mini|Marmorkopf des Hephaistion (ca. 320 v. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu) Hephaistion (; * um 360 v. Chr. in Pella, Makedonien; † Winter 324/23 v. Chr. in Ekbatana), Sohn des Amyntor, war ein makedonischer Adeliger, der engste Freund, General, Begleiter (hetairos), Leibwächter und wahrscheinlich auch Geliebter Alexanders des Großen. Aufgrund seiner besonderen Loyalität zu Alexander und dessen politischem Programm der Aussöhnung und Verschmelzung der verschiedenen Völker seines Reiches konnte er zum zweiten Mann des Reiches aufsteigen.

Quellenproblematik und Forschungslage Die antiken Autoren schildern Hephaistion übereinstimmend als den intimsten Vertrauten des späteren Makedonenkönigs. Diesem besonderen Verhältnis entsprach, dass er als einziger der engen Freunde Alexanders nach seinem frühen Tod mit einem Kult als Heros geehrt wurde.

Ihre Beziehung wurde in der antiken Literatur schon früh mit der Freundschaft von Patroklos und Achilleus in Homers Ilias verglichen und entsprechend interpretiert. So setzte ähnlich wie bei Alexander auch bei Hephaistion sehr bald die Legendenbildung ein, wobei im Einzelnen nicht immer zu entscheiden ist, ob in den Berichten griechischer und römischer Autoren ein wahrer Kern auszumachen ist.

Den Schilderungen der Geschichtsschreiber Marcus Iunianus Iustinus und Curtius Rufus,Alexander Demandt: Alexander der Große. Leben und Legende. München 2009, S. 236f. des Philosophen Diogenes von SinopeRobin Lane Fox: Alexander der Große. Eroberer der Welt. Stuttgart 2004, S. 61. sowie des Rhetors und Grammatikers Athenaios von NaukratisElizabeth D. Carney: Woman in Alexander’s Court. In: Joseph Roisman (Hrsg.): Brill’s Companion to Alexander the Great. Leiden, Boston 2003, S. 243. zufolge war Hephaistion der Geliebte Alexanders.Zusammenfassend Pedro Barceló: Alexander der Große (= Gestalten der Antike, herausgegeben von Manfred Clauss). Darmstadt 2007, S. 50. Dass er und Alexander bereits seit frühester Jugend unzertrennliche Freunde waren, wie Curtius Rufus berichtet,Curtius Rufus 3,12,16. ist allerdings wenig wahrscheinlich; denn Hephaistion gehörte nicht zu jenen engsten Freunden Alexanders, die von König Philipp II. von Makedonien 337 v. Chr. vorübergehend verbannt worden waren.

Schon in den antiken Quellen wurden manche Aussagen anderer Autoren als unglaubwürdig angesehen, was eine Bewertung zusätzlich erschwert. Nach Arrian ist etwa als fiktiv zu bewerten, dass Hephaistion 334 v. Chr. zu Beginn des Perserfeldzuges dem Patroklos in Troja einen Kranz darbrachte.Arrian, Anabasis 1,12,1 der romanhaften Überlieferung zugeordnet. Auch die Episode, in der nach der siegreichen Schlacht bei Issos 333 v. Chr. Sisygambis, die Mutter des unterlegenen persischen Großkönigs Dareios III., Hephaistion mit Alexander verwechselt haben soll, ist laut Arrian ein Mythos.Arrian, Anabasis 2,12,6 fand nach eigenem Bekenntnis diese Szene nicht in seinen beiden wichtigsten zeitgenössischen Quellen, bei Ptolemaios und Aristobulos, sondern in der romanhaften Tradition vor (Alexanderroman) und bezweifelt ihre Glaubwürdigkeit.

Welche historische Bedeutung Hephaistions politische und militärische Laufbahn in der jedenfalls zweifellos außergewöhnlich engen und tiefen freundschaftlichen Beziehung mit Alexander tatsächlich hatte, wird von den antiken Autoren kontrovers bewertet. Es ist daher für die moderne Forschung sehr schwierig, aus der Überlieferung den historisch glaubwürdigen Kern einer Biographie herauszuschälen und zu einem einigermaßen gerechten Urteil über die eigenständige Leistung des Hephaistion zu gelangen.Vgl. dazu u. a. Gerhard Wirth, a. O. S. 803 f. Anm. 94 im Kommentar zu Arrian, Anabasis 1,12,1: „Wieweit hier (sc. beim Freundschaftsverhältnis von Alexander und Hephaistion) Persönlich-Menschliches und Politisch-Notwendiges einander bedingen, läßt sich im einzelnen nicht mehr erkennen.“ Zur Quellenlage und dem Problem der historischen Glaubwürdigkeit allgemein vgl. u. a. Jakob Seibert, a. O. S. 1–61 und Klaus Meister, a. O. S. 102–123.

Leben und Wirken Aufstieg zum Hetairengeneral mini|Heutiger Zustand des Nymphäums in Mieza, in dem Aristoteles Hephaistion, Alexander und andere makedonische Adlige ausbildete

Das genaue Geburtsdatum von Hephaistion ist nicht bekannt. Als er im Oktober 324 v. Chr. starb, war er noch ein „junger Mann“.Plutarch, Alexandros 72,1–2 Er muss also mit Alexander ungefähr gleichen Alters gewesen und daher um 360 v. Chr. geboren sein. Er entstammte als Sohn des Amyntor einem makedonischen Adelsgeschlecht aus Pella,Arrian, Anabasis 6,28,4 und Indika 18,3 und wurde wohl zusammen mit dem Kronprinzen Alexander und anderen Söhnen makedonischer Adelshäuser in der Residenzschule von Pella und im Nymphäum (Nymphentempel) von Mieza ausgebildet. Ihr bedeutendster Lehrer war ohne Zweifel Aristoteles.

Ursprünglich wohl Offizier der Adelsreiterei, erscheint er erstmals während Alexanders Marsch von Tyros nach Ägypten im Spätherbst 332 v. Chr. mit einem selbstständigen Kommando betraut. Er führte die Flotte ebendorthin.Curtius Rufus 4,5,10; dazu Plaumann, a. O. Sp. 291. Am 1. Oktober 331 v. Chr. wurde er in der Schlacht von Gaugamela durch einen feindlichen Speer am Arm verwundet. Das berichtet Arrian,Arrian, Anabasis 3,15,2 ohne dabei einen Rang anzugeben, während DiodorDiodor 17,61,3 Hephaistion unter die Somatophylakes, die „Leibwächter“ Alexanders, einreiht und ihn sogar zu deren „Anführer“ macht.Vgl. auch Curtius Rufus 4,16,32: Einer der „Truppenführer“ () Alexanders. In der modernen Forschung ist umstritten, was damit gemeint ist. Gerhard Wirth glaubt, darunter sei das Kommando der berittenen Leibgarde zu verstehen. Andere behaupten, Diodor und Curtius (beziehungsweise deren Quellen) hätten dieses aus der späteren Stellung des Hephaistion als „Leibwächter“ lediglich herausgesponnen und mit dem Zusatz „Führer“ versehen.So

Im Prozess gegen Philotas im Herbst 330 v. Chr. war Hephaistion an dessen Verhaftung und Folterung beteiligt.Plutarch, Alexandros 49,11–13. Nachdem Philotas hingerichtet worden war, teilte Alexander das Kommando über die Hetairenreiterei unter zwei Generälen auf, nämlich Hephaistion und Kleitos, Sohn des Dropidas. Damit halbierte er den Hetairenverband, denn er wollte künftig vermeiden, dass ein Einziger allein, und wenn es auch der beste Freund war, eine so große Anzahl von Reitern befehligte, die überdies an Rang und auch sonst an Tüchtigkeit die Elite der gesamten Reiterei bildeten.Arrian, Anabasis 3,27,4–5

mini|Hephaistion, Detail vom sogenannten „Alexandersarkophag“, um 300 v. Chr. Unterstützung der Politik Alexanders Den Winter 329/328 v. Chr. verbrachte Alexander mit seinem Heer in Baktra. Jetzt setzte er erstmals ein neues politisches Programm der Völkermischung und -gemeinschaft in konkrete politische Maßnahmen um, die den Gegensatz Barbaren–Hellenen aufheben sollten. Er legte erstmals eine barbarische Festtracht an. Möglicherweise wollte er sich den Landessitten anpassen in dem Glauben, das Stammesgemäße sei von großer Bedeutung für die Zähmung der Menschen. Vielleicht wollte er damit aber auch probeweise die Proskynese – die fußfällige Anbetung als Gott – bei den Makedonen einführen, damit sie sich allmählich an seine Wandlung und sein Abweichen von der alten Lebensart gewöhnten. Anfangs machte er von der Tracht nur Gebrauch, wenn er mit Barbaren zu tun hatte; später ließ er sich auch vor der Menge in ihr sehen, wenn er ausritt oder Audienzen abhielt. Es handelte sich dabei um den prächtigen, sogenannten persischen Priesterornat der Achämeniden mit der goldenen Krone (Kidaris) als Kopfbedeckung.Plutarch, Alexandros 45,2–4; Arrian, Anabasis 4,7,4; zum persischen Festornat vgl. auch Curtius 6,6,2 ff.; Ephippos von Olynth, Über den Tod von Hephaistion und Alexander, FGrHist 126 aus Athenaios, Deipnosophistai 7,537e–538; zum „persischen“ Krönungsornat als Götterornat, der den persischen Großkönig in das menschliche Abbild des Sonnengottes Mithra verwandelte, Volker Fadinger: Attentat auf König Philipp II. 1997, S. 106 f.

Fein dosiert und schrittweise, aber äußerst konsequent suchte Alexander sein Programm weiterzuentwickeln. Er ließ 30.000 einheimische Knaben aussuchen, griechisch erziehen und im Gebrauch makedonischer Waffen ausbilden. Damit passte er sich einerseits in seiner Lebensart noch mehr den Einheimischen an und suchte andererseits diesen die makedonischen Sitten nahezubringen „in dem Glauben, dass er durch eine solche Mischung und Gemeinschaft auf der Basis des Wohlwollens und der freiwilligen Zustimmung seine Macht besser begründe als durch Gewalt.“Plutarch Alexandros 47,3 und 71,1–2; zu den 30.000 sog. Epigonen vgl. auch Arrian 7,6; zu dem dahinter stehenden neuen politischen Programm der Völkerverständigung vgl. hier das Schlusskapitel: „Zusammenfassung“ mit den einschlägigen Quellenbelegen.

Ein weiterer Baustein in der Verwirklichung dieses umfassenden Befriedungsprogramms war die Heirat mit Roxane, der Tochter des sogdischen Fürsten Oxyartes, im Frühjahr 327 v. Chr. Der aufreibende Partisanenkrieg in Baktrien und der Sogdiana hatte zwei Jahre gedauert, bis der Widerstand durch vertragliche Vereinbarungen mit den wichtigsten Stammesführern endgültig überwunden werden konnte. Die Heirat mit Roxane war daher nicht nur eine Liebesheirat Alexanders, sondern auch eine dynastische Ehe, die den Verträgen eine dauerhafte Grundlage geben sollte. Deshalb ehelichte Alexander Roxane nach einheimischem Ritus – ein Vorspiel zu den Hochzeiten von Susa, das sich passgenau in sein politisches Programm einfügte.So Plutarch, Alexandros 47,7–8 und Arrian, Anabasis 4,19,5–6; zum Ritus des gemeinsamen Verzehrens eines Brotes, der heute noch in Turkestan bei Hochzeiten üblich ist: Curtius 8,4,27. Dabei fiel Alexander auf, dass von seinen vertrautesten Freunden besonders Hephaistion sein Verhalten und Programm uneingeschränkt unterstützte und die Veränderung der Lebensart mitmachte, während Krateros an den väterlichen Sitten festhielt. Daher übertrug er Hephaistion den Verkehr mit den Barbaren, Krateros indes den mit den Griechen und Makedonen.Plutarch, Alexandros 47,9–10

In der Kallisthenes-Affäre im Frühjahr 327 v. Chr. war Hephaistion unter denen, mit denen Alexander die Einführung der Proskynese auch bei den Griechen und Makedonen vereinbart hatte. Er erwies ihm diese Geste der orientalisch-persischen Anbetung als Gott, bevor die Reihe an Kallisthenes kam, der nicht in die Vereinbarung eingeweiht war und die Geste aus grundsätzlichen Erwägungen verweigerte.Arrian, Anabasis 4,12,3–6; Plutarch, Alexandros 54,5–6 im Anschluss an Chares von Mytilene, FGrHist II 66. Es scheint daher plausibel, wenn PlutarchPlutarch, Alexandros 55,1. aus unbestimmbarer Quelle Hephaistion in der darauf folgenden sogenannten Pagenverschwörung als Ankläger des Kallisthenes auftreten lässt.

Höhepunkte der militärischen und politischen Karriere