840er Jahren mehrere bühnentaugliche Stücke, darunter das erste finnische Schauspiel überhaupt (Silmänkääntäjä, „Der Gaukler“, 1847).Die finnische Literatur, Uni Wien, S. 30 f.

Kalevala - Nationalepos mini|hochkant|Erstausgabe des Kalewala von 1835

Kalevala