mini|hochkant|Bernhard Sekles, ca. 1913 Bernhard Sekles (geboren als Bernhard Seckeles 20. Juni 1872Frankfurt am Main, Standesbuch 1872, Nr. 1369, abgerufen über https://ancestry.com am 18. Dezember 2022 (abweichende Angabe: 20. März 1872Die Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG) verweist darauf, dass Sekles seinen Geburtstag immer am 20. Juni gefeiert habe, gibt aber dennoch unter Berufung auf die Friedhofsakten und die Grabsteininschrift, die beide von Sekles’ Frau Rosel stammen sollen, den 20. März 1872 als Geburtstag an. Auf dem aktuellen Grabstein ist allerdings der 20. Juni 1872 als Geburtstag zu lesen. Auch gibt die MGG fälschlich den Alten Jüdischen Friedhof als Begräbnisort an, der allerdings schon seit 1928 nicht mehr genutzt wird; tatsächlich befindet sich das Grab auf dem Neuen Jüdischen Friedhof.) in Frankfurt am Main; gestorben 8. Dezember 1934 ebenda) war ein deutscher Komponist, Dirigent, Pianist und Musikpädagoge.
Leben mini|Grabstein, Neuer Jüdischer Friedhof Frankfurt am Main Bernhard Sekles wurde als Sohn von Maximilian Seckeles und Anna (geb. Bischheim) am 20. Juni 1872 geboren. Der Name wurde später auf Bernhard Sekles geändert. Nach privater Unterweisung bei dem Komponisten Wilhelm Hill studierte Sekles ab 1888 am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main bei Engelbert Humperdinck (Instrumentation), Iwan Knorr (Komposition) und Lazzaro Uzielli (Klavier). Nach dem Studienabschluss wurde er Kapellmeister an den Theatern in Heidelberg (1893/94) und Mainz (1895/96). 1896 kehrte er als Lehrer ans Hoch’sche Konservatorium zurück, wo er zunächst Musiktheorie unterrichtete und ab 1906 auch Komposition. 1924 wurde er Direktor des Konservatoriums, das unter seiner Leitung durch die Einrichtung neuer Fächer bedeutend erweitert wurde (neu hinzu kamen: Dirigentenklasse, Opernschule, Privatmusiklehrer-Seminar, Institut für Kirchenmusik, Kurse für musikalische Früherziehung und Erwachsenenbildung).Peter Cahn. Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878–1978). Zugl. Frankfurt am Main, Univ., Diss., 1980. Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-7829-0214-9, S. 245–6 1928 gründete er zudem – gegen heftigen Widerstand konservativer Kreise – die erste Jazzklasse überhaupt und berief den jungen Mátyás Seiber zu deren Leiter.Ankündigung im Dezemberheft der Zeitschrift für Musik. 94, 1927, S. 706.Kathryn Smith Bowers: East Meets West. Contributions of Mátyás Seiber to Jazz in Germany. In: Michael J. Budds (Hrsg.): Jazz and the Germans. Essays on the influence of “hot” American idioms on 20th-century German music. Pendragon Press, Hillsdale, N.Y. 2002, ISBN 1-57647-072-5, S. 119–140, hier S. 122; . Zitat: Mátyás Seiber – Jazz-Pionier in Frankfurt in: Frankfurt 1933–1945, Institut für Stadtgeschichte, abgerufen am 24. Dezember 2022 Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde Sekles zum 31. August 1933 von den Nationalsozialisten entlassen und seine Musik verboten. Sekles starb in einem jüdischen Altersheim in Frankfurt am 8. Dezember 1934Heribert Schröder: Tanz- und Unterhaltungsmusik in Deutschland 1918–1933. Verlag für Systematische Musikwissenschaft, Bonn 1990, ISBN 3-922626-58-0, S. 378–389; . an Lungentuberkulose. Er wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt am Main begraben.
Am 22. Mai 2022 wurde ein Platz im Frankfurter Stadtteil Westend Bernhard-Sekles-Platz benannt.150 Jahre Sekles. In: Dr. Hoch’s Konservatorium, 22. Mai 2022.. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Mai 2022.Bernhard-Sekles-Platz. In: Geoportal der Stadt Frankfurt am Main.
Musik Sekles begann als Lieder-Komponist in der Nachfolge von Brahms. Es folgten Kammermusiken, Orchester- und Bühnenwerke, mit denen er sich in Richtung Impressionismus bewegte und die ihm zunehmende Bekanntheit brachten. Daneben flossen Elemente außereuropäischer Musikkulturen sowie die kontrapunktische Linearität der „Neuen Sachlichkeit“ in sein Schaffen ein. Dieses weist eine ungewöhnlich große stilistische Bandbreite auf, die sich zwischen spätromantischer Tonalität, exotischer Modalität und gemäßigt moderner Harmonik bis an die Grenze zur Atonalität bewegt. Als besonders charakteristisch und typisch gilt sein musikalischer Exotismus, der ihn als einen Pionier des Transkulturalismus ausweist. Sein Schüler Adorno, der ihn 1922 zum 50. Geburtstag porträtiert hat, hebt Sekles’ lyrische Begabung hervor und erwähnt die Opern Scheherazade und Hochzeit des Fauns sowie die 15 Gesichte für kleines Orchester als besonders gelungen. Adorno lobt Sekles bei dieser Gelegenheit auch für seine „warme Menschlichkeit, die alles Technische mit Leben und Verantwortung erfüllt; auch um seiner klugen Methodik und sachlichen Strenge gegen alles Verblasene, Unorganische und Gemachte willen“.Theodor W. Adorno: Bernhard Sekles zum 50. Geburtstag. In: Gesammelte Schriften. Band 18. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-57695-X, S. 269 f. Später hat sich Adorno kritischer über Sekles, der ihm „die atonalen Mucken auszutreiben versuchte“, geäußert.Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1951, S. 291. Auf das Erstarken des militanten Antisemitismus gegen Ende der Weimarer Republik reagierte Sekles mit einer zunehmenden Hinwendung zu seinen jüdischen Wurzeln, was seinen musikalischen Niederschlag etwa in dem Orchesterwerk Der Dybuk und dem Männerchor Vater Noah fand. Nach seiner Entlassung durch die Nazis im Jahr 1933 fand er in der Psalmkomposition An den Wassern Babylons saßen wir und weinten (Psalm 137) zu einer sakralen Schlichtheit von großer Eindringlichkeit. Sekles’ Musik verschwand nach ihrem Verbot 1933 aus dem Musikleben und geriet in Vergessenheit. Ihre Wiederentdeckung steht immer noch aus.
Werke (Auswahl)
Kompositionen
Verlage: Schott, Eulenburg, Leuckart, Brockhaus, Oehler, Rahter u. a.
Bühne
Der Zwerg und die Infantin, Ballett, op. 22, 1913 Schahrazade, Oper, op. 26, 1917 – Dichtung von Gerdt von Bassewitz Die Hochzeit des Faun, komische Oper, 1921 Die zehn Küsse, komische Oper, 1926
Orchester
Aus den Gärten der Semiramis, symphonische Dichtung, op. 19 Kleine Suite, dem Andenken E. T. A. Hoffmanns, op. 21 Die Temperamente, 4 symphonische Sätze für großes Orchester, op. 25, 1916 Passacaglia und Fuge für großes Orchester und Orgel, op. 17, 1922 Gesichte, fantastische Miniaturen für kleines Orchester, op. 29, 1923 Der Dybuk, Vorspiel für Orchester, op. 35, 1928 Symphonie Nr. 1, op. 37, 1930
Kammermusik
Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier, op. 9 Skizzen für Klavier, op. 10 Serenade für 11 Soloinstrumente, op. 14, 1907 Divertimento für Streichquartett, op. 20, 1911 Passacaglia und Fuge im vierfachen Kontrapunkt für Streichquartett, op. 23, 1914 Sonate in d-Moll für Violoncello und Klavier, op. 28, 1919 Streichquartett, op. 31, 1923 Suite Nr. 1 für Klavier, op. 34 Der Musik-Baukasten für Klavier zu 3 oder 4 Händen, 1930 Chaconne über ein achttaktiges Marschthema für Bratsche und Klavier, Op. 38, 1931 Sonate für Violine und Klavier, op. 44
Vokalmusik Volkspoesien aus dem Rumänischen, für Bariton und Klavier, op. 7, 1900 Aus ›Hafis‹, 4 Gesänge für Bariton und Klavier, op. 11, 1902 Aus dem Schi-King (Friedrich Rückert), 18 Lieder für hohe Stimme und Klavier, op. 15, 1907 4 Lieder auf Gedichte von Friedrich Rückert für Bariton und Klavier, op. 18, 1911 4 Lieder für Frauenchor und Klavier, op. 6, 1899 6 volkstümliche Gesänge für Sopran, Männerchor und Klavier, op. 12, 1904 Variationen über ›Prinz Eugen‹ für Männerchor, Blas- und Schlaginstrumente, op. 32, 1926 Vater Noah für Männerchor, op. 36 Psalm 137 für gemischten Chor, Sopran und Orgel, 1933/1934 (Herausgegeben von Edmund Brownless – Laurentius-Musikverlag)Bernhard Sekles. In: Laurentius Musikverlag
Musiktheoretische und unterrichtspraktische Werke
Musikdiktat, Übungsstoff in 30 Abschnitten, Lehrbuch, Mainz 1901 Instrumentations-Beispiele, Mainz 1912 Musikalische Geduldspiele – Elementarschule der Improvisation, Mainz 1931 Grundzüge der Formenlehre Harmonielehre
Schüler Theodor W. Adorno Ottmar Gerster Hermann Heiß Paul Hindemith Anthony van Hoboken Alfred Huth Albert Jung Erich Itor Kahn Hans Rosbaud Max Rudolf Cyril Scott Erich Schmid Rudi Stephan
Siehe auch Jazz in Deutschland (Weimarer Republik) Jazzmusiker in Deutschland (Die 1920er Jahre)
Diskografie Chamber Music: Rhapsody, Sonata op. 44, Sonata op. 28, Capriccio; Marat Dickermann (Violine), László Fenyö (Violoncello), Monica Gutman, Julia Okruashvili (Klavier). Zuk Records 334, 2011. Chamber Music: Chaconne op. 38, Violin Sonata op. 44, Cello Sonata op. 28, Capriccio; Solomia Soroka (viola, violin), Noreen Silver (cello), Phillip Silver (piano). Toccata Classics TOCC 0147, London 2013. Lieder: First Recordings (Aus dem Schi-King, op. 15; Liebeslieder nach slawischen und romanischen Dichtungen, op. 13 – Excerpts; Lieder-Kreis, op. 8 – Excerpts), Malte Müller (tenor), Werner Heinrich Schmitt (piano), Toccata Classics TOCC 0651, London 2022. Piano Works & Songs: Shi Jing Song Book (18 Songs); Fantasietten op. 42 (23 kleine Stücke für Klavier solo); Suite Nr. 1 op. 34 für Klavier; Jascha Nemtsov (Klavier), Tehila Nini Goldstein (Sopran). Hänssler Classic HC22008 (2 CDs), 2023.
Dokumente Briefe von Bernhard Sekles befinden sich im Bestand des Leipziger Musikverlages C. F. Peters im Staatsarchiv Leipzig.
Literatur Theodor W. Adorno: Bernhard Sekles zum 50. Geburtstag. In: Gesammelte Schriften. Band 18. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-57696-8, S. 269 f. Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Suhrkamp, Berlin u. a. 1951, S. 291 ff. Peter Cahn: Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878–1978). Kramer, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-7829-0214-9, S. 257–270, 295–297. Peter Cahn: Eine handschriftlich hinterlassene Formenlehre von Bernhard Sekles. In: Josef Kuckertz (Hrsg.): Neue Musik und Tradition. Festschrift Rudolph Stephan. Laaber, Laaber 1990, ISBN 3-89007-209-7, S. 417–426. Timo Jouko Herrmann: Ein behutsam fortschreitender Bildner in Tönen. In: Booklet zu CD Bernhard Sekles - Lieder, Toccata Classics, London 2022 Timo Jouko Herrmann: Spätromantik, Orientalismus und Moderne – Betrachtungen zur Musiksprache der Oper „Schahrazade“ von Bernhard Sekles. In: mr-Mitteilungen Nr. 82, 2013. Daniela Philippi, Stefana Sabin: Bernhard Sekles. Musikpädagoge und Komponist (= Jüdische Miniaturen, 310), Hentrich & Hentrich, Berlin - Leipzig 2023, ISBN 978-3-95565-597-6.
Joachim Tschiedel: Der „jüdische Scheindirektor“ Bernhard Sekles und die Gründung der ersten europäischen Jazz-Klasse 1928. In: mr-Mitteilungen Nr. 20, September 1996. Joachim Tschiedel: Bernhard Sekles 1872–1934. Leben und Werk des Frankfurter Komponisten und Pädagogen. Verlag für Musikbücher Wagner, Schneverdingen 2005, ISBN 3-88979-109-3. Tomi Mäkelä: „Da kann man doch nicht weg“. Bernhard Sekles, das kaputtene Konservatorium und das Ausschalten 1933. In: Hindemith-Jahrbuch. Annales Hindemith 2019/XLVIII, ISBN 978-3-7957-1873-2, S. 9–44
Weblinks
Sekles, Bernhard in: Frankfurt 1933–1945, Institut für Stadtgeschichte Der erste Jazz-Kurs überhaupt war nicht in den USA – sondern am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt.
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Komponist (Deutschland) Kategorie:Komponist klassischer Musik (20. Jahrhundert) Kategorie:Komponist (Oper) Kategorie:Komponist (Chor) Kategorie:Musikpädagoge Kategorie:NS-Opfer Kategorie:Hochschullehrer (Dr. Hoch’s Konservatorium) Kategorie:Musiker (Frankfurt am Main) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1872 Kategorie:Gestorben 1934 Kategorie:Mann