Das National Intelligence Service, abgekürzt NIS (afrikaans: Nasionale Intelligensiediens) war ein südafrikanischer Nachrichtendienst während der Apartheid mit zentralen koordinierenden Aufgaben an der Spitze der Staatsverwaltung. Die Behörde existierte von 1980 bis 1994 und unterstand dem Büro des Staatspräsidenten. Der Sitz des NIS befand sich in Pretoria im Concilium Building in der Skinner Street (heute Nana Sita Street).Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 52

Allgemein Das NIS koordinierte mehrere Sicherheitsdienste und war in den State Security Council (SSC) integriert. Im Rahmen seiner Aufgaben bestand eine enge Zusammenarbeit mit dem Military Intelligence Service (deutsch: Militärischer Nachrichtendienst) und der Security Branch der Polizei (deutsch etwa: Sicherheitspolizei).SAIRR: Race Relations Survey 1984. Johannesburg 1985, S. 772

An der Spitze des Nachrichtendienstes stand ein Director-General (deutsch: Generaldirektor).SAIRR: Race Relations Survey 1983. 1984, S. 544

Die vom NIS gesammelten Informationen wurden in einer wöchentlichen internen Arbeitssitzung ausgewertet und danach an entsprechende Regierungsstellen in aufbereiteter Form weitergeleitet. Der südafrikanische Ministerpräsident ließ sich bedarfsweise durch Mitarbeiter des NIS zu Einzelfragen beraten.SAIRR: Race Relations Survey 1984. 1985, S. 772

Geschichte Historische Aspekte seit der Bildung des NIS Das NIS entwickelte sich aus einer Übergangslösung, dem Department of National Security (DONS), nachdem der vorherige Geheimdienst BOSS mit dessen Leiter Hendrik van den Bergh in den Muldergate-Skandal verwickelt worden war und sich eine Neuordnung der Geheimdienststrukturen als politisches Erfordernis herausstellte.SAIRR: Survey of Race Relations in South Africa 1980. 1981, S. 276 Die Strukturreform der nachrichtendienstlichen Aufgabenfelder im damaligen Südafrika erfolgte in Regie von Hendrik Jacobus Coetsee, nachdem dieser am 12. Oktober 1978 in das Amt des Vizeministers für Verteidigung und Nationale Sicherheit gekommen war.Shelag Gastrow: Who’s who in South Africans Politics, Number 5. Ravan Press, Johannesburg 1995, S. 33 ISBN 0-86975-458-0

Der NIS wurde 1981 durch seinen Agenten Martin Dolinchek, der sich unautorisiert am Staatsstreich (Seychellen Coup) auf den Seychellen unter der Führung von Mike Hoare beteiligt hatte, das Ziel öffentlicher Kritik. Die Aggressionshandlungen gegen die Regierung der Seychellen erfolgten mit waffentechnischer Unterstützung aus der South African Defence Force (SADF). Der Oppositionsführer im südafrikanischen Parlament, Frederik van Zyl Slabbert (PFP), forderte daraufhin den Rücktritt des Streitkräftechefs Constand Viljoen und des NIS-Chefs Niel Barnard.SAIRR: Race Relations Survey 1982. 1983, S. 232–233

Im September 1983 versuchte NIS-Generaldirektor Niel Barnard für die Ausweitung der Leistungsfähigkeit des Nachrichtendienstes die Unterstützung aus der Regierung zu erhalten. Die Behörde sollte seiner Meinung nach nicht länger hinter ähnlichen Diensten in der Welt zurückstehen.

Nachrichtendienstliche Aktivitäten des NIS in den frühen 1980er Jahren an südafrikanischen Universitäten erregten öffentlichen Protest. Vertreter der Studentenräte an den Universitäten Witwatersrand, Rhodes, Kapstadt und Natal forderten 1983 ihre Universitätsleitungen auf, von allen neuen Studenten eine unterschriftliche Erklärung abzuverlangen, dass sie nicht für das NIS, die Sicherheitspolizei oder für den militärischen Geheimdienst tätig seien. Diese Proteste standen im Zusammenhang mit den Enthüllungen um Craig Williamson (IUEF) und Karl Edwards (IUEF).SAIRR: Race Relations Survey 1983. 1984, S. 544–545

Bei der Gestaltung internationaler Kontakte des NIS spielten afrikanische Staaten eine wichtige Rolle. Im Verlauf der 1980er Jahre hatte das NIS zu zahlreichen Staatsoberhäuptern dieser Länder eine gute Beziehung aufgebaut, da es Südafrika dabei um die Überwindung seiner internationalen diplomatischen Isolation ging. Die größten Erfolge bei diesen Bemühungen erzielte das NIS in Ägypten, Kenia, Nigeria, Sambia und Uganda. Bestehende Kontakte des institutionellen Vorgängers BOSS übernahm das NIS in Zaire, Malawi und in Rhodesien/Simbabwe. In Zaire hatte der südafrikanische Geheimdienst ein ständig besetztes Büro. Gute Arbeitskontakte bestanden auch zur Central Intelligence Organisation (CIO) in Rhodesien, dessen Chef Ken Flower dabei als der wichtigste Ansprechpartner galt. Diese Arbeitsbeziehungen setzten sich nach der Unabhängigkeit (18. April 1980) des Landes mit der Zimbabwe Central Intelligence Organisation (ZCIO) fort. Im Jahr 1983 eröffnete das NIS ein Büro in Lomé, der Hauptstadt von Togo, über das sich enge Beziehungen zu Präsident Gnassingbé Eyadéma entwickelten. Das NIS half bei der Errichtung einer nachrichtendienstlichen Ausbildungsstätte in Togo. Damalige Aktivitäten Südafrikas in dieser Region wurden durch den französischen Geheimdienst aufmerksam beobachtet.Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 119–125

Einige Jahre später entstand ein Verbindungsbüro in Lagos, Nigeria. Über den nigerianischen Geheimdienstchef Aliyu Mohammed Gusau entwickelte das NIS Kontakte bis zum damaligen Präsidenten Ibrahim Babangida, die sich jedoch nicht zufriedenstellend entfalteten. Nigeria war bereits ein wichtiger Unterstützer des ANC auf dem afrikanischen Kontinent.

Ein besonderes Verhältnis ergab sich aus den Kontakten zu Sambia. Dort gelang es dem NIS in der Mitte der 1980er Jahre kontinuierliche Kontakte zum Präsidenten Kenneth Kaunda und mit Mitarbeitern des Zambia Security Intelligence Service (ZISS) aufzubauen. Kaunda war diesen Gesprächen zugeneigt, da er als eines seiner politischen Ziele die friedvolle Entwicklung im südlichen Afrika sah. Südafrika war jedoch an vielseitigen Aufklärungsergebnissen interessiert, weil der ANC in Lusaka eines seiner Hauptquartiere unterhielt und im Westen des Landes die SWAPO Regionen als wichtige Rückzugsräume nutzte.Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 127–128

Desgleichen pflegte das NIS intensive Geheimdienstkontakte zu einigen europäischen Staaten. Beispielsweise traf in den frühen 1980ern der damalige Bundesnachrichtendienst-Chef Klaus Kinkel im Verlauf eines offiziellen Besuchs auf Premierminister Pieter Willem Botha, der ihn im Verwoerd Building in Kapstadt empfing. Im Zuge dieser Visite gab es Gesprächskontakte mit NIS-Chef Barnard.Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 117–118 Damit wurde zwischen beiden Staaten kein Neuland beschritten. Der BND hatte die Mitarbeiterausbildung der Vorgängerinstitution des NIS (Bureau for State Security) im Bereich von Personenschutzaufgaben sehr umfangreich unterstützt. Jüngere Mitarbeiter des NIS partizipierten später von diesen gefestigten Kooperationsbeziehungen. Auf diese Weise gewannen die bundesdeutschen Nachrichtendienstler sensible Informationen aus Afrika und im Gegenzug erhielten die Südafrikaner wertvolle Instruktionen über Ostblockstaaten und besonders über für sie relevante DDR-Aktivitäten. ANC-Nachrichtendienstler hatten Ausbildungen durch das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit erhalten. Südafrika war demzufolge an Kenntnissen über den Umfang sowie über die Art und Weise jener Personalentwicklung interessiert. Nach Einschätzung von Neil Barnard hatte auf dem Gebiet der Spionageabwehr eine gute Zusammenarbeit zwischen NIS und BND bestanden.Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 85–86

Sehr gute Beziehungen unterhielt das NIS auch nach Italien, zum SISMI und zum Inlandsnachrichtendienst SISDE.Barnard: Secret Revolution. 2015, S. 88

Infolge einer Ansprache des NIS-Generaldirektors Barnard am 16. Dezember 1986 anlässlich der Versammlung zum Day of the Vow am Blood-River-Denkmal in Natal entflammte im südafrikanischen Parlament eine kontroverse Debatte. Es hatte sich der Vorwurf ergeben, dass Barnard Journalisten verboten hätte, über seine Rede am Day of the Vow zu berichten. Zur Entschärfung der Situation ließ Staatspräsident Botha gedruckte Exemplare der kritisierten Rede verteilen. Darin hatte Barnard mehreren Organisationen, u. a. dem Südafrikanischen Kirchenrat und der Südafrikanischen Katholischen Bischofskonferenz (SACBC) vorgeworfen, dass sich „unter der Nutzung des Mantels religiöser Pietät der Fakt verberge, sie seien ein Teil des "revolutionären Angriffs"“ auf Südafrika. Barnard meinte in diesem Zusammenhang, dass sich das Land seit 1984 einer noch größeren Angriffsgefahr ausgesetzt sehe, als es bei der Schlacht am Blood River der Fall gewesen sein soll.SAIRR: Race Relations Survey 1987/88. 1988, S. 545

Im August 1988 berief die südafrikanische Regierung unter Leitung des Richters Louis Harms (Harms Commission) eine Kommission zur Untersuchung von mutmaßlichen grenzüberschreitenden „Unregelmäßigkeiten“ (Commission of Inquiry into Certain Alleged Across-Border Irregularities) ein. Details wurden im Folgejahr veröffentlicht. Im März 1989 erregten Berichterstattungen über eine NIS-Agentengruppe in einem südafrikanischen Bauunternehmen (JALC) erhebliche politische Aufmerksamkeit. Drei Direktoren des Baukonzerns JALC Holdings hatten eingestanden, dass sie für das NIS im Ausland tätig gewesen waren. Es waren dabei Entwicklungsprojekte des Unternehmens im Ausland für die Erfüllung nachrichtendienstlicher Aufgaben unter dem Deckmantel unternehmerischer Tätigkeiten genutzt worden. Von diesen Aktivitäten betroffene Staaten waren Botswana, Lesotho und Mauritius, ferner die Homelands Bophuthatswana, Ciskei und Transkei. Im Zentrum der Justizermittlungen standen dabei aufgefallene Korruptionsvorgänge in Form von unerlaubtem Diamantenhandel, verdeckten militärischen Operationen sowie Bestechungsgelder zur Beeinflussung der Aufteilung von Glücksspiellizenzen zwischen Lentin, einem Beteiligungsunternehmen von JALC, Sun International und der Ciskei-Administration. Beteiligt war an diesen Vorgängen auch ein SADF-Abwehroffizier. Die Vorgänge wurden 1990 vor dem East London District Court verhandelt. Jahre später wurden in der Wahrheits- und Versöhnungskommission weitere Zusammenhänge offenkundig. Die Aktivitäten in der Ciskei standen im Zusammenhang mit der Operation Katzen, die den Sturz der Regierungen in der Ciskei und Transkei zum Ziel hatte.SAIRR: Race Relations Survey 1989/90. 1990, S. 144, 484–485, 519–520Truth and Reconciliation Commission: Military policy: destabilisation through Operation Katzen. Dokumentation ab subsection 20. auf www.sabctrc.saha.org.za (englisch)Die enge Verknüpfung zwischen privatwirtschaftlichen Unternehmen und staatlichen Sicherheitsstrukturen war eines der angestrebten Ziele in dem von Staatspräsident Pieter Willem Botha geführten National Security Management System (im SSC).Jeff Peires: The Implosion of Transkei and Ciskei. University of the Witwatersrand, African Studies Institute, 1992 (African Studies Seminar Paper), online auf www.wiredspace.wits.ac.za, PDF-Dokument S. 23 (englisch)Annette Seegers: South Africa's National Security Management System, 1972–90. In: The Journal of Modern African Studies, Volume 29, Ausgabe 2, Juni 1991, S. 253–273