Die Philosophie der frühen Neuzeit (ca. 1400–1800) ist ein Abschnitt der Philosophiegeschichte, der einerseits vom neuen naturwissenschaftlichen Weltbild (seit Nicolaus Copernicus und Galilei) und den dazugehörigen mathematischen Methoden (analytische Geometrie, Analysis) bestimmt war, andererseits nahm sie in der Theorie die politischen Umbrüche vorweg, die in der Französischen Revolution gipfelten. Die Philosophie der frühen Neuzeit umfasst die Renaissance und den Humanismus, den Barock, den Absolutismus und die Aufklärung.

Rationalismus

Der Ansatz des Rationalismus stand im Widerstreit zu dem des Empirismus. Die Unterscheidung lässt sich sinnvollerweise so formulieren: Ein Rationalist legt seiner philosophischen Welterklärung vor allem die vernünftige Schlussfolgerung zu Grunde, während ein Empirist in seiner philosophischen Welterklärung nur solche Hypothesen akzeptiert, die sich auf sinnliche Wahrnehmung zurückführen lassen. Allerdings sind in den Texten aller rationalistischen Philosophen auch empiristische Elemente zu finden und umgekehrt.

Als Begründer des Rationalismus gilt vor allem René Descartes. Andere Denker, zum Beispiel der niederländische Philosoph Baruch Spinoza und der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, entwickelten den cartesianischen Rationalismus weiter.

Der erkenntnistheoretische Rationalismus fand auch in anderen Bereichen der Philosophie Verwendung. So glaubte er, dass sich die elementaren Grundsätze menschlicher Moral aus der reinen Vernunft ergäben.

René Descartes

mini|René Descartes in einem Porträt von Frans Hals, 1648 René Descartes (1596–1650) war Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler. Er wird als „Vater der neueren Philosophie“ bezeichnet, denn er begründete den modernen Rationalismus. Die Richtung des Denkens, die Descartes beeinflusste, wird auch Cartesianismus genannt.

Descartes entwickelte seine Methode des philosophischen Denkens erstmals im Discours de la méthode, in dem er Regeln aufstellte, nach denen man vorgehen müsse, um zum wahren Wissen zu gelangen. Er war der Meinung, dass die gängige Annahme, dass wissenschaftliche Erkenntnis aus sinnlicher Wahrnehmung und Denken entspringt, hinterfragt werden musste. Unsere Sinne täuschten uns oft, beispielsweise bei optischen Täuschungen oder bei Wahrnehmungen im Traum. Aber auch dem Denken dürfe man nicht ungeprüft vertrauen, denn ein Dämon könnte so auf einen einwirken, dass man zu falschen Schlüssen komme und sich täuscht. Deshalb ist zunächst einmal an allem zu zweifeln. Wenn ich aber zweifle, so kann ich selbst in einem Fall, wo ich mich täusche, nicht daran zweifeln, dass ich zweifle und dass ich es bin, der zweifelt; d. h., ich bin als ein Denkender existent. Der erste unbezweifelbare Satz heißt also: „Ich denke (=zweifle), also bin ich“ (cogito ergo sum). Er ist, so Descartes, „notwendig wahr, sooft ich ihn ausspreche oder denke“. Descartes analysiert dann dieses zweifelnde Ich und bestimmt es als eine nicht ausgedehnte, denkende Substanz: als res cogitans. Zur Gewinnung weiterer Erkenntnisse geht Descartes davon aus, dass alles das wahr ist, was klar und deutlich erkannt werden kann. Dazu muss aber sicher sein, d. h. bewiesen werden, dass Gott existiert, um die Verbindung zur ausgedehnten Substanz, der res extensa zu gewährleisten.

Für Descartes gründen die beiden Substanzen res extensa und res cogitans in sich selbst; d. h., sie bedürfen keines anderen Grundes. Die Welt teilt sich in eine Objekt- und eine Gedankenwelt, in Leib und Seele, Körper und Geist. Die res extensa ist physischer Körper, hat somit Ausdehnung, ist teilbar, dekomponierbar, zerstörbar, unterliegt den Regeln der Kausalität. Die res cogitans dagegen ist das Denken selbst. Sie ist ausdehnungslos, unteilbar und unvergänglich. Das Denken ist auch im radikalsten Zweifel nicht abtrennbar vom Ich. Dieser Dualismus führt allerdings zu einem zentralen Problem, nämlich zur Frage nach der Verbindung zwischen diesen absolut unterschiedlichen Seiten. Mit der Fraglichkeit Gottes ist die Wahrheit dieser Verbindung radikal in Frage gestellt. Descartes kannte dieses Problem und widmete der Frage nach Gott deshalb so große Aufmerksamkeit.

Die aristotelische Hervorhebung des Organischen negiert Descartes. Selbst der menschliche Körper wird einmal als bloße „Gliedermaschine“, dann wieder als „Leichnam“ beschrieben. Er reduzierte den lebenden Organismus des Menschen auf dessen Mechanik und wurde damit zum Begründer der neuzeitlichen Iatrophysik, in der Menschenmodelle und (versuchte oder gedachte) Konstruktionen von Menschenautomaten eine wichtige Rolle spielten.

Thomas Hobbes und sein Gegner Shaftesbury

mini|Thomas Hobbes Thomas Hobbes (1588–1679) war ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph. Er versucht, naturwissenschaftliche Methoden auf die Staatsphilosophie zu übertragen. Dementsprechend ist seine Philosophie dem Methodenkonzept des sogenannten „mos geometricus“ verpflichtet. In der Staatsphilosophie gründet er den Staat (in einer Analogie als „künstlicher Mensch“) auf einen Gesellschaftsvertrag.

Der Staat ist nach Hobbes die einzig mögliche Lösung zur Beendigung des Naturzustands. Im Naturzustand hat jeder Mensch aufgrund seines Naturrechts ein Recht auf alles. Wegen der menschlichen Begierden, die nach Hobbes keine Grenzen kennen, herrscht im Naturzustand ein Krieg aller gegen alle, bellum omnium contra omnes, in dem jeder durch seine Mitmenschen bedroht ist, homo homini lupus est (Der Mensch ist des Menschen Wolf). Der Mensch ist weiter kein „zoon politikon“, wie bei Aristoteles, sondern durch Furcht und Vernunft gekennzeichnet und wird geleitet durch das „Wölfische“ in ihm und nicht durch Nächstenliebe. Er ist prinzipiell egoistisch. Auch die Willensfreiheit leugnet er.

Der Selbsterhaltungstrieb und das Verlangen, ein besseres Leben zu führen, bringen die Menschen dazu, ihr natürliches Recht auf alles aufzugeben und einen Gesellschaftsvertrag abzuschließen. Jeder schließt mit jedem anderen einen Vertrag, in dem er sein Recht, sich selbst zu beherrschen, an einen Dritten abtritt unter der Bedingung, dass dies der andere auch tut. Dieser freiwillige Zusammenschluss führt zu einem absolutistischen Staat. Für den Souverän bevorzugt Hobbes einen Monarchen. Gleichzeitig schließt er unter seinem Souverän nicht andere Staatsformen, z. B. Demokratie oder Oligarchie aus. Mit der „modernen“ Gewaltenteilung hat Hobbes nichts im Sinn, Exekutive, Legislative und Judikative sind in der Person des Souveräns vereinigt.

Ein wichtiger Gegenspieler von Thomas Hobbes war der Graf von Shaftesbury. Seine philosophische Bedeutung als Aufklärer beruht vor allem auf seinen ethischen Überlegungen, mit denen er vor allem darauf abzielte, Thomas Hobbes und den von ihm gelehrten Egoismus zu widerlegen. Mit den Methoden der empirischen Psychologie untersuchte er den Menschen zuerst als Einheit in sich selbst und zweitens in den Beziehungen zu den größeren Einheiten der Gesellschaft und der Menschheit.

Blaise Pascal

miniatur|Blaise Pascal

Blaise Pascal (1623–1662) war ein französischer Philosoph, Physiker und Mathematiker. Er widmete sich philosophischen und religiösen Fragen und erlangte Ruhm wegen seiner Angriffe auf die Kasuistik, einer beliebten Methode katholischer Denker, vor allem der Jesuiten. Als Anhänger der Lehre der Jansenisten sprach er in seinen Schriften von einer unendlichen Ferne zwischen Gott und den Menschen und von der Unbeeinflussbarkeit der göttlichen Gnade.

Pascals berühmtestes philosophisches Werk waren die Pensées, eine Sammlung persönlicher Gedanken über menschliches Leiden und den Glauben an Gott; sie sollten als Grundlage und Skizze einer großangelegten Apologie des Christentums, die er noch zu schreiben beabsichtigte, dienen. Hierin findet man die Pascalsche Wette, welche beweisen soll, dass der Glaube an Gott vernünftig ist: „Wenn Gott nicht existiert, verliert man nichts, wenn man an ihn glaubt; wenn Gott aber existiert, verliert man alles, wenn man nicht glaubt.“

Pascal konnte durch seinen frühen Tod die geplante große Apologie nicht fertigstellen. Er hinterließ nur Notizen und Fragmente, rund 1000 Zettel in rund 60 Bündeln, auf deren Grundlage 1670 von jansenistischen Freunden eine Ausgabe unter dem Titel Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets („Gedanken über die Religion und über einige andere Themen“) besorgt wurde. Diese Erstausgabe ist verdienstvoll, weil die Herausgeber – ungewöhnlich für die Epoche – ein unfertiges Werk veröffentlichten und es dadurch zugänglich zu machen versuchten. Sie ist aber problematisch insofern, als jene sich nicht am Originaltext orientierten, obwohl er als Autograph, wenn auch nur in Zettelform, erhalten war, sondern eine der beiden Abschriften benutzten, die die Périers kurz nach Pascals Tod von den Zettelbündeln anfertigen ließen. Sie ist noch problematischer dadurch, dass man das erhaltene Textmaterial nach unterschiedlichen Kriterien kürzte und, anders als die benutzte Abschrift, die die Anordnung der Zettel und Bündel weitgehend beibehalten hatte, eine neue eigene, vermeintlich plausiblere Ordnung der Fragmente einführte.

Baruch de Spinoza

mini|Baruch (de) Spinoza Baruch de Spinoza (1632–1677) war Rationalist innerhalb der frühmodernen Philosophie. Außerdem war er einer der ersten neuzeitlichen Vertreter des Pantheismus und des nicht-normativen Denkens. Im Gegensatz zu Descartes vertrat er keine dualistische, sondern eine monistische Weltanschauung, indem er in allem ein einziges Ganzes sieht, das er Substanz nennt (s. Neutraler Monismus bzw. Deus sive Natura).

Er vertrat die Ansicht, dass Christentum und Judentum vorübergehende Phänomene seien. Sein Tractatus theologico-politicus wurde 1674 zusammen mit Thomas Hobbes Leviathan von der holländischen Regierung verboten. Ein signifikantes Beispiel für Spinozas Argumentationsstruktur bildet sein Ausspruch „Ignorantia non est argumentum“.

Spinoza nimmt in der Philosophiegeschichte eine Sonderstellung ein. Er gehörte weder einer etablierten philosophischen Schule an, noch begründete er selber eine neue. Er war einer der radikalsten Philosophen der frühen Neuzeit. Seine Ethik ist, wie es der Titel andeutet, nach der Methode von Euklids Elementen in „Grundbegriffen“, „Axiomen“, „Theoremen“, „Demonstrationen“ und „Korollarien“ in der Art eines Geometrielehrbuches abgefasst, wodurch sie den Anschein unumstößlicher Gewissheit erweckt.

Samuel von Pufendorf

Samuel von Pufendorf (1632–1694) war ein deutscher Naturrechtsphilosoph, Historiker sowie Natur- und Völkerrechtslehrer am Beginn des Zeitalters der Aufklärung. Pufendorf veröffentlicht 1672 sein Hauptwerk, die „Acht Bücher über das Recht der Natur und der Völker“ (De iure naturae et gentium). Es ist das erste umfassende System des Naturrechts in der Geschichte. Pufendorf orientiert sich stark am philosophischen Rationalismus von Descartes und Spinoza und er überträgt deren Prinzipienstrenge auf Ethik und Politik.

Mit seiner Rechtsauffassung eines säkularen Naturrechts (Vernunftrechts) und der Befürwortung eines einheitlichen Völkerrechts nahm Pufendorf maßgeblichen Einfluss auf die deutsche, aber auch europäische Rechts- und Staatsphilosophie im 18. und 19. Jahrhundert und wurde zu einem der Wegbereiter der Aufklärung. Jedoch stimmte für ihn das Naturrecht „mit der christlichen Offenbarung überein, da beide ihren Ursprung in Gott haben. Unter calvinistischen Herrschern bewährte sich Pufendorf als treuer Lutheraner. Er war noch kein Aufklärer. Sein Rationalismus bejahte eine ‚praktische, von Erfahrung geleitete Sozialvernunft‘, die unter Betonung der natürlichen Gleichheit der Menschen den Gedanken der Humanität und der Menschenrechte den Weg bereitete“.

Okkasionalismus

mini|hochkant=0.75|Nicolas Malebranche, wichtigster Okkasionalist