mini|Durch den Schriftsteller Iwan S. Turgenew wurde der Begriff Nihilismus populär.
Nihilismus () bezeichnet allgemein eine Weltsicht, die die Gültigkeit jeglicher Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung verneint. Des Weiteren ist Nihilismus in der Philosophie ein Begriff, dem teilweise eine besondere Tragweite zugesprochen wird, so etwa von Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger. Der Ausdruck wurde auch polemisch verwendet, so für Kritiker kirchlicher, religiöser oder politischer Ordnungen. Umgangssprachlich bezeichnet Nihilismus eine Verneinung aller positiven (seltener auch der negativen) Ansätze.
Wortgebrauch 1733 erwähnte Friedrich Lebrecht Goetz das Wort Neinismus beziehungsweise Nihilismus als literarischen Terminus.Fridrich Lebrecht Götz: De nonismo et nihilismo in theologia. Chemnitz 1733 (lateinisch); Götz(e) verwendet das Wort „Nihilismus“ für den Atomismus Demokrits (siehe z. B. ... Der Nihilismus führt sich selbst ad [email protected]); „Als ‹terminus novus› wird es schon 1733 von F. L. Goetzius verwendet, und zwar sowohl im Hinblick auf theologische und philosophische Fragestellungen wie auch auf solche verschiedener Wissenschaften bis hin zu Jurisprudenz und Medizin.“ („Nihilismus“ in: Online-Version: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Schwabe Verlag.); zur Person: Friedrich Leberecht Goetze. in: Fortsetzung ... Allgemeines Gelehrten Lexikon. Leipzig 1787, Band 2, Spalte 1510. Etliche Jahre später versuchte der theosophische Mystiker Jacob Hermann Obereit, Immanuel Kants Hypostasierung des Subjektes zum Erkenntnisgaranten durch eine spekulative Methode zu unterlaufen, der er 1787 den Namen Nihilismus gab. Bei Obereit bezeichnet Nihilismus die methodisch notwendige Annihilation einer lediglich im Denken verankerten Weltgewissheit, so dass die Offenheit eines inhaltsleeren Bewusstseins entsteht. Als Verabsolutierung der Negation im philosophischen Sinne wurde Nihilismus 1799 erstmals von Friedrich Heinrich Jacobi in einem Brief an Johann Gottlieb Fichte verwendet, in dem er Einwände gegen dessen philosophisches System erhob.Friedrich Heinrich Jacobi: Werke. Band 3. Leipzig 1816, S. 44.
In seiner 1826 erschienenen Schrift Über die Freiheit der Intelligenz gebraucht Franz von Baader Nihilismus als Synonym für Kritizismus, womit er einen „für die Religion destruktiven Mißbrauch der Intelligenz“ bezeichnen will. 1851 wirft Juan Donoso Cortés dann in seinem Essay Versuch über den Katholizismus, Liberalismus und Sozialismus den französischen Sozialisten Nihilismus vor.
Später wurde Nihilismus meist in polemischer Absicht gebraucht, so im Vormärz, als die Junghegelianer wegen ihres Atheismus oft pauschal als Nihilisten bezeichnet wurden. Differenzierter urteilte damals der Althegelianer Karl Rosenkranz. Er respektierte die Junghegelianer Ludwig Feuerbach und Bruno Bauer trotz ihres dezidierten Atheismus als hegelianische Denker, nicht aber Max Stirner, dessen Buch Der Einzige und sein Eigentum (1845) er als „Spitze der einseitig subjectiven Tendenz“ bezeichnete und als „Nihilismus alles ethischen Pathos“ verurteilte, von wo aus keine weitere Entwicklung mehr möglich sei.Karl Rosenkranz: Aus einem Tagebuch. Herbst 1833 bis Frühjahr 1846. Brockhaus, Leipzig 1854, S. 132 f. Es ist rekonstruiert worden, dass der Student Friedrich Nietzsche, der Feuerbach und die „geistesrege Zeit“ des Vormärz hochschätzte,Brief an Raimund Granier, September 1865; zitiert nach Curt Paul Janz: Nietzsche. Band I, S. 164. im Herbst 1865 diese Orientierung verwarf und sich abrupt der Philosophie Schopenhauers zuwandte, weil er zuvor mit jenem Stirnerschen Nihilismus konfrontiert worden war.Bernd A. Laska: Nietzsches initiale Krise. In: Germanic Notes and Reviews. Band 33, Nr. 2, Herbst 2002, S. 109–133 (lsr-projekt.de) Der russische Dichter Iwan Sergejewitsch Turgenew gab dem Wort Nihilismus 1862 mit seinem Roman Väter und Söhne, in dem Anhänger sozialrevolutionärer Ideen Nihilisten genannt wurden, einen abwertend gemeinten politischen Inhalt. In der Folge gewann der Begriff eine breite öffentliche Aufmerksamkeit und einige russische Anarchisten übernahmen ihn zur Selbstbezeichnung. Der sich zunächst als Schüler Arthur Schopenhauers („Nichts“ ist das letzte Wort von Arthur Schopenhauers Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung) bekennende Friedrich Nietzsche bezog sich auf die Verwendung des Ausdrucks bei Turgenew hinsichtlich der „russischen Nihilisten“ und meinte damit das Phänomen einer Entwertung der obersten, sinngebenden Werte der Menschen einer Kulturgemeinschaft. In Nietzsches Werk Jenseits von Gut und Böse ist von einem „Russischen Nihilin“ die Rede, einem Pessimismus, „der nicht bloß Nein sagt, Nein will, sondern […] Nein tut.“Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Sechstes Hauptstück: Wir Gelehrten, Nr. 208.
Philosophie Im philosophischen Sinn bezeichnet Nihilismus Lehren, die entweder die Existenz einer Wirklichkeit (metaphysischer Nihilismus), die Geltung eines Sittengesetzes (ethischer Nihilismus) oder den Bestand irgendeiner Wahrheit (logischer Nihilismus) verneinen. In der modernen Philosophie wird der Begriff Nihilismus wegen seiner Mehrdeutigkeit und des diffamierenden Beigeschmacks wenig verwendet. Seine unterschiedlichen Bedeutungen im Verlauf der Geistesgeschichte lassen sich festmachen an dem, was verneint wird: ein Sinn des Lebens ein Sinn der Weltgeschichte Existenz übernatürlicher Wesen erkennbare Tatsachen moralische Verbindlichkeit, Werte etc.
Im ersten und zweiten Fall verneinen Nihilisten, dass irgendeine Religion, Weltanschauung, philosophische oder politische Lehre den richtigen Weg zu leben weisen kann, und lehnen daher jede Form von Engagement ab. Als problematisch kann hier die Aufrechterhaltung von Sinn als Motivation zur Handlung erlebt werden. Im vierten Fall handelt es sich um erkenntnistheoretischen Skeptizismus, im fünften um Protest, die Ablehnung gesellschaftlicher Werte und Normen bis hin zum Amoralismus.
Nietzsche Der Nihilismus ist für Nietzsche Ergebnis der Überzeugung, dass es keine absoluten Wahrheiten und Werte gibt. Hieraus ergibt sich ein „Glauben an die absolute Wertlosigkeit, das heißt Sinnlosigkeit.“ (KSA XII, 313)Friedrich Nietzsche: Nachlass, Sommer 86 – Herbst 87, 5 . In: Colli, Montinari (Hrsg.): Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. 1980, Band 12, S. 313
Der Philosoph Wilhelm Weischedel unterscheidet beim Nihilismus Nietzsches drei wesentliche Bausteine: Das Zerbrechen des Glaubens an Wahrheit und Wissenschaft sowie die Ablehnung einer absoluten Wahrheit Ablehnung der Moral, die als leere Hülle bestehender Sitten als wertlos und sinnlos wahrgenommen wird und hinterfragt werden sollte Ablehnung von Religion, wobei der Gottesglaube als Lüge und Mittel zum Zweck beschrieben wird, um furchtsame, folgsame Menschen hervorzubringen
Nietzsche betrachtete den Nihilismus genealogisch als Ergebnis eines historischen Prozesses, der vom antiken Griechenland bis hin in das Christentum reicht. Der Verlust des Glaubens an einen Gott, wie er in der Antike bei Sokrates und Platon, im Judentum und dann im Christentum gelehrt wurde, führt zu einer Destruktion der überkommenen Weltauffassung und damit einer Entwertung aller bisherigen Werte.Elisabeth Kuhn: Nihilismus. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Nietzsche-Handbuch. Metzler, Stuttgart 2011, S. 293–298. „Was bedeutet Nihilismus? Dass die obersten Werthe sich entwerthen.“ (KSA XII, 350) Mit der Philosophie Kants wurde das Ende der Religionen und des metaphysischen Glaubens eingeleitet. Auch für die Wissenschaften bedeutet dies, dass sie kein sicheres Fundament mehr haben. Es gibt keine absolute Wahrheit mehr. „Dass es keine Wahrheit giebt; dass es keine absolute Beschaffenheit der Dinge, kein »Ding an sich« giebt – dies ist selbst ein Nihilismus, und zwar der extremste.“ (KSA XII, 351) Entsprechend gibt es auch keinen Maßstab mehr für die Moral. Dennoch wäre der Nihilismus in seiner vollständigen Form die Verwirklichung des Strebens nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit.Friedrich Nietzsche: Genealogie der Moral. Abschnitt 27. Nietzsche wollte nicht nur destruktiv im Pessimismus verharren wie Schopenhauer, sondern suchte eine Perspektive zur Überwindung des Nihilismus.
Bezüglich Nietzsches Denkentwicklung ist in der Forschung angemerkt worden, dass er sich ab 1869 zwar mit „nihilistischen“ Themen beschäftigte („Pessimismus, mit dem Nirvana und mit dem Nichts und Nichtsein“), aber eine begriffliche Verwendung von Nihilismus erstmals in handschriftlichen Notizen Mitte 1880 (KSA 9.127-128) stattfand. In diese Zeit fällt ein damals populärwissenschaftliches Werk, welches anhand russischer Zeitungsberichte über nihilistische Vorfälle den sogenannten „Russischen Nihilismus“ rekonstruiert (Nicolai Karlowitsch: Die Entwicklung des Nihilismus. Berlin 1880). Diese in drei Auflagen erschienene Materialsammlung war nicht nur einer breiten deutschen Leserschaft bekannt, auch ihre Ausstrahlung auf Nietzsche lässt sich belegen.
Die Geschichte des Nihilismus kann man, so der Philosophiehistoriker Wolfgang Röd, auch als einen Prozess vom Verlust der alten (vorsokratischen) Werte betrachten, durch den die wahre Welt zur Fabel wurde, zur Metaphysik und zu den jüdisch-christlichen Formen einer dogmatischen Religion. Die Geschichte der Überwindung der Dogmen in der Renaissance und der Aufklärung folgt einer „Logik der décadence“, einem Niedergang der Werte und einem Übergang zur Sklavenmoral. In der Folge entstehen Desorientierung und Unklarheit, deren höchste Ausprägung der Nihilismus in seiner reinen Form ist. Eine Sinn-Stiftung kann nach Nietzsche nur durch neue Werte gefunden werden, die nicht aus dem Verstand entwickelt, sondern durch eine willentliche Bejahung der Welt erreicht werden.Wolfgang Röd: Friedrich Nietzsche. Abschnitt 7: Der Nihilismus. In: Rainer Turnher, Wolfgang Röd, Heinrich Schmiedinger: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie (Die Philosophie des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts 3), Geschichte der Philosophie, hrsg. Von Wolfgang Röd, Band XIII. Beck, München 2002, S. 100–104 „Wer das Große nicht mehr in Gott findet, findet es überhaupt nicht […] und muß es entweder leugnen oder selbst schaffen“. (KSA 10, 32) Statt Gott als Idee des Weltgrundes setzt Nietzsche den Gedanken der ewigen Wiederkehr, die Vorstellung, dass alles Geschehende schon unendlich oft geschah und unendlich oft wiederkehren wird. Der, dem es gelingt, durch Umwertung aller Werte neue Werte zu schaffen, ist der Mensch der Zukunft, der Übermensch, zugleich Antichrist und Überwinder Gottes sowie Antinihilist und Besieger des Nichts.Elisabeth Kuhn: Nihilismus. In: Henning Ottmann (Hrsg.): Nietzsche-Handbuch. Metzler, Stuttgart 2011, S. 293–298, hier S. 297. Das Handeln des neuen Menschen folgt der Triebkraft des Willens zur Macht und überwindet den Nihilismus durch ein Ja-Sagen zum unvermeidlichen Schicksal, ausgedrückt durch den Begriff des amor fati („Liebe zum Schicksal“).Wolfgang Röd: Friedrich Nietzsche. Abschnitt 7: Der Nihilismus. In: Rainer Turnher, Wolfgang Röd, Heinrich Schmiedinger: Lebensphilosophie und Existenzphilosophie (Die Philosophie des ausgehenden 19. und 20. Jahrhunderts 3), Geschichte der Philosophie, hrsg. Von Wolfgang Röd, Band XIII. Beck, München 2002, S. 100–104, hier S. 104.
Siehe auch: Also sprach Zarathustra: Von den drei Verwandlungen
Heidegger