Die St. Mary’s Town and Country School war eine private, nicht konfessionell gebundene und koedukative Schule im nordwestlichen Londoner Stadtbezirk London Borough of Camden. Die nach dem Zweiten Weltkrieg als Tagesschule und Internat betriebene Schule existierte zwischen den Jahren 1937 und 1982. Die Leitung der Schule lag vorrangig bei Dr. Elisabeth Paul (geborene Selver), die 1935 aus Deutschland geflüchtet war. Ihr damaliger Verlobter, Heinrich Paul, den sie im April 1937 in Hampstead heiratete, folgte ihr ein Jahr später.Results for Birth, Marriage, Death & Parish Records Beide mussten Deutschland aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verlassen, womit sich auch ihre Geschichte und die der von ihnen in England aufgebauten Schule in die Geschichte der Schulen im Exil einreiht.
Die Vorgeschichte der Schule Die Schule war 1932 von einer Mrs. A. Geary als St. Mary’s School gegründet worden. Über diese frühe Phase, die 1937 mit dem Verkauf an die Pauls endete, ist wenig bekannt. In der British History Online heißt es dazu nur: “St. Mary's Town and Country school started in 1937 when a small school called St. Mary's was taken over in co-operation with Mrs. Ena Curry, of Dartington Hall, as a progressive educational day school.”British History Online: Hampstead: Education Dabei bleibt ungesagt, mit wem Ena Curry kooperiert hat, und zudem blieb die Schule damals noch unter dem Namen St. Mary's School bestehen und arbeitete in den Folgejahren nicht als „town and country school“, sondern vorerst als koedukative Tagesschule.Elisabeth Paul: St. Mary's Town and Country School
Es war Elisabeth Paul, mit der Ena Curry (* 7. März 1900; † 13. Januar 1992)Dartington Archive bei dem neuen Schulprojekt zusammenarbeitete. Sie war die Ehefrau von William (Bill) Curry (1900–1962), dem langjährigen Leiter der reformpädagogischen Dartington Hall School. Wie der Kontakt zwischen der Dartington Hall School und den Pauls zustande kam, ist nicht belegt.Im „Dartington Archive“ befindet sich aus der Zeit von 1936 bis 1938 in der Korrespondenz von William Curry unter dem Titel „Prospective Staff“ (Künftige Mitarbeiter) auch ein „G A Paul“, mit dem Curry korrespondiert hat. Dartington Hall School (B) 1931-1957 30: Prospective Staff. Nach Auskunft des „Devon Archive and Local Studies Service“ vom 24. Februar 2017 (siehe Quellen) handelt es sich hierbei aber nicht um (Heinrich) Gustav Adolf Paul, sondern um einen „George Paul, writing from Cambridge (England)“.
Auf der von ehemaligen Schülerinnen und Schülern betreuten Webseite über die St. Mary’s School werden für das Jahr 1941 „Mrs E Paul & Mrs Curry“ noch als Direktorinnen („Principals“) geführt. Für die die Jahre 1942 bis 1945 gab es in den von den Ehemaligen zur Auswertung herangezogenen Quellen keine Einträge über die Schule, und 1946 werden dann „Henry G A Paul and Mrs Elisabeth Paul Phd“ als „Principals“ genannt. Heinrich Paul blieb bis 1956 in dieser Funktion. Danach wird dann nur noch Elisabeth Paul als Direktorin aufgeführt.St. Mary‛s School: The early History
Interessant ist nun, wer die beiden Personen waren, die 1937 zusammen mit Ena Curry eine private englische Schule übernahmen. Elisabeth und Heinrich Paul, sie Jüdin, er Protestant, waren 1935 bzw. 1936 aus Deutschland emigriert und hatten die St. Mary’s School erworben.Oder auch nur miterworben: Es ist bislang nicht klar, was die erwähnte Kooperation mit Ena Curry tatsächlich bedeutet hat. Beide stammen sie aus Darmstadt, ihre Elternhäuser befanden sich nur ca. 350 Meter voneinander entfernt im gleichen Stadtviertel, dem gründerzeitlich geprägten Johannesviertel. Laut den Darmstädter Melderegisterdaten und den Unterlagen im Archiv der Frankfurter Universität haben beide 1922 mindestens ein Semester lang in Frankfurt Neuere Philologie studiert. Spätestens seit dem Ende der 1920er Jahre dürfte dann aber eine enge Freundschaft zwischen den beiden bestanden haben, die sie zunächst nach Berlin und dann gemeinsam in die Emigration nach England geführt hat.
Elisabeth Paul, geborene Selver Elisabeth Pauls Leben vor ihrer Emigration ist weitgehend erforscht:
Aus der Vorgeschichte ergibt sich, dass Elisabeth Selver im Anschluss an ihre Promotion für etwa zwei Jahre an der Bergschule Hochwaldhausen und am Paedagogium in Darmstadt unterrichtet hat und von 1932 an an der Privaten Waldschule Kaliski (PriWaKi). Sie war promovierte Literaturwissenschaftlerin, verfügte aber über keine dezidierte Lehrerausbildung – im Gegensatz zu ihrem Lebenspartner und Ehemann, der als Studienassessor in Deutschland die Befähigung zum höheren Schuldienst an Gymnasien erworben hatte. Soweit man das aus den vielen Schülererinnerungen herauslesen kannST. MARY'S: THE TOWN & COUNTRY SCHOOL, war sie an der St. Mary’s School über die gesamten Jahre hinweg die dominante Person, die das schulische Geschehen bestimmte. Beispielhaft für diese Schülererinnerungen ist die von Ernie Weiss (der bereits 1937 an die St. Mary’s School kam und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an die Beltane School wechselte): „Die Schule war im Besitz und wurde geführt von Elisabeth Paul, die meiste Zeit unterstützt von ihrem Ehemann Heinz Paul.“Ernie Weiss – one of the Pauls' school's first pupils An anderer Stelle präzisiert er diese erste Einschätzung: „Elisabeth Paul war eine große, lebendige Frau, die unternehmend, imponierend und durchsetzungsfähig war. Unter ihrem übermächtigen Macho-Image fühlte ich, dass es etwas Wärme und Empathie gab, die sie die meiste Zeit verborgen hielt. Sie war Sprachwissenschaftlerin und sprach fließend Englisch, Französisch und Deutsch. Heinz Paul (wir nannten ihn ‚Higgy‘ – warum, ist mir entfallen) unterstützte seine Frau vor allem hinter den Kulissen, und vielleicht war das eine Meisterleistung. Ich erinnere mich nicht, dass er tatsächlich unterrichtet hätte, möglicherweise war er nicht qualifiziert dafür. Er stellte sich weitgehend als allgemeines Faktotum dar.“ Und über die Zeit einige Jahre später, während des Krieges, als Heinrich Paul eine Funktion im örtlichen Zivilschutz übernommen hatte, erinnert sich Weiss: „Wir alle wussten, dass Frau Paul die Hauptrolle in ihrer Partnerschaft spielte und sie tatsächlich die Schule leitete; wir fühlten, dass sie sehr glücklich war, ihn mit einigen wichtigen gemeinnützigen Diensten beschäftigt zu sehen.“
Ernie Weiss erinnert sich weiter: Das Ehepaar Paul war kinderlos, aber: „Die Pauls waren Pflegeeltern oder Vormünder für einen jungen Erwachsenen von unterdurchschnittlicher Intelligenz, Michael. Er war ein großer starker Kerl und doch sehr freundlich. Seine einzige Leidenschaft im Leben war die Kino-Orgel, die er die meiste Zeit zu spielen vorgab. Es war ihm verboten, die Klaviere zu benutzen, da er zu plump damit umging, aber er summte und hämmerte, wo immer er konnte, meistens an der sonderlichen Fensterbank, mit großem Eifer und Energie – aber ohne Finesse.“
Zum familiären Umfeld zählte auch Elisabeth Pauls Mutter, Amalie Selver (* 27. August 1867 in Nürnberg – † 17. Mai 1948 in Rugby)Dort befand sich damals in Stanford Hall die Land-Depencance der Schule (siehe unten). Der Darmstädter Rabbinerwitwe war es im Jahre 1938 ebenfalls gelungen, das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen und in England eine neue Heimat zu finden. Ihre Ausreise muss zwischen März und Oktober 1938 erfolgt sein, wie es sich aus dem Schriftwechsel zwischen dem Verwalter des unter staatliche Bevormundung stehenden Vermögens von Amalie und Elisabeth Selver ergibt. Dieser Verwalter teilte der „Devisenstelle beim Oberfinanzpräsidenten Berlin“ am 3. Oktober 1938 mit, „dass auch die Mutter devisenrechtlich Ausländerin geworden ist, weil sie ihren Wohnsitz ebenfalls nach England verlegt hat, bzw. von einer Besuchsreise nach England zu ihrer Tochter nicht wieder zurückkehren wird.“Brandenburgisches Landeshauptarchiv (blha), Potsdam, Akten zur angeordneten Vermögensverwaltung und Enteignung von Elisabeth Selver, Bestand Rep. 36 A – G 3097
Trotz ihres Alters unterstützte Amalie Selver noch den Schulbetrieb ihrer Tochter, wie sich Priscilla Wilder, eine frühe Schülerin im Oktober 2003 erinnerte: „Da gab es Madame Selva oder war es Silva? Eine zierliche aber kraftvolle Frau und Elisabeth Pauls Mutter. Sie trug ein Gürtelgehänge (chatelaine), und viele Schlüssel baumelten von ihrer Taille. Sie war die Herrin über die Lebensmittel und verfügte über die Schlüssel zum Lagerraum. Sie lernte nie mehr als ein paar englische Wörter, was uns zwang, Deutsch mit ihr zu sprechen. Sie kommunizierte mit Harry (dem Koch und ehemaligen Pferdepfleger und Reitknecht) über Gesten und einzelne ausdrucksstarke Worte, entweder deutschen oder englischen.“
In den Erinnerungen der Schülerinnen und Schüler, die sich auf alle Phasen der Schulentwicklung zwischen der Vorkriegszeit und den späten 1970er Jahren erstrecken, spielt Elisabeth Paul eine deutlich größere Rolle als ihr Mann. Priscilla Wilder erinnert sich: „Elisabeth Paul, unsere Direktorin hatte einen enormen Einfluss auf mich. Meine Liebe zur Sprache und eine gewisse Lebensfreude erfüllte mich mit der Sehnsucht, Teil dieses europäischen Erbes zu sein, das so von Kultur, persönlicher Kultiviertheit und Vornehmheit geprägt war. Elisabeth gab mir mein erstes Paar hochhackiger Schuhe, die ich trug, als ich meine Examen an der Malvern School für Mädchen ablegte. Sie wurden mir weggenommen, sobald ich zurückkam, und ich sah sie nie wieder. Als Lehrerin und Freundin, ermutigte mich Elisabeth immer wieder, und wann immer ich nach England zurückging, ging ich zu ihr in das Chiltern-Hills-Altersheim. Sie war eine sehr helle und leidenschaftliche Frau, die ihre Lieblinge bevorzugte, aber ich war glücklich, eine von ihnen zu sein.“
Natalie Muzlish, geborene Besser, die von 1953 bis 1961 die St. Mary’s School besuchte, erinnerte sich dagegen 2002 weniger begeistert: „Frau Paul war Linguistin und sprach fließend Französisch und Deutsch. Sie war eine furchteinflößende (forbidding) Person, die alle zu überragen schien. Sie glaubte immer daran, im Einverständnis mit den Eltern zu handeln bei den bei jeder Gelegenheit – und unter Umständen zum Schaden des Kindes – erfolgenden Bestrafungen und Disziplinierungen der Schüler. Nach über 40 Jahren seit dem Verlassen der Schule im Jahre 1961 kann ich jetzt zurückblicken und das größere Bild sehen.“
Max Weiner, um 1967 herum Schüler der St. Mary’s School, meint sogar: „Ich erinnere mich an Frau Paul, und ja, sie war exzentrisch in ihrem Verhalten, ungeachtet dessen, dass sie sehr elegant war, eine deutsche Lady Bracknell, so denke ich an sie. Herr Paul schwebte immer über allem.“Early History Lady Bracknell ist eine Figur aus Oscar Wildes Stück The Importance of Being Earnest. In einer Analyse des Stücks heißt es über sie: „Lady Bracknell ist in erster Linie ein Symbol des viktorianischen Ernstes und des Unglücks, das er hervorgebracht hat. Sie ist mächtig, arrogant, rücksichtslos bis extrem, konservativ und ordentlich. In vieler Hinsicht repräsentiert sie Wildes negative Meinung über die viktorianische Oberschicht, deren konservative und repressive Werte und Macht.“Character Analysis Lady Augusta Bracknell: „Lady Bracknell is first and foremost a symbol of Victorian earnestness and the unhappiness it brings as a result. She is powerful, arrogant, ruthless to the extreme, conservative, and proper. In many ways, she represents Wilde's opinion of Victorian upper-class negativity, conservative and repressive values, and power.“