Asmus Jepsen (* 18. Oktober 1901 in Fruerlund; † 6. Mai 1945 bei Flensburg hingerichtet) war ein deutscher Kapitänleutnant der Kriegsmarine und eines der letzten Opfer der nationalsozialistischen Marinejustiz.Der besagte Asmus Jepsen ist nicht zu verwechseln mit Asmus Jepsen aus Kiskelund (in der nördlich von Flensburg gelegenen Bov Sogn), einem ehemaligen Bäckermeister und nationalsozialistischem Mitglied des Korps von Poul Sommer, dem sogenannten Sommerkorpset, der am 7. Mai 1945 von der Dänischen Brigade verschleppt und am 22. Juli 1945 erschossen an der Grenze bei Frøslev, hundert Meter auf deutscher Seite, beim Grenzstein 71, nahe der heutigen Bundesautobahn 7, begraben wurde. Der Tod von Asmus Jepsen aus Kiskelund wurde von der dänischen Polizei nicht als Mordfall behandelt. Mitglieder der dänischen Brigade behaupteten, dass Asmus Jepsen (aus Kiskelund) zuvor einen Fluchtversuch unternommen habe. Es existieren aber auch Hinweise darauf, dass er von dänischen Widerständlern aus der Gegend von Padborg als Verräter liquidiert worden ist. Vgl. JydskeVestkysten: Dansk nazist dræbt: Familien venter stadig på en opklaring, vom: 29. September 2012, abgerufen am 26. August 2019 sowie JydskeVestkysten: "Grænsen er overskredet" har nået grænselandet, vom: 8. Dezember 2017, abgerufen am 26. August 2019
Leben Asmus Jepsen wurde 1901 in Fruerlund, das damals lediglich einen Vorort der Stadt Flensburg darstellte, geboren. Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges übte er die Tätigkeit eines Polizeiobersekretärs aus.Dieter Pust: Flensburger Straßennamen. Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Flensburg 2005, ISBN , Artikel: Asmus-Jepsen-WegGerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 101. 1939 verpflichtete er sich bei der Kriegsmarine für zwölf Jahre und fungierte zunächst als Marine-Ausbilder. Seit Juni 1941 war er Kommandant des Sonderzuges Auerhahn,Salonwagen der Deutschen Reichsbahn bis 1945. Die Sonderzüge im Überblick sowie Das Bundesarchiv. Virtuelle Ausstellung. Der Kommandant Führerhauptquartier des Befehlssonderzugs des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine Erich Raeder. Dessen Nachfolger Karl Dönitz, der seit Anfang 1943 Oberbefehlshaber der Kriegsmarine war, nutzte den Sonderzug nur selten. Das persönliche Verhältnis zwischen Dönitz und Jepsen galt als nicht angespannt und soll nicht schlecht gewesen sein. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges lebte Kapitänleutnant Asmus Jepsen mit seiner Familie in einem Notquartier in Neukirchen bei Steinbergkirche und war weiterhin Kommandant des Sonderzuges.
Am 30. April erhielt Jepsen von Karl Dönitz, der nach Hitlers Tod als dessen Nachfolger die Wehrmacht befehligte, die Weisung, den Sonderzug, der sich kurz zuvor offenbar noch in Potsdam befunden hatte, von Plön nach Flensburg zu überführen,Flensburger Tageblatt: Luftbildserie: Fördewald: Am Grünen und im Stillen, vom: 27. August 2011, abgerufen am 25. Februar 2014. da die letzte Reichsregierung auf dem Weg in den Flensburger Vorort Mürwik war.dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. Band 2. Köln 1987, S. 215, Kapitel: Zweiter Weltkrieg/Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945.Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte: , abgerufen am 31. Mai 2017. Im mit Flak und Handwaffen gesicherten Zug befanden sich nicht nur Lebensmittel, Wehrmachtsgüter, nachrichtendienstliche Einrichtungen mit einer Funkstelle, sondern auch Stahlschränke mit geheimen Dokumenten des Oberkommandos der Kriegsmarine sowie offenbar auch viele private Gegenstände von Karl Dönitz.Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 102.Gerhard Paul: Der Fall Asmus Jepsen in: Lange Schatten: Ende der NS-Diktatur und frühe Nachkriegsjahre in Flensburg. Flensburg 2000.
Am 1. Mai erreichte Jepsen mit dem Zug Eckernförde, wo er weisungsgemäß weitere Befehle abwartete. Am 2. Mai wurde bekannt, dass Eckernförde offenbar am Folgetag zur „Offenen Stadt“ erklärt werden sollte. Gleichzeitig erhielt Jepsen den Befehl, den Zug weiter nach Flensburg durchzubringen. Jepsen scheiterte jedoch daran, eine Lokomotive zur Weiterfahrt zu organisieren. Angesichts der zu erwartenden kampflosen Übergabe von Eckernförde stellte Jepsen am darauffolgenden Tag seinen Männern zur Wahl, sich gefangen nehmen zu lassen oder sich auf eigene Faust in ihre Heimatorte durchzuschlagen. Die Meisten entschieden sich für die zweite Option und erhielten die dafür benötigten Kleidungsstücke und Wegzehrungen aus dem Zug. Jepsen und der Restmannschaft gelang es bald darauf dann doch noch, die Zugwagen an einen nordwärts fahrenden Flakzug anzuhängen. Am 4. Mai sollte die Teilkapitulation der Wehrmacht für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande erfolgen. Ob Jepsen die Teilkapitulationsmeldung erreichte, ist unklar.Flensburger Erzählorte. Asmus-Jepsen-Weg, abgerufen am 18. September 2019 Am besagten Tag wurden noch von den Alliierten im Raum Flensburg Luftangriffe geflogen. Auch der Sonderzug auf dem kleinen Bahnhof von Sörup ungefähr zehn Kilometer südöstlich von Flensburg gelegen wurde von britischen Flugzeugen angegriffen. Die Verbindung nach Mürwik brach ab und der Zug konnte nicht mehr weiterfahren. Im Laufe des Tage vernichtete Jepsen offenbar sämtliche Geheimsachen, die sich im Zug befanden. Die Lebensmittel, die sich noch im Zug befanden, ließ er an Flüchtlinge verteilen, die im Bahnbereich warteten.Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 101 f. Asmus Jepsen, der nicht weit entfernt vom Bahnhof wohnte, verstand diesen Zeitpunkt als Ende seiner DienstpflichtDie Zeit: Inferno und Befreiung: Der letzte Spuk, S. 3, vom 4. Mai 2005; abgerufen am 17. September 2019. und begab sich sodann zu Fuß nach Hause. Den Zug ließ er mit lediglich vier bis fünf Männern zurück. Einige Stunden später erreichte der geleerte Restzug dann doch noch die Stadt Flensburg. Neben dem Zugpersonal war nur noch eine Marine-Nachrichtenhelferin von der militärischen Zugbesatzung anwesend. Dönitz soll der Sonderzug mit seiner Ausstattung wichtig gewesen sein. Insbesondere soll er einen Koffer vermisst haben. Im Falle einer Gefangennahme vor Abschluss der Gesamtkapitulation hätte er mit dem Zug möglicherweise die Stadt verlassen können.Die Zeit: Erschossen am 6. Mai 1945, vom: 10. September 1965; abgerufen am 18. September 2019. Derweil erreichte auch Jepsen sein Zuhause. Sechs Pfund Bohnenkaffee und Tabak brachte er mit. Jepsen meldete sich zur Vermeidung von Missverständnissen beim örtlichen Bürgermeister zurück.Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 102 f.
mini|Vom Schießplatz, wo Asmus Jepsen erschossen wurde, ist heute nur noch der Schießstandwall erhalten.NABU-Naturschutzgebiet Twedter Feld. Idylle vor den Toren von Flensburg, abgerufen am 18. Januar 2019 Am Folgetag, an dem die Teilkapitulation wie vereinbart in Kraft trat, wurde Asmus Jepsen von der geheimen Feldpolizei in seiner Wohnung im Beisein seiner Familie festgenommen. Die NS-Marinejustiz stufte Asmus Jepsens Verhalten in einer Eilsitzung als „Fahnenflucht“ und „Plünderung“ ein und verurteilte ihn zum Tode.Gerhard Paul, Broder Schwensen (Hrsg.): Mai ’45. Kriegsende in Flensburg. Flensburg 2015, S. 103.In Flensburg befand sich zu dieser Zeit übrigens nicht der berüchtigte Volksgerichtshof. Der Nachfolger des Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler war Harry Haffner. Dieser versuchte in den letzten Kriegstagen noch den Volksgerichtshof in Bad Schwartau zu etablieren. Der Volksgerichtshof wurde im Zuge der heranrückenden Front offenbar nicht mehr mit nach Flensburg verlegt. Dies führte aber nicht dazu, dass die dortige NS-Militärjustiz nicht harte Urteile fällte. Der Admiralstabsrichter Joachim Rudolphi beobachtete den Prozess,Vgl. Admiralstabsrichter Dr. jur. Joachim Rudolphi befand das Urteil als juristisch einwandfrei und berichtete Dönitz, dass die Verhandlung korrekt verlaufen sei. Karl Dönitz, dem das Urteil gegen den Offizier noch am 5. Mai vorgelegt wurde, hätte als Staatsoberhaupt das Todesurteil durch einen Gnadenerlass abmildern können. Aber Dönitz sah in Jepsens Verhalten einen eindeutigen, unentschuldbaren Vertrauensbruch und unterschrieb das Urteil.Flensburger Tageblatt: Bustour durch Flensburg: Auf den Spuren der Zeitgeschichte, vom: 30. Januar 2012; abgerufen am 18. September 2019In der niederländischen Dokumentation Die Tage nach Hitler von 2014 wurde eine der Töchter von Asmus Jepsen interviewt. In besagter Filmdokumentation (ungefähr Minute 25) mutmaßt diese, dass ihr Vater irgendetwas Bedeutsames wusste. Sie vermutet, dass die Hinrichtung ihres Vaters eine Art Racheakt von Dönitz war. Jepsens Vater versuchte noch in den letzten Stunden durch Gespräche mit in Mürwik stationierten Verwandten etwas zu erreichen. Jepsens Ehefrau bat erfolglos Hans-Georg von Friedeburg um Hilfe.Gerhard Paul: Der Fall Asmus Jepsen in: Lange Schatten: Ende der NS-Diktatur und frühe Nachkriegsjahre in Flensburg. Flensburg 2000
Am 6. Mai 1945, zwei Tage nachdem in Norddeutschland die offizielle Kapitulation vollzogen worden war, wurde Asmus Jepsen als „Fahnenflüchtiger“ auf dem im Sonderbereich Mürwik liegenden Schießplatz Twedter Feld hingerichtet und anschließend verscharrt.Akopol. Immer noch Unrecht, vom: 19. Januar 2013; abgerufen am 18. September 2019 Noch in der Todesnacht gruben Jepsens Angehörige den Leichnam wieder aus und überführten ihn zum Friedhof Adelby. Der Pastor der Kirchengemeinde Adelby soll die Beerdigung zunächst abgelehnt haben, da Jepsen ein Deserteur gewesen sei und dem Vaterlande in den Rücken gefallen sei.Flensburg-Mobil: Flensburger Zeitreise zu Täter- und Opferorten in der NS-Zeit. Ehemalige Marineschiessplatz / heute Neubaugebiet Tremmerup, vom: 19. März 2012; abgerufen am 26. August 2019 Einen Tag nach der Hinrichtung von Asmus Jepsen wurde die Bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht unterzeichnet und am 8. Mai 1945 vollzogen. Am selben Tag erfolgte die Beisetzung von Asmus Jepsen auf dem Friedhof Adelby., abgerufen am 26. August 2019
Abschiedsbrief Am 6. Mai schrieb Asmus Jepsen von der Gefängniszelle ausDie Zeit: Inferno und Befreiung: Der letzte Spuk, S. 4, vom: 4. Mai 2005; abgerufen am 16. September 2019 einen Abschiedsbrief an seine Frau und seine Kinder, mit folgenden Worten:
Der handschriftlich verfasste Brief blieb vollständig erhalten.
Folgen Nach dem Tod von Asmus Jepsen verblieben seine Frau Margarete und seine drei Töchter allein zurück. 1950 wurde ein erstes juristisches Nachkriegsverfahren hinsichtlich der Hinrichtung Jepsens nach dürftigen Ermittlungen eingestellt. Das Straffreiheitsgesetz von 1954 führte teilweise zu einer Amnestie für Täter von Endphaseverbrechen. Als der Fall des Asmus Jepsen in der Öffentlichkeit bekannt wurde, erfolgte 1965 ein weiteres Verfahren, bei dem gegen Karl Dönitz und die am Urteil beteiligten Personen ermittelt wurde. Im Zuge des Ermittlungsverfahrens konnte die Flensburger Staatsanwaltschaft offenbar nicht ermitteln, wer der Gerichtsherr gewesen war und aus welchen Mitgliedern das Kriegsgericht zusammengesetzt war. Die Witwe Jepsen erklärt im Zuge des Verfahrens: „Mir liegt nicht daran, dass die Verantwortlichen nun noch bestraft werden. Aber uns ist daran gelegen, daß mein Mann rehabilitiert wird…“. Dönitz erklärte sein Handeln mit Bedauern; die Billigung des Urteils gegen Asmus Jepsen sei eine Last gewesen, die er zu allem anderen, auch noch auf sich nehmen musste. Das Verfahren führte offenbar zu keinen strafrechtlichen Konsequenzen.
Gedenken mini|Grabstätte Kapitänleutnant Asmus Jepsen und seiner Frau Margarete mini|Straßenschild vom Asmus-Jepsen-Weg mit erläuterndem Hinweisschild