Das Kastell „Op de Hoge Woerd“ war ein römisches Auxiliarkastell nebst Hafenanlage und Zivilsiedlung (Vicus) am Niedergermanischen Limes, der seit 2021 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Das heutige Bodendenkmal liegt auf dem Gebiet von Vleuten-De Meern, einem Wijk (Stadtteil) der Gemeinde Utrecht in der niederländischen Provinz Utrecht. Das römische Militärlager ist möglicherweise identisch mit dem in spätantiken und frühmittelalterlichen Dokumenten erwähnten Fletio (auch: Fletione).

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte mini|Fletione auf der Tabula Peutingeriana Topographisch lag die Garnison am östlichen Ufer eines in nachrömischer Zeit verlandetenAnneke C. Aarts: Scherven, schepen en schoeiingen, Basisrapportage Archeologie 43. Team Erfgoed Gemeente Utrecht, Utrecht 2012, ISBN 978-90-73448-51-3. und weiter nach Westen verlagerten, in den Oude Rijn mündenden Flüsschens namens Mare,Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 86 auf einer heute Hoge Woerd genannten Geländeerhebung (bis zu 3,5 m über dem umgebenden GeländeniveauNach van Dockum (Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 86.) war die Geländeerhebung in römischer Zeit um mindestens noch einen Meter höher), nördlich des kanalisierten Leidsche Rijn. Das umliegende Gelände bestand aus einer sumpfigen Landschaft, die von häufigen Verlagerungen der Flussrinnen geprägt war und in der sich – rund 50 Kilometer hinter der Küste in einer Zeit, in der das Rhein-Maas-Delta noch nicht gegen das Meer geschützt und die Flüsse noch nicht eingedeicht waren – die Tiden und irregulären Fluten der Nordsee in ihrer zerstörerischen Wirkung noch deutlich bemerkbar machten.Plinius der Ältere: Naturalis historia. 16, 2f.Tilmann Bechert: Germania Inferior. Eine Provinz an der Nordgrenze des Römischen Reiches. Philipp von Zabern, Mainz 2007, ISBN 978-3-8053-2400-7, S. 7–11.

Das auf der hochmittelalterlichen, auf spätantike Quellen zurückgehenden Tabula Peutingeriana als Fletione bezeichnete Kastell befand sich in antiker Zeit zwischen Traiectum (Utrecht, 5,5 km östlich von Fletio) und Laurium (Woerden, gut 10 km westlich). Außer auf der Tabula Peutingeriana fand Fletio auch Erwähnung in der Kosmographie von Ravenna, einem geographischen Werk aus dem späten 7./frühen 8. Jahrhundert.Alexander Willem Byvanck: Excerpta Romana. De Bronnen der Romeinsche Geschiedenis van Nederland. Nijhoff, S’Gravenhage 1931, S. 580f. Dennoch, und trotz der sprachlichen Ähnlichkeit zwischen den Namen Fletio und Vleuten, gilt die Gleichsetzung von Fletio mit dem Garnisonsplatz auf der Hoge Woerd als nicht unproblematisch, da eindeutige epigraphische Beweise fehlen und herkömmlich eine Verschreibung für das klar belegte Fectio vorliegen kann.J.H.J. Joosten: Fletione, Fectione, en Fictione. In: Tijdschrift van de Historische Vereniging Vleuten-De Meern-Haarzuilens, 1997, 2, S. 38–42.Jona Lendering: Utrecht-Leidsche Rijn auf der Webseite livius.org, abgerufen am 18. Januar 2015.Corinna Scheungraber, Friedrich E. Grünzweig: Die altgermanischen Toponyme sowie ungermanische Toponyme Germaniens. Ein Handbuch zu ihrer Etymologie. (= Philologica Germanica, 34). Fassbaender, Wien 2014, ISBN 978-3-902575-62-3, S. 159.

Über das Aufkommen von römischen Funden wird kontinuierlich seit dem 16. Jahrhundert berichtet, wissenschaftliche Ausgrabungen fanden erst seit den 1940er Jahren statt.Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 85 In den nächsten Jahrzehnten kam es zunächst nur zu vereinzelten Untersuchungen. Diese Situation änderte sich jedoch deutlich, seit ab Mitte der 1990er Jahre das Siedlungsgebiet der Stadt Utrecht durch den Neubau von 35.000 Wohnungen, verbunden mit entsprechenden Erschließungsmaßnahmen, massiv nach Westen expandierte, wodurch bauvorgreifende und baubegleitende archäologische Maßnahmen in großem Stil erforderlich wurden. Diese begannen im Jahre 1996 und werden seitdem nahezu ohne Unterbrechungen bis heute fortgesetzt. Die bisherigen Forschungsergebnisse fanden in der von der Abteilung Erbgut der Gemeinde UtrechtOffizielle Webpräsenz der Gemeente Utecht, Afdeling Erfgoed. herausgegebenen Publikationsreihe „Basisrapportages Archeologie“ (BRArch) mit bisher 187 FolgenGesamtverzeichnis der Publikationen aus der Reihe Basisrapportages Archeologie. ihren Niederschlag. Weitere Ausgaben befinden sich in Vorbereitung.

Kastell mini|Fletio im Verlauf des Niedergermanischen Limes mini|Links die rekonstruierteVia Principalis, rechts das Besucherzentrum Archeoregio 13 Fletio gehört zu der Gruppe von Kastellen, die im Jahre 47 n. Chr. zur defensiven Verstärkung der nördlichen Rheingrenze angelegt wurden, als Gnaeus Domitius Corbulo unter Kaiser Claudius Oberbefehlshaber (legatus Augusti pro praetore) des niedergermanischen Heeresbezirks (Exercitus Germaniae Inferioris) war. Es diente der Kasernierung einer aus dieser frühen Phase namentlich nicht bekannten Kohorte – einer Infanterieeinheit von knapp 500 Mann Stärke – und war zunächst als Holz-Erde-Lager ausgeführt. Dieses erste Kastell hatte Bestand bis zum Jahre 69 n. Chr., als es – wie fast alle anderen Garnisonen Niedergermaniens – während des Bataveraufstandes zerstört wurde.

Nach der Niederschlagung des Aufstandes und der Überwindung des Bürgerkrieges wurde das Militärlager zunächst wieder in Holz-Erde-Bauweise neu errichtet. Ziegelstempel weisen auf die Cohors XV Voluntariorum civium Romanorum (15. Kohorte Freiwilliger römischen Bürgerrechts), die aber wahrscheinlich nur die Ziegel lieferte oder bestenfalls einen Bautrupp abkommandierte. Stammeinheit der Garnison wurde die Cohors I classica pia fidelis Domitiana (1. Kohorte Flottensoldaten mit dem Beinamen die Fromme und Treue des Domitian), eine Formation, die entweder ursprünglich aus Matrosen rekrutiert worden war, oder die eine Art antiker Marineinfanterie darstellteJasper Oorthuijs: Marines and Mariners in the Roman Imperial Fleets. In: The Impact of the Roman Army (200 BC-AD 476). Economic, Social, Political, Religious, and Cultural Aspects. Proceedings of the Sixth Workshop of the International Network Impact of Empire (Roman Empire, 200 B.C.-A.D. 476), Capri, March 29-April 2, 2005. Brill, Leiden 2007, ISBN 978-90-04-16044-6, S. 169–180..

Um 150 wurde das Militärlager in ein Steinkastell umgebaut. Um 270/275 wurde das Kastell im Zusammenhang der Rücknahme des Limes auf die weiter südlich gelegene Linie der Waal aufgegeben.

Der Grundriss des Lagers wurde zwischen 1940 und 1994 durch einige kleinere Ausgrabungen ermittelt und 1991/1992 mittels Bohrungen und Widerstandsmessungen bestätigt. Es hatte die Form eines Rechtecks, das mit den Seitenlängen von rund 85 m × 120 m (entspricht 1,03 Hektar) zu den kleineren Anlagen seiner Art gehörte. Mit der langen Prätorialfront (Vorderseite) war es nach Westen, zum Fluss hin ausgerichtet. Die Umfassungsmauer besaß auf jeder Seite ein von Türmen flankiertes Tor. Türme an den abgerundeten Kastellecken sowie Zwischentürme waren hingegen nicht auszumachen. Von den Innenstrukturen wurden insbesondere die Principia (Stabsgebäude), eine Mannschaftsbaracke mit ihren Contubernia und ein Stück der Via Principalis (die das Lager durchquerende und die Principia passierende Lagerhauptstraße) erfasst. Die Via Principalis war an ihrer Westseite von einem oder mehreren Gebäuden mit Portikus begrenzt. In ihrer letzten Ausbauphase bestand die Straßendecke aus verdichtetem Ziegelschutt. In dieser Form ist sie auf einer Länge von rund 175 m nördlich des Lagers rekonstruiert worden.Julianus Egidius Bogaers: Vleuten-De Meern. In: Julianus Egidius Bogaers und Christoph B. Rüger: Der Niedergermanische Limes. Materialien zu seiner Geschichte. Rheinland-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7927-0194-4, S. 55–57.Saskia G. van Dockum: Das niederländische Flussgebiet. In: Tilmann Bechert und Willem J. H. Willems (Hrsg.): Die römische Reichsgrenze zwischen Mosel und Nordseeküste. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2, S. 85f.Jan Hendrik Jongkees: Opgravingen op de Hoge Woerd bij De Meern 1957, 1960. Wolters, Groningen 1963, (= Archaeologica Traiectina, 5).

Vicus und Balineum Der Vicus, die zivile Siedlung, die bei nahezu jedem römischen Kastell anzutreffen ist und in der sich die Angehörigen der Soldaten sowie Gastwirte, Prostituierte, Veteranen, Handwerker, Händler und andere Dienstleister niederließen, schmiegte sich in Form eines Straßendorfes im Norden, Osten und Westen um das Militärlager. Seine Nordsüdausdehnung betrug rund 550 m, seine Breite variierte geringfügig um die 100 m.Maurice C.M. Langeveld, Annemarie Luksen-IJtsma en Peter G.H. Weterings: Een goede buur?. Definitief archeologisch onderzoek naar een vicus, grafvelden, infrastructuur en een inheemse nederzetting in de omgeving van het Romeinse castellum in De Meern, deelgebied 'De Woerd' (Gemeente Utrecht). Basisrapportage Archeologie 19. Cultuurhistorie gemeente Utrecht, Utrecht 2010, ISBN 978-90-73448-38-4.Linda Dielemans: Achter het castellum. Inventariserend archeologisch veldonderzoek (IVO) en een waarneming ten oosten van de Hoge Woerd, Utrecht. Basisrapportage Archeologie 47. Afdeling Erfgoed gemeente Utrecht, Utrecht 2012, ISBN 978-90-73448-59-9. mini|Teil der Grundrissrekonstruktion der Kastellthermen Bereits 1940 waren unmittelbar nördlich des Kastells die Spuren eines Steingebäudes ermittelt worden.Bei Durch Keramikfunde aus diesem Bereich ließ sich das Gebäude auf die Zeit um das Jahr 180 datieren. Die Untersuchungen konnten jedoch infolge des Zweiten Weltkrieges nicht weiter fortgesetzt werden. Versuche, in den Jahren 1973 und 1992 die Konturen des Bauwerks exakt zu ermitteln, verliefen negativ. Erst durch elektrische Widerstandsmessungen im Jahre 2006 konnte ein Gebäude mit einer Größe von 16 m mal 30 m ermittelt werden, das als die Thermen des Kastells anzusprechen ist. Eine Grundrissrekonstruktion im Gelände macht Größe und räumlichen Aufbau des Kastellbades deutlich.RAAP Archeologisch Adviesbureau (Hrsg.:) Een balneum in De Meern RAAP Nieuwsbrief 2006-2, S. 8–11.

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