mini|Martin Luther (Lucas Cranach der Ältere, 1529) Das Verhältnis Martin Luthers zu den Türken findet sich in einigen Schriften, Reden und Vergleichen dargestellt. Luther wies häufiger auf die Türken und den Koran hin, um die Unterschiede zwischen Christentum und Islam zu verdeutlichen, aber auch um die Bedrohung durch die Türken zu erklären. Gemeint hat er das Volk im Osmanischen Reich (1299–1922), welches im täglichen Sprachgebrauch als „Türken“ bezeichnet wurde, und verknüpfte untrennbar den Koran mit den Türken und umgekehrt. Dieses unterstrich er, wenn er sagte: „Die Türken kennen die Bibel, aber bleiben ihr völlig fremd“.Roland Bainton: Martin Luther. Rebell für den Glauben. Wilhelm Heyne Verlag, München, 1983, Seite 268 Er plädierte für den ungehinderten Zugang zum Koran und forderte, dass sich jeder Gelehrte ein Bild von dieser fremden Religion und Kultur machen solle.Juden und Türken – der alte Luther und seine dunklen Seiten. In: Peter Kuhlmann: Martin Luther. Leben – Werke – Wirken, Regionalia Verlag, Rheinbach, 2016, Seite 108/109 Zwischen 1526 und 1541 bedrohten die Osmanen Westeuropa und trotzdem hatte Luther eine differenzierte Haltung gegenüber den Türken. Er lehnte einen Kreuzzug ab und blieb bei seiner Überzeugung, „dass die Türken nicht wegen ihres Glaubens angegriffen werden sollten“.Hasstiraden. In: Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Die Biographie. Seite 492 Seiner Meinung nach sollten die Christen sich um ihr eigenes Leben kümmern und eher den Papst bekämpfen, als die Türken anzugreifen. Bereits seit den 1520er Jahren hatte sich Luther zur Türkengefahr geäußert und obwohl er keinen Kontakt mit Muslimen hatte, besaß er gute Kenntnisse über den Islam. Er sah den Islam aber nicht nur aus einem negativen Blickwinkel, er hob auch die positiven Eigenschaften hervor, zu denen er „Treue, Freundlichkeit und Ehrlichkeit“Peter Kuhlmann: Martin Luther. Leben – Werke – Wirken, Regionalia Verlag, Rheinbach, 2016, Seite 111 zählte. Es war ein Schock für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, als im Herbst 1529 türkische Streitkräfte vor Wien standen. Das Vorrücken der Türken nahm Martin Luther zum Anlass, drei sogenannte Türkenschriften zu verfassen: Vom Kriege wider die Türken (1528, WA 30,2; 107–148), Heerpredigt wider die Türken (1530, WA 30,2; 160–197) und Vermahnung zum Gebet wider den Türken (1541, WA 51, 585–625). Er reagierte damit auf eine mögliche Bedrohung des Abendlandes, verstand den Türkenangriff als Strafe Gottes und forderte zur kriegerischen Gegenwehr, nicht zum Angriff, auf.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Sultan Süleyman I. versuchte als erster osmanischer Herrscher, Wien zu erobern. Unter ihm erreichte das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung. Seit längerer Zeit waren die Osmanen die vorherrschende Macht im östlichen Mittelmeer. 1520 dehnte es seinen Einflussbereich auch auf den westlichen Teil aus, wo es Venedig verdrängte. 1521 eroberten sie Belgrad und ein großer Teil des Adels und der Bauern in Serbien, Bosnien und der Herzegowina hatten sich den neuen Herrschern gebeugt und waren nun zum Islam übergetreten. Ungarn wurde 1526 erobert und machte 1529 den Weg nach Wien frei. Die Belagerung mussten die Osmanen unverrichteter Dinge abbrechen und zogen sich zurück. 1532 begann Süleyman einen zweiten Versuch Wien zu erobern. Die Truppen wurden zurückgeworfen und bei der Schlacht im Fahrawald vernichtend geschlagen.1529 „Osmanen versuchen Wien zu erobern“. In: Chronik der Menschheit, Hrsg.: Bodo Harenberg, Harenberg Verlag und Mediengesellschaft, Dortmund, 1988, Seite 410

Gegen Papsttum und Türken In einem gewissen Umfang wurde Luther zum Nutznießer dieser Bedrohung. Kaiser Karl V. (1500–1558) musste alle seine Kräfte bündeln und sich auf die Gegenwehr konzentrieren. Da er auch die Stände und Fürsten einbeziehen musste, zeigte sich der Kaiser gegenüber den aufkommenden Religionsfragen kompromissbereitPeter Kuhlmann: Martin Luther. Leben-Werk-Wirken. Seite 109. und nahm auf konfessionelle Zugehörigkeit keine Rücksicht. Die Reformation und Luther konnten so von der Gefahr der Türken profitieren.Peter Kuhlmann: Martin Luther. Leben-Werk-Wirken. Seite 110. Die osmanische Bedrohung verbreitete nicht nur bei Martin Luther Angst und Schrecken, sie sorgte insgesamt für eine Zukunftsangst des Abendlandes. Luther verurteilte die Expansionskriege der Türken als eine weltliche Herrschaft des Islam und sagte gleichzeitig, dass die Türken Diener des Teufels seien. Den regierenden Kaiser forderte er auf für „Sicherheit, Ruhe und Stabilität zu sorgen“ und gegen die Bedrohung einzuschreiten. Später verschoben sich die Aspekte. Luther meinte nun zwei Mächte erkannt zu haben, die gegen das Christentum vorgehen, nämlich das Papsttum und die „Türken“; und die Erfolge der osmanischen Heere interpretierte er als Gottesstrafe. Den Koran kannte Luther wie fast alle christlichen Zeitgenossen lange Zeit nur vom Hörensagen, erst im Februar 1542 bekam er eine Handschrift der lateinischen Koranübersetzung des Robert von Ketton zu Gesicht, die Luther jedoch als „übel verdolmetscht“ empfand.WA 53, 272/16f. Dennoch setzte er sich im folgenden Jahr für den Druck und die Veröffentlichung der Übersetzung durch Johannes Oporinus und Theodor Bibliander in Basel ein. Die Schlussfolgerung seiner Beschäftigung mit dem Islam lautete, „dass hinter den Eroberungskriegen der Osmanen nicht die Kraft Christus stehe und dass der Islam den Erlösertod Christi leugne“.Gernot Maria Mausohr: Luther und die Türken, am 9. August 2016, in: theologiestudierende.de, aufgerufen am 4. Januar 2017

Charakterisierung der Türken Luther war neugierig und zeigte sich hoch interessiert an den Riten und der Kultur der Türken. 1530 wurde das Büchlein Libellus de ritu et moribus TurcorumVorrede zu Libellus de ritu et moribus Turcorum (WA 30.2, S. 198–208, Einführung des Herausgebers und Vorwort von Martin Luther) In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe. 30. Band. Zweite Abteilung, Weimar, Hermann Böhlaus Nachfolger 1909 lutherdansk.dk veröffentlicht. Luther äußerte sich in einer Vorrede zum Charakter der Türken. Dieser Libellus war von dem Dominikaner Georg von Ungarn verfasst worden, der Sitten und Gebräuche der Türken einem christlichen Publikum näher bringen wollte. Mit seiner Vorrede wollte Luther die allgemeinen Kenntnisse über den Koran erweitern. Da er bisher nur zwei Texte über den Koran kennen gelernt hatte – dies waren die Confutatio AlkoraniConfutatio Alcorani seu legis Saracenorum. Hrsg.: Ricoldus <de Monte Crucis> Bartolomeo Picerno. Keßler, Basel ca. 1507 (Digitalisat) des Dominikaners Ricoldo da Monte di Croce aus dem Jahre 1300 und die Cribratio AlkoraniNicolaus Cusanus: Philosophische und theologische Schriften des Nikolaus von Kues, Übersetzung der Cribratio Alkorani urts99.uni-trier.de des Nikolaus von Kues – wollte er die bisherigen Betrachtungen ins rechte Licht stellen. Seine Charakterisierung ließ ihn aber nicht den Blick auf den Charakter der Deutschen verlieren. So stellte er gegenüber, dass die Deutschen im Übermaß essen und trinken, während die Türken durch Mäßigung auffallen. Weiterhin kommt er zu folgender Unterscheidungen zwischen Deutschen und Türken, nämlich, dass die ersteren luxuriöse Bekleidung lieben und die zweiten bescheiden auftreten, nicht schwören und keine extravaganten Gebäude bauten.Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Die Biographie, Seite 494 Er zeigte Verständnis für die türkischen Patriarchen… „und obwohl solche Ehe nicht eine Ehe vor Gott, sondern mehr ein Schein ist denn eine Ehe, halten sie damit ihre Frauen in einem solchen Zwang und schönen Gebärden, sodass bei ihnen nicht solcher Vorwitz, Üppigkeit, Leichtfertigkeit und anderer überflüssiger Schmuck, Kost und Pracht bei den Frauen herrscht wie bei uns“.Vorrede zu Libellus de ritu et moribus Turcorum (WA 30.2, S. 198–208, Einführung des Herausgebers und Vorwort von Martin Luther) Als negativen Bestandteil bezeichnete er, dass sich die Türken allzu schnell scheiden lassen, zur Vielweiberei neigten und „französische und sodomitische Unkeuscheit“ trieben.

Vom Kriege wider die Türken Nachdem sich das westliche Europa mit der osmanischen Großmacht auseinandersetzen musste, wurde die Veröffentlichung sogenannter „Türkischer Bücher“ forciert, mit denen die Leser über die Türken und den Islam informiert werden sollten. Luther verfasste seine erste „Türkenschrift“ 1528; sie hieß Vom Kriege wider die Türken und wurde 1529 veröffentlicht. Zu seinem ersten Traktat kann zusammenfassend festgestellt werden, dass er (…)„Seine politische Theorie der zwei Reiche und drei Stände – der säkularen Ordnung, der Geistlichkeit und des Haushalts – auf die türkische Frage anwandte.“Vom Kriege wieder die Türken (WA 30.2, S. 107–148, hier S. 127) Getreu seiner Ablehnung eines Kreuzzugs rechtfertigte er vorsichtig den Krieg mit der Begründung, die Türken stürzten die drei Stände: Sie bedrohen die säkulare Obrigkeit mit „Mord“, indem sie die Christen militärisch angriffen, sie seien „Lügner“, die die Schrift falsch auslegten, und sie achteten die „Hauszucht“ nicht, indem sie zehn oder zwanzig Frauen hätten.Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Die Biographie, Seite 492/493 Diese allgemein bekannten Vorwürfe gegen den Islam dienten Luther zur Unterstützung seiner Theorie und als Argument für einen Widerstandskrieg, der kein Glaubenskrieg werden sollte. Gleichzeitig nutzt er seine Argumente zu Angriffen auf das Papsttum und unterstellte dem Papst, „dass der Türkenkrieg bisher als Vorwand zum Kassieren von Ablassgeldern missbraucht würde“.Vom Krieg wider die Türken. In: Enzyklopädie des Islams Er sah, wie schon erwähnt, die türkische Bedrohung als Strafe Gottes und befürchtete einen Weltuntergang.

Heerpredigt wider die Türken Seine zweite Türkenschrift hieß Heerpredigt wider die Türken,Eine Heerpredigt wider den Türken (WA 30.2, S. 160–197) sie wurde 1530 veröffentlicht. Dieses Traktat war nun eine reale Aufforderung zum Krieg gegen die Türken und verband die Türkenbedrohung mit einer Gefahr, die vom Papst ausginge. Beide Mächte bezeichnet er als vorausgesagte Tyrannen, die das Ende der Welt ankündigten. Er wiederholte, dass man gegen die Türken keinen Glaubenskrieg führen solle, und verwies, trotz der türkischen Gräueltaten, auf die christliche Barmherzigkeit. Aber, so führt er weiter aus, soll im Verteidigungskampf „mit Freuden die Faust regen und getrost dreinschlagen“ werden. Den in türkische Gefangenschaft geratenen Christen riet er, die weltliche Macht zu respektieren und in Glaubensfragen nicht nachzugeben. Gleichzeitig warnte er die Christen, sie sollten sich von dem „strengen religiösen Leben der Muslime nicht zu sehr imponieren lassen. Denn das alles sei nichts als Gesetzesfrömmigkeit und Werkgerechtigkeit“. Den Soldaten empfahl er, dass sie sich vor dem Kampf gegen die Türken durch Buße und Gebet geistlich rüsten sollten.Peter Kuhlmann: Martin Luther. Leben-Werk-Wirken, Seite 111. diesem Türkenbrief griff Luther auf die Offenbarung des Johannes zurück, indem er die Türken als die „Vierte Posaune“ beschrieb und das Verhalten in der Gefangenschaft mit dem Verhalten der beiden Tiere verglich . So heißt es dann auch:

Er schürte eine gewisse Weltuntergangsstimmung, nannte den Papst Antichrist und sah ihn als den eigentlichen Hauptfeind und ursächlichen Übeltäter an. Die Türken waren aus seiner Sicht nur gesandte Geißeln, um die Christen für ihre Sünden zu bestrafen.Lyndal Roper: Luther. Der Mensch Martin Luther. Die Biographie, Seite 493

Vermahnung zum Gebet wider den Türken