August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel (* 8. März 1662 in Wolfenbüttel; † 23. März 1731) war einer der Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg und ab 1714 Fürst von Braunschweig-Wolfenbüttel.

mini|Herzog August Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern im Harnisch, mit Scherpe und Hermelinmantel; Ölgemälde von Christoph Bernhard Francke, um 1720, Herzog Anton Ulrich-Museum

Erbprinz Seine Eltern waren Herzog Anton Ulrich, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633–1714) und Elisabeth Juliane von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Norburg (1634–1704). Er war ihr dritter Sohn.

Mit 15 Jahren studierte August Wilhelm an der Universität Genf (von Mai 1677 bis Dezember 1678).Herz.August Bibl. Wolfenb. Cod.Guelf.30.2. Extrav.Nr. 28 Bl.50 Auf seiner Kavalierstour bereiste er die Schweiz, Frankreich und die Niederlande und kehrte darauf nach Wolfenbüttel zurück, wo er in Zurückgezogenheit lebte, da der Vater keine Mitwirkung an der Regierung zuließ.

1681 wurde August Wilhelm von seinem Onkel, dem regierenden Herzog Rudolph August von Braunschweig-Wolfenbüttel adoptiert und somit offiziell zum Erbprinzen gemacht.Herz.August Bibl. Wolfenb. Cod.Guelf. Nr. 217 a Blank., S. 8. August Wilhelms ältere Brüder waren gestorben, so dass er in der Erbfolge an die erste Stelle gerückt war. Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön glaubte allerdings als Ehemann der älteren Tochter Rudolph Augusts mehr Anrecht auf eine Erbfolge zu haben.Niedersächs. Staatsarchiv Wolfenb. 1 Alt 22 Nr. 285 Bl.72

Herzog Anton Ulrich missfiel der Zusammenhalt zwischen seinem Sohn August Wilhelm und seinem Bruder Rudolph August, was zu ständigen Reibereien zwischen Vater und Sohn führte. Daraufhin ging August Wilhelm vermehrt auf Reisen nach Italien, Frankreich und Schleswig-Holstein, um diesen Auseinandersetzungen zu entgehen. Trotzdem ließ er sich von einem Vertrauten über die Vorgänge am Hof informieren.Niedersächs. Staatsarchiv Wolfenb. 1 Alt 22 Nr. 433 Wenn er im Lande war, zog er sich oft nach Langeleben im Elm zurück, wo er 1686 das Jagdhaus als Allodialgut erhalten hatte. Dort ließ er sich in den Jahren von 1689 bis 1707 ein kleines Schloss errichten, vermutlich von Baumeister Hermann Korb.v.Alvensleben, Kelsch

Trotz aller Auseinandersetzungen mit dem Vater ging August Wilhelm für ihn auf diplomatische Auslandsreisen. So half er ihm unter anderem, seine lukrativen Beziehungen zu Frankreich gegenüber Rudolph August zu vertuschen.Schnath: Geschichte Bd. III, S. 200f. Bei seinem Streit mit Hannover versuchte Preußen, Wolfenbüttel auf seine Seite zu ziehen, indem es dem Erbprinzen Halberstadt anbot.Schnath: Geschichte Bd. III, S. 597. In Schweden warb August Wilhelm für die Politik WolfenbüttelsSchnath: Geschichte Bd. III, S. 183. und in Dänemark erhielt er 1699 von dem dänischen König Christian V. den Elefanten-Orden.Herz.August Bibl. Wolfenb. Coed.Guelf.30.2 Extrav.Nr. 28 Bl.37

Wenige Tage vor seinem Tode am 22. März 1714 hatte Herzog Anton Ulrich ein Schreiben verfasst unter der Überschrift „Projekt der väterlichen Ermahnung und Instruction für den Erbprintzen“Niedersächs. Staatsarchiv Wolfenb. 1 Alt 22 Nr. 299. August Wilhelms jüngerer Bruder Ludwig Rudolf war verheiratet mit Christine Luise von Oettingen und hatte per Familienvertrag 1690 die Grafschaft Blankenburg erhalten. Das widersprach zwar dem Primogeniturvertrag,Dieter Matthes. Der Braunschweigische Primogeniturstreit von 1535 und die Gefangenschaft Herzog Wilhelms. In: Braunschweigisches Jahrbuch 47, 1966, S. 5–51. aber Anton Ulrich erklärte nun in seiner „väterlichen Ermahnung“, was ihn dazu bewogen hatte. Wohl aus Reue über seine eigenen Zwistigkeiten mit seinen Brüdern wollte er für Ludwig Rudolf einen Ausgleich zu August Wilhelms Besitztümern schaffen, damit kein Neid aufkommen sollte. Er hoffte aber auch, dass sich Ludwig Rudolf daraufhin gegenüber seinem Bruder wohlverhalten werde. August Wilhelm hatte damals diesem Vorgehen zugestimmt, aber in Anton Ulrichs Schreiben wird die Befürchtung deutlich, dass August Wilhelm diesen Vorgang rückgängig machen könnte, was jedoch unwahrscheinlich schien. Denn immerhin hatte Kaiser Joseph I. die Grafschaft im Jahr 1707 zum reichsunmittelbaren Fürstentum erhoben.

mini|links|Schloss Langeleben im Elm ab 1689 von Hermann Korb für August Wilhelm erbaut

Regierender Herzog 1714 starb Herzog Anton Ulrich und August Wilhelm wurde regierender Herzog.

Der erste Geburtstag, den August Wilhelm 1715 in Braunschweig als regierender Herzog feierte, wurde auch in Jena prächtig gefeiert. Zwar bestand zwischen der Stadt und Herzog August Wilhelm keine wirkliche Beziehung. Aber 16 Studenten aus Braunschweig – unter ihnen Adlige – feierten den Ehrentag ihres Landesvaters. Sie arrangierten Reden, an der sich auch die Universität beteiligte, und einen Fackelzug, der den festlich geschmückten Marktplatz zum Ziel hatte. Die Fenster der Gebäude am Marktplatz waren mit Gemälden von Herzog August Wilhelm und seiner Gemahlin Elisabeth Sophie Marie geschmückt. Lobpreisungen und Hoffnungen auf eine fruchtbare Regierung waren ebenfalls auf den Gemälden zu lesen. Die spezielle Hoffnung auf Fruchtbarkeit sollte sich nicht erfüllen. Das Herzogspaar blieb kinderlos.J. J. Voigts: Kurtze Beschreibung und Erklärung der Illumination welche an dem hohen Geburths-Tag [...] war der 8. Mart. 1715 auf dem Marckt zu Jena repräsentiert worden. Johann Adolph Müller, Jena 1715, 7 Bl.P. Zimmermann: Die Geburtstagsfeier Herzog August Wilhelms zu Braunschweig und Lüneburg in Jena am 8. März 1715. In: Jahrbuch des Geschichtsvereins für das Herzogtum Braunschweig. 1915–1916. 14. Jahrgang, Zwissler, Wolfenbüttel 1916, S. 167 ff. Digitalisat auf dem publikationsserver.tu-braunschweig.de, abgerufen am 5. Januar 2018

Er vollendete die geplanten und von seinem Vater begonnenen Bauten im Fürstentum. miniatur|280px|rechts|Braunschweiger Schloss vor 1830Der Baumeister und Baudirektor Hermann Korb wurde damit vom Herzog beauftragt. In Wolfenbüttel ließ er das Schloss und den Schlossplatz weiter ausbauen. Ab 1717 wurde in Braunschweig der Graue Hof zu einem repräsentativen Schloss umgebaut. Zu August Wilhelms Lebzeiten blieb aber das Schloss in Wolfenbüttel die Residenz. Die Prachtentfaltung seines Hofes wurde durch die Sammlung teurer Möbel- und Silberankäufe unterstrichen. Von 1725 bis 1730 wurde in seinem Auftrag das Jagdschloss Walkenried erbaut. 1727 gründete er die Wilhelmshütte, eine Eisenhütte in Bornum am Harz bei Bockenem.

Religion August Wilhelms Motto „Parta tueri“ – Erworbenes erhalten – galt wohl vor allem der Erhaltung des evangelischen Bekenntnisses. Um die Irritationen zu beseitigen, die sein Vater mit seinem Wechsel zum katholischen Glauben verursacht hatte, ordnete August Wilhelm nach seinem Regierungsantritt umgehend an, dass alle Prediger des Landes über die Augsburgische Konfession zu predigen hätten. Jeden Mittwoch sollten sie also die Grundlagen des traditionellen Luthertums erklären. Als das abgearbeitet war, ging es weiter mit der Rechtfertigung dieser Lehre, danach mit den übrigen Bekenntnisschriften der Braunschweigischen Kirche. Die Reformationsjubiläumsfeste wurden mit großem Aufwand gefeiert, und mit einer umfangreichen Verfügung im Jahr 1725 fand eine Neuordnung des Katechismusunterrichts und der Katechismuspredigten statt.Johannes Beste: Geschichte der Braunschweigischen Landeskirche von der Reformation bis auf unsere Tage. Zwißler, Wolfenbüttel 1889, S. 359 f. Digitalisat auf Wikisource, abgerufen am 27. Oktober 2017Schon kurze Zeit nach seinem Regierungsantritt provozierte er die Katholiken mit dem Kauf von Grundstücken in der Nachbarschaft der katholischen Nicolaikirche in Braunschweig. Er ließ dort Husarenkasernen errichten, um die Sicht auf die Kirche einzuschränken.

Ritterakademie

Die Ritterakademie, die Herzog Anton Ulrich einst in Wolfenbüttel eingerichtet hatte, an der jungen Adligen eine akademische Ausbildung vermittelt wurde, ließ August Wilhelm bald schließen. Die hohen Unterhaltskosten der Universität Helmstedt und die ebenfalls hohen Kosten einer aufwändigen Hofhaltung ließen es nicht zu, diese Bildungsstätte weiter zu erhalten. Die Adligen, die an dieser Ritterakademie studieren sollten, hatten es nicht wirklich nötig, sich einer Ausbildung für ihre zukünftigen Aufgaben zu widmen. Ihre Zukunft war durch Geburt vorherbestimmt, und so beschränkte sich das Interesse mehr darauf, das Leben an einem angesehenen herzoglichen Hof kennenzulernen. Mit den Jahren war aber der Reiz des Neuen vorbei und es kamen immer weniger Akademisten, so dass die Erhaltungskosten in keinem Verhältnis zu den Einnahmen standen.

Medizin August Wilhelm veranlasste die Abfassung einer Medizinalordnung, um die Kurpfuscherei wirksam zu bekämpfen. Diese Verordnung trat am 21. Februar 1721 in Kraft und regelte die Ausbildung und Zulassung der medizinisch tätigen Personen, die Abgrenzung der jeweiligen Zuständigkeiten und die Bezahlung. So war es nun zum Beispiel untersagt, Aderlässe ohne die Anwesenheit eines Medikus durchzuführen. Die Schweigepflicht und das Schweigerecht betraf nur den Medikus, aber nicht den Chirurgen. Die Chirurgen hatten vielmehr die Pflicht, nach der Erstversorgung von „gefährlich-Verwundeten“Döhnel, Karl-Rudolf:Das Anatomisch-Chirurgische Institut in Braunschweig, S. 48. bei der Obrigkeit Anzeige zu erstatten.

Politik und Wirtschaft Von seinem Vater übernahm August Wilhelm Philipp Ludwig Probst von Wendhausen (1633–1718) als Kanzler, der die Regierung mit starker Hand führte. Nach dessen Tod im November 1718 folgte am nächsten Tag Urban Dietrich von Lüdecke, der aber seinen Vorgänger nicht zu ersetzen vermochte.

Einer der Versuche, Handel und Gewerbe zu fördern, wie ihm sein Vater Anton Ulrich in dessen letzten „Instruktionen“ aufgegeben hatte, war der Tabakhandel. In einem Edikt vom 17. Dezember 1716 wurde verfügt, dass fremder Tabak, bis auf den ausländischen Virginiatabak, nicht mehr eingeführt werden durfte. Es sollte nur noch einheimischer Tabak in den Handel kommen, der in der Tabakfabrik am Braunschweiger Kohlmarkt verarbeitet wurde. Selbst Reisende durften nur so viel Tabak bei sich haben, wie sie zum eigenen Gebrauch benötigten. Für weiteren Bedarf hatten sie braunschweigische Erzeugnisse zu erwerben. Wohl nicht zuletzt wegen der minderen Qualität des einheimischen Tabaks hielt sich der wirtschaftliche Erfolg des Tabakhandels in Braunschweig in Grenzen.Gerd Biegel: Edikt zum Tabakhandel 1717. In: Braunschweig Edition Bd. 7 BSE 01 089 In die Regierungszeit August Wilhelms fiel die Zeit der strafferen Reglementierung der Ämter – Ökonomie und Justiz wurden deutlich getrennt. Kammerpräsident Hieronymus von Münchhausen (1680–1742) verstärkte die Eintreibung von Altschulden, Pachteinnahmen und Steuern. Eine besondere Rolle spielte dabei die Biersteuer. Sie betraf nicht nur die großen Brauereien, sondern auch die vielen Personen auf dem Land mit der Erlaubnis zum Brauen – zum Eigenbedarf oder Ausschank.Wagnitz: Herzog August Wilhelm von Wolfenbüttel. S. 104 ff.

Viel Einfluss hatte des Herzogs Günstling Konrad Detlev von Dehn, der vor 1703 als Page an den Wolfenbütteler Hof kam und nach dem Regierungsantritt August Wilhelms 1714 Kammerjunker wurde. 1720 übertrug ihm August Wilhelm die KontrasignaturNiedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel 2 Alt Nr. 2873. Das bedeutete, dass er nun das eigentlich dem Fürsten vorbehaltene Recht hatte, Verordnungen des Geheimen Rates und der Kammer gegenzuzeichnen und sie damit rechtskräftig zu machen. Als Stellvertreter des Herzogs ging Dehn auch auf Reisen an andere europäische Fürstenhöfe, wo er aber nicht nur als Diplomat auftrat, sondern auch das höfische Zeremoniell, Sitten, Mode und Baukunst studierte. Er schickte darüber ausführliche Berichte nach Wolfenbüttel und war somit ein nützlicher Gesprächspartner für August Wilhelm, den alles interessierte, was seinen herzoglichen Hof in seiner Repräsentation vervollkommnen konnte.