Das Chronicon Altinate, gelegentlich auch Chronicon Venetum genannt, ist eine der ältesten Geschichtsquellen Venedigs. Sie ist aber auch seit mehr als zwei Jahrhunderten eine der umstrittensten in Bezug auf die Bezeichnung, die Entstehungszeit, den Verfasser, den Zusammenhang zu zeitgenössischen Manuskripten sowie zwischen den nicht übereinstimmenden und den bisher drei kritischen Editionen zugrundeliegenden Handschriften. Die Kompilation der Textsammlung lässt sich nicht auf einen einzelnen Verfasser zurückführen.

Es handelt sich weniger um eine Chronik, wie der Name nahelegt, als vielmehr um eine Kompilation von Legenden zur Entstehung Venedigs und von Mythen wie der Abkunft der ersten Veneter von den Trojanern oder dem Angriff Pippins, des zweiten Sohnes Karls des Großen, auf die Lagune von Venedig. Hinzu kommen Listen von Bischöfen, Päpsten, Dogen und Kaisern, dazu Kirchenverzeichnisse und Geschlechterregister sowie chronikalische Notizen.

Die bedeutendsten Handschriften liegen im Vatikan, in Venedig und in Dresden, doch ist unklar, in welchem Verhältnis die drei Manuskripte zueinander und zu einer Reihe weiterer Handschriften stehen. Selbst die Frage, ob das „barbarische“ Latein der Chronik als Ausdruck des frühmittelalterlichen Niedergangs der Lateinkenntnisse zu deuten sei, oder ob diese mitunter wirre Ausdrucksweise womöglich der Vortäuschung hohen Alters und damit der Steigerung der Glaubwürdigkeit gedient haben könnte, bleibt unklar.

Das Chronicon Altinate hat deshalb eine so enorme Wirkmacht erhalten, weil die vom Staat bis 1797 streng kontrollierte Geschichtsschreibung Vieles aus ihm übernahm, ein Prozess, der spätestens mit der Chronik des Dogen Andrea Dandolo (1343–1354) einsetzte, die die Zeit bis 1280 umfasst, denn diese wurde zur Hauptquelle für die späteren Chronisten. Als Mitte des 14. Jahrhunderts die Geschichtsschreibung nicht mehr in Latein, sondern in der Volkssprache, dem Volgare, erfolgte, gelangten aus den überlieferten, aber auch aus einer verlorenen Handschrift weitere Einzelheiten aus dem Chronicon Altinate in die Historiographie Venedigs.

Name mini|Kartenausschnitt der Tabula Peutingeriana aus dem 12. Jahrhundert, im Mittelpunkt das namengebende „Altino“ am Rand der Adria Die Bezeichnung als „Chronicon Altinate“ nannte 1732 Marco Foscarini, denn er meinte, dass es einigen gefalle, den anonymen Verfasser so zu nennen, weil er sich so ausgiebig mit Altinum befasse, einer reichen und berühmten Stadt.Marco Foscarini: Della letteratura veneziana, con aggiunte inedite dedicata al principe Andrea Giovanelli, Nachdruck der Ausgabe von 1732, Venedig 1854, S. 124 (Digitalisat). Der Herausgeber von 1845, Antonio Rossi, meinte sogar, sie habe von Anfang an aus diesem Grunde so geheißen. Erstaunen erregt diese Annahme deshalb, weil der Verfasser der Chronik sich in nur wenigen Zeilen mit der Stadt befasst, und dann nur mit deren Zerstörung und dem nachfolgenden Exodus. Während Apostolo Zeno († 1750)Seine Arbeit an den ältesten Handschriften wird schon 1765 hervorgehoben: Chronicon Venetum omnium quae circum feruntur vetustissimum, et Johanni Sagornino vulgo tributum e mss. codice Apostoli Zeno v. cl. Venedig 1765, S. X. und Bernard de Montfaucon († 1741) diesen Namen vermieden, gestand ihn Henry Simonsfeld, der im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica eine Edition vornahm, nur deshalb zu, weil er im 19. Jahrhundert längst geläufig war. Nicolae Iorga fand den Namen unlogisch, der leitende Archivar des Staatsarchivs Venedig Roberto Cessi versuchte ihn durch seine „Origo civitatum Italiae“ zu ersetzen. Doch konnte sich Cessi damit nicht durchsetzen und so leben Altinate und Gradense als getrennte Chroniken fort. Für Cessi war „Chronicon Altinate“ „una ridicola mistificazione“ („eine lächerliche Mystifizierung“).Roberto Cessi (Hrsg.): Origo Civitatem Italie seu Veneticorum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. vii.

Inhalt der Chronik Den Anfang der Chronik bildet, nachdem die ersten 15 Patriarchen von „Beatus Heliodorus episcopus sedit primus“ bis hin zu „Paulus“ angeführt wurden, die legendäre Abwanderung der Bewohner von Altinum, die Gründung von Torcello, die Errichtung des Patriarchats von Grado. Diese Passage fand, so die ältere Meinung, Eingang in das Chronicon Gradense. Die nachfolgende Liste der Patriarchen wurde sukzessive bis in das 13. Jahrhundert fortgeführt, die früheren Einträge dienten Johannes Diaconus als Vorlage für seine eigene Chronik, die Istoria Veneticorum. Dann folgen die Bischöfe von Torcello und von Olivolo (heute im Osten des historischen Zentrums von Venedig), darauf ein Verzeichnis von Kirchen und Klöstern, die von venezianischen Familien gegründet worden waren.

Es folgt ein Verzeichnis derjenigen Familien, die Anfang des 9. Jahrhunderts auf den Inseln Rialto und Metamaucum ansässig waren, ein Abschnitt, der für die älteste Geschichte Venedigs von erheblicher Bedeutung ist. Eine zweite Geschichte des Patriarchats Grado bietet weitere Angaben über das private und öffentliche Leben der Bewohner. Daran schließt sich eine widersprüchliche, gelegentlich wirr genannte Erzählung über den Präfekten Longinus an, der demnach im 6. Jahrhundert lebte. Da sich eine Stelle auf Heinrich IV. bezieht, kann der Angriff Pippins auf die Lagunenorte erst zu dieser Zeit eingefügt worden sein. Dem schließt sich wiederum eine Papstliste bis Damasus II. († 1048) an, eine Liste der Dogen, dann eine der römischen Kaiser bis Theodosius I., der oströmischen ab Arkadius – wobei hier die weströmischen Kaiser, die bis in die Zeit Karls des Großen herrschten, fehlen.

Die folgende, fabelhafte Darstellung des Trojanischen Krieges wurde in der Dresdner Handschrift an den Anfang gesetzt. Mit dieser Herkunftsableitung ist die Chronik im europäischen Mittelalter etwas ganz und gar gewöhnliches, denn, wie Horst Brunner konstatierte, erschien Troja den Zeitgenossen als „Wiege der europäischen Völker“Horst Brunner (Hrsg.): Die deutsche Trojaliteratur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Materialien und Untersuchungen, Reichert, Wiesbaden 1990., oder, wie Maria Klippel feststellte, „wurde Troja als Wiege fast aller europäischen Staaten angesehen“Maria Klippel: Die Darstellung der Fränkischen Trojanersage in Geschichtsschreibung und Dichtung vom Mittelalter bis zur Renaissance in Frankreich, Beyer & Hausknecht, Bielefeld 1936, S. 2 f..

Sprache und Stil Insgesamt ist die Sprache davon geprägt, dass einfachste Grammatikregeln unbekannt zu sein scheinen. So werden die Kasusendungen völlig willkürlich gebraucht, und selbst das Genus ist verschwunden, die Verben werden falsch gebeugt, Relativpronomina werden unverständlich gebraucht. Simonsfeld nennt den Stil in seiner Edition „valde barbarum“.Henry Simonsfeld (Hrsg.): Chronicon Venetum quod vulgo dicunt Altinate, Monumenta Germaniae Historica, Scriptores XIV, Hannover 1883, S. 1–69, hier: S. 4 (Digitalisat). Gina Fasoli stellte sich angesichts dieser ‚sehr barbarischen‘ Sprache die Frage, ob diese selbst eine Funktion gehabt haben könnte. Sie nahm an, dass eine derartige „Barbarei“ womöglich einem bewussten Akt entsprungen wäre, der dem Text den Anschein von Altertümlichkeit und damit Glaubhaftigkeit verleihen sollte, denn ein derartiger Umgang mit der Sprache würde ansonsten in keinem einzigen Dokument der gesamten venezianischen Geschichte auftauchen.Gina Fasoli: I fondamenti della storiografia veneziana, in: Agostino Pertusi (Hrsg.): La Storiografia Veneziana fino al secolo XVI. Aspetti e problemi, Florenz 1970, S. 34.

Datierung und Handschriften Lange wurde angenommen, die Chronik sei bereits im 9. Jahrhundert begonnen worden, spätestens aber im 10. Jahrhundert.Max Manitius (Hrsg.): Geschichte der Lateinischen Literatur des Mittelalters, Teil II, Beck, München 1923, S. 249. Die vier Handschriften sind so unterschiedlich, wie Max Manutius meinte, dass es fast unmöglich sei, eine geschlossene Edition in Gestalt einer ursprünglichen Form bereitzustellen. In allen Handschriften finden sich größere Einschübe.

Diese vier Handschriften, von denen eine in Rom, eine in Dresden und zwei in Venedig liegen, sind der Codex Vaticanus 5273 aus dem 13. Jahrhundert, der Codex Dresdensis F. 168, ebenfalls aus dem 13. Jahrhundert, dann der Codex Venetus aus der Bibliothek des Patriarchenseminars in Venedig H V 44 (heute im Museo Civico Correr, abermals 13. Jahrhundert), daneben der Codex Venetus bibliothecae S. Marci classis Italianae XI, nr. 124 vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Frage, ob und wie die vier Handschriften in Zusammenhang stehen, hat, vor allem im Umkreis von Editionsvorhaben, die Konfusion noch verschärft. Erschwerend kam hinzu, dass die Signaturen, zuweilen sogar die Namen der Bibliotheken sich änderten.

Als älteste und damit für die Erschließung der Chronik bedeutendste Handschriften gelten die Vat. Lat. 5273, dann die F 168 und die H V 44, und zwar ausschließlich aufgrund ihres höheren Alters. Dabei nahm Henry Simonsfeld im Rahmen seiner Edition für die Monumenta Germaniae Historica an, dass die Vaticana die älteste sei, weil die Liste der byzantinischen Kaiser mit Johannes II. Komnenos endet, der von 1118 bis 1143 herrschte, eine zeitliche Grenze, die mit den Listen der Patriarchen und Bischöfe zu harmonieren schien. Roberto Cessi hingegen glaubte, dass die Handschrift einer Traditionslinie angehörte, der die Ergänzungen aus der Dresdense und der Handschrift aus dem Patriarchenseminar fehlten. Demnach sei sie die jüngste der drei Handschriften.Șerban V. Marin: Considerations regarding the Place of Chronicon Altinate in the Venetian Historical Writing, in: Revue des Études Sud-est Européennes 51 (2013) 83–103, hier: S. 86 und daselbst, Anm. 1. Ich folge hier weitgehend seiner Darstellung der modernen Deutungsversuche.

Die Dresdener Handschrift war im Besitz von Bernardo Trevisan, wo sie von Bernard de Montfaucon und Apostolo Zeno konsultiert wurde. Die Edition von 1847, die Filippo Luigi Polidori besorgte, basiert auf dieser Handschrift. Sie reicht bis zur Thronbesteigung von Heinrich I. von Hennegau, also bis 1206, andererseits fehlt die Genealogie der fränkischen Könige.

Der Patriarchencodex, also der aus der Bibliothek des Seminars, hatte zunächst die Signatur B III 10, dann H V 44, derzeit aber 951. Er gehörte Marino Sanudo di Leonardo, in dessen Bibliothek er die Nummer 2784 trug, wie einer wohl eigenhändigen Eintragung zu entnehmen ist. Im 17. und 18. Jahrhundert lag er wohl in der Bibliothek der Familie Trevisan, doch galt er Mitte des 18. Jahrhunderts als verschollen. Francesco Calbo Crotta gelangte in seinen Besitz, der ihn wiederum 1815 an Abt Sante della Valentina verlieh. 1827 übereignete Calbo Crotta den Codex an das Seminar des Patriarchen. Susy Marcon konnte belegen, dass die Handschrift zwar aus dem 13. Jahrhundert stammt, doch sind ihrer Auffassung nach drei Entstehungsphasen zu unterscheiden, nämlich im ersten und zweiten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts, dann in der vierten und fünften Dekade, schließlich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.Șerban V. Marin: Considerations regarding the Place of Chronicon Altinate in the Venetian Historical Writing, in: Revue des Études Sud-est Européennes 51 (2013) 83–103, hier: S. 87. Schon früher waren verschiedene Vorschläge unterbreitet worden, wie 1210 (Bernard de Montfaucon, Apostolo Zeno, Antonio Rossi), kurz nach 1205 (Emmanuele Antonio Cicogna) oder zwischen 1237 und 1249 (Giovanni Monticolo).