Alfred Heuß (auch: Heuss; * 27. Juni 1909 in Gautzsch bei Leipzig; † 7. Februar 1995 in Göttingen) war ein deutscher Althistoriker.

Leben Alfred Heuß jr. war der Sohn des Musikschriftstellers Alfred Heuß und ältere Bruder des Ökonomen Ernst Heuss. In Leipzig besuchte er das Königin-Carola-Gymnasium.Hans-Joachim Gehrke: Alfred Heuß – Ansichten seines Lebenswerkes. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1998, S. 165 (Beiträge des Symposions Alte Geschichte und Universalgeschichte, Wissenschaftsgeschichtliche Aspekte und Historisch-Kritische Anmerkungen zum Lebenswerk von Alfred Heuß, Göttingen, 16. und 17. Mai 1996). Er studierte Klassische Philologie, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Leipzig, Tübingen und Wien, ab 1931 auch noch Jura in Leipzig. Als Schüler des Althistorikers Helmut Berve wurde er 1932 mit einer Arbeit über die völkerrechtlichen Grundlagen der römischen Außenpolitik während der RepublikAlfred Heuß: Die völkerrechtlichen Grundlagen der römischen Außenpolitik in republikanischer Zeit. Scientia Verlag, Aalen/Württ. 1963, Neudruck der Ausgabe 1933. promoviert und erwarb 1935 mit zwei Arbeiten zum modernen Völkerrecht auch den Dr. iur. Bereits 1936 habilitierte er sich mit einer bis heute einflussreichen Arbeit über das Verhältnis des hellenistischen Königs zur griechischen Polis für Alte Geschichte an der Universität Leipzig.Alfred Heuß: Stadt und Herrscher des Hellenismus in ihren staats- und völkerrechtlichen Beziehungen. Scientia Verlag, Aalen/Württ. 1963, Neudruck der Ausgabe 1937 mit Nachwort des Verfassers.

mini|Das Grab von Alfred Heuß und seiner Ehefrau Anna Charlotte geborene Rehbein auf dem Parkfriedhof Junkerberg in Göttingen

Zu den nationalsozialistischen Machthabern und ihrer Ideologie hielt er zunächst Abstand, was seine Laufbahn anfangs erschwerte. Im August 1934 publizierte er in einer Schweizer Zeitung anonym eine kritische Analyse der deutschen Gesellschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft.Stefan Rebenich: Deutsche Eindrücke. Alfred Heuß über das Dritte Reich im August 1934. In: Zeitschrift für Ideengeschichte 6/I (2012), S. 85–94. Nach einem negativen Urteil von Wilhelm Weber über seine politische Linientreue („Wissenschaftlich ohne Zweifel dozenturreif, menschlich trotz offenkundiger Fehler überwiegend positiv, politisch bestimmt noch kein Nationalsozialist“)Zitat bei Stefan Rebenich: Alfred Heuß: Ansichten seines Lebenswerkes. Mit einem Anhang: Alfred Heuß im Dritten Reich. In: Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 667. beantragte er am 28. Juni 1937 aber doch die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 4.526.799).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/15480597. Im Dezember 1937 wurde er, auch dank der Fürsprache Berves, zum Dozenten ernannt.Stefan Rebenich: Hermann Bengtson und Alfred Heuß. In: Alte Geschichte zwischen Wissenschaft und Politik. Gedenkschrift Karl Christ. Wiesbaden 2009, S. 186. Von 1938 bis 1941 vertrat er einen Lehrstuhl an der Universität Königsberg. Darauf folgten Professuren an den Universitäten Breslau (außerordentlicher Professor 1941–1943; ordentlicher Professor 1943–1945), Kiel (1945–1946), Köln (1946–1948) und wiederum Kiel (1949–1954), wo der erste Entwurf seiner bis heute einschlägigen Römischen Geschichte entstand. Die Kieler Jahre bezeichnete Heuß später als die glücklichste Zeit, doch litt er unter der geographischen Randlage der Universität, welche ihn zu langen und kostspieligen Reisen zwang. Daher folgte er 1954 einem Ruf an die Universität Göttingen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1977 den althistorischen Lehrstuhl bekleidete.

Ab 1956 war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, von 1954 bis 1958 zudem Vorsitzender der Mommsen-Gesellschaft. Heuß war Herausgeber der Propyläen Weltgeschichte (Band I bis IV) und des Jahrbuchs Antike und Abendland und der Reihe Zetemata. Zu seinen akademischen Schülern gehörten unter anderem Jochen Bleicken und Hans-Joachim Gehrke.

Heuß, der sich selbst als Universalhistoriker verstand, beschäftigte sich zeitlebens auch mit den übrigen geschichtlichen Epochen sowie der Theorie der Geschichte. So gab er zusammen mit Golo Mann und August Nitschke die zehnbändige Propyläen Weltgeschichte heraus, wobei er vor allem die Bände zur Antike betreute. So ist sein wissenschaftliches Werk bis heute besonders für die Alte Geschichte von sehr großer Bedeutung. Zum geflügelten Wort wurde seine Formulierung vom Verlust der Geschichte, ein Buchtitel von 1959.

1983 erhielt er den erstmals verliehenen Preis des Historischen Kollegs.

Politische Einstellung Heuß wurde 1937 vom Leiter des NS-„Dozentenlagers“, dem SS-Offizier Wilhelm Grundig, wie folgt beurteilt: Heuß sei „ein Eigenbrödler mit induilekten [sic] Einschlag [...]. Er ist eine jener kraft- und saftlosen Erscheinungen, die von der Hochschule fernzuhalten sind [...]. Von Kameradschaft, Sinn zur Gemeinschaft und überhaupt nat.soz. Grundhaltung ist bei ihm nicht ein Hauch vorhanden. Kurz gesagt, eine vollkommene Null, ein Querulant und Miesmacher.“Zitat bei Stefan Rebenich: Alfred Heuß: Ansichten seines Lebenswerkes. Mit einem Anhang: Alfred Heuß im Dritten Reich. In: Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 667. Heuß entschied sich, wie viele seiner Generation, während der NS-Diktatur dann aber für einen Kurs der Anpassung, um sich nicht politisch zu exponieren und seine akademische Karriere nicht zu gefährden, hielt aber im Unterschied zu Althistorikern wie Fritz Schachermeyr einen gewissen Abstand zur herrschenden Ideologie. Indem er später bei anderen Gelehrten die unerzwungene Infiltration der NS-Ideologie in ihre Lehre und Forschungen mit deutlichen Worten kritisierte, beanspruchte er rückblickend zumindest implizit, seine innere geistige Autonomie gegenüber dem Zeitgeist gewahrt und sich nicht kompromittiert zu haben. Zwar lieferte er 1943 den Beitrag Die Gestaltung des römischen und des karthagischen Staates bis zum Pyrrhos-Krieg für den heute berüchtigten, von Joseph Vogt herausgegebenen und von einer antisemitischen Geschichtsdeutung geprägten Band Rom und Karthago, allerdings ist sein Aufsatz tatsächlich in weitaus geringerem Maße von nationalsozialistischer Ideologie durchdrungen als andere Teile des Buches.Joseph Vogt (Hrsg.): Rom und Karthago, Leipzig 1943, hier: S. 83–138. Der Sammelband, an dem sich zahlreiche bekannte Forscher beteiligten, gilt als eines der wenigen Beispiele für eine ganz explizit der nationalsozialistischen Ideologie verpflichtete deutsche Althistorie jener Jahre. Von seinem wesentlich tiefer verstrickten Lehrer Helmut Berve distanzierte sich Heuß aber auch nach 1945 allenfalls äußerst verhalten.Im Wesentlichen apologetisch spricht Alfred Heuß: Nekrolog Helmut Berve. In: Historische Zeitschrift 230 (1980), S. 779–787 (= Gesammelte Schriften. Band 1, S. 758–766) von „Äußerungen“, die „besser nicht in die Feder geflossen wären“ (S. 785 bzw. 764), und nennt Berves Vorstellung, „sich und die von ihm vertretene Sache“ durch Anpassung behaupten zu können, „aus heutiger Sicht, aufs Ganze gesehen, eine Illusion,“ ohne zu fragen, inwieweit Berves politische Überzeugungen überhaupt eine Anpassung erforderlich machten.

Heuß selbst war zeitlebens ein bekennender Nationalkonservativer, der aus den Erfahrungen der nationalsozialistischen Diktatur bestimmte Konsequenzen gezogen hatte: Die Machtübernahme durch Adolf Hitler, dessen ideologische Verblendung und Verbrechen, aber auch geistige Insuffizienz Heuß schonungslos verurteilte,Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, S. 119–120, 125. betrachtete er als Kontinuitätsbruch in der deutschen Geschichte von katastrophalen Dimensionen und Auswirkungen, auch für die Deutschen selbst. Er lehnte allerdings die Vorstellung einer deutschen Kollektivschuld ab und bestritt entschieden, dass die nationalsozialistischen Verbrechen für die Zeitgenossen, denen die Kenntnis des Ausgangs gefehlt habe, auch nur entfernt vorhersehbar gewesen seien: Weder der Eroberungs- und Vernichtungskrieg und noch weniger der Völkermord an den Juden seien 1933 als Möglichkeit überhaupt vorstellbar gewesen und schon gar nicht von einem bedeutenden Teil der deutschen Bevölkerung, über Hitler selbst und eine relativ kleine verbrecherische Clique seiner Helfershelfer hinaus, gewollt worden. Dies gelte selbst für den größten Teil der Anhänger und Mitglieder der NSDAP (also auch Heuß selbst). Auf die verantwortungslose, verbrecherische und wahnwitzige Person an der Spitze des ganzen Systems sei daher alles angekommen; dieser gab Heuß die Schuld für die Verbrechen. Zudem sei Hitlers Machteroberung einer Konstellation von Zufälligkeiten zu verdanken gewesen, insbesondere den Schwierigkeiten der politischen Lage, der Unfähigkeit seiner innen- und außenpolitischen Gegner und der politischen Verantwortungsträger um den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im Vorfeld der Machteroberung sowie der weit verbreiteten Unterschätzung seiner Gefährlichkeit und Radikalität, keineswegs aber langfristig wirksamen und damit zwangsläufig auf dieses Ergebnis zusteuernden Faktoren.

Von einem deutschen Sonderweg, dessen quasi notwendiges Endergebnis Hitler gewesen sei, könne, so Heuß, nicht die Rede sein. Letztlich seien die Jahre der NS-Diktatur, da „das Subjekt der Geschichte (das deutsche Volk) seine aktive Subjektivität verliert und nur noch passiv existiert“,Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, S. 121–122, das Zitat S. 121. vielmehr gar kein Teil der deutschen Geschichte, sondern nur die Geschichte eines „Fremden“, nämlich Hitlers, der sich für seine übergeordneten ideologischen Ziele, so Heuß, gerade nicht auf eine breite Unterstützung der deutschen Bevölkerung habe stützen können und der daher „bereits in den Krieg als ein ‚Fremder‘ gezogen (ist), obgleich der Sieg von 1940 dies für einen Augenblick verdeckte, und … es immer mehr werden (mußte), je länger das Kriegsgeschehen eines plausiblen Sinns entbehrte.“Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, S. 122. Hitlers Wähler und Anhänger hätten gar „kein politisches Profil“ besessen, seien „von Stimmungen, Hoffnungen und Sehnsüchten gepeitschte Massen, aber vor der Machtergreifung keineswegs fest verortet, sondern eher Treibsand, der sich anderswo gelöst hatte. Hitler war, genau genommen, ein Epiphänomen einer transitorischen seelischen Stimmungslage, deren latente Voraussetzung allein keine eigene Kraftquelle bedeutete. Substantiell war Hitler mit der gesellschaftlich-politischen Realität nur fragmentarisch verknüpft.“Versagen und Verhängnis. Vom Ruin deutscher Geschichte und ihres Verständnisses, S. 125. Der Kritik der 68er-Bewegung am Verhalten seiner Generation, also der Zeitgenossen des Dritten Reichs, warf er eine Verkennung der damaligen Lage und vor allem eine Ausblendung des diktatorischen und terroristischen Charakters der kommunistischen Regimes vor, deren Ideologie hier in Wahrheit propagiert werde, und bezeichnete sie als heuchlerisch und missbräuchlich. Von Kritikern wurden diese Positionen als apologetisch verurteilt, da Heuß die Verantwortung der meisten Deutschen, einschließlich erklärter NS-Anhänger, für die Verbrechen des Nationalsozialismus kleinrede.