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Die Musen (, Einzahl ) sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Die Überlieferung der uns heute bekannten neun Musen stammt von Hesiod.
Die Musen Noch in der homerischen Odyssee wird die Muse im einsetzenden Vorgesang, dem Proömium, als Namenlose im Singular angerufen: „Nenne mir, Muse…“Vgl. die unterschiedlichen Übersetzungen. https://www.klassikerforum.de/index.php?topic=2681.40;wap2
Die olympischen Musen mini|hochkant=1.2|Fresko Parnass (um 1510) aus den Stanzen des Raffael, Apostolischer Palast, Rom: Zu beiden Seiten Apollons sind die neun klassischen Musen unter Vorsitz der Kalliope (links) und Erato (rechts) dargestellt. Den äußeren Kreis der Dargestellten bilden Lyriker, Epiker und Prosaschriftsteller.
Hesiod (siebtes Jahrhundert v. Chr.) hat die Zahl der Musen in seiner TheogonieHesiod, Theogonie 76–80; 917 auf neun festgelegt: Nach ihm sind sie die Töchter der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung, und des Zeus, und auch die von ihm genannten Namen sind kanonisch. Sie werden Mnemoniden oder olympische Musen genannt.Mousai Apollonides, theoi.com Allerdings wies Hesiod ihnen noch keine speziellen Zuständigkeitsbereiche und Attribute zu. Diese werden erst später unterschieden; doch auch dann wechselten die Zuschreibungen von Funktionen und Attributen noch einigermaßen willkürlich. Erst nach und nach gab es eine sich festigende Zuordnung von Name, Funktion und Attribut:Oskar Bie: Musen. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 2,2, Leipzig 1897, Sp. 3238–3295. – Wer sich die Namen merken will, nutze folgende Eselsbrücke (in welcher allerdings nur der Name der Muse Klio vollständig erscheint): Klio, Me, Ter, Thal, Eu, Er, Ur, Po, Kal (Kliometerthal, euer Urpokal!). Klio (), die Rühmende, ist die Muse der Geschichtsschreibung (Attribute: Papierrolle und Schreibgriffel); Euterpe (), die Erfreuende, ist die Muse der Lyrik und des Flötenspiels (Attribut: Aulos, die Doppelflöte); Melpomene (), die Singende, ist die Muse der Tragödie (Attribut: ernste Theatermaske, Weinlaubkranz, wahrscheinlich auch ein Schwert oder eine Keule); Erato (), die Liebevolle, Sehnsucht Weckende, ist die Muse der Liebesdichtung (Attribut: Saiteninstrument, Leier); Terpsichore (), die fröhlich im Reigen Tanzende, ist die Muse für Chorlyrik und Tanz (Attribut: Leier); Urania (), die Himmlische, ist die Muse der Astronomie (Attribut: Himmelskugel und Zeigestab); Thalia (, altgriechisch ), die Festliche, die Blühende, ist die Muse der Komödie (Attribut: lachende Theatermaske, Efeukranz und Krummstab, denn auch die heitere bukolische Poesie gehört zu ihr); Polyhymnia (, eigentlich ), die Hymnenreiche. Sie ist die Muse des Gesangs (kein spezifisches Attribut, manchmal die Leier); Kalliope (), die mit der schönen Stimme, ist die Muse der epischen Dichtung, der Rhetorik, der Philosophie und der Wissenschaft (Attribut: Schreibtafel und Schreibgriffel).
Die drei oder vier titanischen Musen Eine vermutlich ältere Musentrias überlieferte der Reiseschriftsteller Pausanias (um 115–180 n. Chr.) unter den folgenden Namen und Zuständigkeitsbereichen: Melete (, „Übung, Fertigkeit“), Mneme (, „Gedächtnis“), Aoide (, „Gesang, Musik“).Pausanias 9,29,2
Als Musen wurden auch die titanischen Musen ()Mousai Titanides, theoi.com genannt. Cicero unterschied deren vier: Thelxinoe (, „die Herzerfreuende“), Aoide (, „Gesang“), Arche (, „Beginn“), Melete (, „Übung, Fertigkeit“).Cicero, De natura deorum 3,21,54. Sie sollen nach Cicero die ältesten Musen und Töchter des Zeus als Sohn des Uranos – Cicero unterscheidet hier zwischen drei verschiedenen Ausprägungen des Zeus, die alle unterschiedliche Väter haben – und der Plusia gewesen sein, daher ihr Name. Die gleiche Zusammenstellung kannte bereits Aratos von Soloi, wie Johannes Tzetzes in den Scholien zu den Werken und Tagen Hesiods überliefert; bei Aratos sind sie jedoch die Töchter des olympischen Zeus und der Plusia.Tzetzes, Scholia in Hesiodum, Opera et dies 1 (= Thomas Gaisford: Poëtae Graeci minores. Kühn, Leipzig 1823, S. 25,16–18; Digitalisat); zur Stelle siehe Marta Cardin, Olga Tribulato: Enumerating the Muses: Tzetzes in Hes. Op. 1 and the Parody of Catalogic Poetry in Epicharmus. In: Marco Ercoles, Lara Pagani, Filippomaria Pontani, Giuseppe Ucciardello (Hrsg.): Approaches to Greek Poetry: Homer, Hesiod, Pindar, and Aeschylus in Ancient Exegesis (= Trends in Classics. Supplementary Volumes 73). De Gruyter, Berlin/Boston 2019, S. 161–192, hier S. 169–170. Platon gruppiert hingegen Hesiods Terpsichore, Erato, Kalliope und Urania zur Vierzahl.Plato, Phaedrus 259
mini|hochkant=1|Apollon als Anführer der neun Musen und ein dionysischer Thiasos, alexandrinischer Bucheinband, sechstes Jahrhundert
Die drei oder vier apollonischen Musen Als drei apollonische Musen () oder auch delphische Musen wurden drei Töchter des Apollon bezeichnet: Kephiso () oder Nete (), Apollonis () oder Mese (), Borysthenis () oder Hypate (). Sie stellen die drei Saiten der Lyra des Apollo dar und sollen auf dem Helikon gewohnt haben. Der erste Namenssatz geht auf Eumelos von Korinth (siebtes Jahrhundert v. Chr.) zurück,Eumelos Frag. 35 West = Tzetzes, Scholia in Hesiodum, Opera et dies 1 (= Thomas Gaisford: Poëtae Graeci minores. Kühn, Leipzig 1823, S. 25,13–15); siehe auch Marta Cardin, Olga Tribulato: Enumerating the Muses: Tzetzes in Hes. Op. 1 and the Parody of Catalogic Poetry in Epicharmus. In: Marco Ercoles, Lara Pagani, Filippomaria Pontani, Giuseppe Ucciardello (Hrsg.): Approaches to Greek Poetry: Homer, Hesiod, Pindar, and Aeschylus in Ancient Exegesis (= Trends in Classics. Supplementary Volumes 73). De Gruyter, Berlin/Boston 2019, S. 161–192, hier S. 169–170 mit Anm. 19. der zweite auf Plutarch,Plutarch, Symposium 9,14 er gibt dort darüber hinaus eine vierte Muse an: Polymatheia (, „die Belesenheit, Gelehrsamkeit“). Nete, Mese, Hypate spielen als Elemente der Tetraktys eine bedeutsame Rolle in der antiken Musiktheorie. Als vierte kam gelegentlich die Paramese hinzu, da die Saitenzahl der Lyra und die sich an ihr orientierende Musiktheorie variabel waren.
Die sieben oder neun pierischen Musen In anderer Tradition existierte eine Gruppe von sieben Musen, die nach Johannes Tzetzes von Epicharmos (5. Jahrhundert v. Chr.) erwähnt worden sein sollen, die sogenannten pierischen Musen oder Pieriden mit den folgenden Namen:Tzetzes, Scholia in Hesiodum, Opera et dies 1 (= Thomas Gaisford: Poëtae Graeci minores. Kühn, Leipzig 1823, S. 25,19–22); siehe Marta Cardin, Olga Tribulato: Enumerating the Muses: Tzetzes in Hes. Op. 1 and the Parody of Catalogic Poetry in Epicharmus. In: Marco Ercoles, Lara Pagani, Filippomaria Pontani, Giuseppe Ucciardello (Hrsg.): Approaches to Greek Poetry: Homer, Hesiod, Pindar, and Aeschylus in Ancient Exegesis (= Trends in Classics. Supplementary Volumes 73). De Gruyter, Berlin/Boston 2019, S. 161–192. Neilo (), Tritone (), Asopo (), Heptapora (), Achelois (), Titoplus (?) (; auch Tipoplus), Rhodia ().
Diese sieben sollen die Töchter des Pieros, Stammvaters des thrakischen Volks der Píeres oder Piereíes (), die später von den Makedonen ins nördliche Küstengebiet jenseits des Strymon vertrieben wurden, und einer pimpleischen Nymphe namens Antiope gewesen sein (Cicero, de natura deorum 3,54). Das antike Städtchen Pimpleia wird an der Stelle des heutigen Litochoro vermutet und gab den Musen außerdem den Beinamen der Pimpleiden.Eintrag Pimpleia. In: William Smith: Dictionary of Greek and Roman Geography, illustrated by numerous engravings on wood. Walton and Maberly, London 1854.
Hingegen kennt Ovid neun pierische Musen, deren Mutter Euippe gewesen sein soll; sie stammen aus Ägypten und fordern die „jüngeren“ olympischen Musen heraus (Wettstreit der Mnemoniden und Pieriden). Nach ihrer Niederlage werden sie zur Strafe für ihr anmaßendes Verhalten in Elstern verwandelt.Ovid, Metamorphosen 5,294–678. Diese neun Töchter des Pieros wurden auch Vögeln gleichgesetzt und trugen gelegentlich die Namen: Colymbas, Lyngx, Cenchris, Cissa, Chloris, Acalanthis, Nessa, Pipo und Dracontis.
Entwicklung und Rezeption des Musenbegriffs mini|hochkant=1.2|Apollo und die Musen auf dem Helikon (oder Parnass), Ölgemälde von Claude Lorrain, 1680
Während die Namen der Musen bei Hesiod lediglich Aspekte der Tanz- und Dichtkunst betonen, werden sie in der späteren Antike auf unterschiedliche Musikinstrumente und Gattungen bezogen, woraus die angegebene kanonische Zuordnung von „Aufgabengebieten“ der Musen hervorgeht.
Die zum Gefolge Apollons zählenden Musen sollen am böotischen Berg Helikon bei der Quelle Hippokrene zu finden sein, die durch einen Hufschlag des geflügelten Musenrosses Pegasos freigelegt wurde. Daher rührt der zum Teil für sie benutzte Name Helikoniades. Anderen Angaben zufolge wohnen die Musen auf dem – dem Apollon geweihten – Parnass oberhalb von Delphi, bei der kastalischen Quelle, deren Wasser Begeisterung und Dichtergabe verleihen soll.
Die Heiligtümer der Musen heißen Museion (woraus das heutige Wort Museum entstand), auch das deutsche Wort Musik – von , der „Kunst der Musen“ – verdankt seinen Namen den Göttinnen. Eine Person, die einen anderen Menschen zu kreativen Leistungen anspornt oder inspiriert, wird ebenfalls als Muse bezeichnet, sie kann als Personifizierung oder Werkzeug der mythischen Muse betrachtet werden. Die Römer setzten die Musen mit den Camenae gleich.Berühmt ist der Anfang von Horazens Epistelbuch (Epist. 1,1,1): ; vgl. dazu Oskar Bie: Musen. In: Wilhelm Heinrich Roscher (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 2,2, Leipzig 1897, Sp. 3238–3295.
Musenanruf in der Dichtung mini|hochkant|Dante, Homer und Vergil – Detail aus dem Fresko Parnass von Raffael Am Anfang antik-griechischer Epen und Hymnen steht oft eine Anrufung der Muse. So beginnt Homers Odyssee mit den berühmten und vielzitierten Versen: Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, / Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung.Vgl. die unterschiedlichen Übersetzungen. https://www.klassikerforum.de/index.php?topic=2681.40;wap2 Auch etliche römische Dichter bitten die Muse um Inspiration (Vergil in der Aeneis), oder um Dauer für ihr Gedicht (Catull in den Carmina).
Im christlich geprägten Mittelalter verlor der Musenanruf dann an Bedeutung. Gleichwohl bediente sich Gottfried von Straßburg in seinem höfischen Roman Tristan (Gottfried von Straßburg) in Folge seines Unfähigkeitstopos eines Musenanrufs, der neben der Würdigung der Antike ebenso Selbstzweck war und somit als programmatische Äußerung seines Dichtungsprogramms zu verstehen ist. Gonzaléz, Emilio: Der wâre Êlicôn als Inspirationsinstanz des Gottfriedschen Dichtungsprogramms. In: Troianalexandrina Bd. 4 (2004). S. 129–143. Hier: S. 138.