mini|Ausschnitt aus den Totentanzdarstellungen in der Friedhofskapelle von Wondreb (Oberpfalz)
Der Totentanz oder Makabertanz () ist die im 14. Jahrhundert aufgekommene Darstellung des Einflusses und der Macht des Todes auf beziehungsweise über das Leben der Menschen. Dies erfolgt oft in allegorischen Gruppen, in denen die bildliche Darstellung von Tanz und Tod meist gleichzeitig zu finden sind.
14. und 15. Jahrhundert Zwischen 1410 und 1425 entstand in der Abtei La Chaise-Dieu ein Wandgemälde mit ursprünglich 30 und heute noch 24 Tanzpaaren. Bereits 1424 wurde der Totentanz an der Mauer eines Pariser Friedhofs, des Cimetière des Innocents, vollendet, der nach dem Bilderbogen-Totentanz von Johan Le Fèvre, der 1374 am Schwarzen Tod erkrankt gewesen war, entstanden istFriedrich von Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Ernst Giebeler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, S. 90. und heute vor allem durch die HolzschnittfolgeV. Dufour: Faksimile-Ausgabe des Holzschnitt-Werkes von Guyot Marchant über den ‘Danse macabré’. Paris 1485. Paris 1875; Neuausgabe ebenda 1925. des Pariser Druckers Guyot Marchant von 1485Friedrich von Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Ernst Giebeler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, S. 90 f. bekannt ist. In Basel entstanden 1439/40 der Basler Totentanz, auch Predigertotentanz genannt, an der Friedhofsmauer des dortigen Dominikanerklosters und 1460 der Kleinbasler Totentanz in Basel-Klingental (Museum Kleines Klingental). Es folgte u. a. um 1460 der Lübecker Totentanz in der Marienkirche von Lübeck und des 1489 in Lübeck in Mittelniederdeutscher Sprache gedruckten Buches Des Dodes Dantz.
Dieses teilweise Bernt Notke zugeschriebene Wandgemälde in der so genannten Totentanzkapelle wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört; zwei von Alfred Mahlau 1955/56 gestaltete Fenster in der Kapelle erinnern heute an dieses untergegangene Kunstwerk. Fragmente von Notkes weiterem Totentanz für Reval (Tallinn) befinden sich noch heute in der dortigen Nikolaikirche.
Ursprünglich bildete der Totentanz den Stoff zu dramatischer Dichtung und szenischer Aufführung und wurde in kurzen, meist vierzeiligen Wechselreden zwischen dem Tod und anfangs 24 nach absteigender Rangfolge geordneten Personen verarbeitet. Wahrscheinlich war darin den sieben makkabäischen Brüdern mit ihrer Mutter und Eleasar () eine hervorragende Rolle zugeteilt, und die Aufführung fand an deren Gedächtnisfest zu Paris im „Kloster der unschuldigen Kindlein“ () statt; daher der in Frankreich von alters her übliche lateinische Name Chorea Machabaeorum (). Andere Theorien gehen davon aus, das Wort ‚makaber‘ komme von , von , oder einfach von einem Künstler namens Macabré.Im Respit de la mort des Jean le Fèvre (Johan Le Fèvre) von 1376 erscheint der Satz: „Je fis de Macabré la danse“ (Ich schrieb den Tanz des Macabré). Demzufolge wäre Macabré der Name eines Malers. Siehe auch: Johan Huizinga: Herbst des Mittelalters. Kröner, Stuttgart 1987, S. 165 f.
In Paris war bereits 1424 die ganze Reihe jener dramatischen Situationen nebst den dazugehörigen Versen an die Kirchhofsmauer des genannten Klosters gemalt, und hieran schlossen sich bald weitere Malereien, Teppich- und Steinbilder in den Kirchen zu Amiens, Angers, Dijon, Rouen usw. sowie seit 1485 auch Holzschnitt- und Druckwerke, welche die Bilder und Inschriften wiedergaben.
mini|Tanz der Gerippe, Holzschnitt von Michael Wolgemut in Hartmann Schedels Weltchronik von 1493
Noch erhalten ist der textlose, aber die Dichtung illustrierende Totentanz in der Abteikirche von La Chaise-Dieu in der Auvergne, der nach neueren ikonographischen Forschungen insbesondere zur Kleidung erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts entstand.
Reime und Bilder des Totentanzes wurden durch den englischen Mönch John Lydgate kreativ kopiert und gelangten so von Frankreich aus auch nach England. Eine besondere Beschäftigung mit der Thematik fand in Deutschland statt, wo der Totentanz mit wechselnden Bildern und Versen in die Wand- und Buchmalerei überging. Eine Darstellung in einer Kapelle der Lübecker Marienkirche von Bernt Notke, deren niederdeutsche Reime teilweise erhalten sind, zeigte den Totentanz noch in seiner einfachsten Form: 24 Personen, Geistliche und Laien in absteigender Rangordnung, von Papst, Kaiser, Kaiserin, Kardinal und König bis hinab zu Klausner, Bauer, Jüngling, Jungfrau, Kind, und zwischen je zwei Personen eine tanzende Todesgestalt als verschrumpfte Leiche mit umhüllendem Grabtuch; dabei halten die Tänzer einander die Hände und bilden eine Art Reigen; eine einzelne Todesgestalt springt pfeifend voran (vgl. Ausführliche Beschreibung und Abbildung des Totentanzes in der Marienkirche zu Lübeck. Lübeck 1831).
Beschreibung bei Hans Christian Andersen
Das älteste Zeugnis eines Totentanzes in Deutschland ist die Handschrift Cpg 314 in der Universitätsbibliothek Heidelberg. Hier wurden den lateinischen Versen, die wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert stammen, deutsche Übersetzungen hinzugefügt. In ihrer monumentalen Form waren die an Klostermauern gemalten Totentänze des Wengenklosters in Ulm (um 1440) und in den beiden Dominikanerkonventen in Basel die Vorreiter. Einer der größten bekannten Totentänze entstand zur Zeit der Berliner Pestepidemie von 1484 in der Marienkirche (Berlin-Mitte).Wilhelm Lübke: Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin. Riegel, Berlin 1861 ().Theodor Prüfer: Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin und Geschichte und Idee der Todtentanzbilder überhaupt. Ein Beitrag zur Archäologie und Kulturgeschichte. Berlin 1876 ().Willy Krogmann (Hrsg.): Der Todtentanz in der Marienkirche zu Berlin. Berlin 1937. Es handelt sich darüber hinaus um das älteste überlieferte literarische Werk aus Berlin.
Weitere Wandgemälde mit Totentanz-Motiven aus dieser Epoche befinden sich in Metnitz (Österreich), Hrastovlje (Slowenien) mit von Johannes de Castua gemalten Totentanzfresken von über sechs Metern Länge, die von Marijan ZadnikarHrastovlje romanska arhitektura in gotske freske. Tiskarna Ljudska Pravica, Ljubljana 1961, . entdeckt wurden,Friedrich von Zglinicki: Die Uroskopie in der bildenden Kunst. Eine kunst- und medizinhistorische Untersuchung über die Harnschau. Ernst Giebeler, Darmstadt 1982, ISBN 3-921956-24-2, S. 91 f.Werner Block: Der Arzt und der Tod in Bildern aus sechs Jahrhunderten. Enke, Stuttgart 1966, S. 45. und Beram (Kroatien). Auch in der Lombardei ist eine Reihe von Totentänzen erhalten, z. B. in ClusoneMauro Zanchi: Theatrum mortis nel nome della vita eterna: l’Oratorio dei Disciplini a Clusone. Ferrari Editrice, Clusone 2005. und Bienno. Der typische Bildaufbau weicht jedoch von den in Deutschland und Frankreich üblichen Bildern ab, denn das Geschehen wird in zweigeteilten Großfresken dargestellt: im oberen Teil findet sich jeweils der Triumph des Todes, im unteren eine Tanzszene, ähnlich wie in La Chaise-Dieu.
16. Jahrhundert
Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Bilder des Totentanzes immer mehr vervielfältigt, während die Verse wechselten oder ganz weggelassen wurden, und zuletzt gestalteten sich beide, Bilder und Verse, völlig neu. Zunächst wurde der Totentanz von Grossbasel auch in Kleinbasel nachgeahmt (nicht vor der Mitte des 15. Jahrhunderts übertragen), wobei Zahl und Anordnung der tanzenden Paare dieselbe blieben.
Am Anfang wurden ein Pfarrer und ein Beinhaus und am Ende der Sündenfall hinzugefügt, während die das Ganze beschließende Person des Malers vielleicht erst Hans Hug Kluber anhängte, der 1568 das Bild restaurierte. Dieses Motiv übernahm er von Niklaus Manuels Berner Totentanz, der zwischen 1516 und 1520 entstand.Paul Zinsli: Der Berner Totentanz des Niklaus Manuel (1484–1530) (= Berner Heimatbücher. Band 54/55). Bern 1953. Bei dem Abbruch der Kirchhofsmauer 1805 ist das Original bis auf geringe Fragmente zugrunde gegangen; doch haben sich Nachbildungen nebst den Reimen erhalten, namentlich in den Handzeichnungen Emanuel Büchels (bei Hans Ferdinand Maßmann: Literatur der Todtentänze. Leipzig 1841 (Nachdruck: Olms, Hildesheim 1963)). Der zum Volkssprichwort gewordene „Tod von Basel“ gab neuen Anstoß zu ähnlichen Darstellungen, obschon die Dichtkunst den Stoff ganz fallen ließ. So ließ Herzog Georg von Sachsen noch 1534 längs der Mauer des dritten Stockwerks des nach ihm benannten Georgentores ein steinernes Relief von 24 lebensgroßen Menschen- und drei Todesgestalten ausführen, ohne Reigen oder tanzende Paare und nach Auffassung wie nach Anordnung durchaus neu und eigentümlich. Dieses Bildwerk wurde bei dem großen Schlossbrand von 1701 stark beschädigt, aber wiederhergestellt und auf den Kirchhof von Dresden-Neustadt übertragen. Jetzt befindet es sich in der Dresdner Dreikönigskirche (abgebildet bei Nanmann (richtig: Naumann): „Der Tod in allen seinen Beziehungen“, Dresden 1844).
mini|Ausschnitt aus dem Holzstich „Totentanz“; König (Hans Holbein der Jüngere 1538). Holbein verdeutlichte, dass die Pest weder Stand noch Klasse kannte.
Von der Basler Darstellung abhängig ist das im 15. Jahrhundert entstandene Gemälde mit dem Totentanz in der Straßburger Predigerkirche, das verschiedene Gruppen zeigt, aus deren jeder der Tod seine Opfer zum Tanz holt; abgebildet bei Edel: „Die Neue Kirche in Straßburg“, Straßburg 1825. Aus den Jahren 1470 bis 1490 stammt der Totentanz in der Turmhalle der Marienkirche zu Berlin (herausgegeben von W. Lübke, Berlin 1861, und von Th. Prüfer, daselbst 1876). Einen wirklichen Totentanz malte von 1514 bis 1522 Niklaus Manuel an die Kirchhofsmauer des Predigerklosters zu Bern, dessen 46 Bilder, die jetzt nur noch in Nachbildungen vorhanden sind, bei aller Selbständigkeit ebensowohl an den Basler Totentanz wie an den erwähnten „doten dantz mit figuren“ erinnern.
Eine neue und künstlerische Gestalt erhielt der Totentanz dann durch Hans Holbein den Jüngeren.Alexander Goette: Holbeins Totentanz und seine Vorbilder. Karl J. Trübnr, Straßburg 1897 (). Indem dieser nicht nur veranschaulichen wollte, wie der Tod kein Alter und keinen Stand verschont, sondern auch vielmehr, wie er mitten hereintritt in den Beruf und die Lust des Erdenlebens, musste er von Reigen und tanzenden Paaren absehen und dafür in sich abgeschlossene Bilder mit dem nötigen Beiwerk liefern, wahre „Imagines mortis“ (Bilder des Todes), wie seine für den Holzschnitt (durch den Formschneider Hans Lützelburger) bestimmten Zeichnungen genannt wurden. Diese erschienen seit 1530 und als Buch seit 1538 in großer Menge und unter verschiedenen Titeln und Kopien unter anderem bearbeitet von Wenzel Hollar (Kurzfassung mit 30 Kupferstichen) bis (neue Ausgabe von F. Lippmann, Berlin 1879). Holbeins „Initialbuchstaben mit dem Totentanz“ und ein „Totentanz-Alphabet“Hellmut Rosenfeld: Der mittelalterliche Totentanz. 3. Auflage. Köln 1974, S. 360 f. von 1525 wurden in Nachschnitten von Lödel neu herausgegeben von Adolf Ellissen (1849).H[einrich] Loedel, A[dolf] Ellissen (Hrsg.): Des Malers Hans Holbein Todtentanz-Alphabet. J. M. Heberle, Köln / Bonn / Brüssel 1849 ().Heinrich Loedel, Adolf Ellissen (Hrsg.): Hans Holbeins Initial-Buchstaben mit dem Todtentanz. Verlag der Dieterichschen Verlagsbuchhandlung, Göttingen 1849 (). Daraus, dass Hulderich Frölich in seinem 1588 erschienenen Buch „Zween Todtentäntz, deren der eine zu Bern, der andre zu Basel etc.“ dem Totentanz am Predigerkirchhof größtenteils Bilder aus Holbeins Holzschnitten unterschob und Christian von Mechel sie als ersten Band seiner 1780 erschienenen Reproduktionen der Werke Holbeins als „Le Triomphe de la mort“ (47 Radierungen nach den Holzschnitten Holbeins) aufnahm, entstand der doppelte Irrtum, dass man auch den älteren wirklichen Totentanz im Predigerkloster für ein Werk Holbeins hielt und des letzteren „Imagines“ ebenfalls Totentanz benannte.
Spätere Jahrhunderte