Elisabeth Paul (* 25. April 1895 in Darmstadt; † 4. Februar 1991 in London), geborene Elisabeth Selver, war eine deutsche Literaturwissenschaftlerin und Reformpädagogin, die 1936 zusammen mit ihrem späteren Ehemann nach Großbritannien emigrierte, wo sie 1937 in London eine wenige Jahre zuvor gegründete Schule erwarb und zu einer über Jahrzehnte hinweg angesehenen konfessionell ungebundenen und koedukativen Schule ausbaute. Diese St. Mary’s Town and Country School war ihrem Selbstverständnis nach eine reformpädagogische Einrichtung, die den Schulen im Exil zugerechnet werden kann.
Leben vor der Emigration Familie und Schulausbildung Elisabeth Paul wurde am 25. April 1895 als Elisabeth Selver in Darmstadt geboren als jüngstes Kind von David Selver und Amalie geborene Neustein (geb. 27. August 1867 in Nürnberg; gest. 17. Mai 1948 in Rugby (Warwickshire)).An diesem Geburtsdatum gibt es keinen Zweifel, es ist durch das Melderegister eindeutig bestimmt. Allerdings hat Elisabeth Selver später selber für Verwirrung gesorgt, als sie zu unterschiedlichen Anlässen unterschiedliche Angaben über ihr Alter machte. Auf einer Webseite der „St. Mary’s School“ werden gleich mehrere Daten aufgelistet: In einer Kopie ihres Studienbuches aus Paris aus dem Jahre 1928 ist handschriftlich ein Geburtsdatum eingetragen, das sich mit einiger Mühe als 25. VI. 1908 entziffern lässt. An gleicher Stelle wird auf ihre Todesurkunde verwiesen, die das Geburtsdatum 11. März 1892 trage. Und schließlich bleibt noch das englische Heiratsregister, in dem sie sich 1937 mit einem Alter von 41 Jahren eintragen ließ, das auf ein Geburtsjahr 1896 verweist. (Mrs. Paul). Dieses Spiel mit dem eigenen Alter scheint eine lebenslange Eigenheit von Elsabeth Selver geblieben zu sein. Aus Anlass der Schließung der „St. Mary’s School“ besuchte sie 1982 eine Reporterin des The Daily Telegraph. In deren Artikel heißt es: „Sie gibt zu, in den späten 80er Jahren zu sein, weigert sich aber genau zu sein, denn‚ wenn die Kinder wüssten, wie alt ich bin, wäre es mir nicht mehr möglich, Direktorin zu werden‘.“ Sie spielt damit auf ihren zu diesem Zeitpunkt abwegigen Gedanken an, die amtlicherseits geschlossene Schule noch einmal eröffnen zu können. (Margot Norman: Inspectors in row over closed progressive school. The Daily Telegraph, 27th September 1982, übersetzt nach: TOWN & COUNTRY'S DEMISE) Elisabeths älterer Bruder, Paul Friedrich, wurde am 10. Januar 1893 in Darmstadt geboren und fiel im Ersten WeltkriegZur Geschichte der jüdischen Gemeinde Darmstadt; im Melderegister ist als Todesdatum der 27. Mai 1915 eingetragen. mini|hochkant|Elternhaus in Darmstadt Von Ostern 1901 an besuchte sie das Reinecksche Seminar und die Viktoriaschule, „die ich nach Erreichen des Schulziels Ostern 1911 verliess“.
Zur gleichen Zeit wie Elisabeth Selver besuchte auch die spätere Musikwissenschaftlerin Elisabeth Noack die Viktoriaschule. Vermutlich seit dieser Zeit verband die beiden eine lebenslange Freundschaft, auf die noch zurückzukommen sein wird.
Auslandsaufenthalte und Studium Das von Elisabeth Selver 1911 erreichte Schulziel entsprach lediglich der besonders für Frauen damals üblichen kleinen Matrikel, die nur einen eingeschränkten Zugang zur Universität oder die Ausbildung an einem (Volksschul-)Lehrerinnenseminar erlaubte. Selver beschritt zunächst keinen dieser beiden Wege, sondern verbesserte ihre Sprachkenntnisse, zunächst von Mai bis Weihnachten 1911 sowie von Oktober 1912 bis März 1913 in Nancy, wo sie ein Diplom der Alliance française sowie ein „Certificat d'études de français“ der dortigen Universität erwarb. Im Anschluss daran, von April bis Oktober 1913, ging sie nach Großbritannien und besuchte das Royal-Albert-Memorial College an der University of Exeter.History of the Exeter University Der Aufenthalt endete mit der bestandenen „Prüfung des Summer-Meetings“ an der University of Oxford.
44 Studentinnen und Studenten nahmen zum Wintersemester 1914/15 ihr Studium an der gerade erst gegründeten Königlichen Universität zu Frankfurt am Main auf, eine davon war Elisabeth Selver. „Aufgrund der kleinen Matrikel besuchte ich an der Universität Frankfurt vom W.-Semester 1914/15 bis Semesterschluss 1917 Vorlesungen und Seminarien aus dem Gebiet der neueren Philologie. Ostern 1918 bestand ich die Reifeprüfung an der Studienanstalt in Darmstadt.“ Die universitären Vorbereitungen auf die Reifeprüfung waren laut einer Bestätigung des damaligen Rektors vom 8. Oktober 1917 mit dem Ende des Sommersemesters 1917 abgeschlossen.
Im Sommersemester 1918 studierte Selver an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und wechselte zum Wintersemester 1918/19 an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. In ihrem Lebenslauf schreibt sie hingegen: „Von 1918 bis jetzt studierte ich an der Universität Frankfurt a. M.“ Dieser Eintrag ist möglicherweise nicht korrekt. Es gibt in den Unterlagen des Universitätsarchivs in Frankfurt keine Anmeldekarte von Selver aus dem Jahre 1918, die ihre Rückmeldung bestätigt, dafür aber eine Anmeldekarte vom 8. Mai 1919. Auf der wird als zuletzt besuchte Hochschule Heidelberg genannt. Ihr dortiger Wohnsitz in der Leerbachstraße 12 ist auf der Karte durchgestrichen und mit dem Vermerk „aufgehoben“ versehen.
Auch über ihre Studieninhalte in Frankfurt schreibt Selver in ihrem Lebenslauf nichts. Die Anmeldekarten zur Universität besagen aber, dass sie für „Neuere Philologie“ eingeschrieben war. Entsprechend waren ihre mündlichen Prüfungsfächer im Rahmen ihrer Promotion auch „Germanische Philologie“, „Romanische Philogie“ und „Englische Philologie“. Im Umfeld dieses Kanons bewegten sich auch bereits die Lehrveranstaltungen, die sie zur Vorbereitung auf die Reifeprüfung von 1914 bis 1917 besucht hatte.
Ihr Lebenslauf endet mit einem Dank an „Herrn Prof. Schultz, der mir die Anregung zu meiner Dissertation gab“. Als weitere Professoren, bei denen sie studiert hat, erwähnt sie Hans Cornelius in Frankfurt, Johannes Hoops in Heidelberg, Hans Naumann in Frankfurt, Fritz Neumann in Heidelberg, Julius Petersen in Frankfurt und Wilhelm Meyer-Lübke in Bonn. Ihre Dissertation trägt den Titel „Der zyklische Bau der Dichtungen Stefan Georges: von den ‚Hymnen‘ bis zum ‚Teppich des Lebens‘“.Ein maschinenschriftliches Exemplar befindet sich im Bestand der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main: Der zyklische Bau der Dichtungen Stefan Georges. Das „Protokoll zur mündlichen Doktorprüfung von Fräulein Elisabeth Selver“ vom 27. Juli 1923 endete mit der Gesamtnote „gut“.
Anreger und Wegbereiter Wie zuvor zitiert, soll der Frankfurter Neugermanist Franz Schultz die Anregung zu Selvers Dissertation gegeben haben. Schultz war 1921 als Nachfolger von Julius Petersen auf dessen Lehrstuhl in Frankfurt berufen worden. Zu seinem Repertoire gehörten zwischen 1921 und 1950 immer wieder Veranstaltungen zu zeitgenössischen Autoren, auch zu George, Rilke und Hauptmann,Frank Estelmann, Olaf Müller: Angepasster Alltag in Germanistik und Romanistik. Franz Schultz und die Frankfurter Germanistik. S. 36. und im Sommerhalbjahr 1922 kündigte er unter anderem eine Veranstaltung „Deutsche Dichter der Gegenwart“ an, der im Winterhalbjahr 1922/23 die Veranstaltung „Deutsche Dichtung neuester Zeit“ folgte.Die entsprechenden Vorlesungsverzeichnisse der Universität Frankfurt sind online einsehbar: Vorlesungsverzeichnisse der Goethe-Universität Da Elisabeth Selver ihre Dissertation bereits in der ersten Hälfte des Jahres 1923 abgeschlossen hat, Schultz aber erst im Wintersemester 1921/22 seine Lehrtätigkeit in Frankfurt aufgenommen hatte, hieße das, dass ihr für Themenwahl und Ausarbeitung der Dissertation kaum mehr als ein Jahr zur Verfügung gestanden hätte. Andere Einflüsse als die von Schultz auf die Wahl des Dissertationsthemas wären deshalb naheliegend.
In Karl und Hanna Wolfskehls Briefwechsel mit Friedrich Gundolf findet sich in einer Anmerkung der Herausgeber der Hinweis: „David Selver, der Rabbiner der jüdischen Gemeinde Darmstadt, stand in freundschaftlicher und wohl auch seelsorgerischer Beziehung zu den Darmstädter Familien Gundelfinger und Wolfskehl.“Karl und Hanna Wolfskehl: Briefwechsel mit Friedrich Gundolf, 1899–1931. Band 1, Anmerkung 25, S. 247. Gundelfinger ist der ursprüngliche Familienname von Friedrich Gundolf.
Diese hier angedeutete enge Beziehung zwischen den drei Familien wird auch in anderen Quellen mehrfach betont, so etwa in dem von Gunilla Eschenbach und Helmuth Mojem herausgegebenen Briefwechsel zwischen Friedrich Gundolf und Elisabeth Salomon. In einem dort abgedruckten Brief Gundolfs vom 22. November 1918 aus Darmstadt an Elisabeth Salomon schreibt er: „Ich führe hier ein viel stilleres Leben als in Berlin, sehe nur Kühners oder Selvers und de Haans.“ Dazu eine Anmerkung der Herausgeber auf der gleichen Seite: „Kühners oder Selvers und de Haans. Darmstädter Bekannte; Else Kühner, die Freundin Ernst Gundolfs, die Familie des Rabbiners David Selver (1856–1926), mit dessen Tochter Elisabeth (1895–1991), später verheiratete Paul, FG befreundet war – sie sollte 1923 eine Dissertation über Georges Dichtung verfassen –, die Familie des Dirigenten Willem de Haan (1849–1930), Karl Wolfskehls Schwiegervater.“Gunilla Eschenbach, Helmuth Mojem (Hrsg.): Friedrich Gundolf – Elisabeth Salomon. Briefwechsel 1914–1931, S. 153, und dort auch die Anmerkung 194
Diese engen familiär-freundschaftlichen Beziehungen führen – insbesondere durch die Personen von Karl Wolfskehl und Friedrich Gundolf – direkt zu Stefan George und in den inneren Zirkel des George-Kreises. Dazu schreibt Elisabeth Selvers Freundin, Elisabeth Noack, am 27. Dezember 1957: „Auch wurde im Hause Selver schon früh die Bedeutung des Dichters Stefan George erkannt und die Berührung mit dem George-Kreis durch Karl Wolfskehl (..) zum Ereignis. So wurde es für Frau Dr. Elisabeth Paul-Selver als zwingende Aufgabe empfunden, mit einer Arbeit über Stefan George zu promovieren.“Entschädigungsakte Elisabeth Paul Und auch Hertha Luise Busemann geht im Abschlussbericht des Forschungsprojekts über die Private Waldschule Kaliski davon aus, dass das Dissertationsthema „nach der Freundschaft zwischen ihrem Vater und Karl Wolfskehl, der zum George-Kreis gehörte, wohl nicht zufällig gewählt“ worden war.Hertha Luise Busemann et al.: Die Private Waldschule Kaliski in Berlin-Grunewald (PriWaKi), S. 415 f.
Zudem müssen Elisabeth Selvers Beziehungen zu Friedrich Gundolf sehr eng gewesen sein, vertraut und freundschaftlich, was sich unter anderem aus einem Brief von ihm vom 15. April 1920, wiederum in Darmstadt verfasst, an Elisabeth Salomon ergibt: „Gestern habe ich einen schönen Frühlingsspaziergang mit der schönen Liesel S. gemacht, Primeln gepflückt und dein Lob gesungen: besonders die Schönheit deines Gesichts wurde gepriesen und dabei wieder die Linie von Nase zu Oberlippe (…) So Sachen seh ich kaum – ich dachte an deine Beine, pries sie aber nicht.“Gunilla Eschenbach, Helmuth Mojem (Hrsg.): Friedrich Gundolf – Elisabeth Salomon. Briefwechsel 1914–1931. S. 122. Liesel S. ist nach Eschenbach/Mojem niemand anders als Elisabeth Selver.
Die Jahre 1923 bis 1931 Elisabeth Selvers Lebenslauf aus der Promotionsakte ist für lange Jahre das letzte Dokument, das direkt über ihr Leben Auskunft gibt. Mit ihrer Dissertation enden zunächst einmal ihre Spuren. Auch im Melderegister Darmstadt ist nach einem Eintrag aus dem Jahr 1919, der einen vorübergehenden Aufenthalt in Frankfurt dokumentiert, erst wieder 1932 von ihr die Rede. Eingetragen ist da der 25. April 1932, das Datum ihrer Abmeldung nach Berlin.