mini|Das Symbol der All Assam Students Union (AASU), der Hauptträgerin der Bewegung, zeigte eine geballte Faust vor dem Hintergrund der Konturen des indischen Nordostens Die Assam-Bewegung (, ) war eine ethnisch-nationalistische Massenbewegung im indischen Bundesstaat Assam in den Jahren 1979 bis 1985. Die Bewegung wurde wesentlich von assamesischen Studenten getragen, richtete sich gegen die Einwanderung von Bengalen aus dem benachbarten Bangladesch nach Assam und die damit verbundene, gefühlte Überfremdung. Im Verlauf der Bewegung kam es zur massiven Störung der öffentlichen Ordnung in Assam und zu gewalttätigen Ausschreitungen, denen insbesondere im Jahr 1983, im Umfeld der umstrittenen Parlamentswahl in Assam, Tausende Menschen zum Opfer fielen. Die Bewegung fand ihr äußeres Ende mit dem Abschluss des sogenannten Assam-Abkommens (Assam accord) 1985 zwischen den Führern der Assam-Bewegung und der indischen Regierung unter Premierminister Rajiv Gandhi.
Historischer Hintergrund Assam zur britischen Kolonialzeit Im Jahr 1826 kam das Gebiet des heutigen Assam nach dem Ersten Anglo-Birmanischen Krieg unter die Kontrolle der Britischen Ostindien-Kompanie. Vor dem Krieg hatte Assam aufgrund seiner geografischen Abgeschiedenheit über Jahrhunderte hinweg eine vom übrigen Indien relativ isolierte Existenz geführt. Im Gegensatz zum übrigen Indien war es nie unter die Herrschaft muslimischer Herrscher geraten bzw. nie Teil des Mogulreichs gewesen. In den Flusstälern des Brahmaputra und seiner Nebenflüsse siedelten die Assamesen, die eine indoeuropäische Sprache sprachen und ganz überwiegend Hindus waren, während die dünn besiedelten Bergregionen von tibeto-birmanischen Stammesvölkern besiedelt waren, die größtenteils animistischen Religionen anhingen.
Nach der Machtübernahme durch die Briten begann sich die ethnische Zusammensetzung des Landes zu ändern. Mit den britischen Verwaltungsbeamten kamen viele bengalische Hindus ins Land. In Bengalen hatte die Ostindien-Kompagnie schon ein Jahrhundert früher begonnen, eine lokale Verwaltungselite aufzubauen. Bengalisch (das mit dem Assamesischen nahe verwandt ist) wurde 1836 bis 1873 zur offiziellen Verwaltungssprache Assams. Viele Briten und auch Bengalen sahen das Assamesische als eine Art minderen Dialekt des Bengalischen an. Als Händler kamen die Marwari („Bewohner von Marwar“), die wesentliche Teile des Handels in Assam monopolisierten. Hinzu wurden ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Arbeiter für die entstehenden Teeplantagen angeworben – vielfach Adivasi aus dem Gebiet der Chota-Nagpur-Hochebene im heutigen Bihar und Jharkhand. Die einheimischen Assamesen hatten geringe Motivation, als Lohnarbeiter auf den Plantagen zu arbeiten, da sie Subsistenzwirtschaft auf eigenem Grund und Boden betrieben. Nach dem Zensus von 1891 waren geschätzt etwa ein Viertel der Bewohner des Brahmaputra-Tals Migranten von außerhalb Assams. Die größte Einwanderungswelle vollzog sich im 20. Jahrhundert, als muslimische Bengalen in großer Zahl aus dem dicht besiedelten Bengalen nach Assam einwanderten, dort große Waldgebiete rodeten und für den Ackerbau nutzbar machten. +Bevölkerungswachstum in Assam und in ganz Indien in ProzentDekadeAssamIndien1901–1116,85,71911–2120,2−0,31921–3120,111,01931–4120,514,21941–5120,113,31951–6135,021,61961–7135,224,81971–8136,324,7 Ab 1912 wurde dauerhaft die Provinz Assam eingerichtet, die den bevölkerungsreichen, mehrheitlich bengalisch-muslimischen Distrikt Sylhet (etwa die heutige Division Sylhet) mit umfasste. Als in den 1930er und 1940er Jahren erstmals Wahlen zu den Parlamenten stattfanden (mit sehr beschränkten Wahlberechtigungen) gewannen die muslimischen Bengalen die Mehrheit im Provinzparlament von Assam und nutzten ihre Position, um die weitere muslimische Einwanderung aus Bengalen zu fördern. Vizekönig Lord Wavell notierte nach einem Besuch Assams am 22. November 1942: „Das Hauptproblem ist das Bestreben der Muslim-Minister, die Immigration in bislang unbebautes Land zu befördern – mit der Begründung, dass dadurch die Nahrungsmittelproduktion gesteigert wird. Worauf es ihnen jedoch wirklich ankommt ist die Vermehrung der Zahl der Muslime.“ Bei der Teilung Indiens 1947 sprachen sich die Muslime für eine Angliederung Assams an Ostpakistan aus. Dies wurde nicht verwirklicht, jedoch kam der Distrikt Sylhet nach einer Volksabstimmung zu Ostpakistan.
Entwicklung im unabhängigen Indien bis 1979 +Offizielle Sprachenstatistiken für AssamJahrAssamesischBengalisch195156,7 %16,5 %196162,4 %18,0 %197161,0 %19,7 % Aus der ehemaligen britisch-indischen Provinz Assam wurde ab 1950 der Bundesstaat Assam. In dem neuen Bundesstaat bildeten die ethnischen Assamesen die Mehrheit und stellten die Regierung. Diese Regierungen betrieben eine Politik der Förderung der assamesischen Sprache in der Verwaltung, den Schulen und Universitäten. Assamesisch wurde 1960 zur offiziellen Sprache des Bundesstaats erklärt. Diese Politik stieß zwar vereinzelt auf Widerstand, jedoch passten sich die in Assam lebenden muslimischen Bengalen den Gegebenheiten an und unterstützten vielfach sogar diese Politik, die sich auch wesentlich gegen bengalische Hindus in Assam richtete. Eingedenk der ethnisch-religiösen Säuberungen, die es nach der Teilung Indiens gegeben hatte, herrschte unter vielen Muslimen lange die Furcht, dass sie eventuell in das benachbarte muslimische Ostpakistan abgeschoben werden könnten und sie gaben sich Mühe, in der Mehrheitsgesellschaft Assams nicht aufzufallen. Beispielsweise kam es 1972 zu öffentlichen Auseinandersetzungen, ob bei Prüfungen an der Gauhati University neben Assamesisch und Englisch auch Bengalisch als Sprache verwendet werden dürfe. Bei der Auseinandersetzung standen sich assamesische Hindus und bengalische Hindus gegenüber, während die bengalischen Muslime die Position der assamesischen Hindus unterstützten.
Die offiziellen Statistiken zeigten, dass Assam seit Beginn des 20. Jahrhunderts der Teil Indiens mit der am schnellsten wachsenden Bevölkerung war. Grund für diese Bevölkerungszunahme war eine positive Zuwanderungsbilanz. Auch nach der Teilung Indiens ebbte die Zuwanderung aus Ostbengalen, nunmehr Ostpakistan, nicht ab. In den Jahren nach der Teilung strömten vor allem Hindu-Flüchtlinge, die sich durch die Muslim-Mehrheit in Ostpakistan diskriminiert sahen, ins Land. Jedoch wanderten auch zunehmend muslimische Bengalen über die grüne Grenze ein. In den Volkszählungen gaben die Migranten häufig Assam als ihr Geburtsland und zum Teil auch Assamesisch als ihre Muttersprache an, da sie die Ausweisung als illegale Migranten befürchteten. Die Angaben zur Religionszugehörigkeit waren jedoch meist wahrheitsgemäß. Aus diesen Volkszählungen wurde deutlich, dass der muslimische Bevölkerungsanteil stark im Anstieg begriffen war und es konnte geschätzt werden, dass zwischen 1951 und 1961 etwa 221.000 Muslime zugewandert waren. Bis 1971 waren es 424.000. Im Vorfeld und während des Bangladesch-Krieges strömten Millionen Flüchtlinge aus Ostpakistan (ab 1971 Bangladesch) nach Indien. Die genaue Zahl der Migranten nach Assam konnte nur geschätzt werden. Die Bevölkerung Assams stieg zwischen 1971 und 1981 von 14,6 Millionen auf 19,9 Millionen (+36,3 %). Wäre die Bevölkerung entsprechend dem übrigen Indien gewachsen (+24,7 %) hätte es einen Bevölkerungsanstieg von 3,6 statt 5,3 Millionen gegeben. Aufgrund verschiedener statistischer Erhebungen konnte geschlossen werden, dass in der Dekade von 1971 bis 1981 etwa 1,8 Millionen Menschen nach Assam eingewandert waren. Woher diese Einwanderer kamen, ließ sich nicht genau ermitteln, jedoch lag die Vermutung nahe, dass es sich ganz überwiegend um illegale Migranten aus Bangladesch handelte. Angesichts der Masseneinwanderung wuchs bei den autochthonen Assamesen und Stammesvölkern die Sorge, dass insbesondere die eingewanderten muslimischen Bengalen, wenn sie erst zahlreich genug wären, statt wie bisher zum großen Teil Assamesisch, künftig wieder Bengalisch als ihre Muttersprache angeben und die Assamesen bald zur Minderheit im eigenen Land werden würden.
1977 bis 1979 mini|Grenzen in Nordostindien seit dem Jahr 1972 Ein wesentlicher Punkt, der die bengalischen Muslime in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit an der Seite der assamesischen Hindus gehalten hatte, war die integrative Kraft der Kongresspartei gewesen. Die Kongresspartei galt den Muslimen und auch den bengalischen Hindus in Assam als überregionale Partei, die die Interessen der Minderheiten schützte. Nach der schweren Wahlniederlage der Kongresspartei unter Premierministerin Indira Gandhi bei der gesamtindischen Parlamentswahl 1977 kam es 1978 zur Spaltung des Kongresses in einen Flügel, der weiterhin Indira Gandhi unterstützte (Congress (I)) und eine Fraktion, die anfänglich unter der Führung von D. Devaraj Urs stand (Congress (U)). Als neue Kraft in der indischen Parteienlandschaft etablierte sich die 1977 durch Zusammenschluss verschiedener Oppositionsgruppierungen neu gegründete Janata Party (JNP). Die Janata Party gewann nicht nur die gesamtindische Wahl 1977, nach der sie die indische Zentralregierung stellte, sondern war auch bei der im folgenden Jahr 1978 abgehaltenen Wahl zum Parlament von Assam erfolgreich, bei der sie 53 der 126 Wahlkreise gewann. Indira Gandhis Congress (I) gewann 8 und der Congress (U) 26 Mandate. Deutlich waren die Zugewinne der Kommunisten. Die CPM, die nie zuvor einen Wahlkreis in Assam gewonnen hatte, gewann diesmal 11. Im neu gewählten 126 Abgeordnete umfassenden Parlament saßen 34 Muslime – so viel wie nie zuvor. Chief Minister, d. h. Regierungschef Assams wurde Golap Borbora (JNP), der eine Koalition aus JNP und Kommunisten (CPM) anführte. Nach dem Zerbrechen dieser Koalition bildete sich im September 1979 eine neue Regierung aus JNP und Congress (U) unter Chief Minister Jogendra Nath Hazarika (JNP).
Beginn der Bewegung 1979 Der äußere Auslöser für den Beginn der Assam-Bewegung war eine Nachwahl im Lok Sabha-Wahlkreis 8-Mangaldoi in Assam. Der bisherige Mandatsinhaber Hiralal Patowary von der Janata Party war am 28. März 1979 in Neu-Delhi verstorben, so dass in seinem Wahlkreis eine Nachwahl abgehalten werden musste. In Vorbereitung auf die Nachwahl wurden die Wahlregister genauer überprüft. Schon in den Jahren zuvor hatten Mitarbeiter der indischen Wahlbehörden mehrfach die Vermutung geäußert, dass die Wahlregister in Assam ungenau seien. 1977 erklärte der Zentrale Wahlbeamte (Chief Electoral Officer) von Assam, „dass der Zustrom einer sehr großen Personenzahl aus dem Ausland mehr Probleme verursacht, da diese Personen die Zensusbehörden durch falsche Angaben dazu bewegen, ihre Namen in die Wahlregister einzutragen“. 1978 erklärte der Oberste Wahlleiter (Chief Election Commissioner) Indiens:
Die Überprüfung der Wahlregister im Wahlkreis 8-Mangaldoi ergab, dass 36.000 Wähler tatsächlich unrechtmäßig eingetragen waren. Von diesen gehörten 26.000 zu Personen, die nicht die indische Staatsangehörigkeit besaßen. Dies entsprach ungefähr 5 % der registrierten Wähler in diesem Wahlkreis, was zwar kein sehr großen Anteil war, jedoch bei den oft knappen Mehrheiten in den nach relativem Mehrheitswahlrecht durchgeführten Wahlen entscheidend sein konnte. Die Vermutung lag auf der Hand, dass es sich bei den anderen Wahlkreisen Assams ähnlich verhielt. +Sozioökonomische Entwicklungsindikatoren 1979StaatBevölkerung(geschätzt 1979,in Mio.)Pro-Kopf-Einkommen(Rs)Lese-fähigkeit(in %)Assam19,285219,3Manipur1,475532,8Meghalaya1,376129,4Nagaland0,794927,4Tripura2,082531,0Arunachal Pradesh0,583811,3Mizoram0,479053,7Indien gesamt646127829,5