mini|Komtureigebäude von Süden Die Kommende Ober-Flörsheim war die südlichste Niederlassung der Ballei Hessen des Deutschen Ordens und lag in dem Dorf Ober-Flörsheim im heutigen Rheinland-Pfalz.

Geschichte mini|hochkant|Schaffnerei von Norden mini|hochkant|Die Durchgangsstraße der Kommende von Süden. Rechts das Komturei-, links das Schaffnereigebäude. Zwischen beiden befand sich der dorfseitige Eingang zur Kommende. mini|hochkant|Mittelalterlicher Torturm (südlicher Ein- bzw. Ausgang der Kommende) In der Pfalz besaß der Deutsche Orden schon seit den zwanziger Jahren des 13. Jahrhunderts umfangreichen Besitz, vor allem an Weinbergen.Arthur Wyss: Urkundenbuch der Deutschordens-Ballei Hessen. Band 1–3. Leipzig 1879–1899. Band 1, Nr. 12 vom 30. November 1221. 1237 verkaufte das Kloster Hugshofen im Elsass seinen nordwestlich von Worms gelegenen Fernbesitz in dem Ort Ober-Flörsheim an die Deutschordensballei Hessen zu Marburg. Die Scheffnerei gehörte zu den frühesten Niederlassungen der Ballei Marburg.Ursula Braasch-Schwersmann: Das Deutschordenshaus Marburg. Wirtschaft und Verwaltung einer spätmittelalterlichen Grundherrschaft (= Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte. Band 11). Marburg 1989, S. 15 f.

In Ober-Flörsheim handelte sich zunächst um einen Pfarrhof mit Kirchsatz und einen Fronhof mit Ländereien, welche für 850 Mark Silber den Eigentümer wechselten. Im gleichen Jahr erwarb der Orden auch weiteren Besitz und die Vogtei des Ortes vom Grafen Eberhard IV. von Eberstein. Rasch entstand aus dem Neuerwerb eine durch Tore und Mauern abgegrenzte Kommende des Deutschen Ordens, ein Kloster mit Verwaltungssitz und landwirtschaftlichem Gut. 1302 hatte man zusätzlich örtliche Liegenschaften der Templer gekauft.Ober-Flörsheim im Webportal Regionalgeschichte Von 1280 bis 1506 übte die Deutschordensgemeinschaft die Herrschaft und die Gerichtsbarkeit über den ganzen Ort aus. Ab 1506 bis zum Ende der Feudalzeit gingen jene Besitzrechte an die Kurpfalz über, die Ordensniederlassung existierte jedoch unabhängig davon weiter. In einer Weinanbauregion liegend hatte sie für den Deutschen Orden in dieser Hinsicht große wirtschaftliche Bedeutung. An ihrer Spitze stand der Komtur, unterstützt von mehreren Ritter-, Priester- und Laienbrüdern.

Helferich von DraheSiehe hierzu und im Folgenden: Ursula Braasch-Schwersmann: Das Deutschordenshaus Marburg. Wirtschaft und Verwaltung einer spätmittelalterlichen Grundherrschaft (= Untersuchungen und Materialien zur Verfassungs- und Landesgeschichte. Band 11). Marburg 1989, S. 270 f. übernahm am 5. März 1439 die Scheffnerei der Deutschordenskommende Ober-Flörsheim. Das Amt gab er am 21. Juli 1442 wieder ab und wurde einen Monat später Komtur und das Amt des Trapirs im Kloster Schiffenberg. Solche häufigen Wechsel waren im Orden gewünscht.

Im Dreißigjährigen Krieg erlitt die Niederlassung mehrfach erheblichen Schaden, ebenso im Pfälzischen Erbfolgekrieg; 1631 wurde sie von schwedischen Truppen ausgeplündert.

Mit dem Kirchsatz hatte die Ordensgemeinschaft auch die Aufgabe zur Unterhaltung der nahen Pfarrkirche St. Peter und Paul, des Pfarrhauses sowie der Besoldung von Pfarrer und Glöckner. Selbst nach Einführung der Reformation durch die Kurpfalz blieben diese Pflichten beim katholischen Deutschen Orden. Ab 1564 war die Pfarrkirche reformiert, ab 1698 simultan, und in der Pfälzischen Kirchenteilung von 1705 sprach man sie erneut den Reformierten zu. Dagegen legte der Deutsche Orden Protest ein und war nach langjährigem Rechtsstreit erfolgreich. In dieser Zeit wurde das Gotteshaus jedoch baufällig. Der Orden ließ es daher 1776 bis 1783 neu erbauen. Es ist die bis heute existierende katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul, die allerdings erst 1930 den jetzigen Glockenturm erhielt. Laut Johann Goswin Widder in seiner Beschreibung der Kurpfalz waren in Ober-Flörsheim drei Deutschordenspriester als Seelsorger tätig. In der Zeit als den Katholiken die Nutzung der Pfarrkirche verwehrt war, seien die Gottesdienste in der Kommendenkapelle, im Erdgeschoss der Schaffnerei abgehalten worden.

1700–1701 hatte der spätere Speyerer Fürstbischof und Kardinal Damian Hugo Philipp von Schönborn-Buchheim kurzzeitig das Komtursamt von Ober-Flörsheim inne. Ende des 18. Jahrhunderts besaß die Kommende mit 1482 Morgen Land die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Ortsgemarkung, weitere Besitzungen lagen in der Umgebung.

Von 1770 bis zur Besetzung der Region durch die französischen Revolutionstruppen 1797 wirkte Heinrich Wilhelm Julius Alefeld als letzter Repräsentant des Deutschen Ordens in Ober-Flörsheim. Trotz seines lutherischen Bekenntnisses amtierte er als Verwalter der Kommende und wohnte in dem nunmehr schlossartigen, barocken Komtureigebäude. Er war der Sohn des Philosophen Johann Ludwig Alefeld und ein Bruder des Mediziners Georg Ludwig Alefeld. Bei dem Verwalter lebten unter anderem seine verwitwete Schwiegermutter Amalia Charlotte Philippina von Avemann geb. Clotz (1716–1793) und deren ledige, blinde Schwester Sophia Christina Marianna Clotz (1718–1789). Beide starben in Ober-Flörsheim und wurden auf dem dortigen Friedhof bestattet. Ihre beschädigten Grabsteine stehen heute restauriert im Außenbereich der evangelischen Pfarrkirche. Ein Sohn des Ober-Flörsheimer Verwalters und seiner Gattin war der dort geborene spätere General Georg Ludwig Nikolaus Alefeld (1789–1856). 1775–1779 bekleidete General Maximilian Wilhelm Siegmund von Stetten die Würde des hiesigen Komturs, 1779–1794 sein Nachfolger Heinrich Moritz von Berlepsch. Letzterer war von 1795 bis 1809 der letzte Landkomtur der Deutschordensballei Thüringen und ein Neffe des kursächsischen Premierministers Heinrich Graf von Brühl.J. G. L. Anderson: Geschichte der Deutschen Ordens-Commende Griefstedt, Erfurt 1867, Seite 324 (Digitalisat).

Im Ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich gehörte Ober-Flörsheim zum Kampfgebiet. Vom 16. Januar bis zum 10. Mai 1794 bewohnte der spätere Feldmarschall und damalige Oberst Gebhard Leberecht von Blücher als Kommandant seiner „Roten Husaren“ das Komtureigebäude, woran eine dort angebrachte Tafel erinnert.

Nachdem die Gebiete des linken Rheinufers ab 1797 dauerhaft an Frankreich gefallen waren, beschlagnahmte die neue Regierung den gesamten Besitz der Deutschordenskommende Ober-Flörsheim, und die Liegenschaften wurden 1806 an Privatbesitzer veräußert.

Durch die hier ansässigen Deutschherren war das Dorf bis ins 19. Jahrhundert unter dem Namen „Herren-Flörsheim“ bekannt.Henning Kaufmann: Rheinhessische Ortsnamen: die Städte, Dörfer, Wüstungen, Gewässer und Berge der ehemaligen Provinz Rheinhessen und die sprachgeschichtliche Deutung ihrer Namen. 1976, S. 255 (Ausschnittscan).

Baubestand mini|links|240px|Plan der Deutschordenskommende Ober-Flörsheim. Markanteste erhaltene Gebäude sind die Komturei (2), die Schaffnerei (3) und der Torturm (9) Das Gelände der ehemaligen Kommende liegt in der Südostecke der jetzigen Gemeinde Ober-Flörsheim und grenzt mit der Komturei und der früheren Schaffnerei an die Hauptstraße. Beide Kirchen des Ortes liegen ebenfalls an der Hauptstraße, westlich davon. Die katholische Pfarrkirche wurde von der Kommende betreut und auch in ihrem jetzigen Bestand neu errichtet.

Das repräsentative, schlossartige Komtureigebäude dient heute als Bürgerhaus und Heimatmuseum. Es wurde in der Mitte des 18. Jahrhunderts als zweistöckiger Putzbau mit Mansarddach erbaut und weist Ecklisenen sowie geohrte Tür- bzw. Fensterrahmen aus Sandstein auf. Die gegenüberliegende Schaffnerei ist zwar mehrfach verändert worden, stammt im Kern aber aus der Zeit um 1600. Das dreistöckige, schmucklose Haus trägt ein Walmdach. In seinem Erdgeschoss zum Komtureigebäude hin, wo nun eine Garageneinfahrt sitzt, war ehedem die Ordenskapelle eingerichtet.

Zwischen Komturei und Schaffnerei befand sich ein (nicht mehr existenter) Torbogen als dorfseitiger Nordeingang in den Kommendenbezirk. Von dort führte die heutige Straße „Kommenturei“ in Richtung Süden durch die Ordensniederlassung. An ihrem Südende befand sich zum Ortsausgang hin eine Wehrmauer mit einem markanten mittelalterlichen Torturm. Sowohl dieser Turm als auch Teile der Mauer sind erhalten. Die Durchfahrt des Turmes ist tonnengewölbt, die Tore leicht spitzbogig. Die Mauer weist im Ostbereich zugesetzte Schießscharten auf.

Die Gebäude der Deutschordenskommende blieben in Ober-Flörsheim bis heute ortsbildprägend.

Galerie

Literatur Michael Huyer, Dieter Krienke: Kreis Alzey-Worms: Verbandsgemeinde Alzey-Land (= Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 20,1). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2013, ISBN 978-3-88462-327-5, S. 307–308. Marian Tumler: Der Deutsche Orden im Werden, Wachsen und Wirken bis 1400 mit einem Abriss der Geschichte des Ordens von 1400 bis zur neuesten Zeit. 1955, S. 143; (Ausschnittscan) Johann Goswin Widder: Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz am Rheine, Band 3, 1787, S. 149–151; (Digitalansicht)

Weblinks Webseite zur Geschichte des Dorfes und der Kommende Ober-Flörsheim Historische Webseite zur Kommende Oberflörsheim mit Liste der Komture Webseite zu den Grabsteinen der Damen Avemann und Clotz, Verwandte des letzten Kommendenverwalters

Einzelnachweise

Kategorie:Kommende des Deutschen Ordens Kategorie:Bauensemble in Rheinland-Pfalz Kategorie:Kulturdenkmal in Ober-Flörsheim Kategorie:Denkmalzone (Rheinland-Pfalz)