Totalitarismus bezeichnet eine Herrschaftsform mit einem uneingeschränkten Verfügungsanspruch der Herrschenden über die Beherrschten, auch im persönlichen Bereich, also über die öffentlich-gesellschaftliche Sphäre der Politik hinaus. Ihr Ziel ist die umfassende Durchsetzung ihres Wertesystems. Als Extremform des Autoritarismus („Diktatur“) strebt der Totalitarismus an, in alle sozialen Verhältnisse hineinzuwirken, oft verbunden mit dem Anspruch, einen „neuen Menschen“ gemäß einer bestimmten Ideologie zu formen. Der Totalitarismus zielt darauf ab, ganze Bevölkerungen zur Unterstützung einer offiziellen Ideologie zu mobilisieren, und ist intolerant gegenüber Aktivitäten, die nicht auf die Ziele der Herrscher ausgerichtet sind, was Repressionen oder staatliche Kontrolle nach sich zieht.

Als Beispiele für derzeit totalitäre Staaten gelten China, Nordkorea, Iran, Afghanistan, Turkmenistan und Eritrea – als historische Prototypen insbesondere der Nationalsozialismus und der Stalinismus.

Viele Wissenschaftler mit unterschiedlichen akademischen Hintergründen und ideologischen Positionen kritisierten das Konzept.

Begriffsgeschichte Der Begriff wurde 1923 von dem italienischen Liberalen Giovanni Amendola, einem Gegner und Opfer des Faschismus, geprägt.In seinem Artikel Maggioranza e minoranza (Mehrheit und Minderheit), der am 12. Mai 1923 in der Tageszeitung Il Mondo erschienen ist, bezeichnete Giovanni Amendola den italienischen Faschismus erstmals als sistema totalitario, das „absolute und unkontrollierte Herrschaft“ anstrebe. Zitiert nach Jens Petersen: Die Geschichte des Totalitarismusbegriffs in Italien. In: Hans Maier (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Paderborn 1996, S. 15–35, hier S. 20. Er bezeichnete das von Benito Mussolini, dem Diktator Italiens, geschaffene Herrschaftssystem des Faschismus als „totalitäres System“ (sistema totalitario). Während die Antifaschisten damit zunächst vor einer absoluten und unkontrollierbaren Herrschaft warnen wollten, wurde der Begriff rasch von den Faschisten selbst übernommen und in ihrem Sinne positiv belegt. So beschrieb Benito Mussolini bereits 1925 in einer Rede im Mailänder Teatro alla Scala den Charakter des von ihm angestrebten totalen Staates wie folgt: Tutto nello Stato, niente al di fuori dello Stato, nulla contro lo Stato („Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat“). Ob der italienische Faschismus überhaupt unter die heutige Definition des Totalitarismus fällt, ist umstritten.

Der deutsche Schriftsteller und Publizist Ernst Jünger verherrlichte 1930 im Artikel Die totale Mobilmachung in Krieg und Krieger die Umrisse des Totalitarismus. Er feierte den Krieg und die moderne Technik als Vorboten einer neuen Ordnung. Zum ersten Mal in der Geschichte Europas seien die menschlichen und materiellen Kräfte der modernen Industriewelt in ihrer „Totalität“ mobilisiert worden, um die Kriegsanstrengungen zu bewältigen.

In Deutschland sprach der rechtskonservative Staatsrechtler Carl Schmitt 1931 in seiner Schrift Der Hüter der Verfassung von einem „totalen Staat“, der die Vereinigung von Staat, Gesellschaft, Kultur und Religion bringen würde und dem die Zukunft gehöre, und sein Kollege Ernst Forsthoff veröffentlichte bald eine gleichnamige Monografie.Ernst Forsthoff: Der totale Staat. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933. Unterdessen fand der Totalitarismusbegriff in Italien Eingang in die allgemeine innenpolitische Auseinandersetzung. So setzte etwa die katholische Volkspartei um Luigi Sturzo (1871–1959) unter Verwendung des Begriffs die Lager der Faschisten und Kommunisten gleich, da beide die parlamentarische Demokratie ablehnten.

Die französische Philosophin Simone Weil schrieb 1934:

Im November 1939 veranstaltete die American Philosophical Society ein erstes Symposium zum Totalitarian State, auf dem der US-amerikanische Historiker Carlton J. H. Hayes die historische Neuartigkeit des Totalitarismus gegenüber älteren Formen diktatorischer Herrschaft betonte. Franz Borkenau stellte 1940 in seinem Werk The Totalitarian Enemy eine frühe Totalitarismuskonzeption mittels des Vergleichs von Nationalsozialismus und Bolschewismus vor.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) wurde der Begriff ausschließlich mit negativer Konnotation verwandt. Unterschiedliche Publizisten verglichen Nationalsozialismus und Stalinismus und bezeichneten beide als totalitäre Regimes. Andere lehnten die Verwendung des Wortes Totalitarismus ohne tiefere Reflexion als Ausdruck des Kalten Krieges ab.

Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper versuchte 1945 zu zeigen, dass die Ideen, die wir heute totalitär nennen, einer platonischen Tradition angehören, die ebenso alt oder ebenso jung sei wie unsere Zivilisation selbst.

Einer der bekanntesten Kritiker des Totalitarismus war der Schriftsteller George Orwell, der schon im Jahre 1949 in seinem Roman 1984 spätere Erkenntnisse anderer Publizisten auf fiktiver Ebene vorwegnahm. Laut Hannah Arendts 1951 publiziertem Buch The Origins of Totalitarianism ist die Rolle des Terrors das entscheidende Merkmal für ein totalitäres System.

Der israelische Historiker Jacob Talmon (1916–1980) betonte in seinem 1955 publizierten Buch, dass sich auch ein demokratischer Rechtsstaat zu einer „totalitären Demokratie“ entwickeln kann.

In seinem 1968 publiziertem Buch hat der französische Soziologe Raymond Aron (1905–1983) fünf Kriterien für ein totalitäres Regime aufgestellt:

Ein Einparteienstaat, in dem eine Partei das Monopol auf alle politischen Aktivitäten hat. Eine von der herrschenden Partei vertretene Staatsideologie, die als einzige Autorität anerkannt wird. Ein staatliches Informationsmonopol, das die Massenmedien zur Verbreitung der offiziellen Wahrheitversion kontrolliert. Staatlich kontrollierte Wirtschaft mit großen Wirtschaftsunternehmen unter staatlicher Kontrolle. Ideologischer Terror, der wirtschaftliche oder berufliche Handlungen zu Verbrechen macht. Wer dagegen verstößt, muss mit strafrechtlicher und ideologischer Verfolgung rechnen.

2003 prägte der Politikwissenschaftler Sheldon Wolin in einem Zeitungsartikel den Begriff Inverted Totalitarianism (deutsch: Umgekehrter Totalitarismus). In seiner Monografie Democracy Incorporated: Managed Democracy and the Specter of Inverted Totalitarianism systematisierte er 2008 seine Darstellung. Demnach sei mit dem Streben nach Superpower und dem Management von Demokratie in den USA eine postdemokratische Regierungstechnik entstanden, die Elemente der liberalen Demokratie mit denen totalitärer politischer Systeme verbindet.Darstellung nach Claudia Ritzi: Die Postdemokratisierung politischer Öffentlichkeit : Kritik zeitgenössischer Demokratie – theoretische Grundlagen und analytische Perspektiven. Springer VS, Wiesbaden 2014, S. 85 ff.

Der deutsche Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge sagte 2007, der Machtanspruch des Neoliberalismus als dominante Ideologie des Kapitalismus sei total und universell. Aus dem homo sapiens werde ein homo oeconomicus.

Wissenschaftler wie der syrisch-deutsche Politikwissenschaftler Bassam Tibi (* 1944), vertreten seit Anfang der 2000er Jahre die These, dass islamistische Systeme und Bewegungen eine gegenwärtige Erscheinungsform totalitärer Herrschaftsansprüche darstellen.Bassam Tibi: Der neue Totalitarismus. ‚Heiliger Krieg’ und westliche Sicherheit. Primus Verlag, Darmstadt 2004.Wahied Wahdat-Hagh: Die islamische Republik Iran. Die Herrschaft des politischen Islam als eine Spielart des Totalitarismus. Lit-Verlag, Münster/Hamburg/Berlin 2003.Johannes Urban: Die Bekämpfung des Internationalen Islamistischen Terrorismus. VS Verlag, Wiesbaden 2006, insbesondere S. 24 ff.Thomas Vollmer: Der militante Islamismus als neuer Totalitarismus. Dschihadistischer Terrorismus und westliche Sicherheitsarchitektur. VDM Verlag, Saarbrücken 2007.

Der deutsche Politikwissenschaftler und Extremismusforscher Eckhard Jesse grenzte in seinem 2008 publiziertem Buch den Totalitarismus einerseits vom demokratischen Verfassungsstaat ab, dessen Gegenteil er sei, andererseits von der autoritären Diktatur und allen älteren Formen des Autoritarismus.Eckhard Jesse: Diktaturen in Deutschland. Diagnosen und Analysen. Nomos, Baden-Baden 2008, ISBN 978-3-8329-3679-2, S. 11.

Begriff Zu den bekanntesten Kommentatoren des Totalitarismus gehören: Hannah Arendt Raymond Aron Lawrence Aronsen Uwe Backes Franz Borkenau Karl Dietrich Bracher Zbigniew Brzeziński Robert Conquest Carl Joachim Friedrich Leopold Labedz Walter Laqueur Claude Lefort Juan Linz Richard Löwenthal Sigmund Neumann Ernst Nolte Karl Popper Richard Pipes Leonard Schapiro Adam Ulam Eric Voegelin Jeder von ihnen beschrieb den Totalitarismus auf etwas andere Weise, aber sie waren sich alle einig, dass der Totalitarismus darauf abzielt, ganze Bevölkerungen zur Unterstützung einer offiziellen Parteiideologie zu mobilisieren, und dass er intolerant gegenüber Aktivitäten ist, die nicht auf die Ziele der Partei ausgerichtet sind, was Repressionen oder staatliche Kontrolle der Wirtschaft, der Gewerkschaften, der gemeinnützigen Organisationen, der religiösen Organisationen und der kleineren politischen Parteien nach sich zieht. Gleichzeitig kritisierten viele Wissenschaftler mit unterschiedlichem akademischen Hintergrund und ideologischen Positionen die Totalitarismustheoretiker. Zu den bekanntesten gehörten Louis Althusser, Benjamin Barber, Maurice Merleau-Ponty und Jean-Paul Sartre. Sie vertraten die Auffassung, dass der Totalitarismus mit westlichen Ideologien zusammenhängt und eher mit Bewertung als mit Analyse verbunden ist. Das Konzept wurde im antikommunistischen politischen Diskurs der westlichen Welt während der Zeit des Kalten Krieges zu einem wichtigen Instrument, um den Antifaschismus der Vorkriegszeit in einen Antikommunismus der Nachkriegszeit umzuwandeln.

Die meistrezipierten Theoretiker des Totalitarismus sind Hannah Arendt, Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzeziński.

mini|hochkant|Aufmarsch beim Reichsparteitag der NSDAP 1935

Totalitarismus-Modelle Es gibt verschiedene Versuche, totalitäre Systeme durch die Festlegung von Merkmalen zu bestimmen. Gemein ist diesen Totalitarismus-Modellen, dass sie totalitäre Systeme in Hinblick auf ihre Herrschaftsstrukturen definieren und analysieren. Im Fokus stehen also nicht die Ziele oder die Anzahl der Opfer totalitärer Diktaturen, sondern die Mechanismen der Herrschaft solcher Systeme. Die wichtigsten dieser Totalitarismus-Modelle werden im Folgenden dargestellt.

Totalitarismus-Modell von Friedrich/Brzeziński mini|50. Münchner Sicherheitskonferenz 2014: Zbigniew Brzeziński Die Politikwissenschaftler Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzeziński sahen in totalitären Regimen etwas grundsätzlich Neues. Die verschiedenen totalitären Systeme seien jedoch grundsätzlich gleichartig und untereinander vergleichbar. Das Wesen der totalitären Regime sei ihre Organisation und ihre Methoden zur Erreichung der totalen Kontrolle, nicht ihr Streben nach totaler Kontrolle. Dennoch habe man sich totalitäre Systeme nicht als statische Gebilde vorzustellen, da sie einer Evolution unterlägen. In ihrem 1956 erschienenen Werk Totalitarian Dictatorship and Autocracy definierten Friedrich und Brzeziński sechs konstitutive Merkmale totalitärer Systeme:

eine offizielle Ideologie, alle wichtigen Lebensbereiche umfassend, allgemeinverbindlich, auf Schaffung einer neuen Gesellschaft ausgerichtet, mit Wahrheitsanspruch und stark utopischen, z. T. religionsähnlichen Elementen.