Frauen sind Männern in Japan laut Gesetz (Artikel 14 und 24 der Verfassung des Staates Japan) gleichgestellt. Es existieren allerdings Unterschiede im sozialen Leben und der Arbeitswelt. So sind beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schwierigerBlaschke, Sonja, Japanische Wirtschaft – Wenig Chancen Für Frauen, vom 9. März 2015. Aufgerufen am 27. Januar 2017. und das durchschnittliche Einkommen von Frauen in Japan geringer als das von Männern.Felix Lill: In: Zeit Online. 26. Juli 2013, abgerufen am 10. März 2022 („In Japan machen Frauen selten Karriere. Auch deshalb stagniert die Wirtschaft“). Laut einer Studie der Weltbank fiel Japan im Jahr 2023 in der Gleichstellung der Geschlechter (gender equality) auf Platz 104 von 190 zurück. Das ist der letzte von einem OECD-Land belegte Platz.
Kulturelle Geschichte Bis zum Beginn der Muromachi-Zeit war die japanische Gesellschaft frauenzentriert. Amaterasu, die Sonnengottheit, war weiblich und man glaubte allgemein, Frauen besäßen die übernatürlichen Fähigkeiten, mit Göttern kommunizieren zu können; eine Kraft, die Männer nicht besaßen."Iwao, Sumiko. The Japanese Woman: Traditional Image and Changing Reality. New York: Free, 1993. Print."
Nicht selten fand man im 3. Jahrhundert weibliche Herrscherinnen wie die legendäre Herrscherin Himiko, und bis in das 8. Jahrhundert hinein gab es insgesamt sechs weibliche Kaiserinnen. Sowohl in der Heian-Periode als auch im frühen feudalen Zeitalter besaßen Frauen große Freiräume, arbeiteten unter den gleichen Bedingungen wie Männer, dominierten die Literatur bis in das 12. Jahrhundert hinein und besaßen das Erbrecht. „Sie konnten Eigentum besitzen, Bildung erhalten und es war ihnen erlaubt, wenn auch diskret, Liebhaber zu haben.“Reese, Lyn, Heroines: Heian Period (Women in World History Curriculum), Women in World History Curriculum, 2016. Aufgerufen am 30. Januar 2017.
Diese Frauenherrschaft wurde noch lange von den einfachen Leuten wie Bauern, Fischern oder Händlern in ländlichen Regionen, in denen damals etwa 80 % der japanischen Bevölkerung lebten, weitergeführt. Das Leben der höhergestellten Frauen hingegen, hauptsächlich in der Klasse des Adels, wurde ab dem 6. Jahrhundert zunehmend vom Konfuzianismus bestimmt, in dem das Leben der Frau an die drei Gehorsamkeitspflichten und vier Tugenden gebunden war.Taylor, Rodney Leon, and Howard Y. F. Choy. San-ts'ung Ssu-te, The Illustrated Encyclopedia of Confucianism. Vol. 2. New York: Rosen Pub. Group, 2005, S. 496. Print. Die Gehorsamkeitspflichten bestanden aus der Gehorsamkeit gegenüber dem Vater vor der Ehe, gegenüber dem Ehemann während der Ehe, und gegenüber ihrem Sohn nach dem Tod ihres Mannes, während man unter den vier Tugenden Sittsamkeit, geziemte Sprache, Fleiß und bescheidenes Auftreten verstand.
Ein Beispiel für die allmähliche Veränderung des Frauenbildes ist eine Geschichte aus dem Kojiki, in der die Hochzeit zwischen einer Prinzessin und ihrem Bruder zur Verbannung des Bruders führte, sie ihm aber folgte und sie zusammen weiterlebten. In einer zweiten Version aus dem Nihon Shoki hingegen, die durch den Konfuzianismus verändert wurde, heißt es, dass alleine die Prinzessin verbannt wurde.Pharr, Susan J., Women of Japan, Kodansha Encyclopedia of Japan. Tokyo: Kodansha, 1983. 257-61. Print. Was die politische Gesellschaft anging, wurden Frauen bis zur Edo-Periode dem Mann komplett unterwürfig,Reischauer, Edwin O. "Women." The Japanese. Cambridge, MA: Belknap, 1977. 204-12. Print. nachdem es ihnen durch die Taika-Reform im 7. Jahrhundert verboten worden war, Regierungsbeamter zu werden.
In der Edo-Periode waren Frauen fast komplett abhängig vom Mann, da sie selbst nur wenig Rechte besaßen. Sie kümmerten sich daher um den Haushalt oder arbeiteten, was die ländlichen Gegenden anging, auf Reisfeldern.
In der Meiji-Zeit, die den Beginn der Japanischen Modernisierung markierte, verbreiteten sich im Zuge der allmählichen Abschaffung der Klassenunterschiede die Normen der Samurai-Klasse in der gesamten Gesellschaft. Frauen verloren sowohl an Macht als auch an Gleichberechtigung in der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt. Die Gesellschaft wurde nach und nach von Männern dominiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Rechte der Frauen durch die Verfassung von 1947 neu definiert, die spezielles Augenmerk auf die Gleichberechtigung der Geschlechter legte.Roberts, David, and Elisabeth Roberts, Women’s Issues, Live & Work in Japan. Oxford: Vacation Work, 1999. 141-45. Print. Das Frauenwahlrecht wurde erst 1945 eingeführt.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 438
Soziale Rolle Die traditionelle Frau verkörperte lange Zeit das Bild der sogenannten ryōsai kenbo (), also der „guten Ehefrau und weisen Mutter“. Die Frauen der Vorkriegsgeneration, die um 1935 geboren wurden, akzeptierten dieses Bild, und so kümmerten sie sich um die Arbeiten im Haushalt, die Erziehung der Kinder und stärkten ihren Männern, den Brotverdienern, den Rücken. Unter diesen Standards wurden sie aufgezogen und auch damit, dass Männer als ihnen überlegen galten.
In der ersten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Frauen Zugang zu Bildung gewährt. Sie wurden unter der Prämisse aufgezogen, Gleichberechtigung sei eine Notwendigkeit. Mit der steigenden Lebenserwartung wurde den Frauen schließlich mehr Verantwortung auferlegt. Sie mussten sich nun nicht nur um ihre Kinder, sondern auch länger um ihre Männer kümmern. Trotz neuer Gesetze und der Versuche, die Gleichberechtigung durchzusetzen, war das Bild der Frau fest in der Gesellschaft verankert. Von ihnen wurde erwartet, dass sie die Rolle der traditionellen Hausfrau übernahmen. Das stimmte sie zunehmend unzufriedener, weshalb sie auch nach Aktivitäten außerhalb des eigenen Heims strebten.
In den folgenden Generationen veränderte sich das Bild der Frau ständig. Zum Beispiel wurde durch die neue Verfassung Japans, die sich an dem Rechtssystem der USA orientierte, größerer Wert auf die Gleichberechtigung der Frauen gelegt. Sie wurden mit der Zeit unabhängiger und selbstbewusster, mussten sich aber dennoch um Familie und Haushalt kümmern, sodass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig war und immer noch ist.Julia Rothhaas: Berufstätige Frauen in Japan: Im Land des Hechelns. In: Süddeutsche Zeitung. 4. Januar 2016, abgerufen am 10. März 2022 („Eine kinderlose Frau? Gilt als Verliererin“).
Heirat und Familie
Geschichte Bis zum 11. Jahrhundert war es aufgrund der um Frauen zentralisierten Gesellschaft auf allen sozialen Ebenen üblich, dass der Mann nach der Hochzeit zu der Familie der Frau zieht (, mukoirikon) oder er getrennt von ihr lebt und seine Frau nur an bestimmten Nächten besuchen durfte (, kayoikon, Besuchsehe). Auch Eheschließungen zwischen Kindern, die denselben Vater hatten, wurden meist akzeptiert, sofern die Mutter eine andere war, doch als auch die Vaterschaft immer mehr an Bedeutung gewann, wurde Inzest verboten.
alt=Japanische Mutter mit Zwillingen, 1917|mini|hochkant|Japanische Mutter mit Zwillingen, 1917 mini|Japanische Familie in den 1950ern Mit dem verstärkten Einfluss des Konfuzianismus kam schließlich der Wandel dahin, dass Frauen zu den Familien ihrer Männer ziehen mussten, wobei mehr Wert auf die Vorteile für die Familie als auf Vorteile für das junge Paar geachtet wurde, sodass immer mehr arrangierte Ehen (omiai) auftraten und sich die Ehe schließlich zu einer pragmatischen, nicht romantischen Verbindung ohne tiefere emotionale Bindungen zwischen den Partnern wurde, ein Modell, das sich bis in das 19. Jahrhundert gehalten hat, denn eine arrangierte Ehe versprach finanzielle Sicherheit.
Liebe in der Ehe wurde in den 1920er Jahren in bescheidenem Umfang wichtig. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ändert sich dies, sodass die beidseitige Zustimmung der Ehepartner als Voraussetzung einer Ehe erachtet wurde. Die Erwartungen der Frauen stiegen mit deren wachsendem Selbstbewusstsein.
Erst 1990 war es schließlich soweit, dass Hochzeiten nicht mehr zum sozialen oder finanziellen Überleben benötigt wurden, was darin resultierte, dass das Heiratsalter bei Frauen auf 25,8 Jahre im Durchschnitt stieg, wohingegen es noch zu Kriegszeiten und Nachkriegszeiten üblich war, die Kinder schon mit 2 Jahren zu verheiraten.Raymo, James M., Changing Family Life Cycle and Partnership Transition – Gender Roles and Marriage Patterns, in Schad-Seifert, Annette / Conrad, Harald / Coulmas, Florian (Hrsg.), Demographic Challenge: A Handbook About Japan, Brill Academic, 2008. S. 255–76. Print.
Gegenwart Das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen liegt bei 28,6 Jahren.Japanische Botschaft, Bevölkerung: Neues Aus Japan – Japan Und Deutschland Im Zahlenvergleich, Japanische Botschaft, Februar 2012. Aufgerufen am 25. Januar 2017. Hat man das heiratsfähige Alter überschritten, ohne zu heiraten, widmen sich viele Frauen ihren Hobbys oder der Karriere, aber dennoch gelten Frauen, die mit über 30 noch unverheiratet und kinderlos sind als Makeinu () – als „Verliererhunde.“Tokyocherie, Makeinu: A Single, Childless Woman in the 30s, Tokyocherie, 21. April 2009. Aufgerufen am 26. Januar 2017. Die Idee der Hochzeit hat zwar durch das Bild der unabhängigen, starken Frau, welches durch die Medien in den 1990er Jahren verbreitet wurde nicht mehr den Stellenwert, wie es früher einmal hatte, dennoch ist es heute noch ein großes Thema in der japanischen Gesellschaft. Wer bis 30 noch keinen Partner gefunden hat, erhält häufig von seinen Eltern Vorschläge für potentielle Schwiegersöhne.Work & Travel in Japan, Das Frauenbild in Japan, Work and Travel Japan, 3. Februar 2016. Aufgerufen am 26. Januar 2017. Ein Grund dafür ist, dass es zum Bild einer „echten Frau“Blaschke, Sonja, Heirat und Kinder in Japan: Von halben und ganzen Frauen, Zürcher Zeitung vom 19. Oktober 2016. Aufgerufen am 25. Januar 2017. gehört, Kinder zu gebären und Schwangerschaften sind fast immer mit einer Ehe verbunden. Nur etwa 2 % aller Kinder stammen aus unehelichen Verhältnissen.
Kommt kein Kind zur Welt, widmen sich viele Frauen dem Ninkatsu (), was alle Anstrengungen um das Schwangerwerden herum, wie etwa spezielle Yoga-Kurse, Seminare, das Nehmen von Medikamenten, Untersuchungen oder Fruchtbarkeitsbehandlungen beschreibt. Einige Frauen geben dafür das Arbeitsleben auf.
Wird schließlich ein Kind geboren, ist es noch immer Aufgabe der Frau dieses zu erziehen und sich um den Haushalt zu kümmern. Mit einem Job lässt sich das Familienleben oft nicht vereinbaren und so kündigen über 60 % der Frauen nach dem ersten Kind den Job, denn Betreuungsplätze sind knapp, die Wartelisten für Kindergartenplätze dementsprechend lang und Unterstützungen oder Rücksichtnahme der Arbeitgeber gibt es kaum. Auch helfen Männer selten im Haushalt oder bei der Erziehung der Kinder, da die Rolle der Frau als Hausfrau und Unterstützerin des Mannes noch immer stark verankert ist, was eine Befragung aus dem Jahre 2012 zeigt, laut der 51,6 % der befragten Japaner für die klassische Rollenverteilung sind.Blaschke, Sonja, Japans Top-Frauen Flüchten an Den Herd, Die Welt vom 27. Oktober 2013. Aufgerufen am 25. Januar 2017. Auch wird die Familie in Japan, wie in vielen anderen asiatischen Ländern auch, als sehr wichtig angesehen, weshalb auch für die Frauen ebendiese genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger als ihre anderen Aktivitäten sind.
Arbeitsleben