mini|Wassertrommel aus Kalebassen-Halbschalen Eine Wassertrommel (englisch water drum) ist ein Aufschlagidiophon, dessen halbschalenförmiger Resonanzkörper beim einen Typus auf dem Wasser ruht und ähnlich wie eine Trommel geschlagen wird. Die Perkussionsinstrumente kommen in Westafrika und in der Karibik vor. Beim anderen Typus, der auch „Stampftrommel“ genannt wird, aber den Stampfrohren nahesteht und auf ein Gebiet im Norden Neuguineas beschränkt ist, wird ein röhrenförmiger, beidseits offener Resonanzkörper mit den Händen gehalten und auf eine Wasseroberfläche aufgeschlagen. Die Bezeichnung „Trommel“ ist in beiden Fällen irreführend, da im Unterschied zu den Membranophon keine schwingende Membran vorhanden ist.

Bei einem anderen Instrumententyp, der dem Namen „Trommel“ entsprechend tatsächlich zu den Membranophonen gehört, ist die Öffnung eines zur Klangregulierung teilweise mit Wasser gefüllten Korpus mit einer Membran bespannt, die mit Stöcken geschlagen wird. Diese Wassertrommel ist oder war bei manchen Indianern Nordamerikas und indigenen Völkern Südamerikas bekannt.

An der Außenseite angeschlagene Hohlkörper In Westafrika südlich der Sahara bestehen Wassertrommeln aus einer Kalebassen­halbschale, die mit der Wölbung nach oben in einem Gefäß mit Wasser schwimmt. Die Tonhöhe ergibt sich aus der im Innern befindlichen Luftmenge und kann durch Niederdrücken verändert werden. Deshalb werden in manchen Gegenden Wassertrommeln mit einer Hand gehalten und mit einem Stöckchen oder einem Löffel in der anderen geschlagen. Ansonsten werden zwei Schlägel oder die mit Fingerringen ausgestatteten Hände verwendet.

Die assekalabo bei den Tuareg im Norden des Niger wird mit Plastiksandalen in Verbindung mit der Mörsertrommel tendé gespielt. Eine andere Wassertrommel kann mit der einsaitigen Spießgeige goge beim Bori-Besessenheitsritual in Nigeria eingesetzt werden.Roger Blench: The traditional music of the Jos Plateau in Central Nigeria: an overview. Hamburg, März 2004, S. 4 Im Tschad verwendet das Volk der Kotoko die tembol. In Mali spielen junge Frauen der Bambara die dyi dunu bei jahreszeitlichen Festen und bei der Beerdigung einer alten Frau.Peter Cooke: Water-drum. In: Grove Music Online, 2001

Die Fulbe in Gambia nennen ihre Wassertrommel gedundung. Sie wird zusammen mit Spießgeige, Flöte, Rassel und weiteren Trommeln gespielt. Alternativ zur gedundung verwenden die Fulbe die Kalebassentrommel horde mit gut 50 Zentimetern Durchmesser. Hier kann der Klang variiert werden, indem im Stehen die mit beringten Händen geschlagene Halbschale mit der Öffnung gegen den Oberkörper gepresst wird.Jacqueline Cogdell DjeDje: The Fulbe Fiddle in The Gambia: A Symbol of Ethnic Identity. In: Dies. (Hrsg.): Turn up the Volume. A Celebration of African Music. UCLA, Fowler Museum of Cultural History, Los Angeles 1999, S. 108 Die Wodaabe, eine Untergruppe der Fulbe im Niger, verwenden die ansonsten als Begleitung der Binnenspießlaute moolooru (vgl. keleli) ohne Wasser mit den Händen angeschlagene Kalebassenhalbschale (tummude)Veit Erlmann: Notes on Musical Instruments among the Fulani of Diamare (North Cameroon). In: African Music, Band 6, Nr. 3, 1983, S. 16–41, hier S. 28 auch als Wassertrommel. Frauen setzen die tummude bei Initiationsritualen im Busch ein.Mette Bovin: Nomads who Cultivate Beauty. Wodaabe Dances and Visual Arts in Niger. Nordiska Afrikainstitutet, Uppsala 2001, S. 54

Im Norden von Togo werden die Wasserkalebassen (toyn) paarweise als zwei Halbschalen (oka) in nebeneinander stehenden Blech- oder Plastikeimern gespielt. Die mit dem Stock (kpovi) der rechten Hand geschlagene Kalebasse produziert einen tiefen Ton, die linke einen hohen Ton. Beide werden abwechselnd, immer mit rechts beginnend, geschlagen und dienen der Gesangs- und Tanzbegleitung.Gerhard Kubik: Westafrika. Band 1: Musikethnologie / Lieferung 11. Reihe: Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1989, S. 140

In Benin spielen Männer bei Beerdigungen Wassertrommeln. Bei den Mahi-Sprechern im Süden des Landes wurde ein Ensemble mit zwei Wassertrommeln (tohoun, tohun), einem großen Schlagtopf (go) aus Ton (mit dem nigerianischen udu und dem südindischen ghatam verwandt), der Doppelhandglocke ganvikpan (entspricht der gankogui in Ghana), der Einfachglocke ganssu und zwei Korbrasseln assanyan aufgezeichnet.Bénin. Mahi. Feldaufnahmen von Charles Duvelle 1963. CD: Prophet 13, 2000, Titel 1 und 2

In Guinea-Bissau wird die Wassertrommel tina mit beiden Fäusten in einem Rhythmus geschlagen, der von der quadratischen Rahmentrommel gumbe stammt. Die gumbe gehört zur Kulturtradition der im 19. Jahrhundert aus der Karibik nach Afrika zurückgebrachten Sklaven, die auf Guinea-Bissau einen starken Einfluss ausübte.Rachel Jackson: The Trans-Atlantic Journey of Gumbé: Where and why has it Survived? In: Journal of International Library of African Music, Band 9, Nr. 2, November 2012, S. 128–153, hier S. 136f

In Haiti und Kuba heißt die Kalebassen-Wassertrommel jícara de jobá oder güiro de joba. Sie wird rituell bei Begräbnissen verwendet.

Auf der Wasseroberfläche aufgeschlagene Röhren Gänzlich anders funktionieren die Wassertrommeln oder Stampftrommeln, die in der Musik Neuguineas vorkommen. Bei den Iatmul am mittleren Sepik, einer Kulturregion im Norden Papua-Neuguineas, werden hölzerne sanduhrförmige Röhren (abuk waak)Jürg Wassmann: Der Gesang an den Fliegenden Hund. Untersuchungen zu den totemistischen Gesangen und geheimen Namen des Dorfes Kandingei am Mittelsepik (Papua New Guinea) anhand der kirugu-Knotenschnüre. (Basler Beiträge zur Ethnologie, Band 22) Ethnologisches Seminar der Universität und Museum für Völkerkunde Basel 1982, S. 23 paarweise am Flussufer auf die Wasseroberfläche gestampft. Der Bewegungsablauf ist wie bei den senkrecht auf den Erdboden gestoßenen Stampfrohren. Die Röhren sind beidseitig offen und ähneln den einfelligen sanduhrförmigen Trommeln kundu. Ein seitlicher Henkel in Form eines Krokodils, dessen Schwanz über den Korpus hinausragt, dient zum Festhalten. Früher waren es heilige Instrumente, die von Frauen und Kindern nicht gesehen werden durften. Sie wurden im Männerhaus aufbewahrt. Die bei Initiationen verwendeten Stampftrommeln wurden als Geisterstimmen oder als Stimme des Schöpfer-Krokodils aufgefasst und entsprachen in ihrer kultischen Bedeutung den in Melanesien verbreiteten heiligen Flöten, Schwirrhölzern und dem Reibholz lounuat von Neuirland.Hans Fischer: Schallgeräte in Ozeanien. Bau und Spieltechnik – Verbreitung und Funktion. (Sammlung musikwissenschaftlicher Abhandlungen, Band 36) Verlag Heitz, Baden-Baden 1958; S. 8f Heute werden sie Touristen vorgeführt und stellen als Souvenirs eine wesentliche Einnahmequelle dar. Beim Eintauchen und Herausziehen aus dem Wasser entstehen zwei unterschiedliche Töne. Wasser steht für das Prinzip Fruchtbarkeit. Die Sanduhrform verkörpert die Verbindung von Himmel und Erde, zwei sich entsprechenden Welten, die sich in der schlanken Mitte zusammenfinden und ineinander umkehren. Das Menschen verschlingende Krokodil ist ein mythisches Tier, das bei den Iatmul auch sonst im Zusammenhang mit Übergangsriten auftaucht.Water Drum, 19th–early 20th century. Papua New Guinea, Middle Sepik region, Mindimbit village, Iatmul people. Wood, fiber. Metropolitan MuseumPaul Collaer: Ozeanien. Band 1: Musikethnologie. Lieferung 1. Reihe: Heinrich Besseler, Max Schneider (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. VEB Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1965, S. 136–138 Außer mit Krokodilen können Stampftrommeln mit Vögeln und anderen Tierfiguren oder menschlichen Figuren gestaltet sein.Silke Olig: Zeichen am Sepik. Die Neuguinea-Sammlung des Seeoffiziers Joseph Hartl von 1912 und 1913 im Staatlichen Museum für Völkerkunde München als semiotischer Untersuchungsgegenstand. Ludwig-Maximilians-Universität München, 2006, S. 217 Der Name abuk waak bezeichnet auch eine Altersklasse der erwachsenen Iatmul-Männer und die der Initiationszeremonie vorausgehende Krokodilprozession.Gordon D. Spearritt: Abuk waak. In: Grove Music Online, 1. Juli 2014

Ein anderer Typ von Wassertrommeln der Iatmul, genannt kamikaula, besteht aus einer flachen Holzschale mit vier Henkeln auf der gewölbten Seite. Bei einer Initiationszeremonie hält ein Mann einen langen Stock senkrecht in eine Erdgrube, die am Boden mit Wasser gefüllt ist. Durch ein Loch in ihrer Mitte wird die kamikaula auf den Stock gesetzt, der als Führung dient, wenn sie an durch die Henkel geschlauften Seilen in die Grube fallengelassen und wieder hochgezogen wird. Der durch die Grube verstärkten lauten Schläge werden als Stimme des Krokodils aufgefasst. Dieser Wassertrommeltyp ist nur vom mittleren Sepik bekannt.Kamikaula. Música Para Ver

Ohne Trommeln, dafür mit bloßen Händen erzeugen im Wasser stehende Frauen auf einigen Südseeinseln (Vanuatu, Salomonen) ähnliche rhythmische Töne.Kiro Water Drumming Solomon. Youtube-Video In manchen Fällen antworten am Ufer stehende Männer den Frauen mit eigenen Liedern, die sie mit Schlitztrommeln, Stampstöcken oder Gefäßrasseln rhythmisieren.Randy Raine-Reusch: Water Women of Vanuatu.

Auf dem Danau Poso, einem großen See in Zentralsulawesi trieben Anfang des 20. Jahrhunderts Fischer nachts Kletterfische (Anabas testudineus, indonesisch kosa) mit den Schlägen von Wassertrommeln in Richtung der Netze. Das untere Ende der Geräuschinstrumente bestand aus einem 20 Zentimeter langen Bambusrohr von 5–7 Zentimetern Durchmesser, an welches eine etwa 3 Meter lange dünne Bambusstange gebunden war.Walter Kaudern: Ethnographical studies in Celebes: Results of the author’s expedition to Celebes 1917–1920. Band 3: Musical Instruments in Celebes. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1927, S. 202

Mit Wasser gefüllte Membranophone mini|Peyote drum, die in der Native American Church verwendet wird Die mit einer Membran bespannten Wassertrommeln in Nord- und Südamerika bestehen aus einem rundbauchigen Tontopf oder einem hölzernen Behälter. Mit ihrem geschlossenen Boden gehören sie nach der Form zu den Kesseltrommeln. Verwendbar ist auch ein Eisentopf. Hölzerne Trommeln besitzen mitunter ein Loch in der Seite, durch das zum Stimmen Wasser nachgefüllt werden kann, ohne die Membran abnehmen zu müssen. Manche Indianervölker Nordamerikas befeuchten die Membran vor dem Spiel, indem sie den Korpus kurz umdrehen. Üblicherweise werden Schlägel mit einem weichen Kopf verwendet, nur die Irokesen schlagen die Membran ihrer kleinen Kesseltrommel ka’nohko’wah mit einem festen Stock, während die Navajo einen elastischen Zweig benutzen.

Derartige Wassertrommeln werden oder wurden bei Ritualen eingesetzt; das eingefüllte Wasser soll eine lebensspendende oder Totengeister abwehrende Symbolik haben. Bei den nordamerikanischen Mandan-Indianern war bei Ritualtänzen wegen der heiligen Zahl Vier die Festlegung der vier Kardinalpunkte von wesentlicher Bedeutung. Bei der Zubereitung von Medizin für ihre Sonnentänze stellten sie an allen vier Himmelsrichtungen eine schalenförmige Wassertrommel auf.Frederick Starr: American Indians. D. C. Heath & Co., Bosten/New York/Chicago 1899, S. 90 Heute begleiten Wassertrommeln (peyote water drums) auch Zeremonien der Native American Church.Mary Riemer-Weller, 2011

Die Yuchi (im Bundesstaat Tennessee) verwendeten nach einem Bericht von 1909 bei Zeremonien einen fassförmigen, knapp 50 Zentimeter hohen, mit Wasser gefüllten Tontopf (didané), dessen mit einer Schnur am oberen Rand festgebundene Membran sie mit einem einzelnen Stock schlugen. Die Membran war im Muster von Tortendiagrammen farbig bemalt, sie war vor dem Wohnsitz des Chiefs aufgestellt und durfte nur von ausgewählten Personen geschlagen werden.Frank G. Speck: Ethnology Of The Yuchi Indians. The University Museum, Philadelphia 1909, S. 61