Karl Mays frühe Abenteuererzählungen sind jene Erzählungen aus Karl Mays Frühwerk, die außerhalb Deutschlands, zumeist in exotischen Ländern spielen und entstanden waren, bevor May erstmals im Deutschen Hausschatz publizierte. Viele dieser Texte enthalten bereits einen Ich-Erzähler und bilden frühe Reiseerzählungen. May nahm diese frühen Werke mit wenigen Ausnahmen nicht in seine Gesammelten Reiseromane bzw. -erzählungen auf, allerdings stellt der Großteil Motivlieferanten oder Vorstufen jener späteren Texte dar.

Entstehung Einflüsse und Vorläufer Von 1865 bis 1868 saß Karl May im Arbeitshaus Schloss Osterstein wegen mehrfachen Betrugs ein. Dort hatte er Gelegenheit, sich mit Reiseliteratur zu beschäftigen, und er fasste konkrete, schriftstellerische Pläne.Dieter Sudhoff, Hans-Dieter Steinmetz: Karl-May-Chronik I. Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2005, ISBN 3-7802-0170-4. S. 131–134, 140. So legte er sich ein Nachschlagewerk, Repertorium C. May, mit über hundert Titeln und Sujets hauptsächlich aus verfügbarer Literatur an,Wilhelm Brauneder: Das Repertorium C. May. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 202/2019, S. 27–47 (Teil 1) und Nr. 203/2020, S. 3–18 (Teil 2). das ein paar an Exotik erinnernde Titel enthält.Christian Heermann: Winnetous Blutsbruder. Karl-May-Biografie. Zweite, überarbeitete und ergänzte Auflage. Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2012, ISBN 978-3-7802-0161-4. S. 100 f. Auch soll hier nach eigenen Angaben die erste Idee zu Winnetou gekommen sein.Karl May: Mein Leben und Streben. Band 1. Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld, Freiburg i. Br. o. J. (1910). S. 136. (Onlinefassung) Nach seiner Entlassung wurde May allerdings wieder straffällig und erneut verhaftet. Während eines Gefangenentransportes gelang es ihm, seine eiserne Fessel zu brechen und ein halbes Jahr lang vor der Staatsgewalt zu fliehen. Erich Wulffen kommentiert: „Welche Summe von Abenteuern, Entbehrungen, Nöten, [...], Verfolgungen in das halbe Jahr der Verborgenheit fallen mögen, kann man sich ohne Weiteres vorstellen.“Erich Wulffen: Karl Mays Inferno. Eine kriminalpsychologische Biografie. Mit unbekannten Materialien & Briefen von Erich Wulffen, Klara May und Euchar Albrecht Schmid, herausgegeben und kommentiert von Albrecht Götz von Olenhusen und Jürgen Seul. Karl-May-Verlag, Bamberg / Radebeul 2017, ISBN 978-3-7802-0561-2. S. 98. Insgesamt sieht Wulffen Mays kriminelle Handlungen psychologisch in dessen Abenteuerdrang begründet, der schließlich in das Erzählwerk übergeht.E. Wulffen: Karl Mays Inferno. 2017, S. 181 ff. Mays Flucht endet 1870 in Böhmen, wo er wegen Landstreicherei festgenommen wurde. Bevor ein Foto seine wahre Identität aufklären konnte, machte May den Beamten folgende Geschichte weis: Er sei der Plantagenbesitzer Albin Wadenbach von der westindischen Insel Martinique, der mit seinem Bruder zum Verwandtenbesuch nach Europa gekommen sei. Als sich ihre Wege trennten, habe dieser noch ihrer beider Papiere einstecken gehabt. May gelang es, seine angebliche Herkunft von Martinique so glaubhaft darzustellen, dass zunächst alle Anklagen gegen ihn fallen gelassen wurden.Heinz Stolte: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1978. Hansa-Verlag, Hamburg 1977, ISBN 3-920421-33-7, S. 37–59 (37–43). (Onlinefassung) Dies war nach Heinz Stolte die „quasi erste in sich geschlossene Reiseerzählung von Karl May“.H. Stolte: Mein Name sei Wadenbach. 1978, S. 37. Hingegen lässt sich Mays Behauptung, er habe bereits als sechzehnjähriger (1858) eine Indianergeschichte verfasst und erfolglos an Die Gartenlaube gesandt,K. May: Mein Leben und Streben. 1910, S. 99 f. nicht belegen.Ulrich Schmid: Das Werk Karl Mays 1895-1905. Erzählstrukturen und editorischer Befund. Materialien zur Karl-May-Forschung, Band 12. Verlag Heimat- und Volkskunde (KMG-Presse), Ubstadt 1989, ISBN 3-921983-17-7. S. 19. (Onlinefassung)

mini|hochkant|Karl May zur Zeit seines Frühwerks

Von Frühjahr 1875 bis Ende 1876/Anfang 1877 hatte May eine Stelle als Redakteur im Verlag H. G. Münchmeyer in Dresden inne, wo er mehrere Unterhaltungsblätter betreute u. a. Der Beobachter an der Elbe, dessen Nachfolgepublikation Deutsches Familienblatt und Feierstunden am häuslichen Heerde.J. Biermann, J. Jaser: Editorischer Bericht. 2015, S. 445. Nach ersten Erfahrungen als freier Schriftsteller trat May von Herbst 1877 bis Mitte 1878 seine zweite Redakteursstelle im Verlag Bruno Radelli in Dresden an und betreute dort den zweiten Jahrgang des Unterhaltungsblattes Frohe Stunden.D. Sudhoff, H.-D. Steinmetz: Karl-May-Chronik I. 2005, S. 229. Zu Beginn seiner Schriftstellerei versuchte sich May an verschiedenen Richtungen der UnterhaltungsliteraturMartin Lowsky: Karl May (Realien zur Literatur, Bd. 231). J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH, Stuttgart 1987, ISBN 3-476-10231-9. S. 38 ff. und brachte in diesen vier Blättern nicht nur seine ersten, sondern auch den Großteil seiner frühen Abenteuererzählungen unter. Abenteuererzählungen, also Schilderungen gefahrvoller Reisen in unbekannte Länder, auf denen sich ein Held bewähren muss, waren bereits in der Antike ein beliebtes GenreMichael Petzel, Jürgen Wehnert: Das neue Lexikon rund um Karl May. Lexikon Imprint Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-89602-509-0. S. 8. und galten zu Mays Zeiten als erfolgversprechend.Christoph F. Lorenz: Landesherr und Schmugglerfürst. Eine Rezensionsabhandlung zu den Erzählungen Karl Mays in der Zeitschrift „Für alle Welt“ (= „All-Deutschland“) in den Jahren 1879 und 1880. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1981. Hansa-Verlag, Hamburg 1981, ISBN 3-920421-38-8, S. 360–374 (362). (Onlinefassung) Ursprünglich hatte May seine berufliche Laufbahn als Lehrer begonnen, dem „kein übles Lehrgeschick“ bescheinigt worden war,Hans-Dieter Steinmetz & Dieter Barth: Lektionsbuch und Schulrevisionsbericht. Zu zwei Dokumenten aus Karl Mays Tätigkeit als Fabrikschullehrer. In: Claus Roxin, Helmut Schmiedt, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1999. Hansa Verlag, Husum 1999, ISBN 3-92042175-2. S. 23 f. (Onlinefassung) der aber unter unglücklichen Umständen aus der Lehramtskandidatenliste gestrichen worden war.D. Sudhoff, & H.-D. Steinmetz: Karl-May-Chronik I. 2005, S. 110–120. Eine belehrende Haltung war ihm in seinen Werken sehr wichtigM. Lowsky: Karl May. 1987, S. 40. und in Abenteuererzählungen verbinden sich unterhaltende und belehrende Elemente auf ideale Weise.M. Petzel, J. Wehnert: Lexikon. 2002, S. 8. Um einerseits zu schauen, welche Genres beim Publikum besonders beliebt waren, und um andererseits nach Motiven für seine Texte zu suchen, durchforstete May systematisch die (illustrierten) Familienzeitschriften seiner Zeit.A. Graf: Von Öl- und anderen Quellen. 1997, S. 334 f. Für seine Abenteuererzählungen ließ er sich vom aktuellen Zeitgeschehen wie z. B. dem dritten Carlistenkrieg,H. Plaul: Redakteur auf Zeit. 1977, S. 162 f. der Annexion des TransvaalJ. Biermann, J. Jaser: Editorischer Bericht. 2015, S. 572. oder der Nachricht vom Tode Canada Bill Jones inspirieren,Ekkehard Koch: Der »Kanada-Bill«. Variationen eines Motivs bei Karl May. In: Claus Roxin, Heinz Stolte, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1976. Hansa-Verlag, Hamburg 1976, ISBN 3-920421-31-0, S. 29–46 (29 ff.). (Onlinefassung) ebenso von belletristischen BeiträgenH. Plaul: Redakteuer auf Zeit. 1977, S. 167 f. und Illustrationen.Joachim Biermann, Wilhelm Vinzenz: Anmerkungen zu ›Inn-nu-woh‹ und New Orleans. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 150/2006, S. 29–35 (29 f.). (Onlinefassung)Herbert Meier: Karl May und Jules Gérard, die ›Löwentöter‹. In: Claus Roxin, Helmut Schmiedt, Hans Wollschläger (Hrsg.): Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1993. Hansa Verlag, Husum 1993, ISBN 3-920421-65-5, S. 191–228 (204 ff.). (Onlinefassung) Dabei orientieren sich die frühen Abenteuererzählungen nicht nur an den Abenteuerromanen, die seit James Fenimore Coopers Werken entstanden waren, sondern auch an den Räuber-, Ritter- und Schauerromanen der Goethezeit,Christoph F. Lorenz: Einleitung. In: Karl May. Der Beobachter an der Elbe. Reprint der Karl-May-Gesellschaft, Hamburg 1996, S. 5–11 (9). die May als Schüler „verschlungen“ hatte.K. May: Mein Leben und Streben. 1910, S. 72 ff. Da May sich noch sehr an seine Vorgänger hielt, weisen die „Muster, mit denen [er] zunächst experimentierte, […] eine geringe Variationsbreite, bzw. ‚minimale Innovationen‘ auf.“Rainer Jeglin: Von Äpfeln und Birnen, Orangen und Datteln – über Möglichkeiten, Karl May mit anderen zu vergleichen. In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft Nr. 55/1983, S. 3–8 (6). (Onlinefassung). Die exotischen Schauplätze seiner Erzählungen kannte May – mit wenigen Ausnahmen ab der Jahrhundertwende (Et in terra pax, Schamah, Beginn von Winnetou IV) – nicht aus eigener Anschauung, sondern er war ebenso wie bei seinen historischen Erzählungen auf externe Quellen angewiesen. Zu den wichtigsten Vorbildern gehörte der durch große Medienpräsenz bekannte Weltreisende und Reiseschriftsteller Friedrich Gerstäcker.A. Graf: Von Öl- und anderen Quellen. 1997, S. 341.

Die Erzählungen