Stéphane Roussel (* 25. Oktober 1902 in Wien, Österreich; † 24. April 1999 in Paris, Frankreich), geboren als Stefanie Landeis, war eine französische Journalistin und Autorin jüdischer Abstammung. Sie war die erste Auslandskorrespondentin Frankreichs und wird als Grande Dame des französischen Journalismus betrachtet.Pascal Thibaut/Radio France Internationale: Stéphane Roussel – das französische Auge. Auf: rfi.fr, abgerufen am 25. März 2017. Unterrichtsmaterial – Arbeitsblätter. ZDF/Verband der Geschichtslehrer Deutschlands VGD, 2009, S. 5 (PDF-Datei; 147 KB) Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie trotz ihrer jüdischen Herkunft überwiegend in Deutschland tätig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte sie nach Deutschland zurück. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie über ihre häufige Teilnahme am Internationalen Frühschoppen mit Werner Höfer im Deutschen Fernsehen bekannt.

Leben Familie Stefanie („Steffi“) Landeis wurde zur Zeit der österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie als zweites Kind des Kaufmanns Karl (Charles) Landeis (* 1876) und dessen Ehefrau Friederike („Fritzi“), geborene Schwarz, geboren. Ihr Vater arbeitete für die französische Botschaft in Wien, später in Paris. Ihr älterer Bruder Robert wurde 1901, ihre jüngeren Schwestern Hedi („Heddy“) 1904 und Gertrud („Gerti“) 1905 geboren. Im Alter von sechs Jahren verlor Stefanie Landeis am 20. November 1908 ihre erst dreißigjährige Mutter, die an Schwindsucht starb.Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft 18. bis 20. Jahrhundert. Band 3: S–Z, Register. Hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek. Saur, München 2002, ISBN 3-598-11545-8, S. 1664.

Stefanie Landeis führte ab Ende der 1930er Jahre eine von ihr später als gescheitert bezeichnete Zweckehe mit einem späteren französischen Widerstandskämpfer der Résistance, durch den sie den Familiennamen Roussel erhielt, und später noch zwei Lebenspartnerschaften ohne Trauschein. Zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung konvertierte sie, die jüdischer Abstammung war, zum Katholizismus und änderte ihren deutschen Vornamen in das frankophone Stéphane. Ihr Ehemann kam später als Partisan um.. In: Die französischen Auslandskorrespondenten in Bonn und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1949-1963. Inaugural-Dissertation, Philosophische Fakultät der Rheinischen Friedrich Wilhelms-Universität Bonn, 2009. S. 62–64. Auf: deutsche-digitale-bibliothek.de, abgerufen am 25. März 2017 (PDF-Datei; 2,6 MB)https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/bitstream/handle/20.500.11811/3972/1810.pdf?sequence=1&isAllowed=y

Ausbildung Stefanie besuchte in Frankreich die Schule, später studierte sie in Wien und Paris und erwarb die Berechtigung, die französische Sprache zu unterrichten. Nach ihrem Studium arbeitete sie aufgrund der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zunächst unterhalb ihrer Qualifikation. Für ihren Berufseinstieg war ihre Zweisprachigkeit entscheidend. Zunächst war sie in der damals größten Berliner Künstleragentur beschäftigt, wo sie die Grundlagen ihrer späteren Arbeit erlernte, indem sie als Dolmetscherin der internationalen Klientel fungierte. Als ihre besten Lehrer dieser Phase bezeichnete sie Akrobaten, die ihr verdeutlicht hätten, wie entscheidend Durchhaltevermögen sei. Auch solle man sich die Schwierigkeit der Bewältigung mancher Herausforderungen nie anmerken lassen.

Berufliche Laufbahn Ab 1930 arbeitete sie dann als Sekretärin für die angesehene französische Tageszeitung Le Matin in deren Berliner Büro. Das zu dieser Zeit moderat-republikanische Blatt war eine von vier großen Tageszeitungen Frankreichs. Durch eine schwere Erkrankung des Berliner Korrespondenten übernahm sie für ihn die Berichterstattung nach Paris und wurde so, obwohl noch immer Sekretärin, de facto erste Auslandskorrespondentin Frankreichs, zunächst inoffiziell. Nachdem die Redaktion in Paris davon erfahren hatte, übertrug man ihr die kommissarische Leitung des Berliner Korrespondentenbüros. Außerdem wurden die Artikel nun unter ihrem Namen Stefanie Landeis veröffentlicht. Kurzzeitig wurde Philippe Barrès, der Sohn von Maurice Barrès, des 1923 verstorbenen Chefredakteurs von Le Matin und Paris-Soir, zum Leiter des Berliner Korrespondentenbüros ernannt. Von 1934 bis zur Schließung des Büros 1938 wurde sie ganz offiziell dessen Leiterin, für eine Frau damals eine ganz außergewöhnliche Position. Es sei die interessanteste Position bei dieser Zeitung gewesen, die man habe übernehmen können. Auf diese Weise begann sie ungeplant eine journalistische Karriere und war zwischen 1930 und 1938 eine von insgesamt nur vier Journalistinnen in der Reichshauptstadt. Als Frau wurde sie von Männern häufig intellektuell unterschätzt und erfuhr daher oft weit mehr von ihnen, weil diese meinten, ausführlicher erläutern zu müssen.Nina Grunenberg: Fünf Blatt aus Berlin – Eine französische Journalistin, die zur Anwältin der Deutschen wurde. In: Die Zeit, 22. August 1986. Auf: zeit.de, abgerufen am 25. März 2017

Nach eigener Aussage fühlte sich Landeis in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre sehr schnell heimisch.Peter Hartl und Klaus-Peter Wolf: Das Komplott, 1. Folge der dreiteiligen ZDF History-Reihe Die Machtergreifung, Erstsendung am 10. März 2009, 43:49 Min. Auf: youtube.com, abgerufen am 25. März 2017 Äußerst feinfühlig nahm sie die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich, die Stimmungen in der Bevölkerung sowie die Entwicklungen und Tendenzen in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sowie die systemischen Schwächen der Weimarer Republik wahr.Jörg R. Mettke: Die Gnade des Führers. In: Der Spiegel, Geschichte 5, 25. September 2012. S. 87. Auf: spiegel.de, abgerufen am 25. März 2017 (PDF-Datei; 712 KB) Die journalistische Tätigkeit und der damit verbundene sensible Umgang mit dem Wort lagen ihr sehr. Sie engagierte sich für ihren Beruf und die Sprache mit großer Leidenschaft. Sie betrachtete ihre Aufgabe als die einer dokumentierenden Zeitzeugin, deren persönliche Betroffenheit zurückzustellen sei, bis die Leser informiert worden waren.Die eigene Betroffenheit kann warten. In: Wortwechsel, mit Christa Schulze-Rohr, Südwestfunk, 24. Oktober 1986 Gleichzeitig entwickelte sie rasch eine hohe Affinität zu ihrem Gastland Deutschland und pflegte viele Freundschaften mit Deutschen.Gestorben: Stéphane Roussel. In: Der Spiegel, 18, 3. Mai 1999. Auf: spiegel.de, abgerufen am 25. März 2017

Die junge französische Auslandskorrespondentin wurde in den 1930er Jahren zur Beobachterin der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, der brutalen Auseinandersetzungen zwischen der politischen Linken und Rechten, des Aufstiegs der Nationalsozialisten und der durch Franz von Papen und Alfred Hugenberg initiierten Machtübergabe an Adolf Hitler am 30. Januar 1933.Florian Huber: Kind, versprich mir, dass du dich erschießt – Der Untergang der kleinen Leute 1945. Berlin-Verlag 2015, ISBN 978-3-8270-1247-0

In der ZDF-Fernsehdokumentation Das Komplott von Peter Hartl und Klaus-Peter Wolf aus dem Jahr 2009 über die letzten Wochen vor der Machtübernahme durch Hitler werden die Ereignisse aus der reflektierten Sicht Landeis' erzählt und teils nachgespielt, die sie in ihren Aufzeichnungen und in Interviews festgehalten hat. Aus dem Off spricht Senta Berger Landeis' Alter Ego.Die Machtergreifung (1/3): Das Komplott. Auf: phoenix.de, abgerufen am 25. März 2017. Unterrichtsmaterial zur dreiteiligen ZDF-Doku-Reihe. Zweites Deutsches Fernsehen. Auf zdf.de (PDF-Datei; 4,2 MB)

Das Berlin der 1930er Jahre galt internationalen Korrespondenten als einer der weltweit begehrtesten Standorte. Zwischen 1933 und 1940 sollen allerdings mehr als einhundert ausländische Journalisten seitens des NS-Regimes des Landes verwiesen worden sein. Dabei spielten Walther Funk und nach ihm Otto Dietrich, Staatssekretäre im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP), eine Schlüsselrolle. Beide agierten in einem konfliktreichen Konkurrenzverhältnis zum Auswärtigen Amt (AA), das für die Weitergabe offizieller Regierungsverlautbarungen an die internationale Presse zuständig war, während das RMVP für die aktive Propaganda im Ausland verantwortlich zeichnete.Stefan Krings: Hitlers Pressechef Otto Dietrich (1897–1952) – Eine Biografie. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0633-2. Kap. 7.4 Zuckerbrot und Peitsche – Streit um die Kontrolle der Auslandspresse

Viele ausländische Journalisten, Diplomaten und Künstler der Reichshauptstadt trafen sich allabendlich in dem von Maria und Willy Lehmann geführten und stets bestens frequentierten italienischen Restaurant Die Taverne im Berliner Bezirk W 62 (Tiergarten), in der Kurfürstenstraße 124, Ecke Courbièrestraße.Andrew Nagorski: Hitlerland. American Eyewitnesses to the Nazi Rise to Power. Simon & Schuster, New York City 2012. ISBN 978-1-4391-9100-2, S. 132 Lehmann war zur Stummfilmzeit Produzent gewesen, z. B. bei Filmen mit Pola Negri, Lya de Putti und Fritz Rasp (Komödianten, 1925).Robert K. Baker: Rezident: The Espionage Odyssey of Soviet General Vasily Zarubin, iUniverse 2015, ISBN 978-1-4917-4242-6 Dadurch kannten ihn sehr viele Filmschaffende. Bei den Gästen des Restaurants war allerdings Mehrheitsmeinung, dass das mit vielen zeitgenössischen Gemälden dekorierte Lokal Victor de Kowa und Luise Ullrich gehöre.Walther Kiaulehn: Berlin: Schicksal einer Weltstadt. C. H. Beck 1958/unveränd. Nachdruck 1997. ISBN 978-3-406-41634-7. S. 228 Dort gingen Schauspielerinnen wie Olga Tschechowa, Korrespondenten wie Pierre J. Huss (International News Service), Louis Paul Lochner (Associated Press), William L. Shirer (Universal News Service, später für CBS), Sigrid Schultz (Chicago Tribune) oder deren Freundeskreis wie Martha Dodd, Mildred und Arvid Harnack, aber auch Verleger wie Donald Simon Klopfer (1902–1986), der Mitbegründer des Verlages Random House, ein und aus.Oliver Hilmes: Berlin 1936. Sechzehn Tage im August. Siedler Verlag 2016. ISBN 978-3-641-15686-2Jörg R. Mettke: Die Gnade des Führers. In: Der Spiegel, Geschichte 5, 25. September 2012. Auf: spiegel.de, abgerufen am 25. März 2017 Ab 1935 hörte dann verstärkt die Gestapo mit, aber auch ausländische Geheimdienste. Weitere Treffpunkte internationaler Korrespondenten waren die Alte Feuerwache an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder der Verein der Ausländischen Presse in Deutschland (VAP). Zu ihrer journalistischen Arbeit während der Nazi-Zeit notierte Landeis damals: „Es kommt vor, dass wir uns nach Mitternacht irgendwo im Tiergarten treffen. Der häufigste Treffpunkt ist der Zoologische Garten – »hinter dem Tigerkäfig« oder »vor den Schimpansen«.“Stefan Krings: Hitlers Pressechef Otto Dietrich (1897–1952) – Eine Biografie. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0633-2. Kap. 7.4 Zuckerbrot und Peitsche – Streit um die Kontrolle der Auslandspresse

Nach der erzwungenen Schließung des Berliner Korrespondentenbüros des Le Matin im Jahr 1938 verbrachte Landeis einige Monate in Frankreich, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernte und heiratete. Der Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 überraschte sie jedoch während eines Aufenthalts in England. Roussel blieb daher dort und unterschrieb einen Vertrag für ihr erstes Buch über Deutschland, das sie jedoch nicht vollendete. Später äußerte sie sich froh darüber; eine Vollendung und Veröffentlichung wäre falsch gewesen. Vermutlich wäre es aus ihrer professionellen Sichtweise heraus damals zu emotional und nicht distanziert genug geraten.Kristin Pokorny: Die französischen Auslandskorrespondenten in Bonn und Bundeskanzler Konrad Adenauer 1949-1963