Eine Gebetsverbrüderung (lateinisch: societas fraternitatis, wörtlich übersetzt: brüderliche Gemeinschaft, oder confraternitas,Paulus Weißenberger: Eine Gebetsverbrüderung zwischen den Zisterzienserabteien Kirchheim a. Ries und Schöntal a. Jagst aus den Jahren 1761/1762. In: Württembergisch Franken, Jahrbuch herausgegeben vom Historischen Verein für Württembergisch-Franken, Jg. 57 (1973), S. 290–295, hier S. 290. wörtlich übersetzt: Mitbruderschaft) ist das wechselseitige Versprechen zweier oder mehrerer Personen oder Gemeinschaften, füreinander zu beten, sei es zu Lebzeiten, sei es – dies war das Hauptanliegen – nach dem Tode eines Mitglieds der Gebetsverbrüderung. Bekannt sind insbesondere die Gebetsverbrüderungen zwischen Mönchen und Klöstern.

Geschichte Mittelalter Gebetsverbrüderungen gibt es seit karolingischer Zeit.Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, S. 329. Die älteste bekannte Gebetsverbrüderung geschah auf der fränkischen Synode in Attigny 760/762. Dort vereinbarten Bischöfe, Abtbischöfe und Äbte im Gebetsbund von Attigny, jeweils 100 Psalter zu beten, wenn einer aus ihrem Kreis stirbt; seine Priester sollten 100 Messen feiern.Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, S. 712.

Mönche und Klöster Gebetsverbrüderungen verbanden – über die Gemeinschaft in den einzelnen Konventen hinaus – die Mönche verschiedener Klöster miteinander. Die überklösterliche Gebetsgemeinschaft war für das Totengedenken (lateinisch: memoria) für die verstorbenen Mönche der miteinander verbundenen Klöster verantwortlich. Um die Gebetsverpflichtungen in Erinnerung und im Blick zu halten, legten die Beteiligten Verbrüderungslisten und Gedenkbücher an (lateinisch: libri memoriales, Singular: liber memorialis), oft in Form von Nekrologien, also als Namenverzeichnisse der Verstorbenen in Kalenderform.

Zumal die hochmittelalterlichen Reformklöster waren durch Gebetsverbrüderungen und Verbrüderungsverträge verbunden. Einige Beispiele aus dem benediktinischen Mönchtum sind: der Verbrüderungsvertrag zwischen Kloster St. Blasien und dem Kloster Reichenau (1086/1088), die „Hirsauer“ Verträge zwischen St. Blasien auf der einen Seite sowie Hirsau, Allerheiligen, St. Georgen und Petershausen auf der anderen Seite, außerdem zwischen Hirsau und Allerheiligen sowie zwischen Allerheiligen und Petershausen (um 1090) der Vertrag zwischen St. Blasien und dem Kloster Einsiedeln (1080/1090er-Jahre) die Einträge St. Georgener Mönche und Äbte im Alpirsbacher und im Zwiefalter Nekrolog (ab 1133) die St. Galler Gebetsverbrüderung unter anderem mit Ettenheimmünster, St. Georgen und St. Trudpert (1. Drittel des 13. Jahrhunderts)

Besonders weite Kreise zogen die Gebetsverbrüderungen in den cluniazensischen Klöstern. Der Liber memorialis der Abtei Longpont enthält 18.000 Namen, der Liber memorialis der Abtei Saint-Martin-des-Champs in Paris enthält 30.000 Namen. Auf das Totengedenken in Cluny und in den Klöstern des cluniazensischen Verbandes geht der Allerseelentag zurück.Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, S. 712–713.

Es gab auch Gebetsverschwesterungen zwischen Nonnenklöstern oder Gebetsverschwisterungen zwischen einem Nonnenkloster und einem Mönchskloster, beispielsweise zwischen den Zisterzienserinnen des Klosters Mariä Himmelfahrt in Kirchheim am Ries und den Benediktinern der Abtei Neresheim (1582 vereinbart).Paulus Weißenberger: Die Jahrtage und Verbrüderungen des alten Klosters Neresheim. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen, Jg. 15 (1931), S. 59–79, hier S. 75.

Laien Auch in den mittelalterlichen Städten bildeten sich Bruderschaften und Gebetsverbrüderungen.Philippe Ariès: Reichtum und Armut angesichts des Todes im Mittelalter. In: ders.: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1981, ISBN 3-423-04369-5, S. 73–92, hier S. 89. Sie waren teils den Zünften und Gilden verbunden, teils war es die gemeinsame Frömmigkeit, die ihre Mitglieder zusammenführte.Wolfgang Kliem: Die spätmittelalterliche Frankfurter Rosenkranzbruderschaft als volkstümliche Form der Gebetsverbrüderung. Diss., Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main 1962.

Neuzeit Die Gebetsverbrüderung reichen über das christliche Mittelalter hinaus. Von den 48 Gebetsverbrüderungen der Abtei Neresheim mit anderen Klöstern reichen drei ins 12. Jahrhundert zurück, sechs entstanden im 15. oder 16. Jahrhundert und 39 nach 1500.Paulus Weißenberger: Die Jahrtage und Verbrüderungen des alten Klosters Neresheim. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen, Jg. 15 (1931), S. 59–79, hier S. 74–77. Noch im 18. Jahrhundert schlossen Klöster Gebetsverbrüderungen, so etwa das Paderborner Abdinghofkloster, das Kloster Hardehausen und die Abtei Marienmünster (am 5. April 1734)Vinzenz Spancken, Abt des Klosters Hardehausen 1730–1736, in: Zisterzienserlexikon, abgerufen am 16. Mai 2026. oder die Äbtissin Maria Aloysia Fux namens der Zisterzienserinnen in Kirchheim am Ries mit dem Abt Augustin Brunnquell namens der Zisterzienser im Kloster Schöntal.Paulus Weißenberger: Eine Gebetsverbrüderung zwischen den Zisterzienserabteien Kirchheim a. Ries und Schöntal a. Jagst aus den Jahren 1761/1762. In: Württembergisch Franken, Jg. 57 (1973), S. 290–295.

Eine moderne Form der „Verbrüderung“ / „Verschwisterung“ wurde im Reichenauer Münster aufgelegt. Im Zuge des 1300-Jahr-Jubiläums der Klosterinsel schuf eine Projektgruppe das „Reichenauer Buch der Verbundenheit 2024“. Besucher können sich im Münster St. Maria oder online eintragen.Buch der Verbundenheit, abgerufen am 12. April 2024.

Forschungsgeschichte Die Erforschung der Praxis und Geschichte der Gebetsverbrüderungen ist insbesondere Gerd Tellenbach, Karl Schmid, Joachim Wollasch und Otto Gerhard Oexle sowie deren Schülern zu verdanken.Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, S. 29.

Literatur in der Reihenfolge des Erscheinens Paulus Weißenberger: Die Jahrtage und Verbrüderungen des alten Klosters Neresheim. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für Nördlingen, Jg. 15 (1931), S. 59–79. Friedrich Hermann: Confraternitas Sanpetrensis. Die Geschichte der Gebetsverbrüderung in St. Peter zu Salzburg. In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens, Jg. 79 (1968), S. 26–53. Franz Georg Gast: Die Gebetsverbrüderung als Rechtsverhältnis. Verbands- und schenkungsrechtliche Untersuchungen zu Verbrüderungsurkunden des 8.–13. Jahrhunderts. Trier 1973. Dieter Geuenich: Verbrüderungsverträge als Zeugnis der monastischen Reform des 11. Jahrhunderts in Schwaben. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, Jg. 123 (1975), S. 17–30. Marianne Baumhauer: Eine Gebetsverbrüderung zwischen dem Kloster Weihenstephan und dem Kloster Marienberg in Vinschgau. In: Amperland, Jg. 26 (1990), S. 464–465.

Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. Primus-Verlag, Darmstadt, 2., überarbeitete Auflage 2000, ISBN 3-89678-172-3, S. 712–713: Die Gebetsbünde. Wolfgang Eric Wagner: Die liturgische Gegenwart des abwesenden Königs. Gebetsverbrüderung und Herrscherbild im frühen Mittelalter. Brill, Leiden 2010, ISBN 978-90-04-18923-2. Uwe Ludwig: Die Gebetsverbrüderung zwischen Prüm und St. Gallen, zugleich ein Beitrag zur Frage des jüngeren St. Galler Verbrüderungsbuches. In: Thorsten Fischer (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Rhein-Maasraumes. Dieter Geuenich zum 65. Geburtstag. Böhlau, Köln 2010, ISBN 978-3-412-20509-6, S. 3–31. Günter Schmeisky: „In nostram fraternitatem accepimus“. Die Gebetsverbrüderung der Augustinerchorherren von Herbrechtingen und Wettenhausen vom 6. März 1466. In: Heimat- und Altertumsverein Heidenheim an der Brenz (Hrsg.): Jahrbuch, Jg. 14 (2011/2012), S. 47–62. Iris Kwiatkowski, Michael Oberweis: Die Gebetsverbrüderung des Kartäuserordens mit dem Xantener St. Viktor Stift (1441). In: Krijn Pansters (Hrsg.): The Carthusians in the Low Countries (= Miscellanea Neerlandica, Band 43). Peeters, Leuven 2014, ISBN 978-90-429-3180-0, S. 73–85.

Einzelnachweise

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