Tonio Kröger ist eine 1903 erschienene Novelle Thomas Manns, die den Lebensweg eines Schriftstellers zwischen Jugend und ersten großen Erfolgen beschreibt. Der Titelheld mit autobiographischen Zügen sieht einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem bürgerlichen Leben der „Gewöhnlichen, der Ordentlichen“ und seinem Künstlertum mit „Ironie, Unglaube, Opposition“. Dieser programmatischen Ausführungen wegen hatte die Novelle eine große Resonanz.

Sie entstand in der Zeit vom Dezember 1900 bis zum November 1902Georg Potempa: Thomas-Mann-Bibliographie. Das Werk. Cicero-Presse, Morsum/Sylt 1992, S. 136 und wurde im Februar 1903 als Vorabdruck in der Neuen Rundschau und im selben Jahr im Band Tristan. Sechs Novellen veröffentlicht.

mini|240px|Erstdruck der Novelle (1903)

Inhalt

Struktur Die Novelle beginnt mit einer an den Lübeck-Komplex der Buddenbrooks angelehnte Schilderung der Jugend Tonio Krögers, dem ein „lyrisch-essayistisches Mittelstück“ zur Antinomie von Kunst und Leben folgt, jener „berühmt gewordene Literaturdialog“, der in der Ausarbeitung zeitweilig auch dem Umfang nach der Bedeutungskern der Novelle wurde: In dieser Arbeitsphase hatte Mann für die Novelle den Titel Litteratur [sic] vorgesehen (Brief an H. Mann, 13. Februar 1901). Die letzten drei Kapitel erzählen von einer Reise in seine Heimatstadt und nach Dänemark, unter deren Einfluss die Selbstreflexionen Tonio Krögers „ein wärmeres, versöhnlich-selbstironisches Licht“ vermitteln.Kindlers Neues Literatur Lexikon. Studienausgabe, Hg. Walter Jens, München 1996, Band 11, S. 84 f.

Erstes Kapitel

Tonio ist der Sohn des Getreidegroßhändlers Konsul Kröger und dessen südländischer Frau. Von ihr hat er die dunklen Augen und das südlich scharf geschnittene Gesicht. Von ihrem Bruder, seinem Onkel Antonio, stammt der landesfremde Vorname. Tonio Kröger lebt in einer alten, giebeligen Stadt an der Ostsee.

Der Vierzehnjährige Tonio liebt den blonden, blauäugigen Hans Hansen und wirbt um seine Freundschaft. Hans Hansen ist ein Bastler und Sportler, der „Pferdebücher“ liebt, Tonio dagegen spielt Geige, führt ein Heft mit selbst geschriebenen Versen, ist ergriffen von einer Episode in Schillers Don KarlosGemeint ist die weiter unten im Abschnitt „Figuren“ unter „Tonio Kröger“ zitierte Stelle.. Tonio beneidet Hans Hansen wegen dessen Unkompliziertheit, die ihm so viel Sympathie bei anderen einträgt. Sein Freundschaftswerben wird von Hans Hansen eher geduldet als erwidert, beide bleiben einander letztlich fremd. Im Schulunterricht schweifen Tonios Gedanken ab, die persönlichen Schwächen der Lehrer durchschaut er und ihre schlechten Manieren stoßen ihn ab. Nach Hause bringt er die „erbärmlichsten Zensuren“. Unter den anderen Schülern fühlt sich Tonio fremd, die Lehrer lehnen ihn insgeheim ab.

Zweites Kapitel

Die Tanzstunde findet reihum in Privathäusern ausschließlich für die Angehörigen der ersten Familien statt. Als Tanzlehrer kommt eigens der Hamburger Ballettmeister François Knaak, der sich mit seinem affektierten Verhalten in Szene zu setzen versteht. Der sechzehnjährige Tonio hat sich in die blonde, blauäugige Inge Holm verliebt, die ihn aber ignoriert. In Tonios Liebe mischte sich „eine neidische Sehnsucht, ein herber, drängender Schmerz, von ihr ausgeschlossen und ihr ewig fremd zu sein“, ein weiterer Keim der von ihm später formulierten Antinomie von Leben und Kunst.

Drittes Kapitel

Der Vater stirbt, die Mutter heiratet einen Virtuosen mit italienischem Namen, dem sie in die Fremde folgt. Tonio verlässt seine Heimatstadt und zieht nach München, wo sich sein Verstand weiter schärft und er die Welt zu durchschauen und ihre Trivialität zu verspotten beginnt: „Was er aber sah, war dies: Komik und Elend – Komik und Elend.“ In dieser Zeit reift seine Künstlerschaft, erste ungewöhnliche Werke entstehen und sein Name wird in der literarischen Öffentlichkeit bekannt. Gleichzeitig verliert er sich in sexuellen Abenteuern und ist hin- und hergerissen zwischen literarischer Arbeit und „verzehrender Sinnenglut“.

Viertes Kapitel

„Aber was ist der Künstler?“ Tonio Kröger, inzwischen über Dreißig und berühmt, hat die befreundete Malerin Lisaweta Iwanowna in ihrem Atelier besucht und trägt ihr seine Gedanken vor. Für ihn formt sich das „artistische Nervensystem“ durch das „Gefühl der Separation und Unzugehörigkeit“ zu seinen Zeitgenossen, „in einem rätselhaften Gegensatz zu den anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen.“ In dieser Abgrenzung entwickle sich ein „Abgrund von Ironie, Unglaube, Opposition“ sowie eine Macht des Geistes und des Wortes, „die lächelnd über dem unbewussten und stummen Leben thront.“ Tonio Kröger zählt sich zu den „Ungewöhnlichen“ und sieht sich als „Genie“. Die wahren Künstler spürten das Zeichen einer schicksalhaften Berufung an ihrer Stirn als „etwas zugleich Königliches und Verlegenes“, ähnlich einem „Fürsten, der in Zivil durch eine Volksmenge schreitet“.Tonio Krögers Weltsicht entspricht den Äußerungen Arthur Schopenhauers über „die geistige Aristokratie“ und dem zeitgenössischen Geniekult unter dem Einfluss von Friedrich Nietzsche.

Der Ausgangspunkt aller Literatur bleibe zwar „die abscheuliche Erfindung des Seins“, die aber ohne „Erkenntnisekel“, nüchtern zu beobachten, zu merken und darzustellen sei. Nicht die Darstellung von Gefühlen, sondern nur das kalkulierte, in „kalten Ekstasen“ erarbeitete Kunstwerk vermöge beim Betrachter Emotionen auszulösen. Aber die Kälte und Einsamkeit sonderten den Künstler von der Menschheit ab, der vollkommene Künstler sei ein verarmter Mensch. Er stelle das Menschliche dar, ohne am Menschlichen teilzuhaben. Das gewöhnliche Leben in seiner verführerischen Banalität stehe „als ewiger Gegensatz“ dem Geist und der Kunst gegenüber, obgleich sich Künstler verstohlen sehnen nach den „Wonnen der Gewöhnlichkeit“.

Auf diese fast monologischen und überheblichen Ausführungen über die Reifung künstlerischer Individuen und die Methode der Kunst lässt der Erzähler die Zuhörerin von Krögers Eloge mahnend-fragend antworten, indem sie sein Konzept des Literaten steigert und ironisiert zu einem „vollkommenen Menschen“ und „Heiligen“. Lisaweta kommentiert Krögers Habitus schon zu Anfang als „patrizisch“, nennt ihn schließlich einen „Bürger auf Irrwegen“ und einen in die Kunst „verirrten Bürger“. Nach dieser kritischen Reaktion auf seine Ausführungen zum Seelenadel des Künstlertums weiß Kröger sich durchschaut: „Ich kann getrost nach Hause gehen. Ich bin erledigt.“Kursiv im Original.

Erst im Brief an Lisaweta am Ende der Novelle ist Kröger dann bereit, sich seine Sehnsucht nach dem unerreichbaren gewöhnlichen Leben mit nur noch „ein klein wenig Verachtung“ einzugestehen – immerhin hat er das ihm versagte private Liebesglück der Gewöhnlichen inzwischen durch Erfolge im Kunstschaffen auszugleichen vermocht.

Fünftes Kapitel

In München erklärt er Lisaweta seine Sehnsucht nach Seeluft, Dänemark und skandinavischer Küche, die ja seiner heimatlichen ganz ähnlich sei. Auch die Namen hätten den gleichen Klang wie zu Hause und die tiefen und humoristischen Bücher der nordischen Literatur wolle er in ihrem Ursprungsland lesen. Lisaweta Iwanowna durchschaut ihn wieder: Auf ihre Frage gibt er zu, dass auch seine Heimatstadt auf seiner Reiseroute liege. „Ja, ich berühre meine – meinen Ausgangspunkt, Lisaweta, nach dreizehn Jahren, und das kann ziemlich komisch werden.“

Sechstes Kapitel

Ein Stadtrundgang in seiner VaterstadtWie in den „Buddenbrooks“ wird der Name Lübeck nicht ausdrücklich genannt. führt ihn an den Häusern von Inge Holms und Hans Hansens Familien vorbei. Als er sein ehemaliges Vaterhaus betritt, stellt er mit Verwunderung fest, dass eine Volksbibliothek hier eingerichtet worden ist. „Volksbibliothek? dachte Tonio Kröger, denn er fand, dass hier weder das Volk noch die Literatur etwas zu suchen hatten.“ Als er sein HotelAls Vorlage für das Hotel diente das schon in den Buddenbrooks von Herrn Grünlich besuchte Hotel Stadt Hamburg verlassen will, muss er einem Polizisten Rede und Antwort stehen: Man hält ihn für einen gesuchten Hochstapler und Betrüger, der auf der Flucht von München nach Kopenhagen ist. Tonio führt keinen Pass mit sich, aber als Nachweis seiner (eigentlichen) Identität wird der Korrekturabzug einer Novelle akzeptiert.

Siebtes Kapitel

Tonio Kröger reist mit dem Schiff nach Kopenhagen, wo ihn eine merkwürdige Stimmung erfasst: „Und allerwegen, indes er in verlangsamten, nachdenklichen Zügen die feuchte Seeluft atmete, sah er Augen, die so blau, Haare, so blond, Gesichter, die von eben der Art und Bildung waren, wie er sie in den seltsam wehen Träumen der Nacht geschaut, die er in seiner Vaterstadt verbracht hatte.“ Er reist mit dem Schiff weiter nach Helsingör, von dort mit einem Wagen nach AalsgaardÅlsgårde, heute Teil von Hellebæk. Das Badehotel brannte 1944 ab. Es stand am Nordre Strandvej Nr. 152 (helsingorleksikon, dänisch)., wo er sich in einem kleinen Badehotel einmietet.

Achtes Kapitel

Das stille Hotelleben wird unterbrochen, als eines Tages eine Schar von Ausflüglern eintrifft, unter ihnen ist ein junges blondes Paar, das in Tonio Kröger wehmütige Erinnerungen an Hans Hansen und Ingeborg Holm wachruft. Am Abend wird für die Ausflügler ein Ball veranstaltet und Tonio Kröger erinnert sich an damalige Tanzstundenerlebnisse. Im Vergleich der damaligen mit seiner gegenwärtigen Situation erkennt er die Notwendigkeit und das Glück seines erfolgreichen Lebensweges: Hätte er doch so sein können wie Hans Hansen, denkt Tonio Kröger, „frei vom Fluch der Erkenntnis und der schöpferischen Qual leben, lieben und loben in seliger Gewöhnlichkeit! Noch einmal anfangen? [...] Alles würde wieder so kommen, wie es gekommen ist. [...] Und er war glücklich wie damals. Denn sein Herz lebte.“

Neuntes Kapitel

Das Schlusskapitel besteht aus einem Brief an Lisaweta Iwanowna, in dem Tonio Kröger ihr das Ergebnis seiner Selbstfindung mitteilt: „Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein wenig schwer.“ Er ahnt eine große Laufbahn als Künstler, ahnt noch größeren Ruhm: „Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde Besseres machen, Lisaweta.“ Das bisher geringgeschätzte gewöhnliche Leben akzeptiert er nun als Ausgangspunkt seiner Kunst und als unerreichbares Objekt seiner Liebe: „Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“

Figuren Tonio Kröger

Tonio Kröger hat sich als Dichter in der literarischen Welt einen Namen gemacht. Künstlerisch hoch begabt und fähig, „in Gelassenheit etwas Ganzes zu schmieden“, ist er jedoch im Umgang mit anderen gehemmt. Dass ihm eine natürliche Unbefangenheit fehlt, erkennt er, wenn er sich mit denen vergleicht, „die den Geist nicht nötig haben“, die unkomplizierten, blauäugigen Blonden von ansprechendem Äußeren. Sie verkörpern für ihn eine solide und sympathische Mittelmäßigkeit. Zu ihnen fühlt sich der südländisch fremd wirkende Tonio Kröger hingezogen und bleibt doch allein. Das Bewusstsein, ein Fremder und bloßer Zaungast zu sein, der sich vergebens um Freundschaft bemüht, ist es auch, was ihn am Don Carlos so berührt, dessen Lektüre er Hans Hansen erfolglos schmackhaft zu machen versucht. Tonio Kröger wird ein Intellektueller, ein zunächst unfreiwilliger Außenseiter, der mehr erkennt und durchschaut als andere.

Hans Hansen und Ingeborg Holm

Als Tonio Kröger sie im Strandhotel zu erkennen meint, sind es nicht die beiden, „um die er vorzeiten Liebe gelitten hatte“, sondern Fremde, vielleicht Geschwister, die Tonio Krögers Liebes-Ideal entsprechen. Sie sind nur Doppelgänger in der Erinnerung, wie auch der Festordner und eine junge Frau, die beim Tanzen hinfällt.