Michalli da Ruodo, italianisiert Michele da Rodi (Michael von Rhodos), (* vor 1385 auf Rhodos; † 1445 in Venedig) war ein venezianischer Ruderer, Schiffsführer und Händler, der bis in die höchsten Positionen der venezianischen Marine aufstieg, die für Nichtadlige zu erreichen waren. Ab 1434 verfasste er zwei Handschriften, die neben seiner sieben Seiten umfassenden Lebensbeschreibung zahlreiche, für Handel und Kalender seinerzeit nützliche Berechnungen enthielten, aber auch einen Abschnitt zur Astrologie, einen der ältesten Portolane und die älteste Abhandlung über den Schiffbau. Erst 2004 entdeckte man Michalli als Verfasser der Handschrift, die lange einem anderen zugeschrieben wurde. Michalli fuhr vier Jahrzehnte lang auf Handels- und Kriegsschiffen vom östlichen Mittelmeer und dem Schwarzen Meer bis nach Flandern und London.

Leben

Michalli da Ruodo, von dessen Familie nichts bekannt ist, der aber seine Jugend wohl auf Rhodos verbrachte, begann 1401 als einfacher Ruderer (homo da remo) in der venezianischen Marine. Bis 1422 gelang es ihm, bis zum Assistenten des Flottenführers, also zum armiraio aufzusteigen, womit er den höchsten, nicht dem stadtvenezianischen Adel vorbehaltenen Posten erklomm. Michalli lernte den gesamten Mittelmeerraum auf vierzig Kriegs- und Handelsfahrten kennen. Darüber hinaus reiste er in Handelsangelegenheiten mehrfach bis nach Flandern und London, und er nahm an Kriegsfahrten gegen das osmanische Gallipoli, im Kampf um Thessaloniki (1423–1430) sowie an Kämpfen gegen Piraten und an zwei bedeutenden Seeschlachten teil. 1437 fuhr er nach Konstantinopel, um Kaiser Johannes VIII. Geleit für seine Reise in den Westen zu geben. Als der Kaiser 1439 zurückkehrte, geschah dies mit der Flotte, mit der Michalli als homo de conseio mitfuhr, einem der höchsten Marineposten. Als armiraio fuhr Michalli 1440 mit der Flotte, die König Janus von Zypern seine venezianische Braut überbrachte.

homo da remo (1401–1405) mini|Darstellung eines Schiffes, entstanden um 1447–1449 in Venedig (?), British Library, Cotton Titus A. XXVI, f. 41 Folgt man seiner siebenseitigen, selbst verfassten Lebensbeschreibung, so heuerte Michalli am 5. Juni 1401 als Ruderer auf einem venezianischen Schiff an, das nach Manfredonia in Apulien fuhr. Wahrscheinlich, so folgerten die Editoren der Handschrift aus Michallis griechischen Gebeten, war er erst vor kurzem von Rhodos nach Venedig gekommen. Unklar ist, ob er Sklave oder Freier war, aus einer Handwerker- oder Händlerfamilie stammte, oder ob sein Vater selbst zur See fuhr. Seine Heimatinsel beherrschten seit 1291 die Hospitaliter, ein Militärorden, der im Heiligen Land entstanden war. Als Michalli nach Venedig ging, dehnten die Osmanen ihr Reich immer weiter auf den Balkan aus, nachdem es ihrem Sultan Bayezid I. 1396 gelungen war, bei Nikopolis die Kreuzzügler zu besiegen, die dem Rest des Byzantinischen Reiches zu Hilfe eilen wollten. Zugleich kündigte sich im Osten der Vormarsch Timurs an, der 1402 den Osmanen eine schwere Niederlage beibrachte. Venedig, das vor allem in der Ägäis zahlreiche Inseln und Küstenorte kontrollierte, hatte angesichts dieser Gefahren einen erhöhten Bedarf an Ruderern für seine Kriegs- und Handelsmarine. Allerdings unterhielt die seebeherrschende Stadt mit den Hospitalitern ein Abkommen, das es ihr verbot, entflohene Sklaven anzuheuern.

In jedem Falle war das Leben als homo da remo äußerst hart und überaus gefährlich. Auf den etwa 40 m langen und 7 m breiten, nur wenig mehr als 3 m hohen Galeeren ballten sich im Schnitt 215 Männer. Jeder Ruderer saß mit zwei weiteren rematori auf Bänken, die auf beiden Seiten des Hauptdecks angebracht waren, und an denen sie auch schliefen. Normalerweise waren 30 solcher Bänke mit 180 Ruderern an Bord. So waren die Männer gezwungen, ständig an ihrem Platz zu bleiben, und sie waren dabei allen Unbilden des Wetters ausgesetzt. Auf den meisten Schiffen wurde a sensile gerudert, d. h. jeder Mann pullte sein eigenes, etwas über 8 m langes Ruder. Dabei waren diese Vortriebsmittel so schwer, dass jeweils nur zwei Züge erfolgten, die von einer Pause von einem Zug unterbrochen wurden. Außerdem ruderte immer nur die Hälfte der Mannschaft. Zugleich ging man der größten Tageshitze aus dem Weg, indem man schon im Dunkeln oder in der Morgendämmerung aufbrach, um das nächste Ziel am frühen Nachmittag zu erreichen. Trotz der Ausstattung mit Lateinersegeln ruderten die Männer etwa während eines Viertels der Strecke, selbst auf Langstrecken, wie der nach London oder Alexandria. Dabei bestand die erste Mahlzeit des Tages üblicherweise aus biscotti, also hartgebackenen, sehr trockenen und damit haltbaren zwiebackartigen Broten. Hinzu kam eine Brotsuppe und vielleicht etwas Käse. Wein wurde selten ausgegeben, ebenso wie Fleisch. Einseitige Ernährung, das dauerhafte Sitzen, der enorme Wasserverlust verursachten häufig Ausfälle, ähnlich wie Skorbut.

Das erste Schiff, auf dem Michalli mitruderte war ein Wachschiff, also ein Begleitschiff, das die Aufgabe hatte, die Hauptrouten des venezianischen Handels zu kontrollieren und zu schützen, etwa gegen Piraten. Das galt vor allem für die Schiffskonvois, die mudue oder mude, die nach Konstantinopel, Beirut oder Alexandria fuhren, aber auch nach Flandern und ab 1438 nach Tunis. Normalerweise bestand eine solche Wache aus vier oder fünf Schiffen, so dass die kleine Flotte 800 bis 1000 Mann aufbieten konnte.

Schiffsführer des ersten Schiffes, auf dem Michalli auf der Ruderbank saß, war Pietro Loredan, ein seinerzeit sehr bekannter Flottenführer. Er fuhr nach Manfredonia, um die Getreideschiffe in diesem Raum zu schützen. Im August 1401, Michalli war zwei Monate an Bord, wurde das Schiff nach Korfu abkommandiert, um den Kampf gegen Ladislaus von Anjou, den König von Neapel zu unterstützen. Dieser ließ sich 1403 zum ungarischen König krönen. Militärisch konnte er sich gegen Sigismund aber nicht durchsetzen, der gleichfalls Ansprüche auf Ungarn und damit auf Dalmatien erhob. Letzteres berührte unmittelbar venezianische Interessen. Seine Rechtsansprüche auf Dalmatien verkaufte Ladislaus 1409 für 100.000 Dukaten an die Republik Venedig. Für Michalli ging die Fahrt 1401 von Korfu nach Candia, der kretischen Hauptstadt, dann zurück nach Modon auf dem Peloponnes, das zu dieser Zeit ein wichtiger Zwischenhalt für alle Fernhändler und Kriegsflotten war. Gegen Herbstende 1401 kehrte das Schiff nach Venedig zurück.

Doch nicht nur in die Auseinandersetzungen zwischen Venedig, Ungarn und dem Reich geriet Michalli, sondern auch in die Kämpfe zwischen Genua und Venedig. Die beiden Städte bekriegten sich seit mehr als 100 Jahren immer wieder, wie etwa 1350 bis 1355. Genua hatte im Chioggia-Krieg von 1378 bis 1381 gar versucht, Venedig zu erobern. 1403 kommentierte Michalli, der offenbar ein ausgesprochenes Wir-Bewusstsein besaß, den Sieg der Venezianer über die Genuesen mit: „die Zeit, in der wir Pozichardo brachen“. Mit diesem Namen belegte man Marschall Boucicault, den Herrn Genuas. Im März 1403 hatte Carlo Zeno Order erhalten, die Genuesen, die es womöglich, so fürchtete man in Venedig, auf Zypern abgesehen hatten, davon abzuhalten, venezianische Schiffe zu kapern. Die Galeere, auf der Michalli ruderte, stand unter dem Kommando des sopracomito Andrea da Molin. Doch Boucicault griff überraschend Beirut an, wobei er die dort im Hafen liegenden Schiffe Venedigs plündern und die venezianischen Warenhäuser niederbrennen ließ. Diese Nachricht erreichte Carlo Zeno am 9. September, woraufhin er das Schiff des Andrea da Molin nach Venedig schickte, um neue Order zu erhalten. Während dieses Schiff auf dem Rückweg von Venedig war, trafen am 7. Oktober Venezianer und Genuesen vor Modon aufeinander. Etwa 600 Genuesen wurden in dem vierstündigen Kampf getötet, drei Galeeren mit etwa 400 Mann an Bord fielen in die Hand der Venezianer, die ihrerseits 300 Mann und eine Galeere einbüßten. Michalli war in diesen Kampf nicht verwickelt, denn sein Schiff, mit Order, sich keinesfalls auf einen Kampf einzulassen, erreichte Zeno erst einen Tag nach der Seeschlacht.

Michalli diente nur noch einmal als einfacher Ruderer im Rahmen der Wachfahrten, denn 1405 heuerte er als proder an. Dieser hatte die Aufgabe, Neulingen auf der Ruderbank alles Notwendige beizubringen, und dafür zu sorgen, dass sie einen gemeinsamen Rhythmus einhielten. Im Jahr zuvor hatte Michalli auf einer Handelsgaleere gerudert, die in einem Schiffskonvoi nach Flandern gefahren war, wohin er später noch oft gelangte. Diese Handelsfahrten lohnten sich vor allem deshalb, weil der Überlandhandel durch beständige Kriege fast unmöglich geworden war, so wie die französischen Messen unter erheblichen Handelseinbußen zu leiden hatten. Die vier oder fünf Galeeren der Flandernmudua verließen Venedig üblicherweise Ende April oder Anfang Mai, um zunächst Lissabon anzusteuern. Von dort ging es nordwärts nach London, Sandwich oder Southampton. Die übrigen fuhren nach Sluys. Die Waren gingen von dort durch ein Kanalsystem nach Brügge. Gegen Jahresende kehrten die Schiffe nach Venedig zurück.

Für den Rhodier hatte diese Fahrt den großen Vorteil, dass er zollfrei Waren auf eigene Rechnung mitverfrachten durfte, ein Recht der Mannschaften, das portata genannt wurde. Dabei hing die Bemaßung der Menge und des Wertes vom Rang innerhalb der Marinehierarchie ab. Da schon ein Gerücht von der Ankunft der Schiffskonvois die Preise in die Höhe trieb, lohnte es sich für die Mannschaften, ihre Güter gleich am Kai zu erstehen bzw. zu verkaufen. Doch konnte man seine portata auch verkaufen. Michalli war schon von seiner ersten Fahrt an bei diesem Handel dabei. Bei seiner nächsten Fahrt als proder fuhr er 1406 nach London.

nochiero (1405–1413) Schon 1405 diente Michalli gelegentlich als nochiero, wahrscheinlich weil einer der Männer ausgefallen war. Michalli verzeichnete dies als erste große Ehrbezeigung seiner Person. Er durfte nun unter Deck schlafen, er durfte am Tisch der Offiziere speisen und das Essen wurde deutlich besser. Zudem wurde sein Ehrgeiz nun deutlicher wahrnehmbar. 1407 kehrte er als nochiero auf eines der Wachschiffe zurück, dann arbeitete er auf Handels- und Kriegsschiffen gleichermaßen bis 1413. Michalli war einer von acht nochieri, wobei nicht klar ist, welche genauen Aufgaben ein solcher Mann zu dieser Zeit auszuführen hatte. Unter den Augen des paron und des comito, seinen Vorgesetzten, lernte er nun alles über Ballast und Verstauen, Anker und Steuer, vor allem aber über das Segeln.

Auf Wachschiffen fuhr Michalli von 1407 bis 1410 im neu erworbenen Rang. Über die Kämpfe ist wenig bekannt, außer, dass es gelang, in der Ägäis 1409 einiger Piraten habhaft zu werden. Im Vordergrund stand jedoch der Kampf um Dalmatien gegen die Ungarn. Gleichzeitig kämpften lokale Magnaten um ihre Unabhängigkeit und die Osmanen mischten sich zunehmend ein. 1407 besetzte eine osmanische Armee Lepanto am Golf von Korinth. Eine venezianische Flotte unter Führung von Fantin Michiel konnte die Stadt in einem Überraschungscoup kampflos einnehmen. Anführer dieses Coups war Michallis sopracomito Bertuccio Diedo. Dessen Truppen bestanden aus Armbrustschützen, unter diesen Michalli. Doch scheiterte der Angriff letztlich am Kastell oberhalb der Stadt. Nach dem Friedensschluss kam die Stadt wieder an Venedig, doch wurde sie 1444 endgültig von Osmanen erobert.

Michalli fuhr in den Jahren 1411 bis 1413 jedes Jahr nach Flandern, wobei er seine erhöhte portata nutzen konnte. Vor allem aber lernte er, wie man eine Galeere navigierte, er erlernte den Gebrauch des Kompasses, von Seekarten und der Rechenkunst.

paron (1414–1420)