mini|Heiliges Grab in Görlitz, fertiggestellt 1504
Als Heiliges Grab () werden Kenotaphe Jesu Christi bezeichnet.
Typologie Mit dem Begriff Heiliges Grab werden in der Kunstgeschichte sowohl bauliche Nachahmungen der Rotunde im Zentrum der Grabeskirche in Jerusalem benannt als auch architektonisch reduzierte Anlagen mit figürlichen Szenerien. Oft sind sie Erinnerungsmale oder Votivmonumente zurückgekehrter Jerusalempilger und/oder enthielten mitgebrachte Reliquien aus jener Stadt. Sowohl der architektonische Typus wie auch die figürlichen Anlagen stehen oft im Zusammenhang mit den Grablegen von Stiftern.Probst 2011, S. 93. Der Begriff Heiliges Grab bzw. sepulcrum Domini wird auch für temporäre Grabbauten im Rahmen der Osterliturgie verwendet.Probst 2011, S. 86.
Die Heilig-Grab-Bauten können (inzwischen) völlig bildlos sein (Heiliges Grab in Görlitz), dem Vorbild recht eng oder auch nur in einzelnen Motiven (Rundbau, Maße, Stützenzahl) folgen, freistehend auf den Kirchhof gesetzt (Michaelskirche in Fulda) oder in einen Kirchenbau eingestellt (Mauritiusrotunde in Konstanz) sein. Die reduzierten Anlagen, oft in Form von Wandnischen im Kircheninneren, enthalten in der Regel lebensgroße Figurengruppen. Solche Ensembles wurden im Mittelalter einbezogen in liturgische Osterspiele. Der Leichnam Christi ist manchmal herausnehmbar oder als flaches Relief leicht abzudecken.Probst 2011, S. 91. So konnte im Rahmen der Osterliturgie zunächst die Grablegung mit dem Leib Christi visualisiert werden, später dann (mit entnommenem oder abgedecktem Leichnam) die Auferstehung mit dem leeren Grab. Die Beliebtheit dieser Aufführungen und Darstellungen im 14. und 15. Jahrhundert beruht auf der Zunahme des eucharistischen Kultes in der Blütezeit der Mystik. Bei den figürlichen Darstellungen ist häufig belegt, dass eine verschließbare Vertiefung im Brustkorb des Christuskörpers zur Aufbewahrung von konsekrierten Hostien diente.Probst 2011, S. 88. Analog dazu wurden auch Sakramentshäuschen, in denen das Allerheiligste am Gründonnerstag „beigesetzt“ wurde, mit Darstellungen des Christusgrabes versehen. Im Barock kam daneben noch das Kulissenheiliggrab, eine den gesamten Altarraum umfassende Kulisse, zur Anwendung.
Heiliggrab-Monumente versammeln nicht selten alle Figuren der biblischen Erzählung von der Grablegung bis zum Besuch der drei Frauen am leeren Grabe nach der Auferstehung (Freiburger Münster). Andere Darstellungen sind ikonografisch eindeutiger:
Das älteste Bildmuster ist der Visitatio-Typus, der die Begegnung der Frauen mit dem Engel am leeren Ostergrab darstellt. Diese Szene ist seit der Spätantike verbreitet und stand bis ins hohe Mittelalter sinnbildlich für das Ostergeschehen, bevor der Auferstandene selbst in den Mittelpunkt der Darstellung rückte. Neben den Frauen und dem Engel gehören zur Ikonographie dieser Szene meist auch noch die schlafenden Wächter am Grab. Der jüngere Darstellungstyp ist der Depositio-Typus, der die Grablegung Christi als Abschluss des Passionszyklus darstellt und dessen Figurenprogramm neben dem Leichnam Christi nur die Assistenzfiguren der Grablegung, nicht aber Engel oder Wächter beinhaltet.Probst 2011, S. 84–86. Der Terminus Heiliges Grab wird bei beiden jedoch nur gebraucht, wenn es sich um dreidimensionale Darstellungen mit einer mehr oder weniger architektonischen Fassung handelt.
Beispiele nach Epochen Antike
Narbonne: Eine Nachbildung aus Marmor aus den Pyrenäen wurde 1639 in Narbonne wiederentdeckt. Sie wird auf das 5. Jahrhundert datiert und ist im Museum Narbo Via ausgestellt. Narbonne war eine Hafenstadt, in der Jerusalem-Pilger einschiffen konnten. Die Arbeit mit byzantinischem Einfluss wird als im Westen einmalig angesehen.Informationstafel im Museum Narbo Via, 2021
Romanik
Denkendorf (Württemberg): Eine Nachbildung des leeren Heiligen Grabes aus der Romanik befindet sich in der Krypta des Klosters Denkendorf in Baden-Württemberg. Eichstätt: Das Heilige Grab in der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Kapuzinerkirche zum Heiligen Kreuz und zum Heiligen Grab ist eine um 1166 entstandene romanische Anlage, die im Zusammenhang mit dem Schottenkloster Eichstätt errichtet und mit einer 1194 geweihten Rundkirche überbaut wurde, die nicht mehr erhalten ist. Gernrode: In der Stiftskirche St. Cyriakus (Gernrode) (Anhalt) befindet sich eines der ältesten Heiligen Gräber in Deutschland (Das heilige Grab in Gernrode). Es wird um 1100 datiert. Das im südlichen Seitenschiff befindliche Monument besteht aus zwei Kammern. Die Stuckwandfriese stellen Begegnungen mit dem auferstandenen Christus, also Ostergeschichten, dar. 2012 wurde das restaurierte Grab der Öffentlichkeit wieder vorgestellt.Die Geheimnisse des Bischofs in FAZ vom 22. November 2012, Seite 29. 1972 wurde die Liturgie des damit verbundenen österlichen Grabritus wieder aufgefunden und wird heute wieder aufgeführt.
Gotik
Baar, Kanton Zug, Schweiz: Ein Heiliges Grab bzw. eine Heiliggrabtruhe aus der Pfarrkirche St. Martin (um 1430) befindet sich heute im Museum Burg in Zug. Baden-Baden: Aus dem Kloster Lichtenthal stammt eine Heiliggrabtruhe, die heute im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe aufbewahrt wird. In dem aus der Mitte des 14. Jahrhunderts stammenden Schrein aus Eichenholz ruht eine Skulptur des gekreuzigten Christus. Im aufgeklappten Deckel sind ein Engel auf einer Bank, drei Frauen mit Salbgefäßen und der Jünger Johannes zu sehen, der die ohnmächtige Maria hält. Ob diese Figuren ursprünglich zur Truhe gehören, ist zweifelhaft.Landeskunde entdecken online, hier auch Abbildung| Bad Homburg vor der Höhe: Das Heilige Grab auf dem Reformierten Friedhof wurde ursprünglich 1490 in Gelnhausen erbaut; als es dort einem Straßenbau weichen sollte, wurde es 1825 abgetragen und Stein für Stein in Bad Homburg wieder aufgebaut. Batalha: Am portugiesischen Kloster Santa Maria da Vitória wurden in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts zwei königliche Grabkapellen errichtet, die beide als zeitgenössische Interpretation des Heiligen Grabes zu verstehen sind. Die Capela do Fundador wurde um 1426 begonnen und war 1434 weitgehend fertiggestellt. In ihr sind der Klostergründer João I., seine Gattin Filipa de Lancastre sowie vier ihrer fünf gemeinsamen Söhne bestattet. Wenige Jahre später ließ der älteste Sohn Duarte I. unmittelbar östlich der Apsisanlage eine zweite größere Anlage beginnen, die jedoch nie vollendet wurde. Der entwerfende Meister beider Anlagen dürfte Huguet gewesen sein. Chemnitz: Im Schloßbergmuseum Chemnitz steht ein Heiliges Grab aus der Chemnitzer St. Jacobikirche, das einer gotischen Kathedrale nachempfunden ist. Es wurde um 1500 für die Chemnitzer Jakobikirche hergestellt. An ihm stehen auf Konsolen vollplastische Figuren: Joseph von Arimathäa, Nikodemus, die Muttergottes, ihre Schwester Maria Kleopha, Maria Magdalena und die beiden Apostel Johannes und Petrus. Die Figuren auf den Eckkonsolen sind nicht erhalten. Außerdem fehlt der Korpus Christi, der mit beweglichen Armen und Beinen ausgestattet war, damit er symbolisch gekreuzigt, vom Kreuz abgenommen und beigesetzt werden konnte. Das Heilige Grab war wohl ursprünglich mobil und konnte von seinem Standort, vermutlich in einem der Nebenräume, anlässlich der Karliturgie in den kirchlichen Hauptraum gezogen werden.Das Heilige Grab in Chemnitz, schlossbergmuseum.de. Diedorf: Bei dem Heiligen Grab der St.-Albanus-Gemeinde in Diedorf im Eichsfeld handelt es sich lediglich um eine lebensgroße Darstellung der Grablegung Christi. Der tote Jesus ist umgeben von Josef von Arimathäa, Maria Magdalena, seiner Mutter Maria, Johannes, Maria Salome, Veronika und Nikodemus. Eine Inschrift am Sockel des Sarkophages nennt als Urheber einen Hans Tasch und seine Gemahlin Elisabeth sowie den Tag Sankt Egidien im Jahr 1501. Gemäß Überlieferung stand die Grablegung zunächst in einer St.-Egidien-Kapelle bei Eisenach, bis das Monument 1525 vor dem Bauernkrieg gerettet werden musste. 1728 wurde für die Grablegung eine eigene Kapelle an die Diedorfer Kirche angebaut, die jedoch 1897 einem neuen Kirchenbau weichen musste. Jetzt steht sie in einer Nische der Nordwand der Kirche. Esztergom: Im Christlichen Museum befindet sich das Heilige Grab von Garamszentbenedek (ca. 1480). Hier ist die Fassung samt Rädern noch erhalten. Freiburg im Breisgau: Die Heilig-Grab-Kapelle im Freiburger Münster ist eigentlich nur eine um 1330 eingezogene Wandnische im südlichen Seitenschiff. Das überlebensgroße Heilige Grab aus rotem Sandstein zeigt den Sarkophag auf dem der Leichnam Christi ruht. In die Brust Christi ist eine Hostienkammer eingelassen. Auf der Frontseite des Sarkophags sind als Reliefs fünf schlafende Soldaten zu sehen. Am Grab stehen, etwas unterlebensgroß, drei Frauen, deren Identität nicht geklärt ist. An den Seiten verkünden zwei Engel schon die Osterbotschaft.vergl. Freiburger Münsterbauverein (Hrsg.): Münsterblatt, 2012, Nr. 19. Freiburg im Üechtland, St. Nikolaus, (1433), Grablegung, gilt als älteste monumentale Darstellung des Geschehens. Freiburg im Üechtland: Ein Heiliges Grab bzw. eine hölzerne bemalte Heiliggrabtruhe befindet sich in der Kirche des Zisterzienserinnenklosters Magerau (Mitte 14. Jahrhundert)., abgerufen am 10. April 2012. Gengenbach: Das Heilige Grab auf dem „Bergle“, in der heutigen Form ein Bau des 18. Jahrhunderts mit Spolien aus dem 17. Jahrhundert, geht auf einen Vorgängerbau gleicher Verwendung des 13. Jahrhunderts zurück. Mit dem Heiligen Grab in der Marienkapelle gibt es in Gengenbach gleich zwei separate Heilige Gräber. Gengenbach: Abt Konrad von Mülheim stiftete 1505 eine Marienkapelle mit Heiligem Grab für die Klosterkirche. Das Heilige Grab im Stil der Spätgotik hat die Dimensionen 5,45 m × 2,6 m × 0,90 m. abgerufen am 14. Juni 2014. Görlitz: Das Heilige Grab in Görlitz wurde nach neueren Erkenntnissen nicht von dem Görlitzer Tuchmacher und Bürgermeister Georg Emmerich gestiftet. Mit dem Bau der Adamskapelle wurde um 1480 begonnen, wenig später kam die obere Golgathakapelle und um 1500/10 die Grabkapelle hinzu. Die Kapellen sind in einen Landschaftsgarten eingebettet, der die Topographie Jerusalems einschließlich Golgota, Kidrontal, Ölberg und Ölbergarten nachempfindet. Die Grabkapelle ist eine relativ exakte verkleinerte Kopie der Jerusalemer Grabeskapelle nach einem zeitgenössischen Holzschnittnun maßgeblich: Till Meinert: Die Heilig-Grab-Anlage in Görlitz. Architektur und Geschichte eines spätmittelalterlichen Bauensembles [Berlin, Freie Univ., Diss., 2002]. Esens 2004. Kalkar: In der Kirche St. Nicolai befindet sich ein Heiliges Grab mit einer geschnitzten Christus-Figur von 1487 des Bildhauers Arnt Beeldsnider. Ursprünglich wurde die Skulptur für den Chor der Kirche gefertigt. Momentan wird sie im südlichen Nebenchor ausgestellt. Konstanz: Im Münster Unserer Lieben Frau befindet sich ein Heiliges Grab in der 940 erbauten Mauritiusrotunde: um 1260 als frühgotischer zwölfeckiger Sandsteinbau errichtet. Die Forschung betrachtet ihn als Nachbau der sehr ähnlich aussehenden sechzehneckigen Kapelle im Dom zu Magdeburg. Münstermaifeld: Im nördlichen Seitenschiff der Stiftskirche St. Martin und St. Severus befindet sich das Heilige Grab (Darstellung der Grablegung Christi, um 1500) mit sieben unterlebensgroßen Figuren aus Tuffstein. Oberwesel: Rechts vor der Chorschranke des Hochaltars der Liebfrauenkirche befindet sich eine vollplastische Darstellung des Heiligen Grabes, die in der Mitte oder in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts von einem unbekannten Künstler geschaffen worden ist. An dieser Kirche bestand seit spätestens 1472 eine Heilig-Grab-Bruderschaft.