mini|Heinrich Erndel auf Berreuth und Mulda (1638–1693), Kupferstich von Moritz Bodenehr Heinrich III. Erndel (* 17. Juni 1638 in Dresden; † 13. September 1693 ebenda) war Leibarzt der Kurfürsten Johann Georg III. zu Sachsen (1647–1691) und Johann Georg IV. zu Sachsen (1668–1694) und einer der ersten Gesundheitsreformer Deutschlands.

Werdegang Jugend und Studium mini|Universität Leipzig um 1900 mini|Die Nürnbergische Universität Altdorf (1714) Er wurde geboren als zweiter und jüngster Sohn des Leibmedikus Heinrich II. Erndel am 17. Juni 1638 in Dresden, der schon am 25. Juli 1646 in Oschersleben verstarb. Sein Großvater war Heinrich I. Erndel (getauft am 15. Juli 1569 in Regensburg; bestattet am 15. Juni 1623 in Wolfenbüttel), kaiserlicher Leib- und Hofapotheker in Prag. Der Urgroßvater war der Regensburger Apotheker Mattis (auch Mattäus) Erndl (* um 1535 in Neuburg an der Donau, wo er 1563 bis 1564 Apotheker gewesen ist; † 1587 in Regensburg), Inhaber des dortigen Mohrenapotheke.

EingeschriebenMatrikel der Universität Leipzig, Bd. 2, S. 96, 1909. als Nicht-Vereidigter wurden die Brüder Christian Erndel (* 18. Juli 1636 in Dresden; † 6. November 1678 in Dresden), später Doktor beider Rechte sowie Rechtskonsulent in Dresden, und Heinrich Erndel in der Oster-Messe, April 1654, als Studenten an der Universität Leipzig. Heinrich hatte zuerst Humanismus studiert, danach Medizin. Beraten wurde er von seinem Vetter 1. Grades, Isaac Leickher (* 11. November 1616 in Augsburg; † 1684 in Dresden), Erbsaß auf Lindau, kursächsischer Amtmann zu Leipzig, später kursächsischer Hof- und Justitienrat. Heinrich und Christian waren für 4½ Jahre in Leipzig, bis zur Michaelis-Messe 1657.

Zusammen mit seinem Bruder Christian ging Heinrich als Student der Medizin am 12. Oktober 1657 an die Universität Altdorf,Matrikel der Universität Altdorf, Bd. 1, Nr. 9766. um dort am 29. Juni 1659 als Dr. med. promoviert zu werden.Disputation Inauguralis de Singultu Quam, Auspice Deo Ter. Opt. Max. Jubnte Amplissima Facultate Medica, In Alma Altorfina, Pro Summis in Arte Consequendis Honoribus et Privilegus, Publica disquisitione subseries, HENRICUS ERNDL, Dresdensis, In Auditorio Welseriano, Horis Maynt, Ad. d. 16. Junii Anni 1659, Altdorfi, Typis Georgi Hagen, Universicutis Typographi.

Berufsleben mini|Ansicht von Dresden um 1650 (Merian) Von 1659 bis 1662 war er praktizierender Arzt in Dresden. Eine Bestallung erfolgte am 10. Juli 1662 (ob als Leib- oder sonstiger Arzt ist nicht bekannt) von Reinhard Dietrich Reichsgraf von Taube (* 1627; † 6. Januar 1681 in Bautzen) auf Frankenthal, kursächsischer Hof- und Justizienrat, Kanzler, Obersteuerdirektor und Geheimer Rat.Valentin König: Genealogische Adels-Historie. Bd. 2, Leipzig 1729; W. von Boetticher, Geschichte des Oberlausitzischen Adels und seiner Güter 1635–1815, Bd. 2, Görlitz 1913, S. 954; C. Heinker, Die Bürde des Amtes – die Würde des Titels. Der kursächsische Geheime Rat im 17. Jahrhundert, Leipzig 2015, Leichpredigt von Heinrich Erndel, 1694, Dresden. Am 28. September 1666 erfolgte seine Bestallung als Stadt-Physikus der Stadt Dresden.Archiv der Stadt Dresden F XVI, 1, Bl. 199 ff. Bezahlt wurden ihm „jährlich 80 Gulden am golde, so Ihme quartallter aus der Lazareth Cassa gegeben werden sollen, zur Besoldung versprochen und verwilligt, wollen Ihm darnehmen auch mit der gewöhnlichen freyhen Wohnung, so zu seiner Bestallung geordnet und Ihme nach seinem nuzen zu gebrauchen frey stehet, versogen, so wohl zwölff thaler zu Holze aus Unser Cammer Jährlichen reichen lassen.“ mini|Queckbrunnen (1461 erstmals urkundlich erwähnt)

Neben seiner Tätigkeit als Arzt am Lazarett oder Stadtkrankenhaus, an den Armenhospitälern, dem Waisen- und Findelhaus, der Kreuzschule und den Gefängnissen revidierte er jährlich zweimal die Apotheken, prüfte die sich zur Praxis meldenden, auf auswärtigen Akademien promovierten Ärzte ebenso wie die Hebammen und wachte darüber, dass die Wundärzte und Kurpfuscher keine inneren Krankheiten behandelten. Er führte Aufsicht darüber, dass in der ärztlichen Zunft keine Vergehen vorkamen, und gab Gutachten ab, wenn vom Rate irgendetwas getadelt wurde. Schon 1672, als an eine Pest noch nicht gedacht wurde, beklagte er die schlechten Brunnenverhältnisse der Stadt und wies in seiner Eingabe auf die Gefahr für die Einwohner hin, wenn eine Belagerung oder gar eine Seuche die Stadt treffen sollte. Der Rat ordnete eine Brunnenzählung an und Erndel untersuchte das Wasser. Das Ergebnis war so ungünstig, dass über 70 Brunnen geschlossen werden mussten und auf der Festung neue Brunnen zu graben waren, sonst wäre die Besatzung eines Tages ohne Wasser gewesen. Eine derartige Tätigkeit eines Bezirksarztes wird vor 1672 nirgends in den Akten verzeichnet oder erwähnt.Dr. Hubert Ermisch, K. Archivrat (Hrsg.): Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde. Sechzehnter Band. Wilhelm Baensch, Verlagsbuchhandlung. XI. Dr. med. Heinrich Erndel, Stadtphysikus zu Dresden. Von Dr. med. Eugen Sachs in Dresden. Dresden 1895, S. 292–306.

Als Stadtarzt leitete er 1679 und 1680, als in Ungarn während des Feldzuges die Bubonenpest wütete, die Dresdner Pestkommission und gab umfangreiche, auch aus heutiger Sicht sinnvolle Anweisungen, um Erkrankungen zu reduzieren. Am 10. September 1679 veröffentlichte er ein Pest-Gutachten. Nach diesen umfassenden Arbeiten entwarf er ohne Verzug eine Pestordnung, die in dem Sanitätskollegium beraten und ohne sonderliche Änderung angenommen wurde. Die kurfürstliche Regierung ließ dieselbe sofort drucken und veröffentlichte sie dadurch, dass sie sie an allen geeigneten Stellen des Landes von Amts wegen anschlagen ließ und an sämtliche Nachbarregierungen versandte. Die Pestordnung, die die bereits früher ausgesprochenen Ansichten Erndels in sehr knapper Form wiedergibt, bestand aus 14 Punkten, die den Verkehr der Personen aus Kontagionsgegenden betreffen, aus 15 Punkten, die die bei Pest im Lande zu treffenden Maßnahmen enthalten, aus weiteren 22 Punkten, die die an infizierten Orten zu beobachtenden Vorschriften behandeln, und schließlich aus 12 Punkten, die die Desinfektion nach Ablauf der Pest genau bis ins Einzelne vorschreiben. Nachdem er sowohl bei der Regierung als auch bei der Bevölkerung für völlige Aufklärung gesorgt hatte, übte er seine ihm unterstellten Leute ein und wartete ab in der Hoffnung, die Stadt werde von der Pest verschont bleiben. mini|Pest in Marseille (1720) mini|Schloss Berreuth (um 1910) Doch traf die Pest in Dresden im Jahre 1680 ein. Von den noch nicht 40.000 Einwohnern der Residenz starben bis zum 9. November 1680 vom März ab etwa 8.000 Personen, das ist der fünfte Teil. Das Jahr 1680 ging als das bisher größte relative Sterbejahr für Dresden in die Geschichte ein. Nachdem vier Wochen kein Todesfall an Pest und keine neue Erkrankung mehr vorgekommen waren, erhielt Erndel im Dezember Urlaub. Da sein Assistent, Licentiat Laurentius Theil, an der Pest gestorben war, übergab er die Aufsicht über die Desinfektion der immer auf sechs Wochen geschlossenen von der Infektion heimgesuchten Häuser dem Pestarzt Troppaninger und reiste nach Dippoldiswalde. Am Sonntag vor der Kirche wurde er von den am Kirchplatz plaudernden Honoratioren des Städtchens über die Pest gefragt. Wenn auch jetzt die Residenz pestfrei sei, antwortete er, so können doch im Sommer, wo die Natur mehr Kraft besäße, die in Kleidern und Betten sitzenden Gifte erneut zur Gefahr werden. Ein Freiberger Bürger hatte diese Worte mit angehört und sie sofort nach seiner Heimatstadt berichtet. Daraufhin sperrte die Stadt Freiberg wieder sämtlichen Handel und Wandel mit der Residenz. Als nun Erndel zurückkehren wollte, musste er auf Rat seiner Freunde in der Lößnitz, wo er einen Weinberg mit Weinberghaus „die Tasche“ in Kötzschenbroda besaß, Halt machen, denn der Dresdner Pöbel wartete auf ihn am Tor, um ihm einen Empfang mit Steinen und ähnlichen Begrüßungsobjekten zu bereiten. Er bat den Kurfürsten um Hilfe, indem er versicherte, stets nur die volle Wahrheit gesagt zu haben. Der Kurfürst sandte ihm ein Fähnlein Reiter, unter deren Schutz er seine Wohnung erreichte. Die darauffolgende Untersuchung ergab, dass niemand gehetzt haben wollte und die Viertelsmeister und anderen Skandalmacher überhaupt nichts getan hatten. Diese hässlichen Beschimpfungen, die er nach nunmehr behobener Gefahr des Öfteren infolge des Unverstandes der Bevölkerung dulden musste, mögen ihn veranlasst haben, die Physikusstelle zu kündigen. Er blieb in der Stadt als praktischer Arzt und unterstützte seinen Amtsnachfolger bei der im Frühjahr 1681 wiederkehrenden kleinen Epidemie von 400 Fällen. Sein Nachfolger wurde der Meißner Physikus Pollmar, nachdem die Ärzte Dresdens Wiegner, Krahmer, Schumann, Dornblüth und Göppert abgelehnt hatten, wahrscheinlich abgeschreckt durch die ihnen bekannte übermenschliche Arbeitslast.

Am 30. April 1684 erfolgte die Bestallung als Leibarzt des Kurfürsten Johann Georg III. zu Sachsen, der Kurfürstin Anna Sophie („Unsereren Herz-geliebten Gemahlin“) und beider Prinzen. Die Bestallungsurkunde nimmt keinen Bezug auf die anderen beiden Leibärzte Birnbaum und Morgenstern, sondern weist ihm nur das übliche Gehalt von 500 Gulden ab dem 1. April ohne Brennholzlieferung zu.Sächsisches Staatsarchiv Dresden, Bestallungsbuch 1684 10036 Finanzarchiv, Loc. 32968, Rep. LI, Nr. 1918z Bestallung zum Leib-Medicus. Um diese Zeit war Erndel schon mit dem Rittergut Berreuth bei Dippoldiswalde belehnt. Dort starb seine Ehefrau Sophia Elisabeth geb. Ratke am 10. Juni 1685. Das Schloss in Berreuth brannte 1946/47 ab, als es von Flüchtlingen bewohnt wurde.

Im Jahre 1685 begleitete Erndel den Kronprinzen Johann Georg IV. zu Sachsen (1668–1694) nach Frankreich und im Jahre 1686 in die Spanischen Niederlande, danach nach England und Holstein. Seine Sprachkenntnisse waren sehr hilfreich. Erndel begleitete einmal die Kurfürstin nach Büdingen, wo sie zur Kur war. Er begleitete Kurfürst Johann Georg III. bei seinen Kriegszügen 1687 nach Holland, 1689 in das Reich und in die Belagerung der Stadt Mainz und dann 1691 wieder ins Reich, wo Johann Georg III. 1691 in Tübingen starb. Johann Georg III. wies seinen Kammermeister und den Landrentmeister am 30. Juli 1689 aus dem Feldlager vor Mainz aus an, Erndel wegen der Betreuung seiner Söhne Johann Georg und Friedrich August und den daraus entstehenden zusätzlichen Kosten 25 Thl. zusätzlich pro Monat zu zahlen. Der Anspruch entstand ab 1. Mai, wobei dies wohl rückwirkend gemeint war, und sollte bis zum Ende des Kriegszuges bezahlt werden.

Zusammen mit seinem Kollegen Abraham Birnbaum und Johann Ernst Morgenstern übernahm ihn Kurfürst Johann Georg III. zu Sachsen am 17. September 1691 als Leibarzt. „Jeden Besoldung so an Dato an den 17. Septemb: Jährlich 500 Fl.“Sächsisches Staatsarchiv Dresden, 100036 Finanzarchiv, Loc. 33346, Rep. LI, Nr. 1968 Bestallung zum Leib-Medicus mini|Johann Andreas Eisenbarth im Alter von 54 Jahren (Kupferstich [beschnitten] von A. B. König [Berlin] aus dem Jahr 1717) mini|Rittergut Mulda um 1860