mini|250px|Das Gebäudeensemble der früheren Kadettenanstalt und des heutigen Flüchtlingslagers mit dem Schneeberg im Hintergrund Bundesbetreuungsstelle Ost ist die offizielle Bezeichnung für eine von fünf Bundesbetreuungsstellen für Asylwerber und eine von zwei Erstaufnahmestellen (EAST) in Österreich, wobei häufig weiterhin der frühere offizielle Name Flüchtlingslager Traiskirchen medial und umgangssprachlich verwendet wird. Der Sitz befindet sich in der früheren Kadettenanstalt im niederösterreichischen Traiskirchen, circa 20 km südlich von Wien.
Geschichte Bau der Anlage und Nutzung bis 1955 mini|Plan der Anlage (um 1903) mini|Hauptgebäude der ehemaligen Kadettenschule (2019) 1900–1918: k.u.k. Artillerieschule Im Oktober 1900 wurde auf einem 19 Hektar großen Grundstück mit dem Bau einer k.u.k. Artilleriekadettenschule begonnen, die 1907 die bisherige Artilleriekadettenschule im Wiener Arsenal ersetzte. Der Gesamtplan für Traiskirchen sah etwa 20 gemauerte Objekte vor, darunter: Eingangsgebäude (darin Wohnungen für verheiratete Unteroffiziere); dreistöckiges, von Alois Schumacher geplantes Hauptgebäude (Front: 128 m, Höhe: 30 m) mit angebauter Marketenderei sowie einer Badeanstalt; Mannschaftswohngebäude; zwei von Josef Schmidt (Stadtbaumeister von Baden bei Wien; 1838–1910) entworfene Offizierswohngebäude; Kapelle; Zögling-Maroden-Haus; Isolierpavillon; Desinfektionshaus; Schwimmschule; Reitschule; Stallungen sowie Stall-Nebengebäude; Festungsgeschütz-Halle; Geschützremise; Kegelbahn; Glashaus.
Die Anlage wurde am 14. Oktober 1903 fertiggestellt und selben Tags von Feldbischof Coloman Belopotoczky (1845–1914) eingeweiht. Des Weiteren waren zugegen: Reichskriegsminister Heinrich von Pitreich (1841–1920), General-Artillerie-Inspektor Alfred von Kropatschek (1838–1911), Generalinspektor der Militär-Erziehungs- und Bildungsanstalten Otto Morawetz von Klienfeld (1842–1909), Sektionschef im Reichskriegsministerium Moritz von Brunner (1839–1904), Inspektor der Festungsartillerie Moritz von Krziwanek (1852–?), Schulkommandant Major Eduard Haubner (1857–?), Kommandant der k.u.k. technischen Militärakademie Adolf Schneider (1845–1919), Generalmajor Alexander von Krobatin (1849–1933), Oberst Ludwig Elmayer (1850–1923), Bauleiter Oberstleutnant Joseph Fornasari (1854–?), Bezirkshauptmann Emil von Egger.
Zur Verfügung standen im Ganzen 150 Plätze in den ersten Jahrgängen der beiden Artilleriekadettenschulen in Wien und Traiskirchen. Zur Aufnahmen gelangten , welche vier Klassen einer Mittelschule mit mindestens gutem Erfolg absolviert hatten. Von ungenügenden Noten in Latein und Griechisch wurde abgesehen. Das Schulgeld betrug für Söhne der bewaffneten Macht 24 Kronen, für Söhne von Offizieren in der Reserve, im nichtaktiven Landwehr- und im Verhältnis außer Dienst, dann von Hof- und Zivilstaatsbeamten (Bediensteten) 160 Kronen, sonst 300 Kronen jährlich. Mittellose Aspiranten konnten bei stets sehr gutem Gesamterfolg für 24 Kronen die Anstalt besuchen. Ziel des Unterrichts war in vier Jahren einer der Oberrealschule gleichzuhaltenden wissenschaftlichen Ausbildung eine militärische Erziehung, welchen den Absolventen befähigt, als Kadett in die k.u.k. Artillerie einzutreten und als Offizier die höheren Militär-Fachbildungsanstalten zu besuchen. Gesuche um Aufnahme waren an das Kommando der Artilleriekadettenschule in Wien, X.,Von 1872 bis 1905 war in dem zu jener Zeit zu Favoriten gehörenden Arsenal eine Artilleriekadettenschule untergebracht; Angabe nach Richard Groner, Felix Czeike (Bearb.): Wien wie es war. Ein Nachschlagewerk für Freunde des alten und neuen Wien. 6. Auflage. Molden, Wien u. a. 1966, S. 32. zu richten.Aufnahme in die Artilleriekadettenschulen. In: Daniel Zeischka (Red.): Deutsche Wacht. 10. Mai 1903, Nr. 38/1903 (XXVIII. Jahrgang). Vereinsbuchdruckerei Celeja, Cilli 1903, , S. 4 Mitte. – Text online (PDF).
Die Anstalt Traiskirchen konnte bis zu 340 Zöglinge unterbringen, die Nebengebäude 160 Personen Mannschaft, die Stallungen 110 Pferde (für den Reitunterricht).Die Artilleriekadettenschule in Traiskirchen. S. 5.
1916 erfolgte die Umwandlung der Kadettenschule in eine Artillerie-Akademie. Noch am 17. August 1918 kamen der erste Akademielehrgang und eine vorletzte Kadettenschulklasse zur Ausmusterung. Mit Kriegsende und dem Ende der Monarchie in Österreich im November 1918 wurde die Artillerie-Akademie Traiskirchen aufgelöst.
1919–1939: Bundeserziehungsanstalt für Knaben Von 1. Jänner bis 30. September 1919 wurde die bisherige Artillerie-Akademie als eine Staatsstiftungsrealschule geführt. Von 1. Oktober 1919 bis 31. August 1921 wurde daraus eine Staatserziehungsanstalt, ab September 1921 eine Bundeserziehungsanstalt für Knaben,Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität. S. 106. ein Institut, das in der Zeit der Ersten Republik in „völlige Bedeutungslosigkeit“ herabsank.Oliver Kühschelm (Hrsg.), Ernst Langthaler (Hrsg.), Stefan Eminger (Hrsg.): Niederösterreich im 20. Jahrhundert. Band 3: Kultur. Böhlau, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-78247-6, S. 61, Text online.
1939–1945: Nationalpolitische Erziehungsanstalt Am 13. März 1939 – dem allgemeinen Feiertag zur Erinnerung an die Befreiungstage im historischen Jahr 1938 – wurde die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Napola) Traiskirchen in Betrieb genommen. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten waren Internats-Oberschulen der NSDAP, die zur Hochschulreife führten. Ähnlich wie bei den Adolf-Hitler-Schulen (AHS) und den SS-Junkerschulen handelte es sich um Eliteschulen zur Heranbildung des nationalsozialistischen Führernachwuchses.
Prominentester Lehrer der Napola Traiskirchen war der spätere SPÖ-Innen- und Verteidigungsminister Otto Rösch (1917–1995); zu ihren Schülern gehörten u. a. Leopold Gratz, Harald Ofner, Arnulf Rainer und Guntram Weissenberger, wobei Weissenberger vorher bereits die Bundeserziehungsanstalt für Knaben Traiskirchen besucht hatte.
1945–1955: Kaserne der Sowjetarmee In der Besatzungszeit war in der ehemaligen Kadettenschule ein Lazarett und bis Herbst 1955 eine Kaserne der Sowjetarmee (etwa 2000 Mann sowjetische Panzertruppen) untergebracht.
Nutzung als Lager für Flüchtlinge seit 1955 Die Gebäude wurden seit deren Übergabe am 31. August 1955 an den von 1945 bis 1960 amtierenden Bürgermeister von Traiskirchen, Johann Schuster, immer wieder als Flüchtlingslager verwendet. Bereits im Jahr 1956 diente das Lager als Auffangstation für ungarische Flüchtlinge, die auf Grund des Volksaufstandes in Ungarn ihr Land verließen; von den im November 1956 über die Grenze gekommenen 113.810 Personen befanden sich am 5. des Monats 6.000 im Lager Traiskirchen. Diese erste Verwendung als Flüchtlingslager legte den Grundstein für den weiteren Ausbau der Anlage als .Soucek: Geschichte des Flüchtlingslagers Traiskirchen von 1956–1992. S. 49 ff. Aus: Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität. S. 106 f. Zur Renovierung der heruntergekommenen Gebäudesubstanz stellte das Bundesministerium für Inneres am 8. März 1957 einen Betrag von 20 Millionen Schilling (das entspricht im Jahr 2025 mehr als 13 Millionen EuroWertsicherungsrechner der Statistik Austria. Lebenshaltungskostenindex 1945: März 1957 bis November 2025) für die Renovierung zur Verfügung.
Auch nach dem Prager Frühling (1968) wurden hier tschechische und slowakische Flüchtlinge aufgenommen, ebenso in den 1970er und 1980er Jahren, als hier Flüchtlinge vor allem aus Osteuropa, aber auch aus Uganda, Chile, Iran, Irak, Vietnam, Aufnahme fanden. Unter den zahlreichen prominenten Flüchtlingen, die hier Erstaufnahme fanden, sind zu nennen: der spätere Staatsoperndirektor Ioan HolenderNiederösterreichische Nachrichten Ausgabe 02/2010 sowie der Journalist Paul LendvaiRuth Schöffl (Red.): . In: unhcr.at, abgerufen am 14. November 2012..
Im Mai 1990 wurde vom Bürgermeister von Traiskirchen verkündet, dass gemäß Zusage des Innenministers das Lager bis Jahresende bleibend geschlossen werden soll. Dieser Plan wurde jedoch verworfen, da während des Jahres 1990 nur wenige Flüchtlinge anderwärtig untergebracht werden konnten und ab Jänner 1991 mit einer Flüchtlingswelle aus der Sowjetunion gerechnet wurdePuchinger: Was wurde aus dem Flüchtlingslager Traiskirchen? S. 198 ff. Aus: Peterka-Benton: Organisierte Schlepperkriminalität. S. 108 f. (Fall des Eisernen Vorhangs). Das blieb aber aus, hingegen wurden der Bosnienkrieg (1992–1995) und dann der Kosovokonflikt (1998/99) zur Flüchtlingsthematik des Jahrzehnts.
Im Jahr 1992 wurde das Flüchtlingslager in Betreuungsstelle Traiskirchen umbenannt und diente fortan auch als Erstaufnahmestelle (EAST) für Asylwerber.BMI: Betreuung im Wandel der Zeit. In: Öffentliche Sicherheit. 3–4, 2013, Abschnitte Bundesbetreuungsstellen und Betreuungs- und Erstaufnahmestelle Traiskirchen. S. 42 (Artikel pdf, bmi.gv.at, dort S. 2). Ab 1993 war hier auch das Asylamt des Bundesministerium für Inneres angesiedelt (heute Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl BFA in der Landstraßer Hauptstraße). Mit der Schaffung mehrerer Bundesbetreuungsstellen in den 2000ern etabliert sich die Bezeichnung Betreuungsstelle Ost.
Seit 2003 ist die Betreuung privatisiert. Anfangs war die deutsche Firma European Homecare betraut, seit Anfang 2012 leitet die Schweizer ORS Service GmbH das Lager unter Aufsicht des Innenministeriums.
Problematiken Privatisierung Im Jahr 2003 wurde unter Innenminister Ernst Strasser der Betrieb, der bisher durch staatliche Stellen erfolgte, an das deutsche Unternehmen European Homecareeu-homecare.com ausgelagert.Flüchtlingslager Traiskirchen künftig in detuscher (sic!) Hand. European Homecare gewinnt Ausschreibungsverfahren. In: news.at, 26. Februar 2003, abgerufen am 23. November 2013. Dieser – nicht unkritisiert gebliebenePrivatisierung der Flüchtlingsbetreuung mit European Homecare. In: no-racism.net, 15. Mai 2004, abgerufen am 15. November 2012; Deserteurs- und Flüchtlingsberatung (o. D., 2002), abgerufen am 8. August 2015. – Vertrag wurde im Jahr 2010 wegen der schwachen Belegung des Lagers seitens des Unternehmens wieder gekündigt.Vertragslos in Traiskirchen: Firma kündigt Asylbetreuung. In Der Standard vom 5. Juli 2010, abgerufen am 14. November 2012. Die Zusammenarbeit mit ORS funktioniert – bis auf die Folgen der Überfüllungsthematik 2015 – nach Angaben des Innenministeriums bisher gut.Sonderverträge mit der ORS Service-GmbH? Parlamentarische Anfrage 5273/J, XXV. GP, eingelangt 2. Juni 2015, in parlament.gv.at: Parlamentarische Materialien; insb. Beantwortung Mikl-Leitner, 5106/AB, 31. Juli 2015 (PDF; 179 kB);beigelegt offengelegt: Betreuungsvertrag Asylwerberbetreuung GZ. BMI-FW1600/0037-IV/5/2011 zwischen der Republik Österreich, vertreten durch die Bundesministerin für Inneres und ORS Service AG (PDF; 833 kB). Doch wurde auch deren Bestellung kritisiert, gemeinnützige Organisationen wie Caritas, Diakonie oder Rotes Kreuz waren durch das Ausschreibungsverfahren benachteiligt. Stefan Apfl in Falter 28/11.
Überfüllung 1990 wurde mit Erlass von Innenminister Franz Löschnak die Zahl der Lagerbewohner auf 1000 beschränkt. (doc, 65 kB; p2.iemar.tuwien.ac.at; abgerufen am 15. November 2012).
2013 wurde eine Zahl von etwa 500 vereinbart.Siehe Aufhebung des Aufnahmestopps in der Bundesbetreuungsstelle Ost (Traiskirchen). Parlamentarische Anfrage, 4319/J, XXV. GP, eingelangt 20. März 2015 (Parlamentarische Materialien, parlament.gv.at);vergl. dazu auch die Belegungstände 1086 per August 2012 und 453 per Mai 2013 . Top 2 Bericht des Bürgermeisters, Pkt. 2, S. 2; und . Top 1 Bericht des Bürgermeisters, Pkt. 3, S. 2. Juni 2014 waren aber schon wieder 1300 Asylwerber untergebracht, weshalb der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll einen Aufnahmestopp verfügte. Dieser wurde Frühling 2015 aufgehoben.