Die Philosophie des 19. Jahrhunderts reicht von der Romantik und dem Idealismus als einem der Höhepunkte der deutschen Philosophie über die vor allem in Frankreich und England starke Gegenbewegung des Positivismus, den Materialismus von Marx und Feuerbach und so starke Einzeldenker wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard bis hin zum Neukantianismus, Pragmatismus und zur Lebensphilosophie. Sie zerfällt damit in so viele verschiedene Richtungen, dass sie nicht mehr mit einem übergeordneten Periodenbegriff bezeichnet und zusammengefasst werden kann. Nach einem allgemeinen Überblick werden daher die einzelnen Grundpositionen in etwa in ihrer historischen Reihenfolge jeweils gesondert abgehandelt. Die Klassifizierungen und deren Abgrenzungen sind dabei teilweise willkürlich. So werden die Anfänge der analytischen Philosophie bei Gottlob Frege dem 20. Jahrhundert zugerechnet.

Überblick Die Philosophie des 19. Jahrhunderts wird häufig als eine Philosophie nach Immanuel Kant bezeichnet. Kaum einer der ihm nachfolgenden Philosophen konnte sich der Auseinandersetzung mit dem Werk Kants entziehen. Dabei wurde zumindest in den ersten 50 Jahren grundsätzlich versucht, Kant zu verbessern, ihn zu korrigieren oder über ihn hinauszugehen. Aus heutiger Sicht kann man viele dieser Bestrebungen als eine Art Rückfall in die vorkantischen Lager bezeichnen, wenn auch die Einflüsse Kants im Allgemeinen spürbar sind. In der Nachfolge des Rationalismus stehen zum einen die Romantiker und Idealisten. Insbesondere Hegel versuchte, die Reflexionsphilosophie zu überwinden und in der Idee des Absoluten die Dialektik von Sein und Werden zu fassen. Eine erste Entgegensetzung fand der Idealismus im Historismus, der die Betrachtung der Geschichte aus dem Blickwinkel eines Systems ablehnte und stattdessen eine wissenschaftlich methodische Untersuchung des jeweils Einmaligen forderte.

Zum anderen kann man die Positivisten und Materialisten mit einer sehr starken Wissenschaftsorientierung als Nachfolger des Empirismus betrachten. Sie stützten sich dabei vor allem auf die Fortschritte der Naturwissenschaften, die häufig in einer expliziten Absetzung von der idealistischen Naturphilosophie erzielt wurden. Welche Aufgabe blieb da noch der Philosophie? Als eigenständige Denker gelten vor allem Arthur Schopenhauer, Søren Kierkegaard und Friedrich Nietzsche, die sich jeweils nicht so leicht einer allgemeinen Grundposition zuordnen lassen. Ihre denkerischen Positionen ergaben sich aus der vermeintlich fehlenden Orientierung durch die Philosophie, nachdem alle Spekulation aus ihrer Sicht an den Grenzen der Vernunft scheitern musste und sich erhebliche Umbrüche in Technik und Gesellschaft abzeichneten.

In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bilden sich mit dem Psychologismus, der geisteswissenschaftlichen Philosophie und der Lebensphilosophie neue Positionen heraus, die modernere gesellschaftliche bzw. persönlichkeitsbezogene Aspekte in den Vordergrund stellen, dabei aber zumeist eine große Distanz zu Kant aufweisen. Lediglich der ebenfalls in die zweite Hälfte des Jahrhunderts fallende Neukantianismus versuchte zum einen auf die Anforderungen der (Natur-)Wissenschaften einzugehen und zum anderen Kants Werk wieder aufzunehmen und zu popularisieren, allerdings auch nur selten ohne Fortschreibungen, Umdeutungen und „Verbesserungen“. So kann man feststellen, dass die Kant-Rezeption Ende des 20. Jahrhunderts sich viel stärker auf das Original einlässt, als dies in den hundert Jahren nach Kant geschehen ist.

Thematisch bedeutsam waren im 19. Jahrhundert auch noch die Weiterentwicklung der Hermeneutik von Schleiermacher über Droysen bis hin zu Dilthey sowie die neu entstehende Philosophie der Werte, die bei Marx und Nietzsche ihre eigene Ausprägung fand und vor allem in der Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus eine besondere Rolle erlangte. Die größte Bedeutung für die Folgezeit erlangten aus heutiger Sicht abgesehen von Marx sicherlich die Idealisten mit Hegel an der Spitze sowie Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche. Vor allem Hegel fand im Neuhegelianismus des späten 19. Jahrhunderts auch Widerhall in England, den USA und Italien. Im 19. Jahrhundert entstand geprägt von Charles S. Peirce und William James mit dem Pragmatismus auch die erste eigenständige amerikanische philosophische Strömung. Gleichsam als Gegengewicht zur positivistischen Wissenschaftsorientierung bildete sich auch angeregt von Nietzsche zum Jahrhundertwechsel die Lebensphilosophie heraus, die in Henri Bergson ihren prominentesten Vertreter hatte und sowohl im Pragmatismus von James als auch in der Existenzphilosophie ihre Anknüpfungspunkte fand. Zusammenfassend kann man die Phase der Philosophie des 19. Jahrhunderts als die Wegbereitung der Moderne bezeichnen.

Romantik mini|Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer Die Romantik ist als Gegenbewegung zur vernunftbetonten Zeit der Aufklärung zu verstehen. Bei Vernunft und Wissenschaftlichkeit kommen Gefühl, Harmoniebedürfnis und die Sehnsucht nach einer heilen Welt zu kurz. Neben einem hohen Interesse für Literatur und Musik waren Romantiker daher auch oftmals stark religiös orientiert. Prominente Vertreter in der Dichtung sind Joseph von Eichendorff, Friedrich Hölderlin oder E. T. A. Hoffmann, als Maler Caspar David Friedrich, in der Musik Robert Schumann und Franz Schubert. Der Nationalismus wuchs; es war die Zeit der Burschenschaften; das Wartburgfest wurde zum Symbol.

In der Philosophie war Johann Georg Hamann (1730–1788) eigentlich ein Zeitgenosse Kants und damit der Aufklärung, als erklärter Kritiker der Vernunftphilosophie aber ein Vorläufer der Romantik. Für ihn besitzen Gefühl und Gemüt eine eigenständige Schöpferkraft, die sich in der Sprache als eigenständiger Erkenntnisquelle und hier insbesondere in der Dichtung niederschlagen. Als Anhänger Hamanns gilt Kierkegaard (s. u.). Zunächst begeisterter Schüler Kants, dann aufgrund einer negativen Kritik erbitterter Gegner und zugleich Freund Hamanns war der Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (1744–1803), der seine philosophische Position sehr stark auf Spinoza und Leibniz aufbaute, dann aber auch wie Hamann die Sprache als Grundlage der Vernunft betonte. Das Fortschrittsgesetz der Geschichte ist bestimmt durch die Natur und ihre aufsteigende hierarchische Ordnung. Die Entwicklung der Dinge kommt aus Gott als der ewigen und unendlichen Wurzel allen Seins. Auch Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819) stand in ständigem Schriftverkehr mit Herder und hatte gute Kontakte zu Goethe. Bekannt wurde er unter anderem dadurch, dass er von Lessing nach dessen Tod behauptete, dieser habe ihm zugegeben, ein Spinozist zu sein. Spinozismus aber war für die Öffentlichkeit zu dieser Zeit gleichzusetzen mit Atheismus, wie alle Vernunftphilosophie für die religiösen Romantiker geeignet war, vom Glauben abzubringen. Für Jacobi aber begann die wahre Philosophie erst beim Gemüt und beim Glauben. Er veröffentlichte unter anderem Schriften zu Fichte und Schelling.

Friedrich Schlegel (1772–1829) gilt als Klassiker der Romantik. Seinen philosophischen Weg unterteilt er in die Phase des Suchens, des künstlerischen und philosophischen Gestaltungsdrangs, die Unterwerfung der Vernunft unter die Wahrheiten der (katholischen) Kirche und schließlich ein mystisches Eigenleben im Glauben. Auch er veröffentlicht über die Philosophie der Geschichte und der Sprache. Friedrich Schleiermacher (1768–1834) war protestantischer Theologe und Philosoph. Für ihn war Gott die absolute Einheit des Idealen und des Realen. Gott hat die Welt geschaffen, ist aber nicht in der Welt. Deshalb sind das Ideale und das Reale in der Welt Gegensätze. Die Dinge sind zwar von Gott abhängig, aber Gott greift nicht in die Welt ein. Deshalb ist jeder individuell berufen, sein eigenes Urbild zu verwirklichen. In der Ethik verband Schleiermacher Güterlehre, Tugendlehre und Pflichtenlehre. Die oberste Pflicht lautet dabei: Handle in jedem Augenblick mit der ganzen sittlichen Kraft und die ganze sittliche Aufgabe anstrebend. Schleiermacher gilt als Urvater der Hermeneutik als der Philosophie des Verstehens, die sich als eigene Methode von der naturwissenschaftlichen Methode der Erklärung abgrenzt.

Deutscher Idealismus

Der Deutsche Idealismus ist gleichsam eine Überhöhung der romantischen Ideen und wird oft noch der Periode der Romantik zugerechnet (ca. 1790–1850), wobei weder Hegel noch Fichte der Romantik zuzurechnen sind. Sie sind in ihrer philosophischen Stellung so eigenständig und exponiert, dass sie ausdrücklich einen eigenen Abschnitt in der Philosophiegeschichte haben sollten. Kennzeichnend für alle drei Philosophen ist das spekulative System, in dem das Ich, das Absolute bzw. der Geist die Grundlagen der Welt bestimmt. Das Ding an sich ist nicht wie noch bei Kant nicht erkennbar, vielmehr ist es dem Idealismus daran gelegen, diesen von Kant erstellten 'Block' vor dem absoluten Wissen verschwinden zu lassen. Erkenntnis durch Anschauung findet nicht statt. Die von Kant klar unterschiedenen Grenzen zwischen Glauben und Wissen, zwischen Sein und Sollen werden als ungelöste Fragen aufgefasst, die in einem System des Geistes überwunden werden müssen. Geist und Natur, Endliches und Unendliches, Subjekt und Objekt, Vernunft und Offenbarung sind als (rationale) Einheit zu denken und aus einem absoluten Prinzip zu begründen. Die spekulative Vernunft überschreitet hier die von Kant klar gezogenen Grenzen der Vernunft, was letztlich für die heutige Betrachtung des Idealismus bedeutet, dass dieser einen bedeutenden Platz in der Philosophiegeschichte hat, als Argument bis auf Einzelaspekte aber kaum noch Beachtung findet, also gerade als System verworfen wurde. Allerdings wirkt der Idealismus in der Naturphilosophie, in der Rechts- und Geschichtsphilosophie gerade aufgrund seines prozessorientierten Ansatzes bis in die Gegenwart und ist unverzichtbarer Bezugspunkt der Gegenwartsphilosophie.

Johann Gottlieb Fichte

mini|Johann Gottlieb Fichte Fichte (1762–1814) vertrat einen subjektiven Idealismus (ähnlich wie Descartes und Malebranche), wonach aus der Vernunft des Subjekts die Materie, der Geist und die Ideen als objektive Wirklichkeit entstehen. Die Welt außer uns sei ausschließlich Produkt unserer Vorstellungen. Für Fichte gibt es keine Natur an sich, sondern sie ist ausschließlich Objekt unserer rationalen Betrachtung. Das handelnde Ich ist Produzent eines Nicht-Ich, das Gegenstand einer wissenschaftlichen Naturerkenntnis ist. Wissenschaftslehre ist für Fichte eine andere Bezeichnung für Philosophie, in der zum Ausdruck kommt, dass diese die Lehre über das Wissen ist. Der letzte Grund der Erkenntnisgewissheit ist die Selbstgewissheit des „Ich bin Ich“. Dieses Ich ist ein tatkräftiges Ich, ist Wille und Geist, das das Nicht-Ich der Welt außer mir aktiv setzt und schließlich eine Abgrenzung zu mir und dem jeweils anderen Objekt schafft. So konstruiere der Mensch die Gegenstände und am Ende einer langen Reihe schließlich die Welt als Ganzes.