Als jugoslawisch-österreichische Beziehungen werden die diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen der Republik Österreich und Jugoslawien, beziehungsweise den Nachfolgestaaten der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien ab 1991 bezeichnet.

Geschichte Beginn der Beziehungen 1918 mini|Auflösung Österreich-Ungarns nach dem Vertrag von Saint-Germain 1919|320x320px

Der Beginn der österreichisch-jugoslawischen Beziehungen kann auf das Jahr 1918 datiert werden. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns erfolgte die Proklamation der Provisorischen Nationalversammlung der Republik Deutsch-Österreich (ab 1919: Republik Österreich) am 12. November 1918 und die Ausrufung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) am 1. Dezember 1918. Damit wurden Österreich und Jugoslawien offiziell zu Nachbarn. Vor 1918 waren Kroatien und Slowenien Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie gewesen, deren Auflösung eines der Kernziele des Königreichs Serbien im Ersten Weltkrieg darstellte. Der Vertrag von Saint-Germain 1919 regelte nach dem Ersten Weltkrieg die Auflösung der österreichischen Reichshälfte der Donaumonarchie und sprach Dalmatien, Krain, Teile der Untersteiermark sowie das Kärntner Mießtal und das Seeland dem neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zu. Die provisorische Ordnung nach den Pariser Friedensverträgen belastete die Beziehungen zwischen Österreich und Jugoslawien erheblich, denn der territoriale Status Österreichs wurde weder in Österreich selbst noch in seinen Nachbarstaaten (inkl. Jugoslawiens) akzeptiert. In den Jahren nach 1919 herrschte im neu entstandenen Königreich Jugoslawien die Angst einer möglichen Restauration der österreichisch-ungarischen Monarchie. Die Politikwissenschaftler Mira Csarman und Hans-Georg Heinrich schreiben, dass sich „Proteste gegen wirkliche oder angebliche Restaurationspläne wie ein roter Faden durch die österreichisch-jugoslawischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit ziehen“. Innenpolitisch gesehen stellte sich das alte Nationalitätenproblem der österreichisch-ungarischen Monarchie nun in neuer Form dar. Da Jugoslawien ebenso ein Vielvölkerstaat war wie zuvor Österreich-Ungarn, wurde einerseits versucht, einen Ausgleich zwischen den Nationalitäten zu finden, andererseits versuchte Serbien, eine dominante Rolle innerhalb des Reiches zu entfalten.

Die tatsächliche Grenzziehung zwischen Österreich und Jugoslawien wurde am 10. Oktober 1920 festgelegt, als die Volksabstimmung 1920 in Kärnten (welche im Vertrag von Saint-Germain festgesetzt worden war) zugunsten Österreichs ausfiel. Offiziell wurde die Grenzziehung durch Jugoslawien aber erst nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich anerkannt. Diese Anerkennung betraf also die Grenzen zum Deutschen Reich und nicht zu Österreich als eigenständigen Staat.

Aussetzen der Beziehungen im Zweiten Weltkrieg (1938–1945) Nach dem „Anschluss Österreichs“ an das Deutsche Reich 1938 und dem deutschen und italienischen Balkanfeldzug 1941 existierten weder Österreich noch Jugoslawien als eigenständige Staaten. Der SHS-Staat wurde in mehrere Vasallenstaaten, darunter Serbien, den faschistischen Unabhängigen Staat Kroatien und den Unabhängigen Staat Montenegro, aufgeteilt; Slowenien wurde unter Deutschland, Italien und Ungarn aufgeteilt, und somit gab es im Zweiten Weltkrieg keine diplomatischen Beziehungen. Gleichzeitig sollten die im Widerstand gegen Nazi-Deutschland entstandene Partisanenbewegung sowie der Antifaschismus aber auch der nach dem Ende des Nationalsozialismus in manchen politischen Kreisen vertretene Antikommunismus und Deutschnationalismus die österreichisch-jugoslawischen Beziehungen nach dem Krieg prägen.

Beziehungen zwischen der Zweiten Republik und der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien Gespanntes Verhältnis in der Nachkriegszeit (1945–1973) mini|Österreichisch-jugoslawischer Grenzübergang am Loiblpass um 1959.

Das Verhältnis zwischen der Zweiten Republik und der neu gegründeten Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien war zu Beginn von Spannungen geladen, die sich zunächst im Massaker von Bleiburg ab Mai 1945 entluden. 1947 griffen die Kämpfe zwischen der slowenischen Landwehr und jugoslawischen Tito-Anhängern auf österreichisches Staatsgebiet über. Weiteren Zündstoff boten die von Jugoslawien gestellten Gebietsansprüche, konzentriert auf die Südweststeiermark und einen bis in eine Tiefe von ca. vierzig Kilometern reichenden Teil Kärntens. Wie Der Spiegel berichtete, kam es in dem Zusammenhang zu Grenzüberschreitungen durch Verbände der slowenischen Partisanenorganisation Osvobodilna Fronta. Hatten die jugoslawischen Forderungen bei einer Außenministerkonferenz im November in London im Zuge der Staatsvertragsverhandlungen noch auf der Tagesordnung gestanden, wurden diese mit dem 1948 erfolgten Bruch zwischen Belgrad und Moskau allerdings mangels sowjetischer Unterstützung hinfällig.

mini|273x273px|Die Einführung zweisprachiger Ortstafeln in österreichischen Gemeinden mit slowenisch- bzw. kroatischsprachigen Bevölkerungsteilen war lange Zeit Streitthema in den österreichisch-jugoslawischen Beziehungen. Mit der Wiederherstellung eines souveränen Österreichs innerhalb der Landesgrenzen von 1918 im Österreichischen Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 wurden zeitgleich wesentliche Parameter der bilateralen Beziehungen zur SFRJ geschaffen. Auf dem konsolidierten Staatsgebiet lebten nun slowenisch- und kroatischsprachige Minderheiten, deren gleiche Rechtsstellung gegenüber der Mehrheitsbevölkerung zu gewährleisten Österreich sich im Artikel 7 des Staatsvertrages verpflichtete. Das Erfüllungssoll hinsichtlich dieser und weiterer Verpflichtungen, v. a. über die Einführung von Slowenisch- bzw. Kroatischunterricht und mehrsprachigen Ortstafeln (siehe Ortstafelstreit), wurde zu einer grundlegenden Determinante der österreichisch-jugoslawischen Beziehungen.

Die bilateralen Kontakte zwischen Österreich und Jugoslawien wurden bis Anfang der 1970er-Jahre von offizieller Seite als „kontinuierliche Verbesserung“ beschrieben, trotz der problematischen Stimmung gegen die slowenische Volksgruppe in Kärnten. Das Spannungsfeld zwischen deutschnationalen Kräften und der slowenischen Minderheit rückte durch die Verbreitung von aggressiver Propaganda – verbreitet unter anderem durch den Kärntner Heimatdienst (KHD) – stark in den Fokus. Nachdem die jugoslawische Presse mit verbalen Angriffen reagierte, konnte ein informelles Zusammenkommen von den jeweiligen Außenministern Rudolf Kirchschläger und Mirko Tepavac die Lage wiederum beruhigen. Mit einem Gesetz, das zweisprachige Ortstafeln in „205 Kärntner Ortschaften mit mindestens 20 % slowenischsprachiger Bevölkerung“ vorsah, wollte die SPÖ 1972 eine weitere Entspannung der innerösterreichischen und somit auch der bilateralen Verhältnisse erzielen.

Noch im selben Jahr kam es im Zuge des sogenannten Ortstafelsturms zum Abbau der zweisprachigen Ortstafeln, und auf den erneuten Vollzug des Gesetzes wurde verzichtet. Zusätzlich können „die illegalen Grenzübertritte von Ustaša-Angehörigen, die Verzögerung bei der Rückgabe von Restitutionsgütern, Probleme bei der Erfüllung des Archivsabkommens“ als Streitpunkte der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Jugoslawien am Beginn der 1970er-Jahre genannt werden, welche an zwei Treffen zwischen dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und Staatspräsident Josip Broz Tito 1975 besprochen wurden.

KSZE-Zusammenarbeit und Normalisierung der bilateralen Beziehungen (1973–1991) Durch den Ortstafelsturm wurde das bilaterale Klima einigermaßen vergiftet. Anlässlich der Vorbereitungen zur Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1973 fanden dann Österreich und Jugoslawien aufgrund ihrer ähnlichen geopolitischen Positionierung (beide waren weder Teil der NATO noch des Warschauer Paktes), der „Gruppe der neutralen und ungebundenen Teilnehmerstaaten der KSZE“ gemeinsame Grundlagen.Helmut Liedermann: Österreichs Image im ehemaligen Jugoslawien. In: Stefan August Lügenau (Hrsg.): Mit anderen Augen gesehen. Internationale Perzeptionen Österreichs 1955–1990 (=Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Band 2). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99105-2, S. 528.

Nach ersten Anbahnungsversuchen durch den österreichischen Botschafter in der SFRJ, Helmut Liedermann, kam es 1978 zu einem Meinungsaustausch zwischen den Außenministerien der beiden Länder, 1979 zu einem Besuch des jugoslawischen Ministers Vrhovec, was die erste Kontaktaufnahme im seit 1972 unterbrochenen Dialog auf Außenministerebene darstellte.Helmut Liedermann: Österreichs Image im ehemaligen Jugoslawien. In: Stefan August Lügenau (Hrsg.): Mit anderen Augen gesehen. Internationale Perzeptionen Österreichs 1955–1990 (=Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Band 2). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99105-2, S. 536. Es folgten weitere wechselseitige Besuche politischer Funktionäre beider Staaten sowie ein Treffen zwischen Bundeskanzler Kreisky und Ministerpräsident Đjuranović anlässlich des Beginns der Bauarbeiten für den Karawankentunnel, ebenfalls 1979. Ein Freundschaftsbesuch Kreiskys im Folgejahr in Jugoslawien erzeugte ein großes Medien-Echo; so schrieb die Borba, die Parteizeitung des BdKJ, am 8. April 1980 folgendes:

„[…]Im Laufe des heutigen Dialogs Đjuranović – Kreisky, der in einer herzlichen und offenen Atmosphäre geführt wurde und hauptsächlich der Erörterung der bilateralen Beziehungen gewidmet war, wurde beiderseits mit Zufriedenheit festgestellt, dass dieser Besuch neue Möglichkeiten für die Erweiterung der Zusammenarbeit erschließt, die sich insbesondere in letzter Zeit beschleunigt.

Gemeinsam wurde heute ebenfalls bestätigt, dass die geostrategische Lage des neutralen Österreich und des blockfreien Jugoslawien die beiden Länder zusätzlich auf gemeinsame Bemühungen hinweist, um der guten Nachbarschaft neue Qualitätsformen zu verleihen.“

Die jugoslawische Presse zeichnete Anfang der 1980er-Jahre ein zunehmend positives Österreichbild, das in den SFR-Teilrepubliken wahrgenommen wurde, nicht zuletzt aufgrund der Katastrophenhilfe Österreichs nach dem Erdbeben in Montenegro 1979. Allerdings gab es in der österreichischen Jugoslawienberichterstattung auch auffallend negative Einzelfälle, beispielsweise anlässlich der Vorbereitungen auf die Olympischen Winterspiele in Sarajevo.Helmut Liedermann: Österreichs Image im ehemaligen Jugoslawien. In: Stefan August Lügenau (Hrsg.): Mit anderen Augen gesehen. Internationale Perzeptionen Österreichs 1955–1990 (=Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Band 2). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99105-2, S. 547 f.

Insgesamt konsolidierten sich jedoch die bilateralen Beziehungen im Laufe der 1980er-Jahre. Nach Kreiskys Staatsbesuch nahmen er sowie Bundespräsident Kirchschläger und Außenminister Pahr am Begräbnis Titos am 8. Mai 1980 teil. 1984 gab es weitere wechselseitige Staatsbesuche durch politische Amtsträger, etwa Bundeskanzler Sinowatz und der Vorsitzende des jugoslawischen Staatspräsidiums, Špiljak. Wiederkehrende Diskussionspunkte waren die Gewährleistung von Minderheitenrechten gemäß Artikel 7 des Staatsvertrages, der Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die Situation jugoslawischer Gastarbeiter in Österreich, die gemeinsamen geostrategischen Interessen, der Umweltschutz sowie der jeweils geleistete Beitrag zur Verbesserung der Wirtschaftslage in Entwicklungsländern.Helmut Liedermann: Österreichs Image im ehemaligen Jugoslawien. In: Stefan August Lügenau (Hrsg.): Mit anderen Augen gesehen. Internationale Perzeptionen Österreichs 1955–1990 (=Österreichische Nationalgeschichte nach 1945. Band 2). Böhlau, Wien/Köln/Weimar 2002, ISBN 3-205-99105-2, S. 527–559.