Der Rauchwarenkaufmann Johann Heinrich Lomer (* 18. März 1812 in Lübeck;Taufregister der Jakobikirche (Lübeck) 1812, abgerufen über ancestry.com am 1. Februar 2019; Emil Ferdinand Fehling: Aus meinem Leben. Erinnerungen und Aktenstücke. Otto Quitzow Verlag, 1929 (Digitalisat), S. 31. † 29. August 1875 in LeipzigKulturelle Eliten in Leipzig, S. 97. In: Thomas Höpel: Kultur und Stadtkultur in Leipzig und Lyon (18.-20. Jahrhundert). Leipziger Universitätsverlag 2004. Abgerufen am 5. April 2017.) gründete im Jahr 1835 in Breslau unter der Firma Heinrich Lomer eine Pelzgroßhandlung, die er 1844 nach Leipzig verlegteFur Trade Review 39 (1910), S. 77. und bedeutend ausbauen konnte. Sie bestand bis zur Insolvenz im Jahr 1930, der Zeit eines großen Umsatzeinbruchs der Branche während der Weltwirtschaftskrise. Mit dem Buch „Der Rauchwaaren-Handel“ schuf Lomer das erste umfassende Werk über den Weltpelzhandel.

Firmengeschichte mini|Das Innere der Pelzniederlage

Heinrich Lomer war ein Sohn des Lübecker Buntfutterers Gerhard Diedrich Lomer (1778–1846), der dort in der Breiten Straße ein „Lager von amerikanischen und russischen Pelzwaren“ unterhielt.Eintrag in den Lübecker Adressbüchern, zitiert nach Björn R. Kommer: Steuer in Lübeck im Jahr 1840. In: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte 70, 1990, S. 175–191, hier S. 186.

Die Firma Heinrich Lomer galt zeitweilig als das älteste Leipziger Großhandelsunternehmen der Pelzbranche. Während Leipzig aufgrund seiner zentralen Lage bereits im Mittelalter als Markt- und Umschlagplatz für diverse Waren eine große Bedeutung hatte, war dies Anfang des 19. Jahrhunderts für den einstmals ebenfalls erheblichen Fellhandel nahezu völlig verloren gegangen. Nach Beendigung der von Napoleon verhängten Kontinentalsperre im Jahr 1815 bestanden nur noch zwei alteingesessene Rauchwarenfirmen. Innerhalb von nur zehn Jahren normalisierte sich die Lage weitgehend und die Leipziger Rauchwarenfirmen gewannen den Anschluss an den Welthandel zurück. Das Unternehmen Lomer hatte wie auch andere, jetzt neu entstandene Pelzfirmen, Erfolg, nicht zuletzt wegen der Gewerbefreiheit, die in den 1860er Jahren eingeführt wurde. Leipzig mit seinen Firmen rund um den Brühl stieg in den folgenden Jahrzehnten zur führenden europäischen Pelzstadt auf, besonders auch wegen seiner Qualität in der Pelzzurichtung und Pelzveredlung. Als sich um 1900 mit der Industrialisierung, der Einführung der Pelznähmaschine und einer Mode, bei der die Pelze mit dem Haar nach außen getragen wurde, die Nachfrage nach Fellen sehr schnell erhöhte, gehörte das nun etablierte und kapitalkräftige Unternehmen Lomer mit zu den Firmen, die von diesem Aufschwung außerordentlich profitierten.

Bereits 1862 schreibt ein Autor für die Familienzeitschrift Die Gartenlaube beeindruckt, obwohl er das Äußere des Firmengebäudes, das sich inmitten anderer, ebenfalls aufwändig gestalteter Hausfassaden befand, als „unscheinbar“ empfand:

Der Autor der Gartenlaube beschreibt die großen Mengen der vorhandenen Fellarten von Mardern, Iltissen, Fischottern, Dachsen, holländischen Katzen-, Schwanen- und Gänsepelzen und französischen Kaninchenfellen, Astrachanfellen, sowie „gewaltige Fässer“ mit ungefähr 100.000 Rotfuchsfellen. Allein von den einheimischen Tieren kämen in Leipzig jährlich für mehr als zwei Millionen Taler Felle in den Handel.

mini|Einkauf von 59 Rotfuchsfellen. Aus dem Kauf-Buch von Naoum Dedo, Leipzig 1874 mini|Handschriftliche Widmung Lomers an die Polytechnische Gesellschaft zu Leipzig

Aus Russland kamen die kostbaren Zobel, für „nur die Kleinigkeit von 100 Thalern das Stück; daneben schneeweiße Hermeline roh und bereits bearbeitet“ und etwa 1 ½ Millionen Felle des grauen sibirischen Eichhörnchens. Erwähnt wird, dass in Weißenfels und Naumburg eine eigene Industrie bestand, in der Bürgersfrauen in Heimarbeit die Fehfelle zu Pelzhalbfabrikaten zusammennähten. Über Etablissements wie das von Heinrich Lomer wurden die Felltafeln dann an die Pelzfabrikanten weltweit weiterverkauft.

Für ihre Qualitätsarbeit waren auch die Pelzzurichtereien um Leipzig weltweit geschätzt. Die Felle von Angora-Ziegen kamen nur nach Leipzig, um hier zugerichtet zu werden und von Handelshäusern nach Russland zurück exportiert zu werden. So auch die Astrachan- und Persianerfelle, für die die Werke in Markranstädt als Gerber, aber auch besonders für das Schwarzfärben einen besonderen Ruf hatten. Sie gingen über Leipzig besonders nach Ungarn für „Männer der National-Partei“ und nach Paris.

Weitere im Artikel genannte, bei Lomer auf Kunden wartende Artikel waren etwa 100.000 Biberfelle und 400.000 Bisamfelle aus Nordamerika, deren Wollhaare in den ersten Jahren des Bestehens der Firma noch zu Filzen für die Hutproduktion verwendet, nun aber mit ausgerupftem Grannenhaar vor allem zu Herrenkragen verarbeitet wurden. Außerdem waren da Wolfshäute aller Farben, Waschbären, schwarze und graue Bären, Eisbären, Vielfraße und Skunkse. Füchse gab es in großer Vielfalt, weiße, blaue und Kreuzfüchse; Silberfüchse zu 125 Taler das Stück, und damals „die Sehnsucht jeder echten Modedame: schwarzer Fuchs bis zu 250 Thalern das Fell“. Mit der ersten Sealjacke aus schwarzgefärbten Pelzrobbenfellen, denen außerdem das Oberhaar entfernt worden war, begann die moderne Pelzmode, bei der das Fell nicht nur in der Verbrämung und als Kragen mit dem Haar nach außen getragen wurde. Der Seeotter war noch nicht geschützt, hiervon gab es nur wenige Exemplare für 300 bis 350 Taler das Stück. Diese Felle wurden vor allem als Kragen auf Herrengehpelze gearbeitet, der ungeheuer hohe Preis hätte ohne die Schutzmaßnahmen wahrscheinlich zu einem Aussterben der großen Ottern geführt. Auch gab es Chinchilla aus Chile, der Spezialist hierfür war jedoch die ebenfalls am Leipziger Brühl ansässige Firma Richard Gloeck. Daneben wurde jedoch auch Billigware wie Lamm- oder Ziegenfelle in großen Ballen oder Stapelware in Fässern gehandelt.

Immer wieder wurde versucht, meist wenig erfolgreich, die für Europa in London stattfindenden Rauchwarenversteigerungen auch in Leipzig einzuführen. Etwa 1878 begründeten die Firmen Heinrich Lomer und G. Gaudig & Blum gemeinsam das Auktionshaus Lomer, Dodel & Co. Auch deren Auktionen wurden nach kurzer Zeit wieder eingestellt.

Im Oktober 1865 traten Heinrich Lomers Söhne Emil und Gustav in die Leitung des Unternehmens ein und führten es nach dem Tod des Seniors 1875 weiter. Im Februar 1893 ging das Unternehmen an Gilbert Lomer und Karl Lentsch. Lentsch war schon seit 1875 hier tätig. Von „Vater Lentsch“ ist überliefert, dass er Friedrich Jäkel: Der Brühl von 1900 bis zum 2. Weltkrieg (1. Teil). In: Rund um den Pelz. Nr. 11, November 1985, S. 74.

Am 1. Februar 1904 wurde Moritz Becker Teilhaber. Nach Gilbert Lomers Tod waren Karl Lentsch und Moritz Becker die Inhaber des Unternehmens.Fur Trade Review 39 (1910), S. 77

In einigen für den Pelzhandel wichtigen westlichen Weltstädten unterhielt die Firma Handelsvertretungen mit eigenen Lagern. Im Jahr 1913 waren dies Berlin, Brüssel, London, Mailand, Paris und New York.Rauchwaren-Preis-Verzeichnis Heinrich Lomer, Leipzig, 1913–1914, S. 2. Für den Vertrieb der kleinen Lammfellsorten Astrachan, Breitschwanz und Persianer war die Tochterfirma Lomer & Co. zuständig, die im selben Geschäftshaus auf dem Brühl residierte.Rauchwaren-Preis-Verzeichnis Heinrich Lomer, Leipzig, 1913–1914, S. 28–29.

Der Engros-Handel war das eigentliche Kerngeschäft des Unternehmens, trotzdem unterhielt die Firma Lomer im Vordergebäude ein Detailgeschäft, wie es bei vielen Großhändlern gängige Praxis war, aber erheblichen Unmut bei der Kürschnerkundschaft erregte, insbesondere beim Leipziger Pelzeinzelhandel. Im Jahr 1914 verpflichtete sich die Firma deshalb gegenüber ihren Kürschnerkunden, gemeinsam mit anderen Rauchwarenhändlern, zumindest keine Felle an Privatkunden zu verkaufen.Verein Deutscher Kürschner. Betrifft Verkauf von Fellen an Private. In: Kürschner-Zeitung. Verlag Alexander Duncker, Leipzig, Nr. 9, 26. April 1914.

Das Krisenjahr 1930 brachte die größte Anzahl an Insolvenzen, die man in der Pelzbranche je erlebte. Trotzdem war die Überraschung groß,Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 3. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 28, 30 (→ Inhaltsverzeichnis). dass davon die große und älteste Firma am Brühl mitbetroffen war: Im März 1930 hat „die Rauchwarenhandlung Heinrich Lomer, Leipzig, Brühl 42, mit etwa 2 bis 2 ½ Millionen Mark Verbindlichkeiten die Zahlungen eingestellt“.Die Insolvenzwelle. In: Der Rauchwarenmarkt. Nr. 53, Leipzig, 22. März 1930, S. 7. „Der Gläubigerausschuss setzte sich zusammen aus den Leipziger Firmen: Einschlag (J. Ariowitsch), Dr. Nauen (Theodor Thorer), Hirsch Goldberg, Dr. Rentsch und Silberkweit (Ch. Eitingon A. G.)“In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 44; 12. April 1930, S. 7. „Auf der Gläubigerversammlung wurden Verbindlichkeiten von 1.524.000 RM. und Vermögenswerte von 816.900 RM. festgestellt, die allerdings nur schwer zu realisieren sein dürften. Die Gläubiger befürworteten einen Liquidationsvergleich, nach dem 35 % voll ausgezahlt und ein etwaiger Rest in Höhe von 60 % den Gläubigern und 40 % den Schuldnern zufallen sollen.“In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 53, 3. Mai 1930, S. 5.

Das Pelzkontorhaus, genannt die „Pelzkirche“ mini|Das Pelzkontorhaus Heinrich Lomer (1870) Ein viel beachtetes Gebäude war das Geschäftshaus der Firma Lomer, Brühl Nr. 42, von den Leipzigern wegen des sakralen Aussehens „Pelzkirche“ oder sogar „Pelzkathedrale“ genannt. Es handelte sich um einen modernen Geschäftshausbau, auch die historisierende Fassade passte zum Stil der Zeit.

Bevor Heinrich Lomer 1857 im Hof vom Brühl 42 sein Lagerhaus errichten ließ, war das Grundstück mit einer ganzen Anzahl kleiner, verschachtelter Häuser bebaut, die teils im ersten und zweiten Stock als Niederlage für Kaufleute dienten.Jens Schubert. Vgl. StadtAL, Bauakten, 3814 (Brühl 42) fol. 8 f. Um 1800 gehörte das Anwesen bereits einem Mitglied der Pelzbranche, einem Kürschnermeister namens Mehlgart.Jens Schubert. StadtAL, Bauakten, 3814 (Brühl 42) fol. 1-6. In einem Hintergebäude des Komplexes befand sich die schon im 16. Jahrhundert erwähnte Gaststube „Zum weißen Roß“.Jens Schubert. Sekundärquelle: Ernst Müller: Die Häusernamen von Alt-Leipzig. Vom 15.-20. Jahrhundert, mit Quellenbelegen und geschichtlichen Erläuterungen. Leipzig 1931, S. 6, 10 f.