mini|Maurice Quentin de La Tour (1704–1788): Madame du Châtelet–Laumont (Privatsammlung) Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, Marquise du Châtelet-Laumont (* 17. Dezember 1706 in Paris; † 10. September 1749 in Lunéville), bekannt als Émilie du Châtelet, war eine französische Mathematikerin, Physikerin und bedeutende Philosophin der frühen Aufklärung. Ihr Hauptwerk sind die Institutions physiques de Madame la marquise du Chastellet adressés à Mr. son fils, ein ihrem Sohn gewidmetes großes Lehrbuch, in dem sie sich daran macht, den der Physik zugrunde liegenden „Bauplan“ darzulegen, denn die Physik sei „un Bâtiment immense“. Hierzu verband sie das Denken Newtons mit demjenigen Leibniz’. Die Erstausgabe erschien 1740 in Paris unter dem Titel Institutions de Physique. Anschließend überarbeitete sie den Text grundlegend. 1742 erschien er in Amsterdam als zweite Auflage unter dem leicht abgewandelten Titel Institutions physiques.Alle Ausgaben finden sich unter Diese zweite Auflage wurde schon 1743 in verschiedene Sprachen übersetzt, die deutsche Fassung trägt den Titel Naturlehre.Émilie Du Châtelet: Naturlehre, eine Neufassung dieses Texts mit Einleitung wurde hrsg. von Ruth Hagengruber Berlin, 2026. Das Werk fand weite Verbreitung, löste heftige Debatten aus und machte sie in ganz Europa bekannt.

Später verfasste sie gemeinsam mit Voltaire die Elemente der Philosophie Newtons. Außerdem übersetzte sie Newtons Philosophiae Naturalis Principia Mathematica. Sie setzte sich für die gleichberechtigte Bildung von Männern und Frauen ein.

Nachdem sie Mitte des 18. Jahrhunderts großen Ruhm erlangt hatte, wurden ihre Ideen später unterdrückt oder den Männern in ihrem Umfeld zugeschrieben. In den folgenden Generationen geriet sie in Vergessenheit.Andrew Janiak: The Enlightenment's Most Dangerous Woman: Émilie du Châtelet and the Making of Modern Philosophy, New York, OUP 2024.

Leben Jugend und Eheschließung Émilie du Châtelet (wie sie üblicherweise genannt wird) wurde als Tochter von Louis Nicolas Le Tonnelier de Breteuil (1648–1728) und dessen zweiter Frau Gabrielle-Anne de Froulay (1670–1740) geboren. Ihr Vater hatte am Hof in Versailles das Amt, die Gesandten ausländischer Fürsten auf ihren Auftritt vor König Ludwig XIV. vorzubereiten und sie ihm vorzustellen.

Im Pariser Haus ihrer Familie genoss Émilie ein intellektuell offenes Milieu und lernte früh z. B. den seinerzeit bekanntesten Lyriker, Jean-Baptiste Rousseau, und den belletristischen und philosophischen Autor Fontenelle kennen, einen bedeutenden Vertreter der sogenannten Frühaufklärung. Dank ihres Vaters, der ihre Begabung bemerkte, erhielt sie eine vorzügliche klassische Bildung. Weiterhin lernte sie auch Englisch und Italienisch. Sie wurde zudem am Spinett unterrichtet und lernte Opernarien singen sowie tanzen und Theater spielen.

Mit 16 Jahren wurde sie von ihrem Vater am Hof eingeführt. Sie gefiel sich in den damit verbundenen Aktivitäten und dem Luxus und hatte einige kleinere (zweifellos platonisch bleibende) Liebschaften, z. B. mit dem Marquis de Guébriant. Am 12. Juni 1725 wurde sie, 18-jährig, mit dem 30-jährigen Marquis Florent Claude du Chastellet (1695–1765) (die Schreibweise „Châtelet“ geht auf Voltaire zurück) verheiratet. Sie zog zu ihm nach Semur-en-Auxois, wo er das Amt eines königlichen Gouverneurs innehatte und wo sie mit ihm drei Kinder bekam, darunter Françoise-Gabrielle-Pauline du Châtelet (1726–1754), die mit Alfonso Carafa, Duca di Montenero (1713–1760) verheiratet war, den späteren Generalleutnant und Diplomaten Louis Marie Florent du Châtelet (1727–1793) und Victor-Esprit du Châtelet (1733–1734). Hier lernte sie auch den Mathematiker de Mézières kennen, der ihre Leidenschaft für die Mathematik weckte. 1730 kehrte sie zurück nach Paris.

Die Heiraten adeliger Partner folgten damals nicht dem romantischen Modell der „Liebesehe“; die Ehe wurde als ein Vertragsverhältnis aufgefasst und die Marquise du Châtelet betrachtete ihren Teil des Vertrages als erfüllt, nachdem sie ihrem Gatten drei Kinder geboren hatte. Danach nahm sie die sexuellen und anderen Freiheiten in Anspruch, die einer hochadeligen Frau unter Einhaltung bestimmter Grenzen zugebilligt wurden. Entsprechend hatte sie mehrere kürzere Affären, unter anderem mit dem Marschall de RichelieuSamuel Edwards: Die göttliche Geliebte. Voltaire und Èmilie du Châtelet. dva, Stuttgart 1971, S. 38 ff., einem Großneffen des Kardinal Richelieu, mit dem Mathematiker und Astronomen Pierre-Louis de Maupertuis und dem Mathematiker Alexis-Claude Clairaut.

Intellektuelle Weggefährtin und Freundin Voltaires mini|Darstellung von Gabrielle Émilie du Châtelet in Voltaires Werk Éléments de la philosophie de Newton, Ausgabe Étienne Ledet, 1738. mini|hochkant=1.3|Château de Cirey. Zeitgenössische Lithografie Im Jahr 1733 begegnete Émilie du Châtelet dem Philosophen Voltaire bei einem Souper; der Beginn einer intensiven persönlichen wie intellektuellen Partnerschaft. Als Voltaire 1734 aufgrund eines Haftbefehls Paris verlassen musste, bot sie ihm Zuflucht in einem halbverfallenen Landsitz ihres Ehemanns im ländlichen Cirey-sur-Blaise (Champagne). Obwohl zunächst als Übergangslösung gedacht, entwickelte sich Cirey in den folgenden 15 Jahren zum Lebensmittelpunkt beider, auch wenn sie phasenweise getrennt reisten.

Finanziell waren die Rollen ungleich verteilt: Während Voltaire über bedeutende Mittel aus Erbschaften, Spekulationen und literarischem Erfolg verfügte, war das Vermögen der Familie du Châtelet begrenzt. Mit seiner Unterstützung wurde das Schloss umgebaut, unter anderem um eine private wissenschaftliche Bibliothek und ein Laboratorium zu schaffen. Dort widmeten sich beide physikalischen Experimenten, insbesondere zur Optik und zum Phänomen des Vakuums. Ein kleines Theater im Dachstuhl diente der Inszenierung von Voltaires Dramen. Cirey wurde rasch zu einem intellektuellen Zentrum, das Literaten, Naturwissenschaftler und Mathematiker gleichermaßen anzog.

Philosophisches Wirken „Emilia Newtonmania“ mini|hochkant|Isaac Newton: Principia Mathematica (Frontispiz) Auf Schloss Cirey verfasste Voltaire 1736/37 mit den Éléments de la philosophie de Newton ein populärwissenschaftliches Werk über die Newtonsche Physik. Diese war in Frankreich, das noch stark unter dem Einfluss der cartesischen Mechanik Descartes stand, bis dahin kaum bekannt, obwohl die Principia bereits 1687 erschienen war. Das Buch trug nur Voltaires Namen, aber er erkannte offen an, dass die Arbeit ohne die Mitwirkung Madame du Châtelets nicht denkbar gewesen wäre.

Ab 1745 widmete sie sich bis zu ihrem Tod 1749 ihrer bedeutendsten wissenschaftlichen Leistung: der Übersetzung von Newtons Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica aus dem Lateinischen ins Französische. Ihre Leistung bestand nicht allein in der sprachlichen Übertragung, sondern in der systematischen Überführung der newtonschen Argumentation in die Leibnizsche Notation der Infinitesimalrechnung, die sich auf dem europäischen Kontinent durchgesetzt hatte. Außerdem erläuterte sie in zahlreichen Kommentaren Newtons Text.

Mit ihrem Werk leistete sie einen entscheidenden Beitrag zur Etablierung der Newtonschen Physik in Frankreich. Ihr Spitzname „Emilia Newtonmania“, den sie selbstironisch gebrauchte, verweist auf ihr leidenschaftliches Engagement für die Vermittlung moderner Naturwissenschaft, eine Rolle, die sie als Wissenschaftlerin, Übersetzerin und Kommentatorin gleichermaßen ausfüllte.

Physik Das Konzept der kinetischen Energie wurde von Émilie du Châtelet, aufbauend auf Überlegungen von Gottfried Wilhelm Leibniz, als Vis Viva, Lebendige Kraft eingeführt. Sie vertrat, so wie Leibniz, die Theorie, dass die kinetische Energie proportional zu v² (Geschwindigkeit zum Quadrat) sein muss. Sie erkannte in den Versuchen von Willem Jacob ’s Gravesande die Bestätigung der Ideen Leibniz’. Bis zu diesem Zeitpunkt vertrat man die Ansicht von Newton, die Bewegungsenergie sei der Geschwindigkeit proportional. Diesen beiden Kräften entsprächen, gleichsam analog, nun die sensibilité inerte und die sensibilité active.Gottfried Wilhelm Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe. Band 2. Akademie Verlag, Berlin 2009, S. LXXXVI.

Metaphysik Kritik an Locke und Debatte über denkende Materie (thinking matter) In ihren Schriften kritisierte Emilie du Châtelet die Philosophie John Lockes. Sie betonte die Notwendigkeit der Überprüfbarkeit von Wissen durch Erfahrung: Lockes Vorstellung von der Möglichkeit einer denkenden Materie hielt sie für „abstrus“. Ihre Kritik an Locke entstammte ihrem Kommentar zu Bernard de Mandevilles Bienenfabel (1714). Du Châtelet sah die universellen Prinzipien als notwendige Voraussetzung für menschliches Wissen und Handeln und behauptete, dass diese Art von Gesetz eingeboren sei. Denn gäbe es nicht diese Grundbedingung universeller und a priori Prinzipien, wäre unser ganzes Wissen relativ: „Zwei und zwei könnten dann ebenfalls sechs als auch vier ergeben“. Ebenfalls verteidigte sie das Prinzip vom Widerspruch, das als Basis ihrer methodischen Reflexionen in den Institutions diente.

Pierre Louis Moreau de Maupertuis‘ und Julien Offray de La Mettries Verweise auf Emilie du Châtelets Überlegungen zur Bewegung, zum freien Willen, sowie zur denkenden Materie, zu Zahlen und dem Weg zu einer substantiellen Metaphysik, zeigen die Bedeutung ihrer Reflexionen. Erfolgreich widerlegte sie die Behauptung Maupertuis, die Wahrheit mit Hilfe mathematischer Gesetze zu finden.Ruth Hagengruber: Emilie du Châtelet between Leibniz and Newton. The Transformation of Metaphysics. In: Ruth Hagengruber: Emilie du Châtelet between Leibniz and Newton. (= International Archives of the History of Ideas.) Springer, Berlin 2012, ISBN 978-94-007-2074-9, S. 8–13.

Überlegungen zu den Grundlagen der Physik Als selbständige aufgeklärte Denkerin erweist sich Émilie du Châtelet auch in ihren Institutionen der Physik, worin es um die Grundlagen der Physik geht, also auch um Metaphysik. Newton hatte z. B. in seinen Prinzipien nicht erklären können, warum die Himmelskörper umeinander kreisen statt, gemäß seinem Schwerkraftgesetz, aufeinander zu stürzen, sprich, warum sie sich überhaupt bewegen. Er hatte sich mit der Vermutung beholfen, dass Gott jeweils einen der Himmelskörper angestoßen habe. Émilie du Châtelet verlangte dagegen in der Tradition von Leibniz, dass es einen „zureichenden Grund“ für die Planetenbewegungen geben müsse. Und sie vermutete bereits, dass dieser Grund in der Geschichte des Planetensystems verborgen liegt (das aus einem rotierenden Staubwirbel heraus entstanden ist, wie Immanuel Kant 1755 postulierte).

Die Institutionen der Physik behandeln außerdem das Problem der Theodizee, also die Frage, wie das Böse in die Welt gekommen ist.

In der Encyclopédie sind eine ganze Reihe von Artikeln aus ihren Institutionen der Physik übernommen worden, ohne dass die Quelle angegeben ist. Das Buch wurde europaweit gelobt, war aber auch Plagiatsvorwürfen ausgesetzt.

Vernunft und Gelehrsamkeit Émilie du Châtelet betätigte sich auch als Philosophin der Aufklärung. In einem Bibelkommentar kritisierte sie unter anderem die Schöpfungsgeschichte: Offenbarungsreligionen lehnte sie, wie Voltaire, ab.