mini|„Einsamkeit“ in einer Ausgabe von 1658Das ist eine Titelauflage der Ausgabe von 1657. Einsamkeit ist ein Sonett von Andreas Gryphius, berühmt, oft interpretiert,Drux 1993, S. 33; Borgstedt 2009, S. 347. zu den vanitas-Sonetten zählend.Borgstedt 2016, S. 103. Es wurde erstmals 1650 in Frankfurt am Main als sechstes der fünfzig Sonette von Gryphius’ Sonettsammlung „Das Ander Buch“ publiziert. Zu Gryphius’ Lebzeiten wurde es mit dem „Ander Buch“ 1657 in der ersten autorisierten Gesamtausgabe und 1663 in einer Ausgabe letzter Hand mit (nur orthographischen) Änderungen wiedergedruckt.
Die 1650er Fassung wurde 1963 neu gedruckt in Band 1 einer von Marian Szyrocki und Hugh Powell verantworteten Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke,Szyrocki 1963. die 1663er Fassung 2012 von Thomas Borgstedt.Borgstedt 2012. Thomas Borgstedt ist Germanist und seit 2002 Präsident der Internationalen Andreas Gryphius Gesellschaft. Internet-Quelle.
Text Die Texte sind Szyrockis und Borgstedts Neudrucken entnommen.
Einsambkeit. (1650)Szyrocki 1963, S. 68.
In dieser Einsamkeit / der mehr denn öden wüsten / Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemößte See: Beschaw’ ich jenes Thal vnd dieser Felsen höh’ Auff welchem Eulen nur vnd stille Vögel nisten. Hier fern von dem Pallast; weit von des Pövels lüsten / Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’ Wie auff nicht festem grund’ all vnser hoffen steh’ Wie die vor abend schmähn / die vor dem tag vnß grüßten. Die Höell / der rawe wald / der Todtenkopf / der Stein / Den auch die zeit aufffrist / die abgezehrten bein. Entwerffen in dem Mut vnzehliche gedancken. Der Mauren alter grauß / diß vngebaw’te Land Ist schön vnd fruchtbar mir / der eigentlich erkant / Das alles / ohn ein Geist / den GOt selbst hält / muß wancken. Einsamkeit. (1663)Borgstedt 2012, S. 39.
In diser Einsamkeit / der mehr denn öden Wüsten / Gestreckt auff wildes Kraut / an die bemoßte See: Beschau’ ich jenes Thal und diser Felsen Höh’ Auff welchem Eulen nur und stille Vögel nisten. Hir / fern von dem Pallast; weit von des Pövels Lüsten / Betracht ich: wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’ Wie / auff nicht festem Grund’ all unser Hoffen steh’ Wie die vor Abend schmähn / die vor dem Tag uns grüßten. Die Höl’ / der rauhe Wald / der Todtenkopff / der Stein / Den auch die Zeit aufffrist / die abgezehrten Bein. Entwerffen in dem Mutt unzehliche Gedancken. Der Mauren alter Grauß / diß ungebau’te Land Ist schön und fruchtbar mirDie Ausgabe von 1663 hat „nur“ statt „mir“, zweifellos ein Druckfehler; Spahr 1993, S. 47. / der eigentlich erkant / Daß alles / ohn ein Geist / den Gott selbst hält / muß wancken.
Interpretation Die Besprechung zitiert die Fassung von 1650. Eine besonders ausführliche und „überzeugende“Drux 1993, S. 33. Interpretation stammt von Wolfram Mauser.Mauser 1982/1988. Wolfram Mauser, * 1928 in Faistenau, Österreich, war von 1964 bis zu seiner Emeritierung 1993 Lehrstuhlinhaber für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Internet-Quelle. Form Das Gedicht ist wie Gryphius’ meiste Sonette in Alexandrinern verfasst. Das Reimschema lautet „abba abba“ für die Quartette und „ccd eed“ für die Terzette. Die Verse mit den „a“- und „d“-Reimen sind dreizehnsilbig, die Reime weiblich, die Verse mit den „b“-, „c“- und „e“-Reimen sind zwölfsilbig, daher hier entsprechend den Ausgaben von Szyrocki und Borgstedt eingerückt, die Reime männlich.
Erstes Quartett In der Einsamkeit einer „mehr denn öden wüsten“ befindet sich das lyrische Ich. Dies ist kein locus amoenus. „Gestreckt auff wildes Kraut“ lagert der Sprecher statt auf einer Blumenwiese, „an die bemößte See“ statt an einer rauschenden Quelle; statt schlagender Nachtigallen nisten hier „Eulen nur vnd stille Vögel“ – ein „invertierter locus amoenus“, locus desertus oder locus melancholicus;Watanabe-O’Kelly 1978, S. 67–73. von einer „Anachoreten-Landschaft“ spricht Dietrich Walter Jöns.Jöns 1966, S. 86. Jöns (1924–2011) war von 1966 bis 1992 als Germanist Professor an der Universität Mannheim. Internet-Quelle. Die Eule ist ein Vogel der Einsamkeit. So in den Psalmen, nach der Lutherbibel von 1545: „Jch bin gleich wie ein Rhordomel in der wüsten / Jch bin gleich wie ein Kützlin in den verstöreten Stedten.“In der Revision von 2017: . So bei Shakespeare, in dessen Titus Andronicus an einem locus desertus nichts gedeiht „unless the nightly owl or fatal raven“.Watanabe-O’Kelly 1978, S. 68–69.
Zweites Quartett Zur Einsamkeit in der Natur, auf die das „Hier“ anaphorisch hinweist, kommt in Vers 5 die Ferne von mitmenschlicher Gemeinschaft, „deren Extrempositionen in striktem metrischen und syntaktischen Parallelismus benannt werden“:Drux 1993, S. 34. „Hier fern von dem Pallast; weit von des Pövels lüsten.“ Der „Pallast“ steht für den Adel, der „Pövel“ – im Denken der Zeit charakterisiert durch die Unfähigkeit, Leidenschaften zu beherrschen – für die untersten Bevölkerungsschichten. Gemeint ist die Gesellschaft als Ganzes. In dieser Distanz von allem Ablenkenden vermag der Meditierende dem Wesen des Menschen nachzusinnen.
Mauser betont die Gliederung des Gedichts durch die Verben und zitiert dabei aus Grimms Wörterbuch.Mauser 1988, S. 232. Im ersten Quartett beschaut der Sprecher (Vers 3), im zweiten betrachtet er (Vers 7). „beschauen ist inniger als besehen, und betrachten nachdenklicher als beschauen <...> der beschauende sinnt nach, der betrachtende denkt nach. man kann keine beschauungen machen, sie erfolgen von selbst, betrachtungen aber müssen gemacht werden.“Retrodigitalisierung mit Möglichkeit der Volltextsuche. Die bewusste Betrachtung also lehrt das Ich die alles beherrschende Eigenschaft des Menschseins: „wie der Mensch in Eitelkeit vergeh’“ – die Eitelkeit, vanitas alles Irdischen.
Erstes Terzett Der Blick richtet sich wieder auf die Natur. Die Höell / der rawe wald / der Todtenkopf / der Stein / Den auch die zeit aufffrist / die abgezehrten bein sind weitere Requisiten der vanitas, Metaphern der Geschöpflichkeit und Vergänglichkeit. „Die Natur der Natur ist für Gryphius in letzter Instanz immer, daß sie ein ens creatumErschaffenes Sein. ist. Das ist das ontologisch Gemeinsame all dieser Dinge. Und wie alles Geschaffene auf den Schöpfer verweist, so sind auch diese Dinge Sinnbilder seiner Wirklichkeit.“Jöns 1966, S. 88. Das kennzeichnende Verb des Terzetts ist „Entwerffen“: Entwerffen in dem Mut vnzehliche gedancken. Das Wort „Mut“ hat nach Grimms Wörterbuch „den allgemeinen sinn des menschlichen innern als sitz des fühlens, denkens, begehrens, strebens überhaupt, was sich noch in unserm gemüt theilweise bewahrt hat.“ Die das Signum des Verfalls tragenden Dinge nehmen den Betrachter ganz in Anspruch, sein Fühlen, Denken, Begehren, Streben. „‚Entwerffen‘ die Dinge ‚in dem Mut vnzehliche gedancken‘, so bedeutet das die im meditierenden Betrachten vernommene Sprache der Schöpfung.“Jöns 1966, S. 89.
Zweites Terzett Diese Sprache der Schöpfung wird dem Sprecher-Ich im zweiten Terzett „schön vnd fruchtbar“, lässt das Ich – viertes der gliedernden Verben – erkennen. Ist schön vnd fruchtbar mir / der eigentlich erkant / Das alles / ohn ein Geist / den GOt selbst hält / muß wancken. Bei aller vanitas, „Eitelkeit“ (Vers 6) des Irdischen führt das Beschauen, Betrachten, „Entwerffen“ von „gedancken“ zu einer versöhnlichen Erkenntnis. Zu Staub zerfällt alles, wenn Gott sein Gesicht verbirgt. Sendet er aber seinen Geist aus, so wird es neu geschaffen, und er erneut das Angesicht der Erde. So nach der Lutherbibel von 1545: „Verbirgestu dein Angesicht / So erschrecken sie / Du nimpst weg jren odem / So vergehen sie / vnd werden wider zu Staub. Du lessest aus deinen Odem / so werden sie geschaffen / Vnd vernewest die gestalt der Erden.“In der Revision von 2017: . So nach dem Hebräerbrief: Gottes Sohn „ist der Glantz <von Gottes> Herrligkeit / vnd das Ebenbilde seines wesens / vnd tregt alle ding mit seinem krefftigen Wort.“In der Revision von 2017: .
„Von dieser Grundlage barocken Bibelchristentums aus wird im Sichtbaren und Zeitlichen das Unsichtbare und Ewige, Gott als Schöpfer und Erhalter alles Seienden gesehen, und auf die Betonung dieser Perspektive, die die in ihrer faktischen Beschaffenheit unfruchtbare und dem Auge keine Schönheit bietende Einöde ‚schön vnd fruchtbar‘ werden läßt, kommt es Gryphius an, wie der in dialektischer Antithetik herausgearbeitete Schluß des Sonetts zeigt.“Jöns 1966, S. 90.
Das Ganze „Nicht-lyrische Lyrik“ Für Gerhard Fricke tritt 1933 in „Einsamkeit“ „das Miteinander von Landschaftscharakter und Seelenstimmung,Frickes Sperrsatz. wie es für den barocken Dichter möglich ist, in repräsentativer Weise hervor.“ Das Gedicht zeige den Dichter in seiner Landschaft. Jedoch fehle „jegliche poetische Stimmung“. Meer und Gebirge verkörperten, „noch frei von jedem ästhetisch-erhabenen, autonomen Stimmungsgehalt, nur die Elemente der Unfruchtbarkeit, der Wüstenei und der Zerstörung“. Der Landschaft fehle „nicht nur alle lyrische Beseelung, alle Bewegung, ja, alles Organische, – in ihrer gänzlich unverwandelten, fremden Dinglichkeit“ gleiche „sie selber einem Friedhof und Trümmerhaufen der Natur“. Eben darin liege „für den betrachtenden Blick des Dichters ihr Erbauliches“. Der Dichter umgebe sich mit Höhle, Wald, Stein, unfruchtbarem Feld, Totenkopf, Gerippe und Ruine, einer in Fragmente aufgelösten Welt. „Nachdem sie auf solche Weise unserem Gefühl nach für die dichterische Verwendung unbrauchbar gemacht ist, wird sie für G. gerade ‚schön vnd fruchtbar‘, quellend vor Anregungen und erfüllt von Bedeutung. Eben damit ist aber das, was an der Natur ‚Natur‘ ist, völlig nivelliert.“ Literarische Künstlichkeit und Konvention schließe „jede unmittelbare und ursprüngliche Wirkung der Natur“ aus.Fricke 1933/1967, S. 153–156.
Spätere Interpreten haben viele Beobachtungen Frickes bestätigt, sein in der Summe negatives Urteil aber auf einen für Renaissance und Barock unangemessenen Begriff von Lyrik zurückgeführt. Emil Staiger hatte 1946 geschrieben: „Wir lesen an romantischen Liedern, an Liedern, die Goethe gedichtet, und andern Liedern, die diesen ähnlich sind, das Wesen des Lyrischen ab.“Zitiert bei Conrady 1962, S. 53. Karl Otto Conrady entgegnete 1962, Staigers Bestimmung greife allein im Bereich der goethischen und nachgoethischen „Erlebnislyrik“. Die vorgoethische, in Staigers Sinn „nicht-lyrische Lyrik“ gerate aus dem Gesichtskreis.Conrady 1962, S. 53. Erich Trunz führt 1992 aus, dass die Dichtung des Barock „in allem Naturhaften nur Embleme der Heilsordnung sah und nie das Gegenständlich-Einzelne, sondern nur das Gesetzlich-Allgemeine darstellen wollte“. Natürlich habe es das persönliche, besondere Erlebnis gegeben, ohne dieses hätte es die Dichtung nicht gegeben; aber man habe es gefiltert, bis das Allgemeine übrig blieb. Zur Bildlichkeit sei als zweites großes Stilmittel die Häufung gekommen. Die Dichter hätten, um die Sache gewiss richtig zu bezeichnen, möglichst viele Wörter aneinander gereiht. Die größten künstlerischen Leistungen, zum Beispiel die Sonette des Andreas Gryphius, hätten sich in Häufungen und Bildern bewegt, korrekte Alexandriner gebaut. In diesen strengen Formen, ja durch die Strenge dieser Form, habe sich das innerste Anliegen des Dichters ausgesprochen, die Überwindung des Chaos der Welt durch die christliche Heilsordnung.Trunz 1992, S. 12 und 32–35.