Die Jüdische Gemeinde in Ústí nad Labem (deutsch Aussig), einer Stadt im Norden Böhmens in Tschechien, entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts und wurde durch den Holocaust ausgelöscht.
Geschichte mini|Synagoge in Aussig, erbaut 1880 Die Königliche Stadt Aussig hatte lange das Privileg, in ihren Mauern keine Juden dulden zu müssen. Erst kurz vor 1850 konnten sich jüdische Familien in Aussig dauerhaft niederlassen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl jüdischer Bewohner sehr schnell zu. Aus dem im Jahr 1863 gegründeten jüdischen Kultusverein ging wenige Jahre später die Israelitische Kultusgemeinde Aussig hervor.
Nach antisemitischer Hetze in der Mitte der 1930er Jahre wanderten einige wohlhabende Juden aus. Im Sommer 1938 brachten sich z. B. die Industriellenfamilien Petschek und Weinmann im Ausland in Sicherheit.
Zeit des Nationalsozialismus Noch vor dem Münchner Abkommen und dem Einmarsch des Deutschen Reichs ins Sudetenland im Oktober 1938 zerschlugen Nationalsozialisten die Auslagen jüdischer Geschäfte. Während der Novemberpogrome 1938 wurden die jüdischen Bürger verhaftet. Die Synagoge überstand zwar die Novemberpogrome, wurde jedoch am 31. Dezember 1938 „von der Bevölkerung spontan“ beschädigt. Im Juli 1939 wurde in Aussig die Bezirksstelle 10 für das Sudetenland der gesetzlich angeordneten Reichsvereinigung der Juden in Deutschland eingerichtet, deren Vertrauensmann im Regierungsbezirk Aussig wurde Arnold Glässner.Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945. München : Oldenbourg, 2006, ISBN 978-3-486-57980-2, S. 486
Ende 1941/Anfang 1942 wurden die älteren und arbeitsunfähigen Aussiger Juden in das baufällige Schloss Schönwald, das im Besitz der Stadt Aussig war, zwangsweise umgesiedelt.Jörg Osterloh: Nationalsozialistische Judenverfolgung im Reichsgau Sudetenland 1938–1945. München : Oldenbourg, 2006, ISBN 978-3-486-57980-2, S. 493–495 Von hier aus erfolgte die Deportation ins Ghetto Theresienstadt oder direkt in die Vernichtungslager im besetzten Polen.
Von den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Aussig überlebten nur etwa 200 die Verfolgung in der Emigration. Nach Kriegsende kehrten nur drei jüdische Familien nach Ústí nad Labem zurück.
Seit 1945
Im Jahr 2000 hatte die unabhängige jüdische Gemeinde in Ústí 50 Mitglieder, von denen nur 17 in Ústí nad Labem lebten. Mitte 2005 war die Anzahl der Personen auf 38 geschrumpft.
Gemeindeentwicklung Jahr Juden 1872 37 Personen 1880 295 Personen 1890 479 Personen 1800 840 Personen 1910 984 Personen 1921 976 Personen 1930 985 Personen 1939 955 Personen 1942 ca. 200 Personen 1951 ca. 50 Personen 2004 ca. 40 Personen
Rabbiner 1909 bis 1919: Arthur Rosenzweig (1883–1936), im Ersten Weltkrieg war er Feldrabbiner Ab 1. September 1921: J. Stößler (siehe auch unter Literatur) mini|Trauerhalle auf dem neuen jüdischen Friedhof
Vereinigungen Chewra Kadischa, die Beerdigungsgesellschaft wurde 1872 gegründet Frauenverein, gegründet 1878 Tempelchorverein (Synagogenchor), gegründet 1901 Volksverein Theodor Herzl, gegründet 1911 Makkabi Turn- und Sportverein, gegründet 1919 Wanderbund Blauweiß, Ortsgruppe der WIZO
Siehe auch Synagoge (Ústí nad Labem) Alter jüdischer Friedhof (Aussig) Neuer jüdischer Friedhof (Aussig)
Literatur Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Band 1: Aach – Groß-Bieberau. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-08077-2 (Online-Ausgabe). J. Stößler: Geschichte der Juden in Aussig a.d.E.. In: Hugo Gold, Die Juden und Judengemeinden Böhmens in Vergangenheit und Gegenwart, Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn-Prag 1934, S. 19–22 (Online).
Weblinks
Einzelnachweise
Usti nad Labem Gemeinde Kategorie:Organisation (Ústí nad Labem)