Das Frauenzentrum Westberlin war das erste Frauenzentrum in Deutschland seit der historischen Frauenbewegung.Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg gründeten 1897 in Hamburg das erste deutsche Frauenzentrum. Siehe: Ute Gerhard: Das erste Frauenzentrum in Hamburg, in: Die Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1990, ISBN 978-3-499-18377-5, S. 254–257 Es war ein räumlicher Ausgangspunkt für die neue Frauenbewegung und eines feministischen Selbstverständnisses.

Basisdemokratische Frauenzentren bildeten in den frühen 1970er Jahren die Entwicklungskerne der autonomen Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Zu bisher tabuisierten Themen wie Sexualität, Empfängnisverhütung, Abtreibung, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt und Psychiatrisierung bildeten Frauen Arbeitsgruppen und organisierten Projekt- und Berufsgruppen. Aus dem Frauenzentrum Westberlin nahmen innerhalb von fünf Jahren mehr als zwanzig Frauenprojekte ihren Anfang.

Geschichte mini|Hornstrasse 2 in Berlin-Kreuzberg (2013)

Zu Beginn der 1970er Jahre bildete sich neben der bundesweiten feministischen Protestbewegung gegen den § 218 eine neue Organisationsweise in der Frauenbewegung heraus: die kleine Frauengruppe, die den Schwerpunkt auf den persönlichen Erfahrungsaustausch legte. Diese Entwicklung brachte zentrale Institutionen der Frauenbewegung hervor, die mit dem Frauenzentrum in Berlin ihren Anfang nahmen.Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich (1968- 1976), Campus, Frankfurt 2002, ISBN 3-593-37110-3, S. 160/161

Rund 120 Frauen gründeten 1973 in Berlin-Kreuzberg das erste Frauenzentrum der zweiten Frauenbewegung in Deutschland. Die Initiatorinnen waren Frauen der Homosexuellen Aktion Westberlin. Im November 1972 kamen in West-Berlin aufgrund ihrer Anzeige im Sponti-Blatt Hundert Blumen die ersten siebzig Frauen zur Vorbereitung eines autonomen Frauenzentrums in das Sozialistische Zentrum in der Stephanstraße in Moabit, vormals Sitz der Kommune I. Sie bildeten die ersten Arbeitsgruppen und einen eingetragenen Verein, der im März 1973 das Frauenzentrum in ehemaligen Ladenräumen in der Hornstraße 2 eröffnete. Das Zentrum war als männerfreier Raum gedacht.Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 89 An der Eingangstür war das Symbol der neuen Frauenbewegung, das Venuszeichen mit einer Faust, die den Ring sprengt, angebracht.Michael Sontheimer, Peter Wensierski: Frauen, kommt her! Autonomes Frauenzentrum, Hornstraße 2, in: dies.: Berlin – Stadt der Revolte, Ch. Links Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-86153-988-9, S. 77–83 1977 zog das Frauenzentrum um in die Stresemannstraße 40, wo es noch einige Jahre bestand.

Zu den Gründerinnen gehörten u. a. Gisela Bock, Roswitha Burgard, Anke Wolf-Graaf, Barbara Kavemann, Cristina Perincioli, Cäcilia „Cillie“ Rentmeister, Renate Richter, Monika Schmid, Dagmar Schultz, Waltraut Siepert, Beatrice Stammer, Christiane Ewert. Die erste Generation im Frauenzentrum waren berufstätige Frauen (Erzieherinnen, Lehrerinnen, junge Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen, Angestellte) sowie Studentinnen, von denen viele erst nach Berufstätigkeit auf dem zweiten Bildungsweg die Uni erreicht und manche bereits eine Ehe hinter sich hatten. Viele kamen als Lesben oder wurden „Bewegungslesben“. Lesben waren nicht in der Mehrheit, doch die treibende Kraft in allen Frauenprojekten dieser Zeit.

Das Berliner Frauenzentrum war

Abgrenzung zum Sozialistischen Frauenbund Westberlin Das Frauenzentrum in Berlin-Kreuzberg entstand in expliziter Abgrenzung zum Sozialistischen Frauenbund Westberlin (SFB).Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich (1968- 1976), Campus Verlag, Frankfurt a. Main 2002, ISBN 3-593-37110-3, S. 161 Viele Initiatorinnen des Frauenzentrums hatten in linken Gruppen eine „Kapital-Schulung“ absolviert, sich in linken Parteiinitiativen und Stadtteilgruppen engagiert, manche auch Betriebsarbeit geleistet,Sigrid Fronius: AStA-Vorsitzende der Freien Universität Berlin, Mitglied im Argument-Club, Betriebsarbeit bei Robert Bosch GmbH und Siemens, Mitgründerin der Proletarischen Parteiinitiative/Proletarische Linke (PL/PI). Sibylle Plogstedt war Mitglied des Sozialistischen Deutscher Studentenbundes und später in der trotzkistischen Gruppe Internationale Marxisten (GIM) bevor sie sich dem Frauenzentrum anschlossen. Wenn sie sich nun vehement gegen den Sozialistischen Frauenbund Westberlin (SFB) oder einer Vereinnahmung durch den Kommunistischen Bund verwahrten, so weil sie deren politische Strategie und Ziele gut kannten.Anfang Juni tagte – zum Entsetzen aller „alten“ Frauenzentrumsfrauen – im Plenumsraum des Frauenzentrums in der Stresemannstr. 40 der Sozialistische Frauenbund Westberlin. Zehn zusammentelefonierte Zentrumsfrauen konnten zunächst klären, dass dies ein einmaliger Besuch war, der durch Unkenntnis der Differenzen möglich wurde. In: Courage. August 1978.

Sozialistische Frauengruppen grenzten sich ihrerseits ganz entschieden von den autonomen Feministinnen des Frauenzentrums ab. Deren Engagement sei „politisch folgenlos“, weil „absolut theorielos“, schrieb Lottemi Doormann 1979.Lottemi Doormann (Hrsg.): Keiner schiebt uns weg. Zwischenbilanz der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Beltz, Weinheim/Basel 1979, ISBN 3-407-83019-X, S. 53, 56 und 58. „Die Abkehr der radikalfeministischen Gruppen von den politischen Realitäten und ihre nahezu ausschließliche Zuwendung zur privaten, individuellen, persönlichen Sphäre – ausgerechnet in einer Zeit zugespitzter gesellschaftlicher Krise, die nicht zuletzt auf dem Rücken eines Großteils ihrer Geschlechtsgenossinnen ausgetragen wurde – das habe ich diesen Gruppen vorzuwerfen.“Lottemi Doormann (Hrsg.): Keiner schiebt uns weg. Zwischenbilanz der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. Weinheim/Basel 1979, S. 61.Ein Artikel im Spiegel Nr. 16/1979 fasste den Inhalt von Doormanns Buch zusammen. magazin.spiegel.de

Struktur Das Berliner Frauenzentrum blieb stets autonom, also ohne staatliche Finanzierung, unabhängig von Parteien oder anderen Interessengruppen und organisierte sich basisdemokratisch.zitiert nach Christina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er-Bewegung blieb. Querverlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-89656-232-6, S. 89, 90. Die Vereinsform war nötig, um gewerbliche Räume anmieten zu können, der Vorstand hatte keine Weisungsfunktion. Gemeinsame Aktionen wurden im Plenum so lange diskutiert bis Konsens hergestellt war. Das Plenum musste sich regelmäßig gegen Männer wehren, die eine Teilnahme zu erzwingen, und gegen Frauen kommunistischer Gruppen, die die schnell wachsende Frauenbewegung unter ihre Lenkung zu bringen versuchten.

Arbeitsweise Die Organisation des Frauenzentrums beruhte auf kleinen Aktions-, Diskussions- und Selbsterfahrungsgruppen.

Beim Informationsabend beantwortete eine Gruppe von Organisatorinnen die Fragen der Neulinge. Diese sollten eigene Selbsterfahrungs-Gruppen von höchstens zehn Teilnehmerinnen bilden. Angestrebt war ein kollektiver Lernprozess nach der aus der amerikanischen Frauenbewegung kommenden Methode „Consciousness-raising“ (C.R., dtsch.: Bewusstseinsbildung), der in vier Schritten in mehreren Gruppensitzungen vollzogen wurde. Das Ziel war ausgehend von den individuellen Erlebnissen und Gefühlen die Unterdrückungserfahrungen von Frauen zu analysieren.Kristina Schulz: Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich (1968- 1976), Campus Verlag, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-593-37110-3, S. 50

Anja Jovic beschrieb 1974 im Kursbuch ihre Erfahrung im Westberliner Frauenzentrum: „Was an diesem ersten Abend für mich deutlich wurde, war, dass die Frauen im Frauenzentrum sich nicht bereits eine feste Theorie erarbeitet hatten und uns diese überstülpen wollten, sondern dass sie uns ‚Neue‘ so, wie wir waren, mit unseren Erfahrungen sofort für voll nahmen.“Anja Jovic: Ich war getrennt von mir selbst … In: Lothar Binger: Verkehrsformen. Band 2: Emanzipation in der Gruppe und die „Kosten“ der Solidarität. (= Kursbuch 37). Rowohlt, Berlin 1974, S. 75.

Anders als in dogmatischen linken Gruppen der 1970er Jahre wurde ausdrücklich keine politische Linie vorgegeben. Cristina Perincioli führte die Produktivität der Diskussionen im Berliner Frauenzentrum auf „neue politische Prinzipien“ zurück, die die Frauenbewegung realisiert habe. Dazu zählte sie Unmittelbarkeit („anpacken, was unter den Nägeln brennt“), sich selbst ernst nehmen und von eigenen Probleme ausgehen sowie Autonomie gegenüber Organisationen und Gruppen.Der lange Atem der Provokation. Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik und in Frankreich (1968- 1976), Campus Verlag, Frankfurt a. Main 2002, ISBN 3-593-37110-3, S. 218, Fn1030

Themen und Arbeitsgruppen Im Zentrum der Aktivitäten standen die eigene Definitionsmacht über Körper und Sexualität und Formen der Selbsthilfe. Aktivistinnen des Frauenzentrums formulierten 1975: „Mit Selbsthilfe wollen wir nicht nur eine neue Medizin, sondern auch ein neues Frauenbewußtsein schaffen.“Zitiert von Elisabeth Zellmer in: Julia Paulus et al. (Hrsg.): Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik. Campus Verlag, 2012, ISBN 978-3-593-39742-9, S. 313

Ein Jahr nach Gründung gab es folgende Arbeitsgruppen: Selbsterfahrung, davon gab es vier Gruppen für neue hinzukommende Frauen. Selbsthilfe. Beeinflusst war die Selbsthilfegruppe vom Radikalfeminismus und der Frauengesundheitsbewegung aus den USA.Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung, S. 202 Abtreibungsberatung und Kampagnen zum §218 leisteten zwei AGs. Die Frauen organisierten auch illegale Abtreibungen in Berlin und Busfahrten zu niederländischen Abtreibungskliniken. Dreimal wöchentlich boten sachkundige Mitglieder der Gruppe „Brot und Rosen“ Sprechstunden für Schwangerschafts- und Sterilisationsberatung sowie allgemeine Gesundheitsprobleme von Frauen an. Sexualität Theorien zur Frauenbefreiung Arbeitsgruppe „Lohn für Hausarbeit“ (mit Gisela Bock und Pieke Biermann), inspiriert von Schriften der italienischen Theoretikerin Mariarosa Dalla Costa.Scharfsinn und Provokation – Kontinuität und Diskontinuität. Interview mit Gisela Bock. In: Die vielen Biographien der Käthe Schirmacher – eine virtuelle Konferenz, Universität Wien Die Arbeitsgruppe begründete eine Kampagne, der sich 1977 weitere Gruppen bundesweit anschlossen. Frauen gegen Gewalt. Die Gruppe gab die Broschüre Entwaffnet Vergewaltiger heraus, in der sie Frauen dazu aufrief, Selbstverteidigung zu lernen.Ilse Lenz: Die Neue Frauenbewegung (2010), S. 284 Es entstand ein Selbstverteidigungskurs mit 25 Zentrumsfrauen.

Beruflich orientierte Fachgruppen Hochschulgruppe: Seminare zur Situation als Studentinnen und DozentinnenChronik der neuen Frauenbewegung auf der Webseite des Frauenmediaturms, unter 23. März 1974: „An der Freien Universität Berlin beginnt das erste ‚Frauenseminar‘. Initiiert hat es die Hochschulgruppe des Frauenzentrums“. Frauenrockgruppe Flying Lesbians Mediengruppe mit Journalistinnen verschiedener Medien.Die Mitglieder: die Journalistinnen Alice Schwarzer, Lea Rosh (NDR), Sophie Behr (Der Spiegel), Johanna Schickentanz (ZDF), Christel Sudau (Süddeutsche Zeitung), Magdalena Kemper (SFB/rbb) Monika Mengel (Spandauer Volksblatt/WDR), Ricky Matheyka (Der Abend (Deutschland)), Gesine Strempel, die Filmemacherinnen Helke Sander, Cristina Perincioli und Ricky Hachfeld, die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz. Gesundheitswesen Psychotherapie, Psychiatrie Kunstgeschichte Schule/Erzieherinnen