Birgit Elisabeth Hogefeld (* 27. Juli 1956 in Wiesbaden) ist eine ehemalige linksextremistische Terroristin. Sie war Mitglied der Rote Armee Fraktion (RAF) und gilt als eine der Leitfiguren ihrer dritten Generation. Ab 1985 war sie an verschiedenen Anschlägen beteiligt, wurde 1993 verhaftet und 1996 unter anderem wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, aus der sie im Juni 2011 – als vorerst letztes inhaftiertes RAF-Mitglied – auf Bewährung entlassen wurde.
Leben Sozialisation Birgit Hogefeld ist Tochter von Marianne und Josef Hogefeld. Ihr VaterHans Holzträger: Josef Hogefeld (16. Januar 1921 bis 25. Juli 1990). In: Neue Wege. Bd. 85, 1991, Heft 6, S. 182 f. (PDF). hatte in der Zeit des Nationalsozialismus den Kommunisten nahegestanden und sich vom Regime „missbraucht“ gefühlt, aber keinen Widerstand geleistet. Darin sah ihr Therapeut Horst-Eberhard Richter ein „Motivationsmoment“ für ihre RAF-Karriere, wie Anne-Kathrin Griese es nannte.Anne-Kathrin Griese: Der familiäre Blick. Andres Veiel Black Box BRD & Christoph Hein In seiner frühen Kindheit ein Garten. In: Inge Stephan, Alexandra Tacke (Hrsg.): NachBilder der RAF. Böhlau, Köln u. a. 2008, ISBN 978-3-412-20077-0, S. 165–180, hier S. 168 f. Michael Sontheimer bezeichnete ihren Lebensweg als „exemplarisch für viele junge Linke“ in der frühen Bundesrepublik. Hogefeld selbst schilderte in rückblickenden Reflexionen, dass sie seit ihrer Kindheit „Sinnentleerung“ gespürt habe angesichts der Dominanz von „materiellen Werten und Konsum“ der Wirtschaftswundergesellschaft und dabei „etwas Unausgesprochenes verborgen werden sollte“, nämlich die deutsche NS-Vergangenheit, was zu einer „Glocke aus Dumpfheit, Enge und Schweigen“, zur generationellen „Abgrenzung zu den Eltern“Birgit Hogefeld: Zur Geschichte der RAF. In: Versuche, die Geschichte der RAF zu verstehen. Das Beispiel Birgit Hogefeld. Psychosozial, Gießen 1996, S. 19–58, in der Onlinezeitung „trend“. und zur „Erfahrung von Ohnmacht und dem Gefühl der Unveränderbarkeit“ geführt habe. Hogefeld begann sich „in einer diffusen Haltung des ,irgendwas machen‘“ (Jan Philipp Reemtsma) für Schülermitverwaltung, in autonomen Jugendzentren und sozialen Brennpunkten mit türkischstämmigen Jugendlichen sowie bei Fahrpreisdemonstrationen zu engagieren.Jan Philipp Reemtsma: Was heißt die Geschichte der RAF verstehen? In: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. 2. Auflage. Hamburger Edition, Hamburg 2007, ISBN 978-3-936096-54-5, S. 100–142, hier S. 106 (PDF). Prägend für ihre Politisierung sei nach der Teilnahme an Protesten gegen den Vietnamkrieg als „eine der zentralen Weichenstellungen für mein Leben“ der Tod des RAF-Mitglieds Holger Meins während eines Hungerstreiks in Haft 1974 gewesen. Alle Aktivitäten in sozialen Projekten gab sie auf und begann sich „mit Isolationsfolter, toten Trakts, der systematischen Vernichtung von politischen Gefangenen auseinanderzusetzen“:
„Das Bild des toten Holger Meins werden die meisten, die es kennen, ihr Leben lang nicht vergessen – sicher auch deshalb, weil dieser ausgemergelte Mensch so viel Ähnlichkeit mit KZ-Häftlingen, mit den Toten von Auschwitz hat. … Für mich wurde daraus eine zentrale Herausforderung, mit einer zutiefst moralischen Fragestellung, nämlich der, ob alles, was ich bis dahin über NS-Faschismus wußte und meine tiefe Ablehnung, verbunden mit dem Vorwurf an den Großteil der Generation vor uns, nichts dagegen unternommen zu haben, ob all das bloß hohles Geschwätz war und ich im Grunde genauso ignorant und feige gegenüber solchen Verbrechen bin oder ob ich dagegen Partei ergreife.“
Jan-Philipp Reemtsma nannte diese Parallelisierung in seiner Analyse „klischiert“ und keineswegs naheliegend,Jan-Philipp Reemtsma: Was heißt die Geschichte der RAF verstehen? In: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. 2. Auflage. Hamburger Edition, Hamburg 2007, ISBN 978-3-936096-54-5, S. 100–142, hier S. 103 f. (PDF). Gerd Koenen die „Ersetzung jeder empirischen Realität durch herbeizitierte Bilder, … ein Modell des ganzen eigentümlichen Idealismus/Irrealismus der RAF“.Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977. 5. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011, S. 407. Ihre Überlegung aber wurde für Hogefeld im Rückblick zur „Frage nach meiner eigenen Identität, Glaubwürdigkeit und Verantwortung“.Birgit Hogefeld: Prozesserklärung vom 21. Juli 1995. In: Nadir, 20. November 1996. 1975 begann sie deshalb in Frankfurt am Main ein Studium der Rechtswissenschaft, um als Rechtsanwältin gegen diese Haftbedingungen vorgehen zu können,Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7, zugleich Dissertation, Universität Passau, S. 96. brach es aber 1977 wegen des Umgangs mit den RAF-Anwälten ab.Gerd Rosenkranz: Wir waren sehr deutsch. In: Der Spiegel, 13. Oktober 1997. Die musisch Begabte, die eigentlich Musik studieren oder Orgelbauerin hatte werden wollen, gab daraufhin Orgelunterricht.Majid Sattar: RAF: Birgit Hogefeld und die „dritte Generation“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Mai 2007. Von nun an engagierte sie sich in der Unterstützung inhaftierter RAF-Mitglieder bei der Wiesbadener Roten Hilfe, die ihr späterer Lebensgefährte Wolfgang Grams mitgegründet hatte und die Alexander Straßner als „Rekrutierungsbecken für RAF-Kader“ bezeichnet.
Mitglied der RAF Zu ihrer RAF-Karriere sind nur wenige Details bekannt; sie tauchte 1984 ebenso wie ihr Lebensgefährte Wolfgang Grams in den Untergrund abSo die Erkenntnisse der Bundesanwaltschaft und der DDR-Staatssicherheit, auch wenn Hogefeld im Prozess bestritt, im Februar 1984 zur RAF gekommen zu sein. Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7, S. 97. und wird für die folgenden neun Jahre bis zur Festnahme 1993 der sogenannten Kommandoebene der RAF zugerechnet.Steffen Kailitz: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004, ISBN 3-531-14193-7, S. 115–118. Damit wählte sie laut Jan-Philipp Reemtsma „eine Lebensform, die Machterfahrungen mit sich brachte wie keine andere“.Jan Philipp Reemtsma: Was heißt die Geschichte der RAF verstehen? In: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. 2. Auflage. Hamburger Edition, Hamburg 2007, ISBN 978-3-936096-54-5, S. 100–142, hier S. 113 (PDF). Gerd Koenen nennt Hogefelds nachträgliche Rechtfertigung einen typischen Fall der „immer auch ,zutiefst moralische[n]‘ Selbstermächtigungen“ der RAF; ders.: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977. 5. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011, S. 408.
Über die dritte Generation der RAF, der Hogefeld als eine der „Leitfiguren“Gudrun Schwibbe: „Wir müssen die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte endlich selbst anpacken“ – Rechtfertigung und Verantwortung im Kontext der „Geschichte der RAF“. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hrsg.): Erzählkulturen. Beiträge zur kulturwissenschaftlichen Erzählforschung. Hans-Jörg Uther zum 65. Geburtstag. Campus, Berlin / New York 2009, S. 85–99, hier S. 85. angehörte, ist weit weniger bekannt als über ihre in den 1970er Jahren aktiven Vorgänger;Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7, (Vorschau). die offenbar überschaubar große Kommandoeinheit hinterließ keine Fingerabdrücke, fuhr keine auffälligen Autos, trennte die Wohnungen klar von den Waffendepots und schottete sich von der Unterstützerszene ab – weshalb kaum Informationen nach außen drangen.Andres Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. 2. Auflage. DVA, Stuttgart, München 2002, ISBN 3-421-05468-1, S. 211. Auch der Umfang der Beteiligung Hogefelds ist unklar. Sie erwähnte in einem öffentlichen Brief an Eva Haule, Wolfgang Grams habe „zu denen gehört, die im Sommer 1984 nach den Verhaftungen von 7 Genossinnen und Genossen, und als die RAF faktisch zerschlagen war, sie neu aufgebaut haben“.Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003, ISBN 3-531-14114-7, zugleich Dissertation, Universität Passau, S. 97. Hogefeld selbst fiel das Leben im Untergrund – laut Eigenauskunft gegenüber Andres Veiel – schwerer als Grams, der sie als ruhiger Gegenpol unterstützte; sie blieben unerkannt, indem sie Blickkontakt vermieden und sich möglichst unauffällig-spießig kleideten.Andres Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. 2. Auflage. DVA, Stuttgart, München 2002, ISBN 3-421-05468-1, S. 175 f. Hogefeld war im August 1985 Mittäterin bei der Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental und bei dem Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main Air Base und in der Folgezeit an verschiedenen weiteren Anschlägen beteiligt (siehe zu Details den Abschnitt Gerichtsverfahren). Im Februar 1987 wurde erstmals nach Hogefeld und Grams durch eine Suchmeldung der Tagesschau im Fernsehen gefahndet, nachdem bereits ab 1985 Plakate mit den Bildern der mutmaßlichen RAF-Mitglieder bundesweit aushingen.Andres Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. 2. Auflage. DVA, Stuttgart, München 2002, ISBN 3-421-05468-1, S. 176, 203. Auch im Untergrund setzten sich Hogefeld und Grams weiterhin mit der deutschen NS-Vergangenheit auseinander; so verbrachten sie einen ganzen Tag in der Gedenkstätte der Tötungsanstalt Hadamar. Derartige Erfahrungen hätten ihnen, so Hogefeld in der Rückschau, „letztendlich die Kraft, weiterzumachen“ gegeben. Eine positive Vorstellung für eine zukünftige Gesellschaft hätten sie nicht besessen, sondern seien von „(Zer)störung, Angriff, Unterminierung des Schweinesystems“ angetrieben worden.Andres Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. 2. Auflage. DVA, Stuttgart, München 2002, ISBN 3-421-05468-1, S. 176, 209.
Ab dem Ende der 1980er Jahre und insbesondere nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 begannen in der RAF laut Aussagen Hogefelds Überlegungen zu einer Umorientierung und zu einer „Annäherung an die legale Linke“, die im April 1992 in einer Absage an Gewalt gegen Personen mündete, als deren Mitautorin Hogefeld gilt.Gudrun Schwibbe: „Wir müssen die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte endlich selbst anpacken“ – Rechtfertigung und Verantwortung im Kontext der „Geschichte der RAF“. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hrsg.): Erzählkulturen. Beiträge zur kulturwissenschaftlichen Erzählforschung. Hans-Jörg Uther zum 65. Geburtstag. Campus, Berlin / New York 2009, S. 85–99, hier S. 86. In den nächsten Monaten suchten Hogefeld und Grams Kontakt zu Menschen, die nichts mit der RAF zu tun hatten, um Distanz zum eigenen Weltbild zu gewinnen, darunter mit dem Schauspieler Matthias Dittmer. Sie erwogen dabei Ausstiegsszenarien und die Rückkehr in ein normales Leben mit Familie.Andres Veiel: Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams. 2. Auflage. DVA, Stuttgart, München 2002, ISBN 3-421-05468-1, S. 270–273.
Festnahme