mini|Schule Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgsort alternativtext=Blick in einen Raum der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bullenhuser Damm, auf der in Draufsicht farbige Koffer zu sehen sind, die Biografien enthalten.|mini|Blick in einen Raum der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bullenhuser Damm mini|Gedenktafel an der Schule In der gleichnamigen Straße im damaligen Hamburger Stadtteil Billwerder Ausschlag (heute Teil von Rothenburgsort) liegt das ehemalige Schulgebäude Bullenhuser Damm, in dem in der Nacht zum 21. April 1945 die SS ein besonders grausames Kriegs­endphasen­ver­brechen verübte: zwanzig jüdische Kinder wurden zusammen mit ihren Betreuern aus dem KZ Neuengamme, vier politischen Häftlingen, im Keller des Gebäudes, das während des Krieges als Nebenlager des KZ Neuengamme gedient hatte, erhängt. Die Opfer stammten aus Polen, den Niederlanden, der Slowakei, Italien und Frankreich. In derselben Nacht wurden auch 24 sowjetische Häftlinge dort erhängt. Die Schule wurde 1948 wiedereröffnet und im Jahre 1980 nach dem ebenfalls vom NS-Staat ermordeten polnischen Kinderarzt Janusz Korczak benannt. Die Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm gründete 1979 dort eine Gedenkstätte. Sie gehört heute zur Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen. Seit 1987 wird das Gebäude nicht mehr als Schule genutzt. Heute dient es als Kindergarten der Stiftung Kindergärten Finkenau.

Außenlager des KZ Neuengamme Das ehemalige Schulgebäude wurde von der Stadt Hamburg dem SS-eigenen Betrieb „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ zur Unterbringung von KZ-Häftlingen zur Verfügung gestellt. Wahrscheinlich gegen Ende November 1944 wurde das Gebäude zum Außenlager umgebaut und anschließend in Betrieb genommen. Mindestens 592 überwiegend aus Polen und der Sowjetunion, aber auch Dänemark stammende Häftlinge wurden zur Herstellung von Steinplatten aus dem Trümmerschutt sowie Bau- und Aufräumarbeiten eingesetzt. Lagerleiter war der SS-Oberscharführer Ewald Jauch, sein Stellvertreter SS-Unterscharführer Johann Frahm. Zwischen dem 9. und 11. April 1945 wurde dieses Außenlager aufgelöst und die Häftlinge in das KZ-Auffanglager Sandbostel evakuiert.

Verbrechen an jüdischen Kindern Josef Mengele, berüchtigter Lagerarzt im KZ Auschwitz, hatte aus Berlin die Weisung erhalten, zwanzig jüdische Kinder für medizinische Experimente ins KZ Neuengamme zu schicken. Dort sollten sie dem SS-Arzt Kurt Heißmeyer für Menschenversuche zur Entwicklung von Impfstoffen gegen Tuberkulose zur Verfügung gestellt werden.

KZ Neuengamme Am 27. November 1944 wurden die Kinder aus dem Konzentrationslager Auschwitz zum Bahnhof gebracht, begleitet von Häftlingen: drei polnischen Krankenschwestern und einer Ärztin. Nach der zwei Tage später erfolgten Ankunft im KZ Neuengamme kümmerten sich zwei holländische Häftlingspfleger, Dirk Deutekom und Anton Hölzel, und die französischen Ärzte Dr. René Quenouille und Prof. Gabriel Florence um die Kinder. Die drei polnischen Krankenschwestern, die die Kinder begleitet hatten, wurden fünf Tage nach ihrer Ankunft von dem Rapportführer Wilhelm Dreimann im Bunker des KZ Neuengamme erhängt. Die belgische Ärztin Paulina Trocki wurde ins Neuengammer Außenlager Beendorf überstellt.

Heißmeyer, der im Sanatorium Hohenlychen tätig war, hatte bereits seit Juni 1944 zusammen mit dem Pathologen Hans Klein im KZ Neuengamme Menschenversuche zu Tuberkulose an erwachsenen Häftlingen vorgenommen. Es kam zu keiner Bildung von Antikörpern. Dies war bereits bekannt, da über erfolglose Versuche bereits Veröffentlichungen existierten, die Heißmeyer entweder nicht gelesen oder ignoriert hatte. Schon im Oktober 1944 musste er das Scheitern seiner Experimente an erwachsenen Häftlingen des KZ Neuengamme erkennen; trotzdem forderte er die zwanzig Kinder für seine Versuche an, die Mitte Januar 1945 begannen. Der Gefangene Herbert Kirst musste den zehn Jungen und zehn Mädchen – neben vierzehn Polinnen und Polen ein niederländisches Brüderpaar, zwei Franzosen, ein Slowake und ein Italiener – in die Brust schneiden und die Bakterienlösung in die Wunde einreiben. Nach zwei Tagen brach bei den Kindern hohes Fieber aus. Die durch die Verletzungen und den Einfluss der Bakterien körperlich stark geschwächten Kinder wurden einer zweiten sehr schmerzhaften Versuchsreihe unterzogen, dabei schob Heißmeyer einen Gummischlauch durch die Luftröhre in die Lungenflügel, um eine Lösung mit Tuberkulosebakterien direkt in die Lungen mit einem Becher einzugießen. Dabei kam es häufig zu Verletzungen und Blutungen der Lungen der Kinder. Zur Vervollständigung der Versuche musste der tschechische Häftlingsarzt Bogumil Doclik den Kindern die Lymphdrüsen herausoperieren. Die Kinder bekamen lediglich eine örtliche Betäubung mit Novocain und nach zwei Wochen wurden ihnen die Lymphdrüsen auf der anderen Körperseite herausoperiert. Hans Klein stellte erneut fest, dass sich auch bei diesen Versuchen keine Antikörper gebildet hatten.

Schule und Außenlager Bullenhuser Damm Als britische Truppen bereits das Hamburger Stadtgebiet erreicht hatten, kam der Befehl aus Berlin, die Kinder zu beseitigen, um die Spuren dieser Untat zu verwischen. Dazu wurden die Kinder mitsamt ihren Pflegern am späten Abend des 20. April 1945 in die Keller der leerstehenden Schule Bullenhuser Damm verbracht. Dort war zu der Zeit ein Außenlager des KZ Neuengamme eingerichtet. Der SS-Arzt Alfred Trzebinski gab den Kindern angeblich eine MorphinspritzeJoachim Lietzke, zitiert in: , woraufhin der SS-Unterscharführer Johann Frahm den Kindern, die noch Lebenszeichen von sich gaben, Stricke um den Hals legte und sie an Haken im letzten länglichen Kellerraum erhängte. In derselben Nacht wurden dort noch die vier Betreuer der Kinder – zwei französische Ärzte und zwei niederländische Pfleger – sowie 24 sowjetische Häftlinge ermordet.Günther Schwarberg: Inferno und Befreiung – Zwanzig Kinder erhängen dauert lange. In: Die Zeit, Nr. 15/2005.Gedenkfeier für die Kinder vom Bullenhuser Damm. In: Hamburger Abendblatt, 20. April 2019, S. 12. Quelle dpa.

„Frahm nahm den 12-jährigen Jungen auf den Arm und sagte zu den anderen: Er wird jetzt ins Bett gebracht. Er ging mit ihm in einen Raum, der vielleicht sechs bis acht Meter von dem Aufenthaltsraum entfernt war, und dort sah ich schon eine Schlinge an einem Haken. In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog. Ich habe in meiner KZ-Zeit schon viel menschliches Leid gesehen und war auch gewissermaßen abgestumpft, aber Kinder erhängt habe ich noch nie gesehen.“ (Alfred Trzebinski)Aussage Trzebinskis, zitiert nach: Günther Schwarberg: Inferno und Befreiung – Zwanzig Kinder erhängen dauert lange. In: Die Zeit, Nr. 15/2005.

Laut Aussage des Kommandanten des KZ Neuengamme vor Gericht wurden die Leichen in das KZ Neuengamme gebracht und dort verbrannt.

Die ermordeten zwanzig jüdischen Kinder mini|Bronzerelief (Stele), auf gemauertem Pilaster montiert; unterhalb des Reliefs: Auflistung der Kindernamen; Künstler: Leonid Mogilevski (Russisch, 1931-); Bronze: 0,30 m breit 0,60 m hoch; platziert am 13. Juli 2001; Initiative von und bezahlt von Hamburger Bürgern; markiert mit einer jährlichen Gedenkfeier am 20. April. Ort: Roman-Zeller-Platz (Hamburg-Schnelsen) mini|140x140px|Gedenkstein in der Italienischen Kriegsgräberstätte Hamburg-Öjendorf an Sergio De Simone und die übrigen 19 ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm. Mania Altmann (* 7. April 1938 in Radom, Polen)Thomas Schattner: In: Rundbrief, Verein zur Förderung der Gedenkstätte und des Archives Breitenau e. V., 2005, Nr. 24, S. 57–62, hier S. 60 (mit Foto von Strippel); ., bei ihrer Ermordung sieben Jahre alt. Sie war die Tochter des Schuhmachers Shir Altman und seiner Frau Pola. Im Frühjahr 1941 zwangen die Deutschen die Familie wie auch die sonstige jüdische Bevölkerung von Radom, im Ghetto der Stadt zu leben. Im Sommer 1944 erfolgte dann die Deportation der Familie in das Konzentrationslager Auschwitz. Während der Vater weiter in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert wurde, wo er kurz vor Kriegsende starb, wurde Pola Altman im Oktober 1944 in das Konzentrationslager Groß-Rosen deportiert. Sie wurde im Mai 1945 von alliierten Truppen befreit. 1951 wanderte sie mit ihrem Schwager Chaim Altman in die Vereinigten Staaten aus. Mania Altman verblieb zunächst in Auschwitz und wurde dann am 20. November 1944 in das KZ Neuengamme deportiert.

Pola Altman hat bis zu ihrem Tod 1971 in Chicago niemals Informationen über das Schicksal ihrer Tochter erhalten.Mania Altman. Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm e. V.; abgerufen am 17. März 2022

Lelka Birnbaum, im Alter von zwölf Jahren ermordet, polnische Jüdin. Über sie ist kaum mehr bekannt als ihr Name. Im Jahr 1996 wurden eine Straße in Hamburg-Burgwedel sowie eine Kindertagesstätte in Hamburg-St. Pauli nach ihr benannt.

Sergio De Simone (* 29. November 1937), sieben Jahre alt. Sergio De Simone lebte mit seinen Eltern in Neapel. Sein Vater Edoardo De Simone, ein Schiffsoffizier, war katholisch, seine Mutter Gisella, geborene Perlow, war Jüdin. Edoardo De Simone wurde als Zwangsarbeiter nach Dortmund verschleppt. Gisella und Sergio De Simone zogen im Sommer 1943 aufgrund alliierter Bombardements zu Verwandten nach Fiume Veneto in Norditalien. In Fiume wurden der sechsjährige Sergio, seine Mutter und sieben weitere Familienmitglieder – darunter auch seine Cousinen Alessandra und Tatiana – am 21. März 1944 verhaftet, in das Sammellager San Sabba bei Triest gebracht. Am 4. April 1944 wurde Sergio De Simone in das KZ Auschwitz deportiert, wo er in den Kinderbaracken untergebracht wurde. Im KZ arbeitete der Junge als Läufer – bis eines Tages ein Mann zur Kinderbaracke kam und fragte, wer seine Mutter wiedersehen möchte. Sergio trat vor, woraufhin er für die Menschenversuche in das KZ Neuengamme verbracht wurde.

Seine Mutter Gisella De Simone kam im Frühjahr 1945 in das KZ Ravensbrück. Hier erlebte sie die Befreiung. Erst im November 1945 kehrte sie nach Italien zurück, wo sie ihren Mann wieder traf. Die Eltern wussten ab Ende der 1940er Jahre, dass er vom KZ Auschwitz in ein Konzentrationslager im Westen gekommen war.

Edoardo De Simone starb 1964, ohne näheres über das Schicksal seines Sohnes erfahren zu haben. Gisella De Simone erfuhr 1983 von dem Verbrechen und nahm am 20. April 1984 an der Gedenkfeier in Hamburg teil. Sie wollte aber nicht glauben, dass ihr Sohn tot war, und hoffte bis zu ihrem Tod, dass er noch lebte. Die Cousinen Alessandra und Tatiana überlebten und wirkten als Zeitzeugen in der ARD-Dokumentation mit.Seine Mutter hoffte bis zum Tod, dass er lebte. In: Bergdorfer Zeitung, 19. Oktober 2021; abgerufen am 17. März 2022.

mini|Sergio De Simone mit seinen Cousinen Andra und Tatiana Bucci Sara Goldfinger, im Alter von elf Jahren ermordet, polnische Jüdin. Das Mädchen stammte aus Ostrowiec. Laut dem Internationalen Suchdienst wurde das Mädchen am 3. August 1944 mit einem Transport von etwa 300 Gefangenen aus dem Zwangsarbeitslager Ostrowiec in das KZ Auschwitz gebracht.