Klosneuvirinae ist eine im April 2023 vom (ICTV) offiziell bestätigte Unterfamilie von Riesenviren in der Familie Mimiviridae.
Systematik mini|Ultradünnschnitt von Fadolivirus-Partikeln im Inneren ihres Wirts Vermamoeba vermiformis, 36 h nach der Infektion.
Das ICTV hat mit der offiziellen Einführung der höheren taxonomischen Ränge mit der #35 im März 2020 für Viren als obersten Rang Realm anstelle von Domäne festgelegt.Dabei wird angenommen, dass die Viren verschiedener Realm unterschiedliche Ursprünge haben, während für die Domänen zellulärer Organismen ein gemeinsamer Ursprung (Urvorfahr) angenommen wird. Das Phylum Nucleocytoviricota und mit ihm die Familie Mimiviridae wurden dem Realm Varidnaviria zugewiesen.
Im April 2023 hat das ICTV die Unterfamilie Klosneuvirinae offiziell bestätigt, zusammen mit den drei Gattungen Theiavirus (mit Bodo-saltans-Virus), Fadolivirus und Yasminevirus (aus Isolaten unter Zuhilfenahme von Wirtszellkulturen).
Zusammen mit der vorgeschlagenen Gattung „Klosneuvirus“ wurden drei weitere Kandidatengattungen ebenfalls in Klosterneuburg per Metagenomik entdeckt: „Indivirus“, „Catovirus“ und „Hokovirus“.
Weitere vorgeschlagene Gattungen sind „Barrevirus“, „Dasosvirus“, „Edafosvirus“, „Gaeavirus“, „Harvfovirus“, „Homavirus“, „Hyperionvirus“ und „Terrestrivirus“, alle bisher – Stand April 2019 – nur aus Metagenomanalysen bekannt.
Dazu kommen mit LCMiAC01 und LCMiAC02, zwei Contigs aus einer Metagenomanalyse von Proben des Schwarzen Rauchers Lokis Schloss, Lokis Schloss ist Namensgeber der Archaeengruppe Lokiarchaeota.
Mit der Bestätigung der Klosneuvirinae als Unterfamilie folgte das ICTV Vorschlägen von Schulz et al. (2017), Rolland et al. (2019) und Aylward et al. (2021).
Die hier wiedergegebene Systematik basiert auf der (MSL) #41v1 des (ICTV) vom 20. März 2026ICTV: Master Species Lists (MSL). und dem vorausgegangenen Vorschlag zur Reorganisation der Ordnung Imitervirales durch Aylward et al. (2021), ergänzt um Vorschläge in doppelten Anführungszeichen nach der NCBI Taxonomie vom 1. Mai 2023 (die den ersten Fund beinhaltenden Gruppen sind fett wiedergegeben): Familie Mimiviridae (Mimiviriden) Klade – ursprünglich als Unterfamilie „Aquavirinae“ („Aquaviren“) vorgeschlagen (nicht realisiert)
Unterfamilie Aliimimivirinae (Cafeteriaviren, Mimiviridae Gruppe II) Gattung Rheavirus (früher Cafeteriavirus) Spezies Rheavirus sinusmexicanimit Cafeteria-roenbergensis-Virus BV-PW1 (CrV BV-PW1) Klade (Gattung?) „Namaovirus“ („Sturgeon Nucleocytoplasmic Large DNA Virus“, sNCLDV), … Unterfamilie Klosneuvirinae (Klosneuviren, engl. ) Gattung Catovirus (CatV) Spezies Catovirus klosterense (früher Catovirus naegleriensis, Catovirus sp. 'naegleriensis') mit Catovirus naegleriensis alias Naegleriavirus (NiV) Spezies „Catovirus CTV1“ Gattung Fadolivirus, Wirt: Vermamoeba vermiformis Spezies Fadolivirus algeromassiliense (früher Fadolivirus 1)<br />mit Fadolivirus FV1/VV64 Spezies „Fadolivirus FV2“<br />mit Fadolivirus FV2/VV64, Wirt: Vermamoeba vermiformis Spezies „Fadolivirus sp. IHUMI-VV54“<br />mit Fadolivirus strain IHUMI-VV54 (mit Schreibvariante IHUMIVV-54) Gattung Theiavirus Spezies Theiavirus salishense (Bodo-saltans-Virus, BsV)<br />mit Bodo saltans virus strain NG1 Gattung Yasminevirus Spezies Yasminevirus saudimassiliense (inkl. Yasminevirus sp. GU-2018)<br />mit Yasminevirus GU-2018 (YV GU-2018) Gattung „Hokovirus“ (HokV) Spezies „Hokovirus HKV1“ Gattung „Indivirus“ (IndV) Spezies „Indivirus ILV1“ Gattung „Klosneuvirus“ (KloV oder KlosnV) Spezies „Klosneuvirus KNV1“ Gattung „Edafosvirus“ Spezies „Edafosvirus“ sp. Gattung „Barrevirus“ Spezies „Barrevirus sp.“ Gattung „Dasosvirus“ Spezies „Dasosvirus sp.“ Gattung „Edafosvirus“ Spezies „Edafosvirus sp.“ Gattung „Gaeavirus“ Spezies „Gaeavirus sp.“ Gattung „Harvfovirus“ Spezies „Harvfovirus sp.“ Gattung „Homavirus“ Spezies „Homavirus sp.“ Gattung „Hyperionvirus“ Spezies „Hyperionvirus sp.“ Gattung „Terrestrivirus“ Spezies „Terrestrivirus sp.“ ohne Gattungszuweisung Spezies „Mimiviridae LCMiAC01“ (korrigiert aus „Mimivirus LCMiAC01“)Zuordnung erfolgt nach Bäckström et al. (2019) und nicht nach der NCBI-Taxonomie, wegen deren früheren Tendenz Mimiviridae grundsätzlich der Gattung Mimivirus zuzuordnen. Spezies „Mimiviridae LCMiAC02“ (korrigiert aus „Mimivirus LCMiAC02“) Klade Mimiviridae Gruppe I, Mimiviren s. l., früher auch „Mimivirinae“ genannt Unterfamilie Megamimivirinae Gattungen Mimivirus, Moumouvirus, Megavirus, Cotonvirus, Tupanvirus, „Platanovirus“, „Satyrvirus“, … Unterfamilie und Gattung nicht zugewiesen (basal im Mimiviridae) Spezies „gvSAG AB-566-O17“, …
Anm.: Bei den Spezies (bzw. Stämmen) der drei Gattungen Mimivirus, Moumouvirus und Megavirus kann zur Unterscheidung dem abgekürzten Gattungsnamen der tiefergestellte Buchstabe der jeweiligen Linie (A, B bzw. C) beigefügt werden: MA. für Mimivirus, MB für Moumouvirus und MC für Megavirus. T – bei Namensgleichheit mit der Spezies deutet ein hochgestelltes ‚T‘ einen Typus- oder Referenzstamm an.
Die Phylogenie der Klosneuviren wurde ausgehend von den ursprünglichen vier Viren aus Klosterneuburg (von Schulz et al. 2017) unter hinzunahm neuer Vorschläge immer weiter ausgebaut. Die bei Aylward et al. (2021) angegebene Phylogenie ist verträglich mit früheren, wie die von Disa Bäckström et al. (2019), Fig. 3, und von Schulz et al. (2018).
Die folgende Phylogenie der Klosneuvirinae ist ein Konsens dieser drei Quellen (vereinfacht, in neuer Terminologie):
Während die Zugehörigkeit dieser ganzen Gruppe der Klosneuviren zur Familie der Mimiviridae unbestritten ist, wird die genaue Topologie der Verwandtschaftsbeziehungen und Nomenklatur innerhalb dieser Familie, und zu möglichen Erweiterungen (d. h. innerhalb der vom ICTV im März 2020 geschaffenen Ordnung Imitervirales) derzeit (April 2020) noch diskutiert:
Manche Autoren (wie das CNRS) sahen eine enge Verwandtschaft der Klosneuviren mit den Cafeteriaviren (Aliimimivirinae) und „Namao-Virus“ und schlugen daher vor, die gemeinsame Klade als eine Unterfamilie „Aquavirinae“ (Aquaaviren) anzusehen.
Abweichende äußere Phylogenien (und Taxonomien) der Klosneuviren wurden vorgeschlagen beispielsweise von Lucie Gallot-Lavallée et al. (2017)Lucie Gallot-Lavallée, Guillaume Blanc, Jean-Michel Claverie: Comparative Genomics of Chrysochromulina Ericina Virus and Other Microalga-Infecting Large DNA Viruses Highlights Their Intricate Evolutionary Relationship with the Established Mimiviridae Family. In: Journal of Virology, Band 91, Nr. 14, 26. Juni 2017; doi:10.1128/JVI.00230-17. und Deeg et al. (2018), aber Aylward et al. (2021) verworfen.
In der von Clara Rolland et al. (2019) angegebenen inneren Phylogenie stand Hokovirus nicht basal, sondern näher an dem (im obigen Kladogramm) oben gelegenen Zweig mit „Klosneuvirus“, Fadolivirus, „Indivirus“ etc.
„Klosneuvirus“ Der erste und namensgebende Vertreter dieser Unterfamilie, vorgeschlagen als Spezies (Art) „Klosneuvirus KNV1“ wurde im Metagenom einer Kläranlage in der österreichischen Stadt Klosterneuburg nahe Wien entdeckt. Mit 1,54 bis 1,57 Millionen Basenpaaren besitzt KNV1 ein ungewöhnlich großes Genom, fast dreimal so lang wie beim Bakterium Mycoplasma genitalium. Wie aus Zellen aufgebaute Organismen besitzt es Aminoacyl-tRNA-Synthetasen für alle 20 Aminosäuren.
Die vorgeschlagene Gattung „Klosneuvirus“ (KloV oder KlosnV) ist nicht zu verwechseln mit der vom ICTV bestätigten Gattung Klosterneuburgvirus aus der Familie Salasmaviridae der Caudoviricetes.
Die Entdeckung von „Klosneuvirus“ zeigte sich als nicht vereinbar mit der Hypothese eines vierten Reichs der Biologie (bzw. Domäne). Nach dieser Ansicht gebe es neben den Bakterien, Archaeen und Eukaryoten einst eine vierte, inzwischen verschwundene Domäne, deren Nachfahren die heutigen Riesenviren seien. Aus der Analyse des Genoms von KNV1 ergab sich stattdessen, dass Riesenviren sich aus kleineren Viren unter Aneignung von eukaryotischem Genmaterial entwickelten.
Genom Die namensgebende Spezies „Klosneuvirus KNV1“ hat eine Genomlänge von 1.573.084 bp und kodiert nach Vorhersage 1545 Proteine; der GC-Gehalt liegt bei 29 %.
Weblinks
Fund im Abwasser – Forscher entdecken vier neue Riesenviren. Spiegel Online, 7. April 2017 Sara Reardon: Giant virus discovery sparks debate over tree of life. In: Nature, 6. April 2017; doi:10.1038/nature.2017.21798 (Illustration). Klosneuviruses: New Group of Giant Viruses Discovered. Auf Sci.News, 11. April 2020 (TEM-Aufnahme) Jeffrey Marlow: Giant Virus Found in Sewage Blurs the Line Between Life and Non-Life. Discover, 20. April 2017 (Illustration: 3D-Virion im Querschnitt)
Anmerkungen
Einzelnachweise ICTV: Master Species Lists § ICTV Master Species List 2022 MSL38 v1 (xlsx), 8. April 2023. Taxon Details: genus: Mimivirus (2022 Release, MSL #38). NCBI Taxonomy Browser: Search for …, Nucleotide: Search. NCBI Taxonomy Browser: Klosneuvirus, Details: Klosneuvirus (genus); abgerufen am 6. Mai 2023. NCBI Taxonomy Browser: Search: Fadolivirus (token set). NCBI Taxonomy Browser: Fadolivirus 1 (species). NCBI Taxonomy Browser: Fadolivirus 2 (species), Nucleotide: Fadolivirus 2 strain FV2/VV64, … NCBI Taxonomy Browser: Fadolivirus (species), Nucleotide: Fadolivirus strain IHUMIVV-54 … NCBI Taxonomy Browser: Barrevirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Dasosvirus (species). NCBI Taxonomy Browser: Edafosvirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Gaeavirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Harvfovirus (species). NCBI Taxonomy Browser: Homavirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Hyperionvirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Terrestrivirus sp. (species). NCBI Taxonomy Browser: Yasminevirus sp. GU-2018 (species). NCBI Taxonomy Browser: Mimivirus AB-566-O17 (Acronym: gvSAG AB-566-O17, gvSAG_O17) (species). NCBI Taxonomy Browser: Mimivirus LCMiAC01 (species). Nucleotide: MAG: Mimivirus LCMiAC01…. NCBI Taxonomy Browser: Mimivirus LCMiAC02 (species). Nucleotide: MAG: Mimivirus LCMiAC02…. (PDF; 334 kB) Centre national de la recherche scientifique, Université d’Aix-Marseille, 18. April 2018. List of the main “giant” viruses known as of today (March 2019). (PDF) Centre national de la recherche scientifique, Université d’Aix-Marseille, März 2019. Nadja Podbregar: Viren – Erfolgsmodell der Evolution. Dossier auf scinexx.de, 3. April 2020. Vincent Racaniello, David Tuller, Gertrud U. Rey: Bodo saltans virus, an abundant giant aquatic Mimivirus. Virology blog, 28. Dezember 2017
Julien Andreani, Frederik Schulz, Fabrizio Di Pinto, Anthony Levasseur, Tanja Woyke, Bernard La Scola: Morphological and Genomic Features of the New Klosneuvirinae Isolate Fadolivirus IHUMI-VV54. In: Frontiers in Microbiology, Band 12, Sec. Virology, 21. September 2021, S. 719703; doi:10.3389/fmicb.2021.719703, PMID 34621250, (). Patrick Arthofer, Florian Panhölzl, Vincent Delafont, Alban Hay, Siegfried Reipert, Norbert Cyran, Stefanie Wienkoop, Anouk Willemsen, Ines Sifaoui, Iñigo Arberas-Jiménez, Frederik Schulz, Jacob Lorenzo-Morales, Matthias Horn: A giant virus infecting the amoeboflagellate Naegleria. In: Nature Communication, Band 15, Nr. 3307, 24. April 2024; doi:10.1038/s41467-024-47308-2 (). Dazu: Segen statt Fluch – Riesenvirus in Kläranlage bei Wien entdeckt. Auf: n-tv.de vom 25. April 2024. Riesenviren befallen tödlichen Parasiten. Auf: orf.at vom 24. April 2024, abgerufen am 24. April 2024. Nadja Podbregar: Könnte dieses Riesenvirus zum Heilmittel werden? Neuentdeckter Virengigant aus der Kläranlage befällt eine für Menschen tödliche Amöbe. Auf: scinexx.de vom 25. April 2024. Giant Viruses Infect Deadly Parasite. Pressemitteilung der Universität Wien vom 24. April 2024. Giant virus discovered in wastewater treatment plant infects deadly parasite. Auf: phys.org vom 24. April 2024.