Der Wespenbussard (Pernis apivorus) ist eine Vogelart aus der Familie der Habichtartigen (Accipitridae). Er ist etwa so groß wie ein Mäusebussard. Die Art besiedelt den größten Teil Europas und das westliche Asien.

Der deutsche Name bezieht sich auf die besondere Nahrung, die vor allem aus der Brut sozialer Faltenwespen der Gattung Vespula besteht. Der Wespenbussard zeigt in Anpassung an diese spezielle Nahrung zahlreiche morphologische und phänologische Besonderheiten, so sind die Nasenlöcher schlitzförmig, insbesondere das Kopfgefieder ist sehr steif und die Füße sind für eine grabende Tätigkeit optimiert. Die Art kommt erst sehr spät aus den afrikanischen Winterquartieren zurück, so dass die Jungenaufzucht in die Zeit der größten Häufigkeit von Wespen, den Hochsommer, fällt.

Beschreibung mini|Heller, männlicher Wespenbussard im Flug – die arttypische Bänderung der Steuerfedern und der dunkle Fleck am Flügelbug sind gut erkennbar mini|Dunkel gefärbter Wespenbussard auf dem Durchzug über Fehmarn Wespenbussarde sind etwas größer als Mäusebussarde, sie sind auch langflügeliger und langschwänziger als diese Art, aber im Mittel etwas leichter. Die Körperlänge beträgt 50–60 cm, wovon 21–27 cm auf den Schwanz entfallen. Die Flügelspannweite beträgt 118–144 cm. Der Geschlechtsdimorphismus bezüglich der Größe ist sehr gering; Männchen erreichen 94 % der Größe der Weibchen. Männchen aus Mitteleuropa haben Flügellängen zwischen 383 und 441 mm, im Mittel 409 mm, Weibchen aus diesem Gebiet messen 397–430 mm, im Mittel 415 mm. Repräsentative Daten zum Gewicht liegen bisher offenbar kaum vor, im August wogen Männchen aus Europa 790–943 g, im Mittel 836 g; Weibchen 790–1050 g, im Mittel 963 g.

mini|Kopf eines adulten Weibchens Der Kopf wirkt etwas taubenähnlich, da der über dem Auge liegende Supraorbitalschild wenig ausgebildet ist. Adulte männliche Vögel haben in der Regel einen blaugrau gefärbten Kopf, bei Weibchen ist diese Färbung reduziert oder fehlt, sodass der Kopf wie die übrige Oberseite überwiegend braun ist. Der relativ kleine und schlanke Schnabel ist schwarzgrau. Bei Altvögeln ist die Wachshaut dunkelgrau und die Iris gelb. Die Beine sind ebenfalls gelb, die Krallen sind schwarz.

Bei adulten Vögeln ist die gesamte Oberseite fast einfarbig braun. Hand- und Armschwingen sowie der Stoß zeigen eine breite, dunkle Endbinde und außerdem zwei weitere, schmalere, dunkle Binden; die eine nahe der Basis und die zweite etwa auf Höhe des ersten Drittels der Federn. Im Gegensatz dazu weist der Stoß des Mäusebussards meistens 8–12 Querstreifen auf.

Die Unterseite ist erheblich variabler. Bei den meisten Vögeln sind Körper und alle Unterflügeldecken auf weißlichem Grund grob mittelbraun bis beigebraun quergebändert. Davon deutlich abgesetzt sind die weißlich grauen Schwingen und die ebenso gefärbte Schwanzunterseite. Die dunklen Binden der Schwingen und des Schwanzes sind wesentlich auffälliger als auf der Oberseite. Seltener sind Vögel mit sehr dunkler, dunkelbrauner Unterseite oder solche, die unterseits cremefarben bis fast weiß sind. In allen Färbungsvarianten zeigt die Art jedoch die dunklen Binden auf Schwanz und Schwingen sowie einen großen dunklen Bugfleck an der Vorderkante des Unterflügels, letzterer ist bei hellen Vögeln sehr auffällig.

mini|Porträt eines fast flüggen Wespenbussards Im Flug sind die Flügelenden deutlich gerundet, der Flügelhinterrand ist leicht s-förmig geschwungen. Die Schwanzlänge entspricht etwa der Flügelbreite, die Schwanzecken sind gerundet. Beim Kreisen werden die Flügel waagerecht gehalten, im Gleitflug meist leicht nach unten gebogen.

Jungvögel unterscheiden sich bis zur ersten Mauser deutlich von den adulten Tieren. Der Rumpf ist bei dunklen Vögeln einfarbig, bei hellen Vögeln vor allem auf Hals und Brust kräftig gefleckt oder gestrichelt. Flügel und Schwanz zeigen wie bei adulten Vögeln drei Binden, die Endbinde ist jedoch deutlich schmaler. Sowohl Schwanz als auch Schwingen sind zusätzlich mehr oder weniger regelmäßig dicht dunkel quergebändert, so dass die drei Binden insgesamt viel weniger auffallen. Die Wachshaut ist gelb, die Iris dunkelbraun.

mini|An das Graben angepasste Beine Der Wespenbussard zeigt in Anpassung an seine hochspezialisierte Ernährung einige besondere Merkmale, die ihn von allen anderen europäischen Greifvögeln unterscheiden. Der Schnabel ist für das Herausziehen von Wespenlarven aus Waben optimiert. Er ist relativ lang und schmal, der Oberschnabel ist nur schwach gekrümmt. Zum Schutz vor Stichen sind die Nasenlöcher schmal und schlitzförmig, das Gefieder am Kopf ist schuppenartig und vor allem in der Augenumgebung sehr dicht und steif. Die Beine sind vor allem an das Graben im Boden angepasst. Der Tarsometatarsus ist kurz und sehr kräftig, wobei der unbefiederte Teil sehr dick beschuppt ist. Die Krallen sind kaum gebogen.

Lautäußerungen Insgesamt sind Wespenbussarde im Vergleich zu anderen mitteleuropäischen Greifvogelarten auffallend still. Der noch am häufigsten zu hörende Balzruf ist ein mehrsilbiges, flötendes Wimmern oder Pfeifen, das etwa mit „bliüi-joid-joid“, „gliüü-hü-hü-hü-hü-ü“ oder „flieuw“ wiedergegeben werden kann. Dieser Ruf wird bei Balzflügen geäußert, aber auch bei Erregung oder Bedrohung. Noch seltener wahrgenommen wird ein vergleichsweise leiser, klappernder und in der Tonhöhe variierender „Rasselruf“, der vor allem bei der Ablösung des Partners am Nest eingesetzt wird.

Ebenfalls im Gegensatz zu den meisten anderen mitteleuropäischen Greifvogelarten sind auch junge Wespenbussarde nach dem Ausfliegen fast stumm. Nur wenn ein Altvogel mit Futter zum Horst kommt, rufen die Jungvögel gelegentlich und auch dann nur maximal etwa eine Minute lang. Diese Bettelrufe ähneln den Balzrufen der Altvögel.

Verbreitung mini|Verbreitung des Wespenbussards: Die Art bewohnt ein relativ kleines Areal in der westlichen Paläarktis. Das Verbreitungsgebiet umfasst den größten Teil Europas sowie das südwestliche Sibirien. Die östliche Arealgrenze ist bisher nicht genau bekannt, sie wird im Gebiet Tomsk – Nowosibirsk – Barnaul vermutet. Der Wespenbussard fehlt im atlantisch geprägten äußersten Westen und im Norden Europas. In Großbritannien kommt die Art nur im Süden und Osten sowie lokal im Osten Schottlands vor; die weitere nordwestliche beziehungsweise nördliche Verbreitungsgrenze verläuft durch das südöstliche Norwegen, Mittelschweden und Mittelfinnland und dann in Russland etwa zwischen 61° und 63° Nord.

Die südliche Verbreitungsgrenze verläuft durch Zentralspanien, Süditalien und durch den Süden Griechenlands. Weiter östlich teilt sich das Verbreitungsgebiet unter Umgehung der zentralasiatischen Steppenregion in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Die südliche Grenze des großflächigen nördlichen Teilareals folgt nach Norden der Westküste des Schwarzen Meeres. Der weitere Verlauf der Südgrenze ist dort ebenfalls nicht genau geklärt, sie verläuft vermutlich entlang einer Linie Wolgograd – Uralsk – Omsk bis in das nördliche Vorland des Altai. Das relativ schmale südliche Teilareal erstreckt sich am Nordrand der Türkei entlang und vom Ostufer des Schwarzen Meeres bis zum Kaukasus und bis in den Norden des Iran.

Das Verbreitungsgebiet des Wespenbussards umfasst damit im Wesentlichen die gemäßigte Zone des subkontinentalen bis kontinental geprägten Europas und des westlichsten Asien.

Systematik Für die Art werden keine Unterarten unterschieden. Einige Autoren betrachteten den sehr ähnlichen Schopfwespenbussard (Pernis ptilorhynchus) als Unterart des Wespenbussards, diese Zuordnung akzeptierten aufgrund morphologischer Unterschiede jedoch weder Glutz von Blotzheim et al.U. N. Glutz v. Blotzheim, K. M. Bauer, E. Bezzel: Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 4. 2., durchgesehene Auflage. 1989, S. 59. noch Ferguson-Lees & Christie.James Ferguson-Lees, David A. Christie: Raptors of the World. Christopher Helm, London, 2001, ISBN 0-7136-8026-1, S. 345. Eine molekulargenetische Untersuchung der Gattung Pernis bestätigte diese Auffassung, die beiden Arten stellen demnach auch keine Schwestertaxa dar.A. Gamauf, E. Haring: Molecular phylogeny and biogeography of Honey-buzzards (genera Pernis and Henicopernis) In: Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research. Bd. 42, Nr. 2, 2004, , S. 145–153, doi:10.1111/j.1439-0469.2004.00250.x.

Lebensraum Der Wespenbussard bewohnt zumindest teilweise bewaldete Landschaften aller Art; bevorzugt werden Waldbereiche, die durch Lichtungen oder abwechslungsreiche Ränder strukturiert sind oder die in der Nähe zu abwechslungsreichen Feuchtgebieten liegen. Das regelmäßige Vorkommen reicht vom Flachland bis in die montane Stufe, höchste Brutnachweise erfolgten in den Alpen auf etwa 1500 m.

Ernährung mini|Eingang zu einem Erdnest der Gemeinen Wespe. Nester dieser Wespe werden von Wespenbussarden häufig ausgegraben. Der Wespenbussard ist hinsichtlich seiner Ernährung hochspezialisiert und nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderstellung unter den europäischen Greifvögeln ein. Er ernährt sich zumindest im Brutgebiet ganz überwiegend von der Brut sozialer Faltenwespen der Gattung Vespula, in Mitteleuropa vor allem von der Brut der Deutschen Wespe und der Gemeinen Wespe. Die wesentliche Suchstrategie ist das ausdauernde Sitzen in Bäumen unterhalb der Baumkrone in aufgelockerten Wäldern, an Waldrändern und an ähnlichen, offenen Strukturen. Dabei suchen Wespenbussarde vermutlich nach fliegenden Wespen, die in Bodennähe verschwinden. Die gefundenen Nester werden ausgegraben und die Teile mit Larven und Puppen stückweise zum eigenen Nest transportiert, bis alle Waben ausgebeutet sind. Während des Grabens schließt der Wespenbussard seine Augen; die vor allem am Kopf sehr dichten Federn schützen den Vogel vor Stichen.

mini|start=2:52|end=8:00|Junge Wespenbussarde plündern ein Wespennest Neben Wespennestern werden auch die Nester von Hummeln ausgegraben. Kleine Wirbeltiere spielen vor allem in nassen und kühlen und damit wespenarmen Sommern eine wichtige Rolle, am häufigsten erbeutet die Art Frösche der Gattung Rana – sowohl „Grünfrösche“ (Teich-, See- und Kleiner Wasserfrosch) als auch Gras- und Moorfrösche. Auch nestjunge Vögel gehören regelmäßig zur Beute. Nach Magenuntersuchungen umfasst das Nahrungsspektrum neben diesen Hauptbeutetieren aber auch Reptilien sowie ein breites Spektrum von vor allem bodenbewohnenden Wirbellosen; viele dieser Arten fangen Wespenbussarde offenbar bei ausgedehnten Jagden zu Fuß. Kleine Säugetiere wie Mäuse sind hingegen seltene Ausnahmebeute. Aas nehmen Wespenbussarde nur selten zu sich; bisweilen an toten Tieren beobachtete Exemplare haben es in der Mehrzahl der Fälle auf die darin enthaltenen Fliegenmaden abgesehen. Im Spätsommer werden auch Früchte verzehrt, vor allem Pflaumen, Kirschen und Beeren.

Raumnutzung und Siedlungsdichte Bisher liegt nur eine Untersuchung zur Größe des Aktionsraumes in der Brutzeit mit Hilfe von Telemetriesendern vor. In den Jahren 1993–1995 wurden in Schleswig-Holstein zwei Männchen und zwei Weibchen besendert. Die beiden Männchen beflogen eine Fläche von 17,0 km² und 22,0 km². Sie zeigten deutliches Territorialverhalten, die durch Revierflüge markierte Fläche war jedoch deutlich kleiner und umfasste nur etwa 6,4 km² bzw. 3,8 km². Die beiden Weibchen nutzten etwa doppelt so große Flächen wie die Männchen, die beflogenen Areale waren 43,5 km² bzw. 45,0 km² groß. Die Weibchen zeigten kaum Territorialverhalten, und ihre Aktionsräume überschnitten sich großräumig mit denen von Artgenossen.F. Ziesemer: Raumnutzung und Verhalten von Wespenbussarden (Pernis apivorus) während der Jungenaufzucht und zu Beginn des Wegzuges – eine telemetrische Untersuchung. In: Corax. Bd. 17, 1997, , S. 19–34.